Cocktailstunde

Kurzkrimi

von Manuela Wirtz, Schüller


Das alte Eifelhaus war warm und gemütlich. Eine zauberhafte Atmosphäre aus Tannengirlanden, leuchtenden LEDs, bunten Schleifen und der Duft von gebackenen Plätzchen schufen vorweihnachtliche Behaglichkeit. Wie jeden Nachmittag wartete die Ehefrau auf den Feierabend ihres Mannes. Ab und zu warf sie einen Blick auf die Uhr, ohne Ungeduld, nur um die Freude auf das Wiedersehen zu genießen. Eine heitere Ruhe ging von ihr aus, war fundamentaler Teil ihres Wesens. Der weiche Mund lächelte und ihre Augen leuchteten in einem sanften Braun. Zarte Fältchen gaben dem Gesicht der 37-Jährigen etwas Mütterliches.

Dabei fehlten gerade Kinder in ihrem Leben. Sie konnte keine bekommen. Es hatte viele Jahre gedauert, sich damit abzufinden. Ihre Energie und Liebe wandte sie stattdessen ihrem Mann und dem gemeinsamen Haus zu. Ständig putzte sie und suchte nach Ideen zur Wohnungsdekoration oder leckeren Rezepten, mit denen sie ihren Mann verwöhnen konnte. Sie liebte das restaurierte Landhaus in Schüller. Von der Höhe des Dorfes über der Kyll hatte sie einen atemberaubenden Ausblick über die Vulkaneifel bis zur Hohen Acht. Jetzt Anfang Dezember setzte die Dämmerung schon früh ein und verbarg die wellige Landschaft. Für die nächsten Stunden hatte der Wetterdienst im Radio Schneeregen angesagt. Für sie war der frühe Abend die schönste Zeit des Tages. Ihr Mann kam nach Hause und setzte sich erschöpft in seinen Sessel. Sie gab ihm eine Flasche Bier und er ließ ein paar schnelle Schlucke die Kehle herunterlaufen und seufzte erleichtert auf. Beide unterhielten sich eine Weile über das Tagesgeschehen, bis es Zeit wurde, das Abendessen zu machen. „Müde, Liebling?" „Ja", sagte er dann, „ich bin müde." Um kurz vor sechs begann sie zu lauschen, und wenig später knirschten Autoreifen auf dem Kies in der Einfahrt. Sie hörte Wagentüren zuschlagen — eins, zwei. Die Ehefrau stand auf und öffnete die Tür. Hinter ihrem Mann betrat eine junge Frau den Flur und blickte sie abschätzig an. Die Fremde war schlank, trotz der gefütterten Winterjacke. Sie hatte ein frisches Aussehen, lange hellbraune Haare und grüne Augen. Die Ehefrau sagte: „Hallo Liebling", und hob fragend die Augenbrauen zu dem unbekannten Gast: „Guten Tag?!" „Hallo", ihr Mann hüstelte unsicher. „Ahm, wir sollten uns ins Wohnzimmer setzen. Ich muss etwas mit dir bereden." Irritiert ging sie durch den Wohnraum zu ihrem Sessel und setzte sich hin. Das Mädchen nahm sehr dicht neben dem Ehemann auf der Couch Platz und legte ihre Hand demonstrativ auf seinen Oberschenkel. Verständnislos starrte die Ehefrau von einem zum anderen.

„Hör zu", sagte der Mann verlegen, „Ich muss dir was sagen."

„Aber was ist denn los?", fragte die Ehefrau. Ein nervöses Zittern war in ihrer Stimme.

Er räusperte sich: „Das wird ein ziemlicher Schlag für dich sein, fürchte ich. Aber es ist das einzig Richtige und ich hoffe, du verstehst das."

Und er sagte ihr alles. Über die Frau an seiner Seite, mit der er sie seit einem Jahr betrog, der Schwangerschaft seiner Geliebten und dem Entschluss, sie zu verlassen, um mit der Neuen eine Familie zu gründen. Natürlich wollten sie diese Familie hier unterbringen, in diesem Haus. Ihrem Haus! Die Zeit schien sich endlos zu dehnen. Sie hörte wie betäubt zu, von einem grauenhaften Entsetzen erfüllt. Unerbittlich sagte er mit harten Worten, dass er sie schon lange nicht mehr liebte und nur noch aus Gewohnheit bei ihr geblieben war. Das Appartement seiner Freundin wäre zu klein für zwei Erwachsene und ein Baby. Deshalb müsse sie aus dem Haus ausziehen. „Ich weiß, so kurz vor Weihnachten ist nicht gerade die beste Zeit, darüber zu reden", schloss er, „Aber mir blieb keine andere Wahl. Natürlich helfe ich dir, eine neue Wohnung zu finden. Ich unterstütze dich auch, bis du eine Arbeit gefunden hast und für dich selbst sorgen kannst. Aber nicht zu lange, ich habe ja jetzt bald eine Familie." Währenddessen saß die junge Frau neben ihm und taxierte geringschätzig die Wohnungseinrichtung: „Die Möbel kann sie von mir aus mitnehmen. Ich will was Modernes." Betreten schaute der Mann zu Boden. Die Ehefrau ruckte den Kopf hoch, als wenn sie aus einem Albtraum erwachte. Mühsam kämpfte sie sich aus dem weichen Sessel und stand auf. Sie wankte ein wenig. „Ich brauche jetzt was zu trinken", flüsterte sie mit trockenem Mund und drehte sich um. „Oh ja, gute Idee", rief der Mann hinter ihr her, „Ich könnte auch einen Drink gebrauchen. Mixt du uns allen einen Cocktail? Das kannst du doch so gut." Er wendete sich seiner Freundin zu: „Du auch einen?" „Ohne Alkohol! Ich bin ja schwanger", bestimmte die junge Frau, „Irgendwas mit Obstsaft." Die Ehefrau fühlte nicht, dass ihre Füße den Boden berührten. Sie fühlte überhaupt nichts — außer einem leichten Schwindel und Brechreiz. Automatisch ging sie in die Küche, holte ein paar hohe Gläser und den Shaker aus dem Schrank sowie Früchte aus der Obstschale. Sie brauchte noch etwas Eis und Beeren aus der Tiefkühltruhe in der Garage. Sie ergriff in der Truhe die kalten Plastikbeutel.

Für einen Augenblick stützte sie sich mit beiden Händen auf dem Deckel ab, weil ihre Beine zitterten. Der verschwommene Blick klärte sich auf einen Plastikkanister auf dem Regal mit dem Autozubehör. Das Wort „Felgenreiniger" drang wie durch Nebel in ihr Bewusstsein. Auf dem Aufkleber entdeckte sie unter den gelisteten Inhaltsstoffen eine Substanz, die der Gammahydroxy-buttersäure, auch „K.-o.-Tropfen" genannt, sehr ähnlich war. Als gelernte chemisch-technische Assistentin kannte sie deren Wirkung als Drogen. Sie nahm den grauen Kanister an sich. Erstaunlich, wie klar ihr Gehirn mit einem Mal arbeitete. Jetzt empfand sie nichts anderes mehr als Kälte.

Zurück in der Küche mixte sie die Cocktails, einen Poncho de Crema mit Rum und Angostura für sich und ihren Mann und einen alkoholfreien Johannisbeer-Punsch mit viel Muskat und Limetten für die Schlampe, wie sie die junge Frau in Gedanken nannte. Sie presste die Lippen zusammen. In die Gläser für die beiden Ehebrecher schüttete sie einen kräftigen Schuss des Felgenreinigers hinein. Der viele Zucker und die Gewürze würden den Beigeschmack überdecken. Ganz die vollendete Gastgeberin brachte sie die Gläser und stellte sie auf dem Wohnzimmertisch ab. Schnell nahm sie ihren Cocktail und wandte sich zum Fenster.

Sie wollte die beiden auf der Couch nicht sehen. Nicht diese fremde Zweisamkeit, nicht ihre vertrauten Blicke und Berührungen. Es fing jetzt an, sie zu schmerzen. Aber sie konnte dem Paar nicht die Genugtuung geben, auch noch Mitleid mit ihr zu haben. „Hmmm, wie immer, exzellent", lobte ihr Exmann das Getränk. „Joah, nicht schlecht. Ist noch was davon da?" Die junge Frau ließ sich zu einer Höflichkeit herab.

Die Ehefrau schnaubte leise durch die Nase und mixte zwei neue Longdrinks. „Bitte", reichte sie die Gläser und stellte sich erneut ans Fenster. Draußen fiel Schneeregen vom Himmel.

Nach kurzer Zeit wurden die beiden auf der Couch munter, geradezu aufgekratzt. Sie machten Zukunftspläne für ihr Haus und lachten! Es war nicht auszuhalten. „Ich würde jetzt gerne alleine sein", bat die Ehefrau. „Na gut. Ich brauche morgen ein paar Sachen zum Wechseln", sagte der Ehemann grinsend, „Kannst du mir einen Koffer packen? Und vielleicht schaust du dich bei Immobilienscout schon mal nach einer Wohnung um, ja?" Seine Geliebte kicherte ununterbrochen.

Die Haustüre fiel mit lautem Schlag ins Schloss, die Autoreifen drehten beim Kavalierstart auf dem Kies durch. Das half der Frau, sich auf die Realität zu konzentrieren; und die Notwendigkeit, Spuren zu beseitigen. Mit ruhigen, fließenden Bewegungen räumte sie auf und spülte die Gläser. Als alles sauber glänzte und wieder an seinem Platz war, setzte sie sich in ihren Sessel und schaltete den Fernseher ein. Es wirkte so normal wie immer. Während der Spätnachrichten klingelte es an der Haustüre. Sie öffnete und blickte in die Gesichter von zwei Polizisten. Man hätte leider keine guten Nachrichten für sie und wolle lieber drinnen mit ihr sprechen. Dann erfuhr sie von dem schrecklichen Unfall, den ihr Ehemann und seine Beifahrerin gehabt hatten. Sie waren die Straße nach Stadtkyll mit zu hoher Geschwindigkeit heruntergerast. „In der engen Kurve an der Wirft ist der Wagen auf dem schmierigen Schnee ins Schleudern gekommen und hat sich in der Böschung überschlagen. Für die beiden PkwInsassen kam leider jede Hilfe zu spät." Sie hörte stumm zu, wie betäubt, von einem grauenhaften Entsetzen erfüllt, während die Polizisten die Details des Unfalls schilderten. Plötzlich ruckte sie mit dem Kopf hoch, als wenn sie aus einem Albtraum erwachte. Mühsam kämpfte sie sich aus dem weichen Sessel und stand auf. Sie wankte ein wenig. „Ich brauche jetzt was zu trinken", flüsterte sie heiser, „Wollen Sie auch ein Glas?"