Pflichten der verheirateten Frau vor 100 Jahren

von Jürgen Berg, Berndorf


In einem antiquarischen Band des Verlages August Scherl GmbH, Berlin, aus dem Jahre 1918 fand ich den folgenden Text von Luise Büchner, der vieles über das damalige Verhältnis von Mann und Frau aussagt.


Pflichten der verheirateten Frau.

Die verheiratete Frau übernimmt Pflichten, von denen die unverheiratete keine Ahnung hat. Aber die erstere hat keinen Schein von Recht dazu, sich diesen zu entziehen und doch die Vorteile eines Ehebundes besitzen zu wollen.

Wer in der Ehe seine Schuldigkeit nicht tun, sich nicht dem nächsten unterziehen will, das angefordert wird, der bleibe ledig. Der Mann wird vom Gesetz angewiesen, seine Familie anständig zu erhalten; für die Frau gibt es kein solches Gesetz, aber ihre moralische Verpflichtung, das, was der Mann erwirbt, im Hause möglichst pflichtgetreu zu verwalten, ist darum nicht minder groß.

Keine Genialität, kein Talent, keine Hoheit des Geistes kann sie davon lossprechen, sie hat kein Recht dazu, sich glücklich und frei zu machen auf Kosten derer, deren Beglückung und Wohlfahrt ihr anvertraut ist. Die Frau, welche im Bewusstsein dieser erfüllten Pflicht nicht ihre höchste Befriedigung findet, darf nicht heiraten, oder sie wird sich einer großen Sünde gegen ihre Familie und die Gesellschaft schuldig machen.

Ebenso wenig können wir einer Frau das Recht zugestehen, sich durch Vernachlässigung ihrer Pflichten darüber zu trösten, dass sie in der Ehe nicht das gehoffte Glück gefunden hat. Fragt der Staat, fragt die Gesellschaft danach, ob der Mann glücklich oder unglücklich verheiratet ist? O nein, er muss darum doch seine Pflichten erfüllen. Das Nämliche gilt von der Frau, und wahrlich, keine noch so herbe Enttäuschung des Lebens kann ein Dasein ganz verwüsten, welches der Pflicht und der Arbeit geweiht ist.

Es sind nur die schwachen, unedeln Naturen unter unserem Geschlecht, welche im Leben und in den Romanen diese ewige Komödie von unverstandenen und getäuschten Herzen aufführen. Wohl sind die Täuschungen des Herzens in Wahrheit die schmerzlichsten Zugaben zum weiblichen Leben, aber sie dürfen es nicht zugrunde richten.


Quelle:

Scherls Jungmädchen-Buch, 5. Band, Herausgeber Lotte Gubalke, August Scherl GmbH, Berlin, S. 78