von Harald Billen, Wallenborn
Vor einigen Jahren, nach einem Besuch bei meinem Onkel Adolf, hatte ich die Idee, meine Erinnerungen an ihn aufzuschreiben. Das ist jetzt schon einige Zeit her. Ich habe ihn, wenn wir uns trafen, immer „gebeten", dass er doch bitte die 100 Lebensjahre voll machen solle. Er hat dann immer gelacht und gesagt: „Da gucke ma ees, ob dat klappt". Leider ist er vor kurzem mit 96 Jahren gestorben, der liebe Onkel Adolf. Gute Gedanken werden mich immer an ihn erinnern, und auch die folgenden Zeilen.
Des Öfteren war ich bei meinem Onkel Adolf in Wallenborn zu Besuch. Nach dem Tode seiner Frau lebte er dort allein. Die Gespräche mit ihm waren immer sehr schön und ich habe viel Interessantes zu allerlei Themen von ihm erfahren. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich an einen ruhigen, nie aufbrausenden Onkel, der immer offen auf andere, auch auf uns Kinder, zuging. Mein Onkel Adolf war einer von den Menschen, die sich in all der Zeit, in der ich ihn kannte, nicht wirklich verändert haben.
Am meisten beeindruckten mich an ihm seine gut gelaunte Art und seine Zufriedenheit, mit der er durchs Leben ging. Das, trotz vieler Schicksalsschläge und allem voran, seiner Zeit im Krieg. Als ganz junger Kerl musste er nach Russland an die Front. Noch in hohem Alter fiel es ihm schwer, über diese Zeit zu reden. Man hörte aus seinen Worten, wie unfassbar schwer die Erlebnisse für ihn waren und er sagte oft, er sei froh, dass er nachts nicht mehr davon träumte. Auch Filme oder Berichte über den Krieg konnte er, auch nach so langer Zeit, nur schwer ertragen. Vielleicht sind die Zufriedenheit und die Dankbarkeit, die er ausstrahlte, auch zum großen Teil der Tatsache geschuldet, dass er diesen schlimmen Krieg überlebt hatte. Selbst der tragische Tod seines Sohnes und ein im Alter von 89 Jahren erlittener Oberschenkelhalsbruch warfen ihn nicht aus der Bahn. Wie stark ein Mensch doch sein kann! Wenn man in seine Wohnküche kam, fiel sofort auf, dass neben den üblichen Dingen, die bei älteren Leuten stehen, auch ein komplett eingerichteter Computer mit Drucker stand. Auch im hohen Alter beschäftigte er sich mit aktuellen Medien. Wie sagte er: „De Mettesch hat ech dat Dangen noch on!" (Heute Mittag hatte ich das Ding noch an). Auch erzählte er, dass er einen defekten Fön nach langem Probieren repariert hatte. So war er, mein Onkel Adolf! Nichts war ihm zu lästig oder zu kompliziert. Vor allem ging er den Herausforderungen des Alltags, auch mit über neunzig, nicht aus dem Weg.
Eines Tages erhielt ich die Nachricht von meiner Cousine, dass Onkel Adolf einen Schlaganfall erlitten habe. In den ersten Tagen äußerten die Ärzte schlimmste Befürchtungen und es sah wirklich nicht gut aus. Doch nach Krankenhausaufenthalt und Reha war er wieder auf den Beinen, und vor allem im Kopf wohlauf. Er bezog danach ein Zimmer im Seniorenheim Regina Protmann in Daun, das er nur bekam, weil er vor ein paar Jahren für diesen Fall vorgesorgt hatte. Der Onkel Adolf war schon immer ein schlauer Fuchs! Natürlich habe ich ihn auch dort besucht. Sichtlich noch gezeichnet vom Schlaganfall empfing er mich und meine Frau mit gewohnter Freude, natürlich auch mit nachdenklichen Phasen. Er war sich seiner Situation bewusst, jedoch haderte er nicht, sondern er schaute immer noch nach vorne und behielt das Positive des Kommenden im Blick. Er war zufrieden mit seiner Situation, er war froh, versorgt zu sein und auch froh, in Wallenborn in Sachen Haus und Nachlass alles geregelt zu haben. Er war nach wie vor interessiert an seiner Umwelt, am Fußball, besonders dem 1. FC Kaiserslautern. Großen Wert legte er auf den täglichen Gottesdienst im Altenheim. Oft war ich beeindruckt von meinem Onkel, von seiner Art, trotz schwierigster Umstände, Probleme zu meistern.
Leider haben wir das Vorhaben, die 100 Lebensjahre zu erreichen, nicht geschafft. Macht nichts, Onkel Adolf, alles gut! Ein Wort schießt mir in den Kopf: Respekt! Respekt vor diesem langen, ereignisreichen Leben. Respekt vor meinem Onkel Adolf!