Einsteins Rache

von Karl-Josef Prüm, Trier


In meiner Funktion als Baumsachverständiger werde ich seit über dreißig Jahren immer wieder mal in die eine oder andere Gemeinde der Vulkaneifel gebeten. Vor einigen Jahren hatte ich einen Termin in einem Vorort von Gerolstein. Der Ortsname tut hier nichts zur Sache. Meine Gastgeberin und zugleich Auftraggeberin war eine Dame in den ausgehenden Fünfzigern, die wir in Abänderung ihres echten Namens Rosalinde Reinholz nennen wollen. Wie telefonisch vereinbart, rückte ich pünktlich gegen zehn Uhr an und betätigte die Haustürklingel.

Mein erster Blick traf ihn auf der beigen Ledercouch seiner Herrin, Frau Reinholz. Geduldig lag er da, als wartete er darauf, was der fremde Besucher wohl in seinem Reich zu tun gedenke, jederzeit bereit, auf Kommando über ihn herzufallen. Einstein war ein merkwürdiges Wesen, eine Mischung aus Kalb, Kamel und Teddybär, jedenfalls auf den ersten Blick alles andere als ein Hund. Und doch war er der Vorzeigekläffer in Frau Reinholz" Hausgemeinschaft, zu der auch ein träger Bullterrier gehörte. Die verwitwete burschikose Dame muss eine echte Hundenärrin gewesen sein, wenn sie sich ein Tier wie Einstein hielt, dessen Rasse ich beim besten Willen nicht hätte bestimmen können. Aber ich war ja nicht als Hundeexperte gerufen worden, sondern als Baumsachverständiger.

Frau Reinholz hatte seit geraumer Zeit unter einer heftigen Befehdung seitens ihres lieben Nachbarn zu leiden, ein Streit, der kürzlich in der ultimativen Forderung des vermeintlichen Bösewichtes gipfelte, Frau Reinholz solle ihren einzigen großen Gartenbaum umgehend fällen lassen. Der Baum stelle eine Gefahr für Leib und Leben der Anwohner dar, hieß es im eingeschriebenen Brandbrief der Anwaltskanzlei Dr. Fritz Hobelzahn und Kollegen.

"Na, dann wollen wir uns das Objekt der Begierde doch einmal anschauen", sagte ich schließlich zu meiner Gastgeberin, nachdem wir eine Weile auf der Couchgarnitur im Wohnzimmer gesessen hatten, wobei sie mit der Rechten seelenruhig mit Einstein kuschelte, was ihn nach meiner Wahrnehmung allmählich etwas zu erregen schien. "Selbstverständlich, Herr Prüm, wir können gleich hier durch die Wohnzimmertür in den Garten wechseln. Und du, mein lieber Hansi, bleibst schön im Haus", ergänzte sie, an ihren Bullterrier gewandt, der im Fernsehsessel lag, und dessen ich deshalb erst jetzt gewahr wurde. Frau Reinholz schritt zu der gewaltigen Fensterfront und öfnete eine Schiebeglastür. Ich war für Sekundenbruchteile von der wagen Hofnung beseelt, Einstein würde ebenfalls im Wohnzimmer bleiben, damit ich in Ruhe meinen Job verrichten könnte. Aber weit gefehlt, er war der Erste, der unter Zuhilfenahme seines ungelenken Bewegungsapparates in den Garten hinaus stakste. "Einstein ist ein ganz Lieber", beruhigte mich Frau Reinholz, die mich offenbar durchschaut hatte. "Haben Sie auch Hunde?" Das hätte noch gefehlt! "Nein, nur ein Katze, sie ist leider nicht hundekompatibel." Das 'leider' hätte ich mir schenken sollen, denn ich fand es ganz in Ordnung so. Das Corpus delicti, ein solitär stehender Mammutbaum von beachtlicher Statur, schien auf den ersten Blick völlig in Ordnung zu sein. An Stamm, Stammfuß, Wurzelraum und Baumumfeld jedenfalls war nichts an kritischen Defektsymptomen festzustellen. Die Baumkrone war vital, die Beastung dicht, die Benadelung nicht zu beanstanden. Die unteren Äste formten eine hübsche Schleppe, die fast bis zum Erdboden reichte. Im Bereich der mittleren Stammhöhe waren ein paar Aststummel zu erkennen, die auf gelegentliche Grünastbrüche bei Sturm oder Gewitterböen schließen ließen, ein Phänomen, das für Mammutbäume durchaus typisch und deshalb grundsätzlich hinzunehmen war.



Ich verkündete Frau Reinholz den guten Zustand ihres Baumes, was sie freudig zur Kenntnis nahm. "Zur genauen Höhenermittlung müsste ich mich allerdings kurz außerhalb des Gartens begeben", fügte ich hinzu. "Das ist überhaupt kein Problem. Dort hinten ist ein Tor. Kommen Sie, ich schließe Ihnen auf."

Erst jetzt bemerkte ich die Unmengen an Hundekacke, die den mehr oder weniger als Blumenwiese genutzten Garten bedeckten, soweit das Auge reichte. Im Bemühen, Frau Reinholz zügig zu folgen, war mir zwischenzeitlich wohl schon der eine oder andere 'Fehltritt' unterlaufen. Jedenfalls klebte übel riechendes Geschmiere an den Sohlen meiner tief profilierten Wanderschuhe. "Achten Sie auf den Hund", warnte ich meine Auftraggeberin, als sie das Törchen öffnete, aber sie winkte ab. "Keine Sorge, Einstein ist ein intelligentes Tier, der macht so was nicht. Der ist mir noch nie ausgebüxt!"

Just in dem Augenblick, als ich die schmale Türöfnung passieren wollte, brauste aus der Tiefe des Raumes mit ungeheurem Elan niemand anderes als Einstein heran und stürmte unter konsequenter Nichtbeachtung aller Zurufe, Kommandos und Flüche seiner Herrin zum Tor hinaus, und weg war er! Dass er mich nicht über den Haufen rannte, war reine Glückssache.

Frau Reinholz und mir blieb nur das Nachsehen. Diese stolze Leistung hätte ich dem schlacksigen Geschöpf niemals zugetraut. Wie Frau Reinholz schreiend und wild gestikulierend hinter ihrem akademischen Vierbeiner hereilte, war ein Bild für die Götter. Dabei hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Einstein nutzte die Gelegenheit seiner unverhofften Befreiung schamlos aus und erwies sich alsbald als lebende Verkehrsberuhigungsmaßnahme in der Anliegerstraße, jedenfalls kam der Autoverkehr abrupt zum Erliegen. Einstein beanspruchte die Straße für sich allein. Er galoppierte wie ein stolzes Wildpferd rauf und runter und es gelang ihm dabei mühelos, seiner Herrin, die sich ihm wiederholt in den Weg zu stellen versuchte, Haken schlagend geschickt auszuweichen und sie immer wieder ins Leere laufen zu lassen.

Ich führte unterdessen in aller Ruhe die Baumhöhenmessung durch. Überschlägig kam ich zu dem Ergebnis, dass der Mammutbaum total unproblematisch war, jedenfalls lag die Formigkeit des Baumes als Ergebnis des Quotienten aus Baumhöhe und Stammdurchmesser im grünen Bereich.

Auf der Straße ging unterdessen die un-geplante Zirkusvorstellung munter weiter. Nach einigen Minuten zeigte Einstein allerdings zu meiner leisen Enttäuschung erste Anzeichen von Konditionsschwäche. Das fehlende Training war es wohl, das ihn schließlich ermatten ließ und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis es der völlig überdrehten Rosalinde Reinholz gelang, ihren Liebling erst am Kragen zu packen, ihn dann in den Schwitzkasten zu zwingen und ihn schließlich unter aufmunternden Worten in den befriedeten Bezirk ihrer Hausliegenschaft zurück zu bugsieren. "Ihr Mammutbaum ist komplett okay", sagte ich der ebenso überglücklichen wie erschöpften Hundehalterin und verabschiedete mich ohne weiteren Verzug. Als ich wieder am Lenkrad saß, stieg mir bald ein bestialischer Geruch in die Nase. Ich hielt am Dorfbrunnen an und widmete mich ausgiebig Einsteins Kacke.