Bericht einer Expedition

Leben und Arbeiten in der Vulkaneifel

von Gabriele Bußmann, Horperath

Vor etwa 20 Jahren verließ ich der Liebe wegen die Landeshauptstadt und zog in die Eifel. Mein Lebensgefährte lebte zu dieser Zeit bereits seit 20 Jahren in der Region, wohnte an verschiedenen Orten und war schon Eifel-erfahren.

Er sagte damals: „Es leben viele interessante Menschen hier - Du findest Sie aber nicht im Telefonbuch. Es gibt viele interessante Orte hier - Du findest sie aber nicht im Reiseführer. Du musst Dich auf eine Expedition zu ihnen machen."

Freunde, Verwandte und Bekannte gaben sich sprichwörtlich die Klinke in die Hand, um uns zu besuchen. Für sie war das verlängerte Wochenende bei uns immer ein kleiner Urlaub - eine Auszeit von ihrem Alltag. Für sie war ihr Besuch immer eine große Freude. Für uns natürlich auch.

Selbst unsere Geschäftskunden pflegten festes Schuhwerk nebst wetterfester Kleidung mitzubringen. So manches „Businessgespräch" haben wir auf einer Wanderung geführt.

Aber ich hörte auch immer die gleichen Sprüche, irgendwie versehen mit einer Mischung aus Unglauben und Unverständnis, gewürzt mit einer Prise Mitleid: „Wie kannst Du hier nur leben — so fernab von allem?". Oder: „Schön ruhig, viel Natur, wenig Menschen." Oder: „Aber wenn Du mal richtig schön shoppen willst, oder ins Konzert, ins Theater, in ein Museum, in eine Kunstausstellung. Dann bist Du hier doch am Ende der Welt." Zugegebenermaßen fühlte ich mich zunächst ein wenig fremd. Das lag vor allem auch daran, dass ich den Dialekt meiner neuen Heimat nicht verstanden habe. Noch heute denke ich dankbar an meine hochbetagte fürsorgliche Nachbarin, die sich liebevoll bemühte, für mich verständlich „hochdeutsch" zu sprechen.

Über die Zeit haben sich die Sprüche von einst zu anderer Rede entwickelt. Jetzt höre ich: „Ach, wie ich Dich beneide. Ich würde so gerne auch in Deiner Region leben". Oder: „Internet gibt es ja jetzt auch fast überall, sogar über Glasfaser." Oder: „Kennst Du nicht ein Haus, das zum Verkauf angeboten wird?" Oder: „Die Lieferdienste kommen in jeden Winkel des Landes. Man kann sich ja fast alles schicken lassen." Woher mag dieser Sinneswandel rühren? Das Leben in den Städten und ihren Speckgürteln ist so teuer geworden, dass es selbst vermeintlich gut Verdienende sich kaum mehr leisten können. Im Bewusstsein der Menschen ist angekommen, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht, sondern aus einem Gleichgewicht mit vielen Facetten, was sich in dem Begriff Work-Life-Balance widerspiegelt.

Und nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie unser aller Leben gewaltig durchgerüttelt. Wie alle anderen waren auch wir in der Eifel nicht vorbereitet. Auch wir mussten lernen, mit den durch die Pandemie bedingten Veränderungen umzugehen.

Aber wir können manche Widrigkeiten besser abfedern. Unsere Lebenshaltungskosten sind geringer als in den Großstädten. Unsere Siedlungs-und Wohnstrukturen erleichtern uns die Einrichtung von Homeoffices. Online-Veranstaltungen und Video-Konferenzen funktionieren, der Glasfaserausbau läuft. Unsere Kinder können im Freien spielen, ohne dass die Eltern ständig Angst um sie haben müssen. Es fällt uns leichter, unsere Work-Life-Balance auszugleichen. Natur und Landschaft beginnen direkt vor unseren Haustüren. Der Freizeitwert ist hoch. Der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaften ist sprichwörtlich.

Nein, wir leben nicht bequem und unbekümmert im Paradies. Auch wir müssen uns unseren Herausforderungen und Zukunftsfragen stellen. Wie alle anderen auch. Wirtschaftliche Strukturen, Digitalisierung, medizinische Versorgung, Öffentlicher Personennahverkehr, Energieversorgung und Klimawandel sind nur einige Stichworte aus einem großen Bündel von Themen, um die wir uns kümmern. Auf allen Ebenen: im Landkreis, in den Verbandsgemeinden, in den Ortsgemeinden.

Seit 2014 bin ich mit dem Thema Demenz befasst, seit Anfang 2020 koordiniere ich das Netzwerk Demenz Vulkaneifel. Das Netzwerk Demenz ist ein Zusammenschluss von ca. 30 Institutionen und Diensten im Landkreis und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen zu verbessern.

Ich arbeite im Homeoffice. Ich korrespondiere nicht nur per Telefon und E-Mail. Organisation von und Teilnahme an Video-Konferenzen und Online-Veranstaltungen gehören wie selbstverständlich zu meiner Arbeit. Wenn ich aus dem Fenster meines Büros blicke, sehe ich den Nussbaum in meinem Garten. Wenn ich auf den Monitor meines Computers blicke, sehe ich die ganze Welt.

Berufsbedingt habe ich viele Kontakte zu den Akteuren des Netzwerks in der Vulkan-eifel, zu anderen Netzwerken in Rheinland-Pfalz sowie zu den Landesämtern und Ministerien des Landes.

Geprägt waren meine ersten zwei Jahre als Koordinatorin durch zwei erschütternde Katastrophen: die Pandemie und die Flutkatastrophe. Durch meine Kontakte zu den Menschen vor Ort weiß ich, was die Fachpersonen, die pflegenden Angehörigen und die sorgenden Ehrenamtler in diesen äußerst schwierigen Zeiten vollbracht haben. Trotz sowieso schon bestehenden Personalmangels in der stationären Pflege, trotz zusätzlichen durch Corona krankheitsbedingten personellen Ausfällen auf den Stationen, trotz erschwerten Umständen bei der ambulanten Pflege und bei der Betreuung und Pflege in der Häuslichkeit haben die Menschen sehr viel geleistet und bewältigt. Und ich habe den Eindruck, dass diese Herausforderungen die Teams noch mehr zusammengeschweißt haben.

Falls Sie nun, liebe Leserin, lieber Leser von außerhalb der Vulkaneifel, vielleicht wie durch Zufall dieses Heimatjahrbuch in Ihren Händen halten, vielleicht wie durch Zufall diese Seite aufgeschlagen und vielleicht wie durch Zufall diesen Artikel gelesen haben, dann möchte ich Sie einladen — zu einer Ihnen ganz eigenen Expedition.

Sie werden hier Menschen finden, die zusammenhalten, und Sie werden dazu gehören. Sie werden hier eine der schönsten Landschaften Deutschlands finden und in ihr wohnen. Ihre Kinder werden nach der Schule nicht nur mit dem Handy daddeln (müssen), sondern können im Freien spielen und Abenteuer bestehen. Vielleicht heuern Sie bei einem der hiesigen Unternehmen an. Vielleicht arbeiten Sie im Homeoffice. Vielleicht finden Sie einen Hidden Champion. In jedem Fall aber finden Sie eine offene Tür zu einem Pflegeberuf. Wollen Sie mitmachen? Sie sind willkommen.

Seit 20 Jahren bin ich nun auf Expedition. Ich habe alles gefunden. Interessante Menschen, interessante Orte. Anders als meine Freunde mir prophezeiten auch Theater, Konzerte, Festivals, Kinos. Und meine Expedition dauert an.

Das Netzwerk Demenz Vulkaneifel ist ein Zusammenschluss von lokalen Akteuren aus dem Landkreis. Informationen für alle Interessierten zum Thema Demenz bietet die Internetseite des Netzwerkes unter www.demenz-vulkaneifel.de oder