Meiserich - ein alter Marienwallfahrtsort

Wanderung auf den Spuren der Heimatgeschichte

von Werner Schönhofen, Leutesdorf


Meiserich gehört seit alter Zeit zu Ulmen. Die St. Anna-Kirche ist eine Stiftung Ulme-ner Adliger und wurde 1524 an Stelle einer Vorgängerkirche erbaut. Ein Geistlicher hielt an Sonntagen, an Marienfesten, am Annentag und an den Namenstagen der Heiligen Wendelinus und Kornelius eine Messe dort. Auffällig ist der Hochaltar, der mehrere Mariendarstellungen hat, die wahrscheinlich einmal zu einzelnen Altären gehörten. Das Antependium des Altares aus dem Jahre 1585 ist holzgeschnitzt und zeigt in fünf Bildern den Schmerzhaften Rosenkranz. Die zwei Seitenaltäre zu Ehren der Mutter Anna und des Heiligen Wendelinus kamen 1880 in die Wallfahrtskirche in Driesch. Die Kirche war in früheren Jahrhunderten ein vielbesuchter Wallfahrtsort. An den Wänden finden wir auch einige Heiligenstatuen, z. B. des Erzengels Michael und des Papstes Cornelius; er gehört zu den Eifeler Viehheiligen und war zuständig für das Rindvieh.

Ausgangspunkt unserer Wanderung, die uns in den Vulkaneifelkreis führt, ist der Ulmener Ortsteil Meiserich, den wir gut über die A 48, Ausfahrt Ulmen oder die B 257 erreichen. Wir parken an der Kirche, in die wir einen Blick werfen sollten. Nun gehen wir rechts unter der Autobahn durch und überschreiten nach links den Üßbach; er kommt aus dem Mosbrucher Weiher und mündet — nachdem er Bad Bertrich durchflossen hat — in den Alfbach, der gegenüber von Bullay bei dem Ort Alf in die Mosel mündet. Der Üßbach bildet hier hinter der Autobahnbrücke bei Meiserich auch die Grenze zwischen den Kreisen Cochem-Zell und Vulkaneifel. Wir halten uns erneut links und dann rechts (auf älteren Karten Ulmener Wanderweg 2). Jetzt haben wir den Hahnenbach linker Hand, den wir an einer Waldspitze überqueren. Unser Weg steigt leicht durch den Lehwald an, wir kommen am Lehwaldhof vorbei. Auf der Höhe macht er schließlich eine Linkskehre. Wir sind fast auf 500 Metern Höhe und folgen dem Wanderweg 3 bis zur Hülsermanneiche, die an einen Forstmann erinnert. Von hier aus gehen wir jedoch wieder ein kurzes Stück bis zu einer freien Fläche im Wald zurück und biegen jetzt links ab (Wanderweg 3a). Wir überschreiten den Alfbach und halten uns links. Nach einem kurzen Straßenstück stehen wir am Allscheider Kapellchen.


Allscheid — das tote Dorf

Im Frühjahr 1853 wurden die Häuser All-scheids abgerissen. Zwischen den Orten Steiningen bzw. der Autobahn und Darscheid steht an der Straße ein kleines Kapellchen, das dem Heiligen Erasmus geweiht ist. Es ist der letzte Zeuge des Dorfes Allscheid, dessen Bewohner — mit wenigen Ausnahmen — 1852 nach den USA auswanderten. Es war nicht Abenteuerlust, sondern Not, die sie zu diesem Schritt bewog, das geht aus dem „Register der Beschlüsse des Gemeinderats der Gemeinde Steiningen-Allscheid" hervor. Das im Jahre 1846 begonnene Register lag bis zur Verwaltungsreform der 1970er Jahre bei der damaligen Amtsverwaltung Gillenfeld. Es bringt bei allen Gelegenheiten zum Ausdruck, dass die „Einsassen von Allscheid" arm waren. Sie hatten wohl unter den Folgen mehrjähriger Missernten in witterungsschlechten Jahren zu leiden.

1847 wurde das „den Einsassen von Allscheid zufallende Brandholz zugunsten der Gemeindekasse versteigert, weil der Kaufpreis nicht zu erschwingen war." Ferner wurde die jährliche Brandholz- und Viehtaxe (auf Rindvieh und Ziegen) erlassen. Der Gemeinderat beschloss auch, 100 Scheffel Roggen an die Bürger von Allscheid zu verteilen. Es ist die Zeit, in der sich auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Amtsbürgermeister und spätere Genossenschaftsgründer, im Westerwald um die Versorgung seiner hungernden Bevölkerung kümmert. - 1848 werden die „Eingesessenen von Allscheid (als) ganz verschuldet und durchweg bettelarm ... " bezeichnet, als es um die Zahlung von Geldern für die Pfarrkirche in Darscheid ging. Viele Allscheider waren tatsächlich berufsmäßige Bettler.

In der Gemeinderatssitzung vom 22.5.1852 beschloss man schließlich, die Siedlung aufzugeben. Die Bewohner von Allscheid verkauften ihre Liegenschaften an die von Steiningen. Für den Wald erhielten sie 3000 Taler, die zur Bestreitung der Überfahrtkosten und für die Übersiedlung der drei nicht auswandernden Familien nach Steiningen vorgesehen waren. Die 19 Verkäuferpartien des Privatlandes erhielten dafür 2200 Taler. Der Gemeinderat beschloss, die Gebäude in Allscheid sofort nach dem Abzug der Bewohner niederzureißen, um ein neues Bewohnen unmöglich zu machen; bei einer „wilden" Ansiedlung hätte man sehr bald ja wieder verarmte Einsassen gehabt und damit die gleichen Probleme. Die ganze Aussiedlung kostete die Gemeinde Steiningen 5550 Taler, die der Gutsbesitzer Nikolaus Hölzer aus Daun vorlegte. Er erhielt dafür fünfeinhalb Prozent Zinsen. Die Rückzahlung war teilweise durch den Einschlag von Holz im angekauften Wald vorgesehen. Hölzer brachte die Auswanderer auf Leiterwagen nach Rotterdam, wo sie sich nach Nordamerika einschifften.

Im Frühjahr 1853 wurden die Häuser Allscheids niedergerissen, ausgenommen das Kirchlein. 1867 war es baufällig und seine Renovierung ein Streitobjekt zwischen der Pfarrgemeinde Darscheid und der Zivilgemeinde Steiningen. Ein Steininger Bürger erklärte sich schließlich bereit, es zu renovieren. Dabei kann es sich wohl kaum um das jetzige Heiligenhäuschen handeln.

Die Geschichte des Dorfes hat auch ihren Niederschlag gefunden in dem Heimatspiel „Das tote Dorf" des Heimatdichters Klaus Mark aus Brockscheid und in einer Südwestfunkreportage im Jahre 1952. Auch der damalige Amtsbürgermeister Nohn in Gillenfeld hatte die Geschichte Allscheids festgehalten. Sie findet sich ebenfalls in Beiträgen des Heimatjahrbuches des Kreises Daun. Sicher gibt es nur mehr wenige Menschen, denen die Geschichte des blinden Spielmannes von Allscheid, einem Nachfahren der letzten nach Steiningen gezogenen Allscheider, bekannt ist. Schließlich erinnert in Mehren eine Straße an das tote Dorf. Immer wieder nahmen Nachkommen der Auswanderer mit der alten Heimat Kontakt auf. So ist Allscheid doch nicht ganz aus dem Blickwinkel der späteren Generationen verschwunden.


Das Erasmuskapellchen zu Allscheid

Der Heilige Erasmus lebte zuerst als Bischof in Antiochien; sein Namenstag ist der 2. Juni. Nach furchtbarem Martyrium zur Zeit der Christenverfolgung unter Diokletian kam er nach Formia in Italien, wo er hochgeachtet im Jahre 303 starb. Die fromme Legende berichtet, dass ein Engel ihn aus dem Kerker befreit habe. Er wird als einer der 14 Nothelfer verehrt und wurde angerufen bei Leibschmerzen von Mensch und Tier und als Helfer in Geburtsnöten. Bei einer Viehseuche soll er Wunder gewirkt haben. Ebenso soll er Seeleute gerettet haben, als die elektrische Entladung das Schiff in Brand zu setzen drohte; deshalb ist noch heute das Naturwunder Elmsfeuer nach ihm benannt (St. Elmo it. Bezeichnung für Erasmus?). Auch Hautkrankheiten können brennende Schmerzen verursachen. Deshalb wurde Erasmus in diesem Kapellchen um Hilfe angefleht bei dem „Freeßem" = Milchschorf der Kleinkinder. Als Opfergabe brachten die Mütter einige Pfund Getreide mit, die im Heiligenhäuschen niedergelegt wurden. Dasselbe wurde im 19. Jahrhundert an Stelle des ehemaligen Allscheider Kapellchen durch einen Bürger aus Steiningen errichtet.

Auch eine Hinweistafel der Gemeinde Steiningen erzählt uns vom Schicksal der Allscheider. Hier steigen wir rechts an den Waldrand hoch und gehen dann links (Wanderweg 3) parallel der Landstraße, unterqueren die Autobahn und folgen der Kreisstraße von Mehren nach Steiningen hinein. Hier ist der Heilige Mauritius Patron des kleinen Kirchleins.


Mauritius — Schutzpatron der Pferde

Krankheiten zehren an den Kräften des Menschen. Krankheiten in der Familie belasten alle — Kranken sowohl als auch Pfleger. Heute treten die verschiedensten Pflegeberufe und Einrichtungen in Tätigkeit, wenn es Kranke in der Familie gibt — je nach Schwere des Falles. Mittlerweile kann sich der Einzelne nicht nur gegen Krankheit finanziell absichern, auch die Pflege im Alter findet ihre vorsorgende Versicherung. Früher bedeutete Krankheit in der Familie sicherlich oft ein noch tieferes Absinken in die meistens ohnehin schon vorhandene Armut. Die finanzielle Absicherung im Krankheitsfalle gibt es erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. In einer Zeit, da die meisten Menschen auf dem Lande der Landwirtschaft verhaftet waren, bedeutete die Krankheit oder gar der Tod des Viehes einen nicht minder herben Verlust, ja oft den Ruin. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die fromme Bevölkerung Schutz und Fürbitte von bestimmten Heiligen sich erhoffte. Es gab Heilige, die bei Krankheit des Viehes angerufen wurden. In vielen Dorfkapellen finden wir ihre Statuen auf den Altären. So war St. Antonius der Eremit zuständig für die Schweine, St. Wendelin für die Schafe, St. Brigitta für die Kühe, Papst Cornelius für das Hornvieh (Cornu=Horn), St. Mauritius für die Pferde. Entsprechend werden die Heiligen mit ihren schutzbefohlenen Tieren dargestellt.

Nur wenige reiche Bauern konnten sich ein Pferd als Zugtier oder gar ein Pferdegespann leisten. Pferde waren also schon ein wichtiger Bestandteil des Vermögens und der Verlust eines Pferdes bedeutete einen großen Vermögensverlust. Was Brigida fürs Rindvieh, bedeutete Mauritius für die Pferde. Pferde waren kostbare Tiere für den Bauern. Nur auf entsprechend großen Bauernhöfen gab es ein Pferd oder gar ein Pferdegespann als Zugtier. Das Pferd als Reittier war ein Luxusobjekt herausgehobener Kreise. Pferde waren bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges auch „Kriegsteilnehmer" als Bestandteil der Reitereinheiten, der Kavallerie. Pferde wurden gemustert fürs Militär, sie unterlagen also einer gewissen „Wehrpflicht".


Die St. Mauritius-Kapelle in Steiningen.


Schutzpatron der Pferde und Reiter ist der Heilige Mauritus. Er gehört zu jenen frühchristlichen Heiligen, von denen wir oftmals über den Namen hinaus nur Legendenhaftes wissen. Er soll Oberst der sagenhaften Thebäischen Legion gewesen sein, von der ernsthafte Historiker behaupten, dass es sie nie gegeben hat. Die Soldaten dieser Legion erlitten zur Zeit des Kaisers Diokletian für ihren Glauben an Christus den Martyrertod, da sie nicht bereit waren, den heidnischen Göttern zu opfern. Der Heerführer Maximian befahl, jeden Zehnten zu töten. Das setzte er so fort, weil diese Strafe nicht fruchtete, bis die Legion vernichtet war. Das grausame Geschehen soll sich bei Agaunum im Rhonetal abgespielt haben, der Ort erhielt den Namen St. Moritz/St. Maurice. Den Märtyrertod sollen die Soldaten der Thebäischen Legion am 22. September des Jahres 286 erlitten haben.

Mit dem Gedenktag des Heiligen Mauritus (22. September) ist an vielen Orten bis in unsere Zeit eine Pferdesegnung bzw. ein Umritt um die Kirche verbunden. Viele Kirchen sind dem Heiligen Mauritius geweiht. So auch die kleine Kirche in Steiningen. Sie wurde 1741 errichtet und erhielt Reliquien des Heiligen Mauritius; seit dieser Zeit ist sie am Ostermontag Ziel vieler Menschen und Pferde, wenn dort die Pferdesegnung stattfindet. In Steiningen selbst hatte seit dem 12. Jahrhundert die Abtei Springiersbach umfangreichen Besitz.


Die Vulcano-Plattform auf der Steineberger Ley


Von Steiningen aus ist Steineberg unser nächstes Ziel. Dazu geht es ab dem Wasserbehälter steil bergan bis zur Kirche; die dem Heiligen Franziskus geweiht ist. Eine erste Kirche wurde Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut; der heutige Bau wurde 1884 begonnen. Die Straße zwischen Steiningen und Steineberg macht einen großen Bogen und ist daher weniger steil. Wir durchqueren den Ort auf der Landstraße und biegen am Ortsende nach links ab zur Steineberger Ley, 557 Meter hoch. Hier wurde bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Basalt abgebaut; die Abbaustelle ist heute wassergefüllt und ein geschütztes Biotop. Wir können den Berg nicht verfehlen, denn von weither ist der hölzerne Aussichtsturm „Vulcano-Plattform" zu sehen. Der Aussichtsturm ist 24 Meter hoch. Seine drei Stützbalken sind 110jährige Douglasienstämme. Vom Turm haben wir eine gute Fernsicht. (Achtung: Der Turm kann z. Zt., im Frühjahr 2022 nicht bestiegen werden.)

Wir sehen u. a. den Antennenmast auf dem Hochkelberg, das Ulmener Wohngebiet am Großen Garten und die Sternwarte auf dem Hohen List. Auf der Steineberger Ley folgen wir dem Rundweg des Steinringwalles, der eine Fläche von 2,2 ha umfasst und aus den Jahrhunderten vor Christi Geburt stammt. An markanten Punkten sind Hinweisschilder vorhanden.

Nun geht es wieder zurück nach Steineberg. Wir folgen rechts dem geteerten Weg (Wanderweg 3). Rechts blicken wir auf Demerath. Tief unter uns liegt die Autobahn. Unser Weg führt schließlich durch den Wald (Wanderweg 4 bzw. 7). Kurz vor Meiserich folgen wir ein kurzes Stück der Kreisstraße von Steiningen bis zum Ausgangspunkt unserer Wanderung, die wir als Tagestour betrachten sollten. Achtung: Für die Wanderung ist unbedingt eine Wanderkarte erforderlich. Die Wegebezeichnungen ändern sich immer wieder!