von Werner Schönhofen, Leutesdorf
Wer die B 421 von Daun zu den Maaren hin befährt, kommt nicht nur an den Maaren von Gillenfeld und Immerath vorbei. Auch die Talsenke von Oberwinkel ist durch den Maarvulkanismus entstanden. Hier in diesem kleinen Weiler befand sich einmal das Hofgut Oberwinkel. In den 30er Jahren lebte dort Dr. Cnyrim (August Dominik Heinrich). Von ihm stammt das Buch „Plaudereien aus Oberwinkel", erschienen im Verlag Gebr. Hofer, Saarbrücken.
Aus diesem Buch, das sicher nicht mehr allgemein zugänglich ist, möchte ich hier wiedergeben, was er über das Weinfelder Maar schreibt, dass er bei seinen zahlreichen Ausritten immer wieder aufsuchte. Der Text wurde von mir entsprechend gekürzt, Auslassungen durch ... gekennzeichnet. Das Buch erweist den Verfasser als profunden Kenner der Heimatgeschichte. Was er hier veröffentlicht, dürfte auch heute noch weitestgehend zutreffend sein. Das ganze Buch stellt in all seinen Kapiteln eine Mischung aus Biografie, Philosophie und Historie dar, ist aber auch für uns heute — teilweise wenigstens — noch von großem Interesse. Er charakterisiert sich selbst: „Ich bin Rheinländer, Katholik, ein alter Mann, Witwer, Doktor der Rechte und Notar. Damit ist mein Lebensbild scharf umrissen — weitere Eigenschaften habe ich nicht."
Auf Seite 253 finden wir ein Bild des Verfassers. Er steht neben seinem Pferd vor dem Tor des Friedhofes an der Weinfelder Kapelle. Er wendet uns den Blick zu, während das Pferd zum Friedhof hin steht. Wir erblicken in dem Verfasser einen eher hageren Mann mittlerer Statur in Stiefeln, Reithose, Jacke und mit Schirmmütze.
Von seinen Ausflügen zu Pferde in die Landschaft berichtet er uns: „An schönen Sommertagen, wenn lau die Lüfte wehn, die Wälder lustig grünen, die Gärten blühend stehn." (Uhland) Dann ist's auch in Oberwinkel gut sein. Die Pferde werden gesattelt, und es geht hinaus in die schöne Eifelland-schaft. ... Zudem läßt's sich in Oberwinkel gut reiten. Durch die weit sich hinwindenden Täler führen nur Pfade mit weichem Boden, mit Gras und Moos bewachsen, auf deren Teppich der Huf trifft. Bald geht es über Wiesen, dann durch düsteren Tannenwald und wieder inmitten hellgrüner Buchen, durch deren Blätter hindurch die Sonne goldige Flecke auf den blattbedeckten Boden zirkelt, vorbei am rauschenden Bach, dessen blinkendes Wasser mit dem Waldesgrün schönste Wirkungen hervorbringt. Nun aber wird es Zeit, die Höhe zu gewinnen. Das Pferd erklimmt den steilen Hang und ein ganz anderes Bild stellt sich dar. Soweit das Auge reicht, dehnt sich in weiter Wölbung die Fläche. Der Gebirgscharakter ist verschwunden, und es läßt sich wohl sagen die Eifel sei eine Hochebene mit tief eingerissenen Talbildungen. Sie war einmal ein Gebirge, ein hohes Gebirge, aber das ist lange, lange vorbei. ... (Es folgt eine Abhandlung über die Gebirgsbildung der Eifel und der Maare.) Bei vielen dieser Maare hat sich das Wasser einen Auslauf geschaffen, andere wurden künstlich entleert, wieder andere verschlammten und vertorften.
Die Kapelle am Weinfelder Maar vor 1945
Ich reite gern zum Weinfelder Maar. Es ist nicht zu nahe, es ist nicht zu weit. Ueber die Heide, durch den Wald, am Maare von Schalkenmehren vorbei, die Höhe hinauf, ich bin am Ziele, bei der alten Kirche am Maar. An der Kirchhofsmauer binde ich mein Pferd unter den mächtigen Aesten der alten Ulmen an und schaue ins Land. „Im Schatten, im Grünen, da träumt sich 's gut - Und oben auf der Erde - wie drunter wohl sich's ruht." Und hier an Ort und Stelle ist es vielleicht nicht reizlos, des schönen und eindrucksvollen Stückchens Erde zu gedenken, auf dem mein Auge ruht.
Das Weinfelder Maar liegt eine halbe Stunde südlich von Daun, am Osthange des 561 Meter hohen Mäuseberges. Derselbe fällt zuerst 80 Meter jäh ab, bildet dann eine kleine Ebene, eine Art runden Absatz, und senkt sich hierauf steil zum Maar und Dorfe Schalkenmehren ab, die am Fuße des Berges liegen. In jenem Absatz liegt, ihn zum größten Teile ausfüllend, das fast kreisrunde Weinfelder Maar mit kristallklarem, schwärzlich schimmerndem, fast stets unbewegtem Wasser in einer Meereshöhe von 484Meter. Die Einfassung des Maares ist nacktes Felsgestein oder vulkanischer Sandboden, der kaum karges Gras und einige Ginsterbüsche hervorbringt. Ebenso öde und kahl ist der Gipfel und der ganze Osthang des Berges. Am Nordufer des Maares liegt auf einer Art Felsgrat, der auf der einen Seite durch den jähen Absturz zum See, auf der andern durch den steilen Abfall des Berges gebildet wird, auf schmalem, eben genügendem Raum, eine kleine Kirche und rings um sie herum ein enger Kirchhof, dessen südliche Umfassungsmauer hart am Absturze zum See steht. Uralt ist die Kirche, grau und verwittert, uralt auch der Friedhof, gedrängt voll von Insassen. Umgeben ist die Kirche von stattlichen Ulmen, den einzigen Bäumen, die der Osthang des Berges trägt. Das Gotteshaus selbst ist ein einfacher, 15 Meter langer und 6Meter breiter, rechteckiger Bau mit meterdicken, schmucklosen Mauern.
An dasselbe angebaut ist ein schwerer, unverhältnismäßig mächtiger und breiter Turm mit starken Strebepfeilern, so daß derselbe die ganze Kirche zu halten und zu schützen scheint.
Auch der Innenbau der Kirche ist von großer Einfachheit. Schiff und Chor sind fast gleich groß und hoch, durch einen Rundbogen getrennt. Vier kleine Fenster mit Glasgemälden erhellen spärlich das Innere mit seinen drei Altären. Der Friedhof ist noch heute der Begräbnisplatz der Gemeinde Schalkenmehren. In der Kirche selbst wurde bis zum Jahre 1788 von dem Pfarrer von Schalkenmehren an gewissen Sonn- und Feiertagen der Pfarrgottesdienst gehalten; auch war sie bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Ziel vieler Prozessionen. Um diese Zeit war die Kirche schon so verfallen, dass im Jahre 1803 der damalige Bischof Mannay von Trier verbot, in denselben gottesdienstlichen Handlungen vorzunehmen, und im Anfange der siebziger Jahre sollte sie wegen ihres gefahrdrohenden Zustandes niedergerissen werden.
Da griff der damalige Pastor Johann Konter von Schalkenmehren ein, wusste sich die erforderlichen Mittel zu verschaffen und ließ in den Jahren 1875 bis 1887 die nötigen Wiederherstellungsarbeiten vornehmen. Am 27. September 1887 wurde die Kirche neu eingeweiht. Indessen tragen Kirche und Friedhof noch immer das Gepräge höchsten Alters. Solchergestalt sind die Grundlinien des Gemäldes: ein öder Berg, felsig und kahl, ohne Baum und Strauch; an seinem Hang ein tiefer Trichter mit schwärzlichem Wasser; über demselben die altersgraue, kleine Kirche mit ihrem Friedhofe und schließlich ein weiter Blick über die ernste Eifellandschaft. (Anm.: Cnyrim beschreibt hier die Maarlandschaft so wie sie auch Fritz von Wille gemalt hat. Wir kennen heute nur die bewaldete Umgebung des Maares.) Über dem Ganzen liegt ein einförmiger, grauer, düsterer Ton - es erscheint weniger schön im landläufigen Sinne als eigenartig, seltsam und bis zu einem gewissen Grade erhaben. (Anm.:Ähnlich empfunden hat das auch Clara Viebig.) Und doch ist dieser Ort einer der bekanntesten der Eifel, einer der besuchtesten und sicherlich der am meisten von Künstlerhand wiedergegebene; denn er ist nicht nur seltsam und eigenartig, er hat auch eine Geschichte, er hat auch eine Seele.
Beide muss eine Gegend haben, um in hohem Sinne, in unserem Sinne wirkungsvoll und anregend zu sein. Die Freude an den Anblicken einer Örtlichkeit, wie wir sie empfinden, ist wohl zusammengesetzt aus einem rein sinnlichen Eindruck, den das Auge erhält, und einem geistigen Vorgang, der sich an Verstand und Gemüt wendet. Eine Gegend, die Schönheit oder Erhabenheit mit Erlebnissen der Menschheit verbindet, das ist für uns die schöne Gegend im höchsten Sinne. Sie muss dem heutigen Wanderer zu sehen, zu denken und zu fühlen geben. Diese Voraussetzungen erfüllt das Weinfelder Maar mit seiner Kirche und seinem Friedhofe. ...
Als mit dem Eindringen des Römertums die Geschichte der Rheinlande begann, trat auch die Gegend des Weinfelder Maares in deren Bereich. Die dort gefundenen römischen Münzen und Hausgeräte beweisen, dass römisches Wesen hier Fuß gefasst hatte, um in den Stürmen der Völkerwanderung zu verschwinden.
Es entsteht dann im Laufe der nächsten Jahrhunderte am Maar und Osthang des Berges in zerstreuter Lage eine Ortschaft fränkischen Ursprungs, die den Namen „Weinfeld" führt, der aber mit dem Erzeugnis der Reben in Anbetracht der Lage und Rauheit des Ortes wohl wenig zu tun hat, eher mit dem altdeutschen Worte „Win = Weide" zusammenhängt, so dass Weinfeld gleich Weidefeld zu setzen wäre. Es würde dies auch mit dem Boden und Pflanzenwuchs der Örtlichkeit übereinstimmen. Das Dorf wird um das Jahr 1100 schon Pfarrei und als solche erwähnt in einer Zusammenstellung von Prozessionen aus dem Jahre 1700, wo es heißt, dass schon seit 600Jahren die Pfarrei Weinfeld eine Pfingstprozession nach Kloster Springirsbach mache. Die Kirche muss demgemäß um 1100 schon bestanden haben. Zur Pfarrei Weinfeld gehörten die Orte Weinfeld, Schalkenmehren, Saxler und Udler.
Im Jahre 1512 bestand Weinfeld noch, wie dies aus einem Berichte der Pfarrchronik über eine Versammlung der Bürger in Kirchensachen hervorgeht. Dann ist es verschwunden. Über das „Wann und Wie" ist uns keine sichere Nachricht geworden, insbesondere keine urkundliche. Die Überlieferung meldet, dass infolge ansteckender Krankheiten eine große Anzahl der Bewohner verstarb, und der Rest, von Entsetzen ergriffen, seine Heimat verließ und sich in Schalkenmehren ansiedelte. Es erscheint diese Überlieferung auch recht glaublich, da ähnliche Vorgänge des Öfteren urkundlich feststehen. ...
Von Weinfeld steht fest, dass es schon im Jahre 1562 vollständig verfallen war; heute zeigen nur mehr Mauerreste an, dass seine Häuser an den beiden Wegen vom Weinfelder Maar nach Daun und Eischeiderhof lagen, das Pfarrhaus insbesondere beim sogenannten „Mehrener Bildchen", 500 Schritt von der Kirche entfernt, mitten im Orte. Von ihm hören wir zuletzt, es war am längsten bewohnt. Die Pfarrherrn waren oben geblieben, da ja auch Gottesdienst und Begräbnisse noch in Kirche und Friedhof stattfanden. Der letzte derselben und der letzte Bewohner von Weinfeld war der alte Pastor „Peter von Mehren", der die Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit nicht verlassen wollte, und als guter Hirte das verödete und verfallene Dorf, seine Kirche und seinen Friedhof hütete, dem in seinen alten Tagen vielleicht auch die Nähe der Toten so lieb war als die Gesellschaft der Lebenden.
Er muss ein guter und getreuer Mann gewesen sein, der alte Pastor „Peter von Mehren", denn „Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt, wie er." Schließlich verließ auch er notgedrungen, im Dezember 1562 seine alte Heimat. Sicherlich tat er es mit Widerstreben und tiefem Leid. Die Vorstellung wird leicht, wie er, müde an Leib und Seele, zum letzten Male die altgewohnten Räume seines Hauses und die leeren Straßen des verfallenen Dorfes durchschreitet; wie der alte Mann, bevor er den Hang nach Schalkenmehren heruntersteigt, sich wendet, und sein trüber Blick die im düsteren Winterlicht liegende, verlassene Heimat noch einmal umfasst, „all seine Erinnerungen mit der Seele suchend." Als der gute, alte Pastor „Peter von Mehren", der Letzte der Lebenden, sich den Hang hinunter gewandt hatte, als die frühe Dezembernacht sich hinter ihm herabsenkte - da begann die Herrschaft der Toten dort oben. ... "
Cnyrim schließt sein Buch mit folgenden Worten, die hier auch den Schluss abgeben sollen: „Du aber mein Oberwinkel, ... du mein teures Stückchen Erde, du hast mir schönste Stunden gewährt, sei es in beschaulicher Muße in den stillen Mauern des Hauses, sei es bei weiten Ritten über die Heide und durch den grünen Wald. Sei tausendmal dafür bedankt und gesegnet in Ewigkeit! Gut Oberwinkel - Weihnachten 1932."