von Harald Billen, Niederstadtfeld
Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit meinem Vater oder meiner Mutter hochdeutsch geredet zu haben. Auch, dass die beiden untereinander mal einen hochdeutschen Satz gewechselt hätten, wüsste ich nicht. In den siebziger Jahren wurde mir das Niederstadtfelder Platt, oder aber das Wallenborner durch meine Mutter, quasi eingetrichtert. Auch mit den anderen Kindern im Dorf war die plattdeutsche Sprache fast selbstverständlich. Ausnahmen gab es aber damals schon und wurden sogar als etwas merkwürdig empfunden. „Mir sprochen platt", das war halt einfach so.
Niederstadtfeld und Wallenborn, da ging es dann schon los. Auch wenn die beiden Orte nah aneinander liegen, so ist der Dialekt doch recht unterschiedlich. Zum Beispiel, etwas Schönes war bei meinem Vater „schiehn", bei meiner Mutter war es jedoch „schung". Das Ding war entweder „en Dingen" oder aber „en Dangen". Oft zitiert wird der Ausdruck „ein roter Glockenrock". Niederstadtfeld: „en ruhden Glohkenrook" Wallenborn: „en rugden Glakenraak"
Selbst Nieder- und Oberstadtfeld sind sich nicht immer einig. Wenn es um einen Wecker geht, so ist es in Niederstadtfeld der „Wäcka", während Oberstadtfeld den „Wääka" stellt. Auch gibt es in Oberstadtfeld den Ausdruck „Jardäinen" für Gardinen. Der ist nie in Niederstadtfeld angekommen. Es ist wirklich merkwürdig, dass es von Dorf zu Dorf, trotz kurzer Entfernung, solche Unterschiede gibt. Aber es ist, wie es ist. Oder wie man in Udersdorf sagt: „Et oss wie et oss."
Wenn man wie ich als Bauarbeiter auf den Eifelbaustellen groß geworden ist, so hat man im Laufe der Jahre viele Varianten der Dialekte kennengelernt. Verstanden habe ich sie bis heute alle und habe viele lustig klingende Wörter schon gehört. Geht man in Richtung Bitburg und weiter nach Luxemburg, so wird der Dialekt stärker und unverständlicher. Logisch, die Entfernung wird größer. Dort wird auch in der heutigen Zeit noch viel Platt gesprochen. Als ich vor ein paar Jahren eine Baustelle in der Region hatte, kam ein Vater mit seinem fünfjährigen Sohn auf die Baustelle. Der Junge hat kein einziges Wort in Hochdeutsch, sondern er hat in perfektem Platt gesprochen, das fand ich klasse. In der Art hatte ich das lange nicht gehört von einem Kind.
Manche Sachen lassen sich oft in Platt besser ausdrücken als in Hochdeutsch. Auf dem Bau zum Beispiel, wenn man seinen Ärger über etwas ausdrücken will. „Da kinnste un en Schreef loofen", hat zum Beispiel mein guter alter Kollege Johann aus Oberstadtfeld immer gesagt. „Oh Här höllef lenken", auch so ein Satz der zum Einsatz kommt, wenn man die Welt nicht mehr versteht. „Kräiz Jewitter", „Kräiz Bäienhäischen", „däm ass mat da jesähnta Keez net zo höllefen". Alles Ausdrücke, die meist nur schwer zu übersetzen sind, man weiß aber trotzdem, was gemeint ist. „Lohkeseh" ist ein Ausdruck für lauwarm. Oder ein Wort, dem ich im Heimatjahrbueh 2022 einen ganzen Artikel gewidmet habe: „estameren". Es steht für wertschätzen und erhalten von Dingen oder zum Beispiel auch zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch die plattdeutschen Wörter für die Ameise variieren sehr. Wir sagen „Ribbes" dazu, während zum Beispiel mein aus Neroth stammender Nachbar Vinzenz sie als „Sechohmes" bezeichnet.
Mittlerweile kommt das Dialektreden mehr und mehr aus der Mode. Früher hörte man oft, dass es schulische Nachteile mit sich bringen würde und die Kinder sich mit dem Hochdeutschen schwer tun. Tatsächlich fand man damals so manches plattdeutsche Wort in Schulaufsätzen. Wie sollte es auch anders sein? Sicherlich jedoch nur in den ersten Schuljahren. Ob der Dialekt die schulische Laufbahn eines Schülers wirklich beeinflusst hat, wage ich zu bezweifeln. Mittlerweile gibt es schon wieder MundartWettbewerbe, um den Dialekt am Leben zu halten. So ändern sich die Zeiten. Es fällt heutzutage schon auf, wenn junge Leute untereinander platt sprechen.
„Et jet Zäit, dat die Pänz wehr platt sprachen"!
Das Foto stammt aus dem Jahr 1974 und zeigt mich mit meiner Oma Margarethe. Ob sie überhaupt viel Hochdeutsch in ihrem Leben gesprochen hat?