Der Weihnachtsgast

von Margret Heinzen, Feusdorf


Es war ein Tag im Dezember, ich saß im Büro umgeben vom alltäglichen Papierkrieg, der bewältigt werden musste. Gerade der Dezember ist diesbezüglich immer recht anstrengend, muss doch immer dies und das noch vor Jahresende erledigt werden. Zudem ist der Monat durch die Feiertage ja eigentlich nur drei Wochen lang. Ich saß also inmitten von Ordnern und Papieren und wollte einige Rechnungen überweisen. Seit ein paar Jahren ist unser System auf Online-Banking umgestellt, so dass das bequem von zu Hause aus geht. Ich öffnete also den Internet-Browser, auf dessen Startseite jeden Tag ein neues faszinierendes Foto von irgendwo in der Welt als Hintergrundbild erscheint. Heute sollte mein Blick in die Weiten des Grand Canyon entführt werden.

Am unteren Rand des Startbildschirms findet man immer kleine Bilder des tagesaktuellen Geschehens und wenn man mit der Maus darüberfährt, erfährt man in drei bis vier Worten worum es jeweils gerade geht. Also quasi wie bei der guten alten Tageszeitung die dicke Überschrift eines Artikels. Man weiß, wenn man die gelesen hat, ob einen der Rest interessiert oder nicht. Heute erfuhr ich auf diese Weise, quasi mit einem Auge so nebenbei: „Gerüchte um Hochzeit - hat Halle Berry heimlich geheiratet?" (wow, wie wichtig). „Bombenanschlag in Schlagmichtot" (traurig, aber leider fast schon normal) und „Scholz zum Bundeskanzler ernannt" (aha, dann hat er es ja endlich geschafft). Ich wollte schon weiter scrollen, doch der Kontext des Nachbarbilds erregte meine Aufmerksamkeit: „Einsamer Rentner sucht Platz zu Weihnachten". Bitte ...?? Was war das denn? Ich klickte auf das Bild, welches einen handgeschriebenen Zettel zeigte, wie man ihn vom schwarzen Brett im Supermarkt kennt, wo Familie XY ein Kinderhochbett und Herr Müllermeierschmitz die Winterreifen seines Autos anbietet.

„Wo findet einsamer Rentner, Witwer, im kleinen Kreis einen Platz zum Weihnachten mitfeiern? Wohnte 50 Jahre in Zehlendorf mit eigenem Haus. Jetzt Wilmersdorf." so stand auf dem Zettel zu lesen. Die Zeilen trieben mir augenblicklich die Tränen in die Augen. Ich stellte mir vor, wie einsam man sein muss, um einen solchen Zettel zu schreiben . und ihn dann auch tatsächlich aufzuhängen . Vor meinem geistigen Auge sah ich einen alten, leicht vornüber gebeugten Mann in Cordhosen mit schütterem Haar. Er sitzt in einer kleinen, mit den Möbeln einer längst vergangenen Mode, eingerichteten Küche. Keine komplette Einbauküche, nein, ein einzelner Küchenschrank mit schlichten weißen Fronten. Oben und unten drei Türen, hinter denen sich Geschirr, Gläser und sonstige Haushaltsutensilien verbergen. In halber Höhe ebenfalls auf jeder Seite eine Tür. Links verbergen sich Schütten aus Glas für Salz, Zucker, Mehl und ein paar kleinere für Gewürze. Eines der kleineren gläsernen Schößchen ist mit bunten Gummiringen gefüllt. Auf der anderen Seite hat die handkurbelbetriebene Brotmaschine ihren Platz und in der Mitte auf dem freien Platz steht der emaillierte Brotkasten auf einem selbst gehäkelten Deckchen. Seine Frau liebte das Handarbeiten an gemeinsamen Abenden nach getaner Arbeit am Fernsehen. Wie sehr ihm das Geklapper der Nadeln heute fehlt ... An der gegenüberliegenden Wand ein Elektroherd mit vier Kochplatten. Kein Ceranfeld, nein, einfache graue Kochplatten, und daneben ein einzelner Kühlschrank, der das Bild komplettiert. Der Mann sitzt auf einem der beiden Stühle an dem schlichten Küchentisch, der mit einer Wachstischtuchdecke bedeckt ist. Vor sich sein Abendessen, wie jeden Tag bestehend aus einer Scheibe Graubrot mit Marmelade und Quark und einer Scheibe Schwarzbrot mit Käse. Als seine Frau noch da war, hat sie immer auf dem anderen Stuhl gesessen und er selbst auf der kleinen Eckbank. Nun steht dort auf dem Regälchen an der Eckbank ein Bild von ihr, aufgenommen an ihrem 75. Geburtstag.

Ja, damals, als seine Frau noch da war — da war die Marmelade noch selbst gekocht und der Quark mit einem Teelöffelchen Zucker und etwas Sahne verfeinert. Heute isst er den Quark direkt aus der Packung. Sie hatte ihn auch rigoros morgens zurück ins Bad geschickt, wenn er beim Rasieren wieder einmal ein paar Stoppeln übersehen hatte. Er lächelt, wie oft hatte er sie dafür am liebsten auf den Mond gewünscht . Heute schimpft niemand mehr über eine unsaubere Rasur, ebenso wenig interessiert es jemanden, ob ein Zipfel seines Unterhemdes neugierig aus dem Hosenbund lugt. Kein tadelndes ,Hermann, wie läufst du nur wieder herum!'.

Das Haus hatten sie vor einigen Jahren aufgegeben, es war viel zu groß für sie alleine geworden, jetzt wo der Sohn im fernen Dubai lebt und arbeitet. Sie verkauften das Haus und nahmen sich eine kleine Wohnung, barrierefrei, schließlich wird man ja auch älter. Gerade als der Trubel des Umzugs vorbei war und sie ein bequemeres Leben hätten führen können, verstarb seine Frau an einem Schlaganfall. In drei Monaten hätten sie goldene Hochzeit gefeiert. Stattdessen war er von einem auf den anderen Tag allein, auseinandergerissen, regelrecht halbiert. Jeden Tag geht er seitdem zu ihrem Grab. Er hat es liebevoll bepflanzt und vor Einsamkeit zupft er noch Unkraut, wo schon gar keines mehr ist. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, redet er laut mit ihr und lässt seinen Tränen freien Lauf.

Das alles ist jetzt zwei Jahre her und schmerzt noch genau so wie am ersten Tag. Besonders schlimm ist es an Heiligabend. Wie sehr vermisst er ihren selbst gemachten Kartoffelsalat, den er selbst einfach nicht so hinbekommt und wo ein gekaufter aus dem Laden nie herankommen würde .

So oder so ähnlich könnte ich mir vorstellen, dass es dem Rentner in Berlin ergangen ist . Ich würde mir für ihn so sehr wünschen, dass er einen Platz zum Mitfeiern gefunden hat. Vielleicht eine Familie mit Kindern, die sich schon immer einen Opa gewünscht haben, der ihnen beibringt, wie man aus einem Haselnusszweig eine kleine Flöte macht ...