von Adalbert Schmitz, Aachen
Fast ohne Ausnahme kamen alle meine Vorfahren aus der Vulkaneifel, speziell aus Oberstadtfeld und Niederstadtfeld, auch aus Schalkenmehren und anderen Dörfern im ehemaligen Kreis Daun. Mein Vater wurde in Oberstadtfeld geboren, meine Mutter in Niederstadtfeld. In meinen ersten Jahren (ab 1944) war ich mit meinen Eltern monatelang in der Eifel, später verbrachte ich alle Ferien, so kurz sie auch sein mochten, dort, und dabei war es ein Hochgenuss, im Sommer sechs Wochen da leben zu können. Wenn ich es überschläglig berechne, habe ich — vor allem in Oberstadtfeld — mindestens drei Jahre meines Lebens verbracht. Waat sinn ech fruh, dat ech daat kunt honn! Es blieb nicht aus, dass ich als Kind den Dialekt fließend sprach, und die Sprache lernte ich genau so selbstverständlich wie die Tatsache, dass es von Dorf zu Dorf Unterschiede gab. Am lustigsten fand ich damals das Udersdorfer Platt. Sehr wichtig war, endlich wieder „Eefler" zu hören und zu sprechen, wenn man gelandet war.
Ganz unwichtig war mir, dass man keine Familiennamen gebrauchte (die ich meistens auch nie kannte), sondern Hausnamen. Wenn ich am ersten Abend der Ferien mit dem Bus vom Gerolsteiner Bahnhof in Oberstadtfeld beim „Backes" ankam, unternahm ich traditionell zunächst einen Rundgang durchs Dorf. Und wenn ich dann beispielsweise eine alte Bäuerin antraf, die vor dem Haus Feierabend machte, gab es zwei Möglichkeiten: entweder kannte sie mich von meinen vorherigen Visiten, dann fragte sie: „Winni bass dau daan kunn?", oder sie erinnerte sich nicht mehr genau, dann hieß es: „Wemm bas dau daan?" Und dann gab es als Antwort auch wieder zwei Möglichkeiten, denn in Oberstadtfeld antwortete ich: „Ech senn dem Bungender Johann" und in Niederstadtfeld: „Ech senn dem Niesen Bäbi". Und damit war ich wieder zuhause.
Eigentlich selten begleitete mich meine Patentante, Bungender Kätt, auf so einem Abendspaziergang. Dann konnte es beispielsweise so laufen:
Bäuerin zur Tante: Uh, wään as daat daan? Tante:
Ajoh, dään Adalbert.
Bäuerin
Wään?
Tante:
Ajoh, däm Bungender Johann sein Aalsten.
Bäuerin:
Ajoh, ech meen, dään hon ech reeds virisch Joar gesieh.
Tante:
Secher daat! Dän as doch uft hei
Bäuerin zu mir:
Ech menen dau bass schruß jän. Bas dau daan at lang hei?
Ich zur Bäuerin
O waat! Ech se jerood reecht kunn
Leider habe ich in den letzten Jahrzehnten vieles wieder verlernt. Das liegt auch daran, dass man kaum mehr in Platt angesprochen wird und dass so viele Auswärtige in den Dörfern wohnen und dass viele Jugendliche den Dialekt nicht mehr verstehen, geschweige denn sprechen.
Aber immer wieder gehen mir Wörter und Sätze und Ausdrücke und Bezeichnungen durch den Kopf. Ich weiß noch, wann z.B. ein Bauer seine Kuh als „drääkisch Loar" bezeichnete, und was „Heielei" oder „Uh der Kunner" bedeutet. Ich weiß noch, wer Miller Kloos war oder „Kuckuck" oder „die Baach" oder die „Hohner" oder die „Schei-er" oder die Jovvel". Ich erinnere mich an den Pflüger Jakob, der die Wirtschaft meiner Tante stets betrat mit dem Ausruf: „Kätt, jeff mer noch'n Schnaps!" Manchmal schaffe ich sogar eine kleine Unterhaltung in Eifeler Platt.
Es waren die für mich persönlich wichtigsten Zeiten, die ich in Oberstadtfeld und Niederstadtfeld verbracht habe, mit den Maaren, den Wäldern, der Landwirtschaft, vor allem den Menschen und ihrer Sprache. Schon die Vorstellung, dass alles nicht erlebt zu haben, ist absolut „schreilich".