Fastnacht für Kinder in der Eifel

von Tamara Retterath, Lirstal



Mein Vater Ernst Retterath (Jahrgang 1940) berichtete mir seine Kindheitserinnerungen, die ich aus seiner Sicht hiermit wiedergebe: Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, so gehörte die Fastnacht für mich — neben Weihnachten, Ostern und meinem Namenstagsfest — zu den Höhepunkten im Jahreslauf, auf die ich mich schon Wochen vorher freute. Meine erste Fastnacht, die mir bewusst in Erinnerung geblieben ist, erlebte ich als 3- bis 4-jähriges Kleinkind.

In den Nachkriegsjahren wurden in der ländlichen Region der Eifel keine organisierten Umzüge veranstaltet. Von unserem Nachbarort hatten sich allerdings einige Karnevalisten zu unserem Dorf aufgemacht. Sie kamen in einem schön dekorierten, von einem Pferd gezogenen Planwagen und hatten sich allesamt als Zirkustiere verkleidet. Originellerweise hatte sich eine Person der Gruppe als Zirkusdompteur verkleidet. Sie gingen von Haus zu Haus und erbaten sich Hühnereier von den Bewohnern. Geld hatte die Bevölkerung selbst ja kaum, daher wurden Naturalien gerne akzeptiert. Die Eier konnte das Grüppchen entweder selbst verzehren oder an den Kolonialwarenladen verkaufen. Manchmal erhielten sie zusätzlich auch Süßigkeiten oder wurden zum „Nautzeessen" eingeladen. „Nautze" wurden in der Eifel traditionell zur Fastnacht gebacken. Es handelt sich um ein in heißes Öl gesiedetes Hefeteiggebäck, anschließend in Zucker gewendet — ähnlich dem heutigen „Berliner". Unter der lustigen Gruppe, die sich um unseren Küchentisch versammelt hatte, bestaunte ich mit großen Kinderaugen eine als Hase verkleidete Person. Sie sah aus wie ein richtiger Hase! Ich hatte nie zuvor einen maskierten Hasen gesehen und das Besondere war dessen „tierisches" Verhalten. Die übrigen Verkleideten genossen ihre „Naut-zen". Was sie nicht mehr aufaßen, warfen sie dem Hasen zu. Von unserem Bauernhof war ich es gewohnt, dass unser Vieh, beispielsweise die Schweine, die Hühner oder der Hund ebenfalls Essensreste bekamen. Daher zweifelte ich kleines Kind wirklich, ob es sich hier um einen echten Hasen oder um eine Maskerade, wie bei den anderen Personen handelte. Dieser Hase hatte echt aussehende Pfoten und all seine Bewegungen wirkten täuschend echt. Die nur teilweise aufgezehrten „Nautzen" nahm er mit seinen Pfoten auf und futterte sie auf wie ein Nagetier. Er fraß alles, was seine Kumpels ihm zuwarfen. Von dieser Verkleidung und dem Verhalten war ich so fasziniert, dass ich als unbedarftes Kind ernsthaft ins Grübeln kam, ob der Hase nun echt war oder nicht. Als mein erstes, bedeutsames Fastnachtserlebnis wird mir dieser kostümierte Geselle mit schauspielerischem Talent für immer im Gedächtnis bleiben.

Ein paar Jahre später wollte ich selbst aktiv beim Karneval mitmachen. Mein Traum war es immer, mich als Indianer zu verkleiden, weil mir davon in Büchern von Karl May bereits vorgelesen worden war. Nun hatte ich das Glück, dass meine Großmutter gelernte Schneiderin war. Sie schneiderte neue Kleider und führte auch Änderungen durch. Sie war sofort bereit, mir ein Kostüm zu nähen, trennte hierfür alte Kleidungsstücke auf und machte etwas Neues daraus. Meine restliche Familie war ebenfalls sehr kreativ, und so erhielt ich zu meinem Indianerkostüm noch einen wunderschönen, aufwändigen Häuptlingsfederschmuck. Aus meinem Dorf war ich der Erste, der sich zu Fastnacht verkleidete. Doch schon im folgenden Jahr taten es mir die anderen Kinder gleich und die ganze kostümierte Kinderschar ging von Haus zu Haus, um sich zu präsentieren. Wir waren so etwa 10 Kinder aus unserem kleinen Ort, wobei man sagen muss, dass die Dörfer damals noch sehr kinderreich waren. Meine Schwester war als Rotkäppchen verkleidet, mein bester Freund als Feuerwehrmann und ein anderer Kumpel als Cowboy. Ein Mädel war Prinzessin, ein anderes stelle einen Marienkäfer dar. Wir sangen Karnevalslieder und erhielten als Dank dafür Süßigkeiten. Leider trauten wir uns in unserem jungen Alter noch nicht zu, uns zu der Musik tanzend zu bewegen, wie es ein Kinderpärchen aus dem Nachbarort schon konnte, das die Einwohner mit seiner Kunst verblüffte.

In dem Dorf, in dem wir aufgewachsen waren, gab es nur 22 Häuser. Hier waren wir leider viel zu schnell durch. Dennoch amüsierten wir uns sehr und auch die Bewohner, die wir beehrten, genossen unsere Vorführungen und hatten viel Freude dabei. Es war ein schöner, heller und sonniger Rosenmontag. Obwohl viel Schnee lag, überlegten wir Kinder, auch in den Nachbarort zu gehen, der zwar ebenso klein wie der unsere war, aber nur 3 km entfernt lag. Ja — da stimmten alle begeistert zu. Der Anfang der Wanderung war schnell gemacht, obwohl uns der hohe Schnee einige Schwierigkeiten bereitete. Doch wir stapften voller Tatendrang voran. Stiefel hatten wir damals nicht, aber die handgefertigten, derben Schusterschuhe hielten auch einiges aus. Bald kamen wir im Nachbarort an, trugen in jedem Haus unsere Gesangsdarbietung vor und erhielten Süßigkeiten. Hier waren die Einwohner, das muss ich wirklich sagen, sehr kinderfreundlich und uns sehr wohl gesonnen. Es hat uns Knirpsen großen Spaß gemacht. Nur war dieses Dorf doch sehr klein und uns nicht groß genug. So überlegten wir, wie weit es wohl bis zum nächstgelegenem Ort sei. Einer von uns sagte 4, der andere 5, der dritte meinte 7 km. Auf einmal kam jemand von uns auf die Idee doch querfeldein zu gehen, da könne man doch einige Kilometer sparen. Entlang der öffentlichen Straße wäre der Weg zwar weiter gewesen, aber diese Straße war geräumt. Jeder trug sein Körbchen, in das er seine Süßigkeiten gelegt hatte. Die Kleinsten — ich war einer der Jüngsten — trugen nichts, da wir auch schon genug Probleme hatten, durch den hohen Schnee zu stapfen. Ich ging den anderen in der Schneespur hinterher. Wir Kinder sind bei unserer Wanderung sehr oft der Länge nach in den Schnee geplumpst, weil wir durch die Schneeverwehungen eine sich darunter befindliche Vertiefung oder einen Graben nicht erkennen konnten. Mit unseren kurzen Beinen wanderten wir durch die eingeschneite Winterlandschaft.

Querfeldein kamen wir an einer Mühle vorbei. Hier wurden wir zunächst vom Fenster aus in Augenschein genommen. Dann hörten wir, wie die Haustür verriegelt wurde. Wir sahen wie die Köpfe von den Fenstern weghuschten. Die Müllersfamilie wollte uns halt eben nicht empfangen. Warum wohl? — Ich weiß es nicht. Ob sie glaubten, wir würden sie überfallen oder ihnen ihr gutes Geld wegnehmen? Keine Ahnung! Das war aber für uns nicht so schlimm, denn wir waren hoch motiviert zu dem von uns auserkorenen Ziel weiterzumarschieren. Endlich hatten wir das größere Dorf erreicht und wir steuerten das erste Haus an. Doch — ach du liebe Güte! Hier ging dasselbe los! Ich weiß nicht, wie sich unser Erscheinen so geschwind herumgesprochen hatte. Sämtliche Bewohner reagierten, als seien wir keine Kinder, sondern ein räuberisches Überfallkommando! Wir hörten überall wie die Haustürschlüssel herumgedreht und die Haustüren abgeschlossen wurden. Im gesamten Ort gab es nicht eine einzige Eingangstür, die uns offen stand — alles war verriegelt! Und dazu muss man wissen, dass früher in der Eifel nie eine Haustür verschlossen war. Ob Sonn- oder Werktag, wenn einer aus der Familie zuhause war, blieb auch die Haustür stets offen. Klingeln an den Haustüren gab es damals ebenfalls noch nicht. Man konnte nach dem Anklopfen stets eintreten, es sei denn, die Bewohner waren allesamt bei der Feldarbeit, dann schlossen sie natürlich ab. Aber das war die Ausnahme.

Doch das Sonderbare hier war — ich vergesse es mein Lebtag nicht: Die Bewohner klebten allesamt oben im ersten Stock oder im Speicher am Fenster und beobachteten uns neugierig. Sie wollten unsere Verkleidungen alle gerne ansehen. Einige öffneten bei diesem kalten Wintertag sogar die Fenster, um uns noch genauer zu betrachten. Sie zeigten allesamt ein wirkliches Interesse, doch einlassen wollte uns niemand.

Aber wir Kinder ließen uns die Laune nicht verderben und weil Fastnacht war, hatten wir Spaß an der Freud'. So zogen wir fröhlich singend durch den Ort. Auf Umwegen zogen wir schließlich wieder alle zusammen zurück in unser Heimatdorf.

Den Rosenmontag hatten wir Kinder — sowohl in unserem Heimatort als auch im kinderfreundlichen Nachbardorf — sehr genossen. Dennoch haben wir uns ab da nie mehr aufgemacht, an Fastnacht eine Nachbargemeinde aufzusuchen und mit unseren Darbietungen zu erfreuen. Wir waren seither mit unserem kleinen Heimatdorf zufrieden.

Wie sagt man so schön? Bleib' im Land und ernähr' dich redlich.