Jellweder Platt - Quo vadis?

von Günter Schenk, Gillenfeld


„Jeder Landstrich hat seine Eigenarten; jede Region ihren besonderen Charakter. Seinen Ausdruck findet das Individuelle in einem homogenen Zusammenspiel zwischen Natur und Kultur. Und bei den Kulturgütern ist besonders die Sprache ein prägendes Element. Die Sprache - die Mundart -steht für die Menschen einer Region; sie ist in Landschaft und Geschichte verwurzelt, sie ist Teil des Ganzen. Stirbt die Mundart, bricht ein Stück Kultur ab, wird das Individuelle, das Besondere zum Klischee.

Während man andernorts in unseren Landen Tradition und Mundart mit Stolz hochhält, finden wir unseren Dialekt eher auf dem Sterbebett. Das hört sich vielleicht dramatisch an, da doch die meisten Älteren noch Platt sprechen. Aber in vielen, besonders jüngeren Familien, ist das nicht mehr der Fall. Und das fatale ist: Die Mundart wird den Kindern nicht weitergegeben. Kinder, die unser Platt beherrschen, sind Ausnahmen. Aber wenn die Kinder es nicht können, wer soll es dann weitertragen?

Warum das so ist? Es gibt keine logische Erklärung. Unseres Erachtens hängt es damit zusammen, dass man mit dem Abstreifen des, der Eifel lange Zeit anhaftenden Armutsmäntelchens, auch den Dialekt ablegte, die Sprache der einfachen biederen Eifeler. Man will heute „in" und modern sein — und da passt nach Meinung vieler unser Platt nicht mehr dazu. Sicher ist es richtig und vernünftig, dass die Kinder heute zum Einstieg in Kindergarten und Schule mit dem Hochdeutschen gewappnet sind. Doch wäre es schlimm, wenn sie daneben auch unsere Mundart erlernten?

Denn Mundart, das „Platt" ist kein verdorbenes Deutsch gering gebildeter Menschen, sondern ein dem Hochdeutschen gleichwertiges Instrument Wirklichkeit einzufangen. Und das gelingt mit dem Platt oft viel treffender. Besonders wenn es um persönliche Beziehungen oder den engeren Bereich von Landleben und Landwirtschaft geht. Oft lässt sich gar, ein im Hochdeutschen nur sehr schwer definierbarer Umstand im Platt mittels mannigfaltigeren, speziellen Wortschatzes viel feiner und genauer explizieren. In Anbetracht dieser Variationsmöglichkeiten und Feinheiten könnte man sogar, in der Schwierigkeit der Anwendung, das Platt dem Hochdeutschen überordnen.


Titelseite der Gillenfelder Mundartfibel (Es sind noch Exemplare vorrätig. Bei Interesse an den Verfasser wenden.)


Illustration aus der Mundartfibel: „De Bia bejim Bea"


Das ist nun alles gut und schön. Doch was lässt sich zum Erhalt dieses Kulturgutes tun? Genau genommen wenig! Mit Gewalt kann das Plattreden nicht verordnet werden. Mehr oder weniger bleibt nur auf eine Trendwende oder einen Sinneswaldes zu hoffen, die den Dialekt wieder aktuell werden lassen.

Bis daher heißt es, möglichst viel zu konservieren und zu dokumentieren. In diesem Punkt sieht sich auch der Eifelverein in der Verantwortung. So hat sich die Ortsgruppe Gillenfeld die Aufgabe gestellt, die speziellen Wörter, Ausdrücke und Redewendungen unseres Dialektes aufzulisten, die es im Hochdeutschen nicht gibt bzw. diesem so artfremd sind, dass man sie mit dem Bezugswort nicht in Verbindung bringt."

Das sind meine Worte, die ich als Einleitung unserer kleinen Mundartfibel „Jellweder Platt - Spezial" im Oktober 1999 voranstellte. Die Gillenfelder Eifelvereinsortsgruppe wollte kein Mundartlexikon erstellen, sondern nur spezielle Wörter und ältere Ausdrücke, die heute gebräuchlicheren, dem Hochdeutschen angelehnten Begriffen gewichen sind, erhalten.

Dem Druck der munter illustrierten Broschüre gingen viele Stunden eines Arbeitskreises voraus, in denen gesammelt, geordnet und ausgewertet wurde, ehe das Werk im Rahmen einer großen Mundartveranstaltung zur Vorstellung kam.

Blicken wir zurück, so sahen wir vom Gillenfelder Eifelverein bereits vor einem viertel Jahrhundert unseren Dialekt „auf dem Sterbebett" und haben versucht - und versuchen, dem entgegen zu wirken. Damit stehen wir auch nicht alleine da. Es sind jedoch sehr bescheidene Ansätze mit - bei realistischer Betrachtung - keinem greifbaren Erfolg.

Ein Umdenken, mit dem Ergebnis, dass wieder mehr Platt gesprochen wird, wie der Redaktionsausschuss bei der Vorstellung des Schwerpunktthemas es sieht, kann ich in Gillenfeld und Umgebung leider nicht erkennen. Eher geht der Trend in die andere Richtung. Eines Tages wird unser Dialekt verschwunden und damit ein wichtiges Kulturgut verloren gegangen sein.

Wenn ich daran denke, „jiehn ma die Grisselen aus!" *) Daher kloppe ich bei jeder Gelegenheit „Jellweder Platt" mit möglichst alten Brocken gewürzt und erfreue mich an Einmaligkeiten wie der weltweit interessantesten Farbbestimmung: „Broun-brinzelich wie en Ochsefuaz!"*) schaudert es mich