von Rebecca Umbach, Darscheid
„Wofür gibt es das Hochdeutsche, wenn dann jeder Dialekt spricht?" — Das war bis vor wenigen Jahren meine Einstellung gegenüber Dialekten, insbesondere gegenüber dem Eifeler Dialekt. Geändert hat sich diese Ansicht ab dem ersten Semester meines Germanistik-Studiums, als ich plötzlich mit Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch konfrontiert wurde und festgestellt habe, dass ich einige Wörter aus unserem Dialekt kenne. Dazu muss man sagen, dass ich selbst kein Dialekt spreche — aber auch kein „reines" Hochdeutsch. Verstehen tue ich es allerdings schon. Ich fand es unfassbar spannend, dass sich Wörter aus einer historisch fremden und weit zurückliegenden Zeit noch immer in unserer Sprache erhalten haben. Die Eife-ler-Dialekte wurden sozusagen zur „lebendigen Geschichte" für mich und eine Art „Versuchsobjekt". Immer wieder stelle ich mir die Frage, wo einzelne Wörter herkommen oder von welchem mittelhochdeutschen Wort sie abstammen könnten. So beispielsweise das beliebte Wort „Wingert", welches vom mittelhochdeutschen Nomen „wingarte" abstammt und bereits damals zur Bezeichnung eines Weingartens oder -berges verwendet wurde.
Aber es sind nicht nur einzelne Wörter, die an das Mittelhochdeutsche erinnern, sondern auch die Aussprache mancher Wörter. So wurde der „Sohn" bereits im Mittelalter als „sun" bezeichnet, und auch „dat" für „das" oder „appel" für „Apfel" waren den Mittelhochdeutschsprechenden nicht unbekannt. Außerdem weisen die zahlreichen Jid-dismen und Gallizismen in den Eifeler Dialekten auf verschiedene kulturelle Kontakte in unserer Vergangenheit hin. Wörter wie „malochen", „schmusen", „zocken", „mauscheln" oder „Tacheles [reden]" stammten ursprünglich aus dem Jiddischen und wurden aufgrund des engen Austausches und alltäglichen Miteinanders zwischen Juden und Christen ins Deutsche aufgenommen, sodass die Verwendung dieser Wörter für uns heute vollkommen normal ist und wir wahrscheinlich sogar überrascht wären zu erfahren, dass sie eben nicht „deutsch" sind. Während die Juden bereits seit dem römischen Kaiserreich in Europa siedelten und die deutsch-jüdische Geschichte als eine gemeinsame betrachtet werden kann, gab es Phasen, in denen Deutschland - beziehungsweise dessen „Vorstufen" — von anderen Nationen beherrscht oder beeinflusst wurde wie von Frankreich unter Napoleon Bonaparte. Dessen Herrschaft über den sogenannten „Rheinbund" und die Einführung des „Code civil" führten nicht nur zur Herausbildung eines eigenen „deutschen" Nationalgefühls, sondern auch zur Übernahme einiger Wörter aus dem Französischen, den Gallizismen. Aufgefallen ist mir das bereits, als ich einem Freund erzählte, dass ich den Bezug meines „Plumeaus" wechseln müsse.
Er verstand absolut nicht, was ich meinte. Ich dachte erst, es sei ein akustisches Missverständnis und wiederholte - erfolglos -das Wort, bis ich einfach „Bettdecke" sagte. Da wurde mir bewusst, dass es für Leute aus anderen Regionen Deutschlands nicht üblich ist, seine Bettdecke so zu bezeichnen. Eine ähnliche Erkenntnis hatte ich, als mein Vater mir sagte, dass ich zum Spritsparen „toujours" 130 Stundenkilometer fahren solle. Für mich und wahrscheinlich auch einige andere Eifeler vollkommen verständlich. „Toujours" heißt „immer" und stammt ebenfalls aus dem Französischen. In anderen Teilen Deutschland würde seine Wortwahl vermutlich ähnlich aufgefasst werden wie ein nicht dringend notwendiger Anglizismus.
Diese Beispiele zeigen, dass die Eifeler Dialekte quasi eine Art „historisches Zeugnis" sind und eine Brücke zur Vergangenheit der deutschen Sprache, aber auch Gesellschaft bilden. Allerdings helfen uns diese Dialekte nicht nur, die Vergangenheit und deren Sprecher besser zu verstehen und Entwicklungen innerhalb der deutschen Sprache nachvollziehen zu können, sondern sie sind noch immer „hochaktuell". Ich habe die Eifeler Dialekte oft zu Unrecht als minderwertig gegenüber dem Hochdeutschen betrachtet, aber sie sind auch heute noch höchst relevant und hilfreich. Nicht nur um eben im Jiddisch-Seminar in der Uni punkten zu können, sondern auch, weil es einem das Verständnis so mancher Grenznachbarn erleichtert. Ebenfalls im Rahmen des Studiums begleiteten ein paar Kommilitonen und ich den luxemburgischen Geschichtsleistungskurs eines Dozenten nach Verdun. Die Lernenden sprachen Deutsch, Französisch, Englisch und Luxemburgisch. Sprachliche Vielfalt vom Feinsten also. Um das Luxemburgische verstehen zu können, erwiesen sich die Dialekt-Kenntnisse aus der Heimat ziemlich nützlich, was auch allgemein den Alltag an der Trierer Uni, die eben auch von vielen Luxemburgern besucht wird, erleichtert. Die Eifeler Dialekte sind also sowohl historisch als auch aktuell betrachtet keineswegs dem Hochdeutschen „unterlegene" Sprachvariationen, wie ich es früher angenommen habe.