Die Heuernte

von Gaby Schmidt, Mehren


Zu meiner Schulzeit Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre war die Heuernte wegen der Viehhaltung von größter Bedeutung. Ende Juni/Anfang Juli hörte man bei den Bauern den harten Ton des Dengels. So wurde das Schärfen der Sänß (Sense) genannt. Früh am Morgen nahm der Bauer die Sänß mit Holz- oder Stahlwurf über die Schulter und befestigte das Schlotterfaaß, welches für gewöhnlich aus einem Kuhhorn bestand, an seinem Leibgurt. In diesem Schlotterfaaß war der Wetzstein untergebracht. So ausgerüstet begab sich der Bauer auf seine Wiese und mähte das Gras. Neben dem Mähen per Hand mit der Sänß gab es aber auch die Mähmaschine. Meistens taten sich einige Bauern zusammen und mähten in gemeinsamer Arbeit ihre Wiesen, was schon eine große Erleichterung darstellte. Die Kinder hatten während dieser Zeit „Heuferien", damit sie auch kleine Arbeiten bei der Heuernte verrichten konnten, wie zum Beispiel das Heu mit dem Räächen (Rechen) wenden.

In dieser Zeit kam unser Lehrer auf die glorreiche Idee, einen Aufsatz über die Heuernte schreiben zu lassen. Vierzehn Tage blieben uns, dieses Thema zu Papier zu bringen. Aber wie soll man über etwas schreiben, wovon man als Nichtbauernkind keine Ahnung hatte? Da war guter Rat teuer. Meiner Freundin ging es ebenso. Wir jammerten unseren Müttern die Ohren voll, bis meine Mutter meinte: „Wie wäre es, wenn ihr selbst bei der Heuernte helfen würdet? Fragt doch mal einen Bauern. Der würde bestimmt nicht nein sagen." Das war es, das war die Rettung. Mütter haben immer gute Ideen.

In der Nachbarschaft meiner Freundin lebte eine Bauernfamilie. Dort fragten wir nach. „Daat oss keen Problem. Ihr zwei kinnt mot forren. Hollt ech nur jet zo trinke mot. Et jet steppich. Daat jet Duuscht. Morje freh jed et loos. Mir moosse sehn, dat ma et Hei hem brenge. Et oss Rähn jemeldet für die Wooch," meinte der alte Bauer.

Meine Freundin und ich waren überglücklich. Jetzt stand unserem Aufsatz nichts mehr im Wege.


Mehren bei Daun in den 1930er Jahren


Schon früh am Morgen wachte ich voll Tatendrang auf, frühstückte noch und traf mich mit meiner Freundin. Gemeinsam gingen wir zu der Bauernfamilie. Die Kühe waren schon am Leiterwagen angespannt. Wir nahmen voll froher Erwartung auf dem Wagen Platz. Als wir die Wiese erreicht hatten, bot sich uns ein ungewohntes Bild. Das Heu lag nicht verstreut auf der Wiese. Nein, es war auf Huppen (Haufen) gesetzt. Auf meine Frage, warum, erklärte mir die Bäuerin, damit es bei Regen nicht so viel Schaden erlitte. Gut zu wissen! „Su, jetzt ewer an die Orbed!", wies uns die Bäuerin an. Die Huppen wurden wieder ausgebreitet und das Heu mit dem Räächen gewendet. Das war eine Sysyphosarbeit: Heu wenden, Huppen machen, Heu wenden ...

Erst jetzt musste ich feststellen, wie viel Mühe nur in dieser Arbeit steckte. Gegen Mittag packten wir unser mitgebrachtes Essen aus. Die frische Luft und die ungewohnte Arbeit hatten dem Hunger Nahrung gegeben.

„En half Stunn maache mir Paus. Dann jeed et waider, damod ma reed jen!", meinte der Bauer. Nur eine halbe Stunde? O je, wir waren jetzt schon an unserer Belastungsgrenze angelangt. Doch wir ließen es uns nicht anmerken, das meinten wir jedenfalls.

Das Heu wurde mit dem Räächen auf den Leiterwagen gepackt. Der Bauer stand dort oben, nahm es entgegen und verteilte es gleichmäßig. Meine Freundin und ich halfen, so gut wir konnten. Da es sich um eine anstrengende und mühevolle und für uns ungewohnte Arbeit handelte, waren wir beide ganz schön geschafft. „Ech meene, ihr zwei schloft hoat Obend jod," meinte die Bäuerin lächelnd.

Vorne am Leiterwagen befand sich noch ein aufgesetztes hohes Leitergestell. An diesem wurde der Wiesbaum befestigt. Mit einem langen Seil band der Bauer das Heu durch eine Drehvorrichtung fest. Wir durften das Leitergestell hochklettern und die Heimfahrt von dort oben auf dem Heu erleben. Etwas holprig war die Fahrt, aber ganz schön abenteuerlich. Als wir den Bauernhof erreichten, war es Spätnachmittag. „Su ihr zwei. Et oss jeschafft für hoat. Ihr dirft jetzt vom Won roof kunn." Doch ich traute mich nicht. Die Kühe standen noch eingespannt am Leiterwagen. Erst als der Bauer sie aus ihrem Gespann erlöste, kletterte ich die Leiter herunter. „Ne, ne," lachte die Bäuerin. „Dat honn ech och noch net erlewt. Dat ma Angst fer a Koh hot!" Aber ich war halt kein Bauernkind und hatte daher auch nicht so engen Kontakt mit dem lieben Vieh.

„Ihr hot jood jeschafft und bestimmt vill Stoff fir eyere Aufsatz jesammelt," meinte der Bauer und brachte uns als Abschluss des Arbeitstages ein kühles Glas Milch und eine Schmier (Butterbrot).

Ich kann mich leider nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern. Nur eines weiß ich noch genau: Der Aufsatz wurde mit Erfolg gekrönt.