Erinnerung an die Kolverather Traud

von Werner Schönhofen, Leutesdorf


Die Eifel vergangener Zeit war reich an Originalen. Ein Original - sicher wider Willen - war die Kolverather Traud. In dem kleinen Eifeldorf bei Kelberg geboren, war sie durch ein grausames Schicksal als Nichtsesshafte auf die Straße geraten. Nach dem frühen Tod ihres Vaters, konnte die Mutter das bäuerliche Anwesen nicht mehr halten. Vielleicht nur allzu willige Mitmenschen verhinderten nicht den finanziellen Ruin, förderten ihn möglicherweise eigensüchtig. Die Witwe musste mit ihren beiden kleinen Mädchen Haus und Hof verlassen und sich bei den Bauern als Wanderarbeiterin bei den Erntearbeiten verdingen und stand schließlich wohnsitzlos und arbeitslos auf der Straße. Bei Verwandten war nur zeitweise ein Unterkommen, sie hatten sicher selbst mit der Not zu kämpfen. Die öffentliche Fürsorge und die kirchliche Hilfe versagten. Das jüngere der beiden Mädchen verstarb schließlich. Die Mutter war mit Traud auf sich selbst gestellt und diese führte ihr Wanderleben fort, als die Mutter schließlich starb. Neben saisonalen Arbeiten auf den Bauernhöfen hausierte sie mit Kräutern, besonders Kamille, in den Dörfern. Ihr Leben endete schließlich geistig verwirrt in der Rheinischen Landesklinik in Andernach.

Ich habe Traud selbst einmal erlebt, als sie an meinem Heimathaus in Ulmen vorbeikam und bis zu einer Nachbarin ging. Dabei räsonierte sie lauthals. Die Nachbarin sagte dazu: „O Traud, schenn [schimpf] doch net su." Traud machte auf mich als Kind einen verwirrten Eindruck! - Meine Mutter erzählte mir, dass sie zu meinem Vater ein besonders herzliches Verhältnis hatte; er nahm sie wohl als Mensch ernst.

Mein Bekannter, Toni Kreutz t, schrieb mir vor Zeiten: „Ich kannte die Kollwatha Troud schon vor dem Zweiten Weltkrieg. In den 1930er Jahren half ich schon meiner Mutter im Laden. Wenn wir dann die Troud durch die Schaufenster in der Jaas [Gasse, heute Marktstraße] herumgehen sahen, sagte meine Mutter zu mir: „Die bettleresch öloah öss dö Kolwatha Troud, die vakeeft Kamille. Wenn sö ön dö Lade kitt, jeste ihr finnef Grosche un säst, dat ma keene Kamilletee brejschte."

Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte die Kollwatha Traud wieder hier in Ulmen auf. Wir gaben ihr dann, wenn sie in unseren Laden kam, ein Fünfzig-Pfennig-Stück. Unsere Firma begann nach der Währungsreform wieder den früheren Getreidehandel aufzunehmen. Wir kauften von den Bauern das Getreide auf und verkauften es an Mühlen, Mälzereien und an überregionale Großhändler weiter. Der Transport geschah mit Lastwagen, meistens mit der Firma Kaspers, die auch Getreidehandel betrieb, wobei wir manchmal gemeinsame Ladungen zusammenstellten. Ich begleitete dann diese Fuhren. Viele Transporte gingen nach Andernach, wo es Mälzereien und eine Hafermühle gab. Eine Autobahn dahin war noch nicht vorhanden. Die Fahrt ging dann über Berenbach-Horperath und Lirstal durch das Elztal nach Monreal und weiter über Mayen nach Andernach. Bei so einer Fahrt etwa 1952/53 geschah Folgendes: Die Firma Kaspers hatte damals einen Fahrer aus einem Ort im Kreis Daun. Die Elztalstraße war zu dieser Zeit noch nicht ausgebaut und bei der Ditscheider Mühle ging die Straße in einer Kurve ins Tal und dann wieder in einer Kurve hoch. Oben angekommen, sahen wir ein paar hundert Meter vor uns auf der Straße eine Frau gehen. „Kennst du die?" fragte mich der Fahrer. „Ja, die Kollwatha Troud", sagte ich. Der Fahrer: „Pass mal auf, was ich jetzt mache" Wir waren schon nahe an der Frau und ich konnte nichts mehr verhindern. Er fuhr so nah an die Traud heran, dass sie in den Straßengraben ausweichen musste - natürlich mit großem, berechtigtem Geschimpfe. Der Fahrer hatte allerdings nicht auf das Auto geachtet, das hinter uns fuhr. Dessen Fahrer überholte den Lastwagen und zwang ihn zum Anhalten. „Du hast nichts gesehen," sagte noch schnell der Fahrer zu mir. Am Kennzeichen des Personenwagens sah ich, dass es sich um ein Behördenfahrzeug handelte. Dessen Fahrer stellte den Lastwagenfahrer zur Rede und sagte. „Ich werde Sie anzeigen!" Das tat er auch. Der Lastwagenfahrer sagte mir später, dass er eine Strafe von 20 DM zahlen musste." - Der Vorfall ist für mich ein Beispiel, dass die Menschen, die aus dem allgemein gültigen Raster fielen, nicht immer geachtet wurden.

Die Kolverather Traud fand Eingang in die Jahrbücher des Vulkaneifelkreises: 1978, Franz Josef Ferber, S 49ff, und 1980, S. 30ff, 2010 Tamara Retterath, S. 178ff. - Ihr Leben ist in einem sehr lesenswerten Roman beschrieben worden von Ute Bales, Kamillenblumen, erschienen 2008 im Rhein-Mosel-Verlag Zell. Auf dem Umschlagbild des Buches ist die Mühle im Elztal zu sehen, die Traud in späteren Jahren „besetzt" hatte.

Im Ort Kolverath gibt es einen neuen Wanderweg, „Spuren der Kamillen Traud", 4,3 km lang. Auf dem Weg sind an sieben Stationen Tafeln angebracht, halbseitig zum Leben in damaliger Zeit und halbseitig Auszüge aus dem Roman von Ute Bales. Dazu Eisenstelen, die wohl die Traud in einer dazu entsprechenden Position darstellen. Leider fehlen Wanderkennzeichen (Stand Februar 2021), so dass das Abgehen des Weges viel Gespür verlangt. Am besten geht man vom Ausgangspunkt Spielplatz, wo einmal der Bauernhof von Trauds Eltern stand, bergauf zum sichtbaren Turm vor Sassen, dann links zum Wald und mit dem Kennzeichen Geschichtsstraße weiter. Im Wanderflyer heißt es zu Ute Bales Roman: „2008 hat die in der Eifel geborene Schriftstellerin Ute Bales einen Roman über die mit Kamillenblumen hausierende obdachlose Frau geschrieben. Sie zog Anfang des letzten Jahrhunderts über die Dörfer der Eifel, verkaufte Kamille an den Haustüren und verdingte sich ansonsten auf den Bauerndörfern als Wanderarbeiterin. Natur und Landschaft war ihr einziges Hab und Gut. Traud kannte sich aus mit Pflanzen, fing Fische mit den Händen, suchte Pilze im Wald und konnte die Tageszeiten an Felswänden ablesen.