Über Dialekt wird gesprochen, Platt spricht man ... immer noch.

von Margret Kraemer, Gerolstein-Michelbach


Ein Dialekt ist die Klangfarbe einer Region; sozusagen, die akkustische Signatur des Menschenschlages, der die Region prägt(e). Wer genau hinhört, lernt viel über die Menschen und was sie bewegt. Da wäre zum Beispiel der Umstand, dass die eigenen Füße für viele Jahrhunderte das einzige „Fortbewegungsmittel" waren, um von A nach B zu gelangen. Vieles dreht sich daher auch sprachlich um die Füße, wie „dä stoulpert noch ewer saing ehje Fees" (der stolpert noch über seine eigenen Füße), „epes as him op de Fees jefalle" (etwas ist ihm auf die Füße gefallen) oder „sai moos mall vär op de fees kun" (sie muss mal wieder auf die Füße kommen).

Und wenn es mal nicht um die eigenen Füße geht, dann bezieht man sich auch schon mal auf die Füße der Hühner. Um das zu verstehen, muss man zurückblicken auf die Zeit, als noch keine Kreisstraße durch unseren Ort führte. In jenen Jahrzehnten und Jahrhunderten liefen ganz selbstverständlich unzählige Hühner, und einige Hähne, im Dorf herum und scherten unermüdlich und überall mit ihren Füßen. Da versteht es sich fast von selbst, dass man auch heute noch „Scherereien lever us de Fees jeht" (Ärger lieber aus dem Weg geht) zumal, wenn man „net las enanna kit" (sich mit jemandem nicht versteht).

Als Kinder haben wir Platt nicht erst erlernen müssen. Es wurde uns in die Wiege gelegt. Von „kleen op" (klein auf) sprach man es einfach, weil es im Dorf fast jeder tat und wir womöglich des Öfteren zu hören bekamen: „Nu louster ehs!" Nun hör mal zu! Was folgte, waren kurze klare Sätze, denn ein Eifeler ist „jerad rous" bzw. geradeheraus, was für ungeübte Ohren etwas unhöflich klingen kann. Und obwohl es hier in und um die hügeligen Landschaften herum noch nie etwas Gradliniges zu finden gab, lernte man früh keine Umwege in Kauf zu nehmen, sondern lieber „op riescht zoo joan" (geradeaus oder querfeldein zu gehen).

Ging man querfeldein, so begegnete man auch schon mal einer Ziegenherde. Ziegen können bekanntlich am Meckern ihrer Artgenossen erkennen, wer zu ihrer Herde gehört. Nicht anders verhielt es sich mit den Bewohnern der Eifeldörfer. Wer ganz genau hinhört, kann noch heute feststellen, dass - ganz getreu dem Motto gemeinsame Sprache, gemeinsame Ziele - fast jedes Dorf etwas anders „mäckert". Traf man zum Beispiel auf dem Hillesheimer Markt auf ein fremdes Gesicht, so fragte man selten bis nie nach dessen Herkunftsort, sondern stellte vielmehr die Frage: „Wehm bas dou dan?" (zu welcher Familie gehörst du bzw. wer sind deine Eltern?). Stellte sich dabei heraus, dass keinerlei verwandtschaftlichen Beziehungen bestanden, dann war klar: „dä jeht oos neist ehn" (der geht uns nichts an).

In jenen Jahren spielte Hochdeutsch selbstverständlich auch eine Rolle. Hochdeutsch kam über die Lippen, wenn man auf einen „Kinnisch" (König) traf, wie den Förster; oder ein „Kinnisch" zu Besuch kam, wie die studierte Verwandtschaft; oder man zu einem „Kinnisch" musste, wie zum Arzt. Kurzum, man wuchs gewissermaßen in einem mehrsprachigen Umfeld auf.

Mit dem Beginn der Schulzeit verlagerte sich dann der Schwerpunkt unaufhörlich in Richtung Hochdeutsch. Mitte der 1970er Jahre war aus unserem Dorf längst ein Stadtteil von Gerolstein geworden und die oftmals selbstherrliche Zeit der „Schuollehrer" (Dorfschullehrer) endgültig vorbei. Rückblenden an Dorfschullehrer, wie „dä kunt schloan vie ä däcke Kneppl" (der konnte schlagen wie ein dicker Knüppel), kennt man daher nur noch aus Erzählungen. Im Klassenzimmer mühten sich nun so manche engagierte Klassenlehrerin und so mancher hartnäckiger Deutschlehrer daran ab, einem die Ästhetik der vielen durchdachten Rechtschreib- und Grammatikregeln näher zu bringen, die dem Hochdeutsch so viel Glanz verleihen.

Bereits damals deutete es sich an, nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch die Sprache! Auf einmal war es so wie mit Seide und Leinen: Wer einmal ein Seidentuch in den Händen gehalten hat, der will von Leinen so schnell nichts mehr wissen. Egal ob man es zugeben mag oder nicht, Hochdeutsch, besonders wenn es in möglichst langen und tiefgründig verschachtelten Sätzen daherkommt, klingt vordergründig doch eben etwas klüger; mehr nach Bildung und weniger nach „Werttißjereff" (Werktagskleidung). Wobei jedem klar ist, es ist längst nicht alles Seide, was glänzt, und Zufriedenheit ist kein Kleidungsstück.

Dass Platt einfach eine vielseitige, bescheidene und zugleich bereichernde Sprache ist, merkt man, wenn man auf Reisen geht. In der Ferne wird deutlich, Platt ist wie ein Aperitif: Es öffnet die Ohren! Andere Dialekte oder Sprachen versteht man leichter. So kann man sich nicht nur fließend und auf Augenhöhe mit den Bitburgern oder den Luxemburgern unterhalten; nein, auch in entlegenen Dörfern hoch in den Bergen des Kantons Uri (Schweiz) trifft man auf sehr zugängliche Ohren. Platt klingt an diesen Orten nicht nur überraschend vertraut, geradeso als wäre man bereits einmal vor sehr langer Zeit dort vorbeigekommen, sondern auch sehr nahbar und geerdet. Eine Sprache, die sich von Generation zu Generation immer wieder und weiterhin erneuert.

Dabei gerät jedoch so manches Wort in Vergessenheit. Sprach Mutter noch von „Schandarm", greifen wir heute eher auf eine aus dem Hochdeutsch vertraute Referenz zurück, wie auf die einer männlichen Rinderherde. Oder Wörter werden erst gar nicht aufgenommen, wie ein „ich liebe Dich". Damit eine innige Verbindung lange hält, dafür braucht es schon ein „ma värstooht sesch" (man versteht sich).

Zwischenzeitlich hat sich auch manches gewandelt. Fragte man früher „baß dou ehn Beschesch bkant?" (bist du in Büscheich bekannt?), so stellt man heute eher die Frage „kännste desch en Beschesch us?" (kennst du dich in Büscheich aus?). Und manches bleibt unverrückbar bestehen, wie „Besch" für Büsch bzw. Wald oder „bre-scheln". Ein „esch mod mol vär brescheln" stöhnt man resigniert aus, wenn man das Essen auf den Herd warm und genießbar halten musste, weil sich „de Herschafte" oder „de Völker" einige Minuten bzw. eine gefühlte Ewigkeit verspäteten. Brescheln kommt wohl von dem mittelhochdeutschen Wort „bregeln", sprich schmoren. Ein sehr zutreffendes Wort, um das zu umschreiben, was in solchen Momenten auf und vor dem Herd vor sich geht.

Kurzum, Platt gibt unserer Region ein unverwechselbares akkustisches Gesicht. Es bringt vieles auf den Punkt, ohne dass es vieler Worte bedarf. Es steht für einen klugen und bescheidenen Menschenschlag, der „kehn Jedöns" darüber macht, sich in vielen Dialekten und einigen Landessprachen heimisch zu fühlen. Eine wahre Bereicherung; man muss Platt nur zuhören wollen: „Nu louster ehs!"