von Dr. Reinhard Steffens, Berenbach
Durch Vergleiche wurde festgestellt, dass zwischen den meisten heute in Europa existierenden Sprachen sowie einigen asiatischen Sprachen Verwandtschaftsbeziehungen bestehen. Es wird angenommen, dass diesen eine gemeinsame Ursprache, das sogenannte „Indoeuropäische" (früher: „Indogermanische") zugrunde liegt. Colin Renfrew ist der Ansicht, dass die indoeuropäische Sprache mit der Ausbreitung der Landwirtschaft um 6500 v. Chr. Einzug auf unserem Kontinent gehalten hat. Durch vielfältige Abwandlung dieser Ursprache entstanden im Laufe der Zeit dann Stammessprachen. Diejenigen der Alemannen, Bayern, Sachsen, Thüringer und Franken bildeten letztendlich die Grundlage für das heutige Hochdeutsch, wobei auch Worte von den Römern und später von den Franzosen entlehnt wurden.
Mit dem Untergang des römischen Reiches eroberte der Germanenstamm der Franken unsere Region und besiedelte nach und nach die gesamte Eifel. Hierbei brachten die „Erstbesiedler" während der Rodungszeit ihre Dialekte mit, die von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden und welche die Basis unserer heute in den einzelnen Eifeldörfern gesprochenen Mundarten darstellen. Die Eifeldialekte werden zur mittelfränkischen Sprachgruppe gezählt. Sie gehören entweder dem „Ripuarischen" (Kölner Sprachraum im Norden) oder dem „Moselfränkischen" (Trierer Sprachraum im Süden) an. Die Grenze deckt sich ungefähr mit derjenigen zwischen den ehemaligen Kurfürstentümern Köln und Trier, wobei es sich um einen mehr oder weniger breiten Grenzsaum handelt. Für unseren Bereich kann die Linie Ernstberg-Nürburg-Hohe Acht in etwa als Grenzlinie zwischen ripuari-schem und moselfränkischem Sprachraum angenommen werden. Deutlich wird der Unterschied zwischen den beiden Sprachgebieten, wenn man die Aussprache bestimmter Worte betrachtet. Besonders ausgeprägt ist dieses beispielsweise bei den hochdeutschen Worten „Dorf" und „helfen". Ripuarisch geprägte Dialekte benutzen hier die Ausdrücke „Dorp" bzw. „helpe", während es in den moselfränkischen Mundarten „Dorf" bzw. „helfe" heißt. Das auslaufende „p" verändert sich also hier zu einem „f". Differenzen in der Aussprache der Selbstlaute zeigen sich auch bei Wörtern wie „Haus" (mosel-fränkisch), „Huus" (ripuarisch) oder „Maus" (moselfränkisch), „Muus" (ripuarisch). Ganz allgemein gilt, dass die Eifeler Mundart reich an bildhaften Ausdrücken ist und auf einen umfangreichen differenzierten Wortschatz zugreifen kann.
Teilansicht von Berenbach mit Kastelberg, 1989.
Der in Berenbach gesprochene Dialekt sowie die Mundarten der Nachbarorte gehören zum Bereich des Moselfränkischen. Hierbei kann sich das Platt zweier benachbarter Ortschaften voneinander unterscheiden. Manchmal werden diese Unterschiede jedoch erst beim näheren Hinhören deutlich wahrgenommen. Ein typisches Beispiel dafür, wie sich zwei benachbarte Orte in ihrer Mundart unterscheiden, ist folgende Redewendung:
„De Grompare sejn noch grasgreen, ma kann se noch net growe."
„De Schrompare sejn noch schraaß-schrön, ma kann se noch net schrowe."
(Hochdeutsch: Die Kartoffeln sind noch grasgrün, man kann sie noch nicht ausgraben.)
Für unseren Ort besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Berenbacher Dialekt demjenigen von Schönbach am ähnlichsten ist. Auch die Utzerather Mundart kommt in vielen Worten unserem „Platt" sehr nahe. Im Gegensatz zu dem in unserem Dorf gesprochenen Dialekt hat Utzerath mit den Orten Hörschhausen, Horperath, Gunderath und Kötterichen jedoch gemeinsam, dass in Worten mit „g" vor einem „r" ein „sch" wird (z. B. aus „Gras wird „Schraaß" aus „Grumpa" wird „Schrumpa"). Kötterichen lehnt sich in seiner Mundart deutlich an die Nachbargemeinden Uersfeld und Gunderath an. Im Gegensatz zu unserem Dialekt stehen hier beispielsweise die Worte für „rechnen" und „essen": Die Berenbacher sagen Berenbacher Nachbargemeinden sind in „rächene" und „äße", während es bei den der abgebildeten Tabelle für einige typische Kötterichern „räachene" und „eaße" heißt. Worte beispielhaft aufgeführt: Die Unterschiede im Dialekt zu den sieben Berenbacher Dialekt und der seiner Nachbarorte (Beispiele):
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Hochdeutsch |
Berenbach/ Schönbach |
Utzerath |
Hörschhausen/ Horperath |
Gunderath/ Körperichen |
Ulmen-Furth |
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Gras |
Gras |
Schraaß |
Schraaß |
Schraaß |
Gras |
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Kartoffel |
Grumpa |
Schrumpa |
Schrompa/ Schrumpa |
Schrumpa |
Grumpa |
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Grab |
Graaf |
Schraaf |
Schraaf |
Schraaf |
Graaf |
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Graben |
Growe |
Schrowe |
Schrowe |
Schrowe |
Growe |
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grün |
green |
schreen |
schröön |
schreen |
green |
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schön |
schien |
schien |
schüün |
schien |
schien |
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müde |
meed |
meed |
mööd |
meed |
meed |
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Kühe |
Keeh |
Keeh |
Köh |
Keeh |
Keeh |
|
Stroh |
Strieh |
Strieh |
Strüh |
Strieh |
Strieh |
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Tür |
Dia |
Dia |
Düa |
Dia |
Dia |
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Schürze |
Schiaz/Scheaz |
Scheaz |
Schüaz |
Scheaz |
Scheaz |
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rechnen |
räächene |
räächene |
räächene |
räachene |
röachene |
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essen |
äße |
äße |
äße |
eaße |
äße |
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Blech |
Blääch |
Blääch |
Blääch |
Bläach |
Blöach |
|
ich habe |
ech honn |
ech honn |
ech honn |
ech henn |
ech honn |
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angeben |
onnjenn |
onnjenn |
onnjenn |
ennjenn |
onnjenn |
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Ochse |
Ocks |
Ocks |
Ooß |
Ooß |
Ocks |
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Korn |
Kua/Koa |
Koa |
Kua |
Kua |
Koa |
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Tasche |
Tesch/Tasch |
Tasch |
Tesch |
Tesch |
Tääsch |
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Erbsen |
Erbeße |
Erbeße |
Erße |
Erße |
Erbse |
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Hose |
Bocks |
Bocks |
Botz |
Botz |
Bocks |
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Bücher |
Beecha |
Beecha |
Böja |
Beecha/ Beescha |
Beecha |
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fünf |
fünef/finef |
finef |
fünef |
fünef |
finef |
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kaufen |
koofe |
koofe |
koofe |
koofe/keefe |
keefe |
Zur Erstellung der Tabelle wurden folgende Personen befragt: Luise Daniels (Schön bach), Erich Bretz (Utzerath), Franz Josef Ferber (Hörschhausen), Alfons Bretz (Horperath), Heinz Marx (Gunderath), Hermann Klasen (Kötterichen) und Helga Schüller (Ulmen-Furth).
Es sei erwähnt, dass eine Reihe von Ausdrücken, die vor allem von älteren Bewohnern manchmal noch verwendet werden, aus dem Französischen in den moselfränkischen Dialekt übernommen wurde. Zu diesen Worten zählen beispielsweise: „lamendiere" (lamenter = jammern), „Bagasch" (bagage = Gepäck), „amüsiere" (amuser = vergnügen), „Plümo" (Plumeau = Federbett) „Schäselong" (chaiselongue = Liege), „Parpel" (parapluie = Regenschirm) oder „Trottoar" (trottoir = Bürgersteig).
Was den Fortbestand der Eifeler Dialekte betrifft, so ist festzustellen, dass diese allmählich auszusterben drohen. Moselfränkisch steht als bedrohte Sprache bereits auf der Roten Liste der Weltbildungsorganisation (UNESCO). Die negative Entwicklung setzte bereits in den 1970er-Jahren ein, als immer mehr Eltern begannen, mit ihren Kindern nicht mehr „Platt", sondern nur noch Hochdeutsch zu reden. Sie waren der Ansicht, ihr Nachwuchs hätte dann weniger Schwierigkeiten in der Schule. Heute ist erwiesen, dass dem nicht so ist, wenn die Kinder zweisprachig (Dialekt und Hochdeutsch) aufwachsen. Der Wechsel zwischen zwei Sprachen stärkt demnach die Auffassungsgabe und das abstrakte Denken. „Menschen, die zweisprachig aufwachsen, haben eine größere kommunikative Kompetenz als Sprecher, die nur in einer Sprache groß werden", so der Sprachwissenschaftler Wolfgang Schulte. Eine Mundart hat nur dann Bestand, wenn sie durch Sprechen von einer zur anderen Generation weitergegeben wird. Sobald diese Kette unterbrochen wird, beginnt sie auszusterben. Auch in unserer Gemeinde verstehen die Kinder heute ihre dialektsprechenden Eltern noch, sie selbst verständigen sich jedoch fast ausschließlich in Hochdeutsch.
„Verlust lebender Volkssprachen heißt Untergang einer in Jahrhunderten geschaffenen Kultur, Untergang auch aller Informationen über diese Kultur in der Sprache", schreibt Karl Conrath in seinem moselfränkischen Wörterbuch der Saar und der Obermosel. So wie es aussieht, sind die Jahre der „plattschwätzenden" Berenbacher gezählt. Ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und Eigenart unseres Dorfes ist damit wahrscheinlich dem Untergang geweiht. ■
Quellen: