Gesundheit in guten Händen

200 Jahre Adler-Apotheke Daun

von Alois Mayer, Daun

Wer kennt es nicht, jenes „Apotheken-A, ein rotes großes gotisches A auf weißem Grund mit eingezeichnetem Arzneikelch mit Schlange"? An mehreren Gebäudefassaden in Daun macht dieses offizielle Verbandszeichen des deutschen Apothekerverbandes auf sich aufmerksam und verkündet jedem: Hier ist eine Apotheke, die dir und deinen gesundheitlichen Problemen helfen kann.

Und dieses Apothekensymbol prangt ebenfalls in der Leopoldstraße 4, gegenüber dem ,Forum Daun' und signalisiert stolz, dass diese Adler-Apotheke in vorbildlicher Weise seit 200 Jahren ihren Beitrag zur menschlichen Gesundung leistet. Zudem ist sie ein entscheidender Bestandteil Dauner Historie.

Die preußische Verwaltung schuf 1816 den Kreis Daun und begann mit einem systematischen Aufbau in allen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereichen. Besonderes Augenmerk galt dabei dem Gesundheitswesen, in Sonderheit den medizinischen und pharmazeutischen Sektoren.


Die Adler-Apotheke im Jahr 1926


So ernannte der damalige erste Landrat des Landkreises Daun Ernst Avenarius den Dauner Arzt Johann Weber zum ersten „Kreisphysikus" (= Kreis-, Amtsarzt). Er war am 22.02.1787 in Schutz, Landkreis Vul-kaneifel, als Sohn des Mühlenbesitzers Peter Weber und Anna Maria Zirbes geboren worden, hatte sich als junger Arzt in Daun niedergelassen und in die Gutsbesitzerfamilie Hölzer eingeheiratet. In seiner „Wohnhauspraxis" (heute AOK Gesundheitskasse Daun) verwahrte er anfangs selbst Medikamente, Gewürze, Drogen und Heilkräuter, stellte Salben und Mixturen her.

Damit verkörperte er wohl als einer der letzten Personen, die in sich zwei Berufe vereinten, nämlich den eines Arztes und den eines Apothekers. Das Wort „Apotheke" stammt über lateinisch ,apotheca', was wörtlich Ablage (Lager, Ablage, Niederlage, Depot, Aufbewahrungsort, Speicher)' für Vorräte im Allgemeinen bedeutet. Im engeren Sinne bedeutet Apotheke jedoch einen Ort, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und hergestellt werden.

Theoretisch galt bereits seit 1241 die „Medizinalordnung", nach der die Berufe Arzt und Apotheker getrennt werden mussten. Ärzte durften keine Apotheke besitzen oder daran beteiligt sein. Diese Verordnung hatte der Stauferkaiser Friedrich II. erlassen, um Preistreiberei zu verhindern und so dem Patienten gerechter zu werden. (Im gleichen Jahr wurde in der Trier'schen Chronik auch erstmals eine deutsche Apotheke erwähnt, nämlich die Löwen-Apotheke am Trierer Hauptmarkt, die noch heute an derselben Stelle betrieben wird. Sie ist damit wohl die älteste Apotheke Europas).

Diese strikte Berufstrennung ließ sich jedoch durchs Mittelalter bis in Neuzeit hinein in der flächenmäßig großen und gering besiedelten Eifel nicht einhalten.

Als jedoch das preußische Königreich ab 1815 die Regierungsgewalt über die Eifel und das Rheinland übernahm, verlangte und kontrollierte es streng die Einhaltung der preußischen Gesetze. Und diesen nach war die Arzneimittelherstellung durch Ärzte absolut nicht zulässig. Sie war alleinige Aufgabe von Apothekern und des übrigen Apothekenpersonals. Sie wurden verpflichtet, neben der Herstellung von Medikamenten und deren Verkauf, die Kunden zu beraten, sie über unerwünschte Wirkungen aufzuklären und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln oder apothekenplich-tigen Medizinprodukten aufzudecken und darüber zu informieren. Diese Kernaufgaben gelten bis heute und sind fest in der Apothekenbetriebsordnung verankert.


Qualifizierter Apotheker gesucht

Seit 1815 dürfen Apotheken nur von einem staatlich geprüften Apotheker geführt werden. Und ein solcher war „Kreisphysikus" Johann Weber nicht. Überhaupt gab es weder in der Kreisstadt Daun noch im Landkreis einen approbierten Apotheker. So drängten Dr. Weber und Landrat Ernst Avenarius (1817-1839) auf die Niederlassung einer selbständigen Apotheke, in der ein staatlich geprüfter und zugelassener Apotheker Medikamente herstellen, prüfen, aufbewahren und abgeben konnte. Amtsblätter der königlich-preußischen Regierung zu Trier baten mehrmals um Bewerbung qualifizierter Apotheker, so am 26.6.1818: „Es wird hiermit zur Kenntnis des Publikums gebracht, dass sich bis jetzt noch kein qualifizierter Apotheker im Kreis Daun befindet; und mithin Gelegenheit zu einem solchen Etablissement sowohl als auch zum Ankauf zweier in der dortigen Gegend bestehenden Officinen vorhanden ist. Diejenigen Apotheker, welche daher geneigt sind, sich in dem gedachten Kreise niederzulassen, werden hierdurch aufgefordert, sich dieserhalb bei uns zu melden, und die nötigen Zertifikate bei uns einzureichen. "

Aus dieser Anzeige geht hervor, dass 1818 zwei Offizine existierten, aber kein zugelassener Apotheker. Sie befanden sich damals in der „Stadt Daun" und im „Flecken Hillesheim". Eine Offizin, abgeleitet von dem lateinischen Wort: officina = Werkstatt, ist der „Arbeitsplatz des Apothekers ", wo er Rezepturen und Heilmittel herstellte. Heute ist damit der Verkaufsraum der Apotheke gemeint, wo die Kunden beraten und versorgt werden.

Aber zunächst meldeten sich keine Apotheker, die „geneigt waren", sich in der unbekannten Eifel und im abgelegenen Kreis Daun niederzulassen. Die ärmlichen und fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Strukturen waren in deutschen Landen negativ bekannt. Auch die Einwohnerzahlen der Kreisstadt Daun (knapp 600) und des Fleckens Hillesheim (ca. 800) versprachen keinen großen Verdienst.


„Apotheker Veling hat sich etabliert"

Sechs Jahre später! Das Amtsblatt der königlich-preußischen Regierung zu Trier veröffentlichte am 21.4.1824: „ Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, dass der praktische Arzt Dr. Johann Peter Weber von dem Königl. Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten zum interimistischen Kreis-Wundarzt für den Kreis Daun ernannt, und in dieser Eigenschaft am 12.4.1824 vereidet worden ist. "


Blick in die Adler-Apotheke nach 1930


Diese Aufgabenerweiterung konnte der Dauner Arzt Weber nunmehr annehmen, da sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Apotheker um die Stelle in Hillesheim und Daun beworben hatte. Es war dies „der approbierte und höheren Orts concessionierte Apotheker Hermann Josef Veling".

Seine Bewerbung hatte Erfolg. Er wurde angenommen und am 24. April 1824 vorschriftsmäßig vereidet. Sofort übernahm Veling die beiden Offizine in Hillesheim und Daun und richtete sie als Apotheken ein. Im Amtsblatt teilte der Landrat am 12. 5. 1824 öffentlich mit, dass sich in Daun der Apotheker Veling „etabliert und seine Officin bereits eröffnet" habe.

Knapp drei Wochen später, am 4. Juni 1824, „wird dem Publikum hiermit zur Kenntnis gebracht, dass in dem Kreisort Daun ... eine Apotheke angelegt und bereits vollständig eingerichtet ist, so dass Herr Veling seinem Kunst-Gewerbe in Verfertigung und Verkauf von Arzneien nachkommen kann." (Amtsblatt der königlich-preußischen Regierung zu Trier).

Hermann Josef Veling, Sohn von Matthias Veling, Arzt und Amtsphy-sikus in Boppard, und seiner zweiten Ehefrau Gertrud Katharina Minola, wurde 1790 in Simmern geboren (nicht in Vallendar, wie der Dauner Landrat schrieb). Er heiratete im August 1824 Luise Görgen aus Boppard, Tochter von Karl Görgen und Maria Josefa Hagemann. Die Familie bezog in der „Wallstraße" in Hillesheim Wohnung in ihrer Apotheke, die Jahre später den bis heute gültigen Namen „Löwen-Apotheke" erhielt. Dort kamen auch neun Kinder der Veling-Familie zur Welt.


Die Apotheke vor dem Zweiten Weltkrieg.


Die Dauner Apotheke entstand in der Leopoldstraße als Umbau eines bereits vorhandenen Gebäudes. Sie ist die bis heute bestehende „Adler-Apotheke", die sich diesen Namen jedoch erst Jahrzehnte später zulegte. Anfangs betreute Herr Veling die Dauner Apotheke noch mit seinen Angestellten persönlich, ließ Waren und Medizin von Hillesheim nach Daun bringen. Dann übertrug er diese Filialapotheke an selbständig agierende Apotheker, die aber im Gegensatz zu Hillesheim nur eine Teilkonzession besaßen.

Folgende Apotheker können noch nachgewiesen werden:

• Gottlob August Bernstein aus Löbstedt bei Jena, verheiratet mit Maria Mechthild Asmuth aus Mainz (ab 26.1.1830; + 1836 in Daun)

• Johann Peter Nickhorn, verheiratet mit Maria Katharina Schmitt (ab 1838)

• Ludwig Franz Biehaut (ab 1847). Die Erinnerung an ihn ist noch bis heute in Anekdoten und in der Dauner Stadtgeschichte lebendig. Er stammte aus Kleve und hatte Juliane Schwarze geheiratet, die allerdings 1851 sehr jung mit ihrem ersten Kind im Kindbett verstarb. Ludwig Biehaut heiratete nicht mehr. 1858 erwarb er die preußische Realkonzession. Die Dauner Apotheke wurde nun selbständige Vollapotheke und trägt seither den Namen „Adler-Apotheke". Sie bestand aus einem Wohnhaus mit Hofraum, einem Garten am Haus, Stall und Scheune.

Dem Apotheker Biehaut ist es auch zu verdanken, dass die Stadt Daun bis heute einen unter Denkmalschutz stehenden „evangelischen Friedhof besitzt. Mehrmals hatte es bereits Probleme bei Beerdigungen protestantischer Einwohner auf dem rein katholischen Friedhof gegeben. Den „interkonfessionalen Streit" löste damals Biehaut, der seinen ursprünglich privat und beruflich genutzten „Gewürzgarten" 1862 der Zivilgemeinde Daun „zur Anlegung eines Begräbnisplatzes für die Evangelischen in der Gemeinde Daun" übertrug. Er selbst fand am 6.2.1883 dort ebenfalls seine letzte Ruhestätte. Nach ihm erlebte die Adler-Apotheke häufig wechselnde Besitzer: Eduard Bender (bis 1885), den Dauner Apotheker und Heilpraktiker Lambert Ludwig Hölzer (+ 1888), Wilhelm Niesemann (bis 1890), Ferdinand Diesler (bis 1899), Karl Wilhelm Schlax aus Hillesheim (bis 1905), Theo Düren (bis 1911).

Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte Deutschland enorme Fortschritte und Errungenschaften der pharmazeutischen Industrie. Diese bewirkten ebenfalls eine Umstellung in den Arbeitsbereichen der Apotheke. Die Selbstherstellung von Arzneimitteln wich zunehmend der Prüfung der Qualität von Arzneimitteln. Kundenberatungen wurden vorrangig.


Ein Adler aus Ruinen

1926 gelangten Konzession und Adler-Apotheke an die bekannte Familie Hubert Ernst, die aus Palenberg bei Aachen stammte. In den kommenden Jahrzehnten nahm Familie Ernst bedeutsame Umänderungen, Vergrößerungen und Modernisierungen an und in der Adler-Apotheke vor.

Jäh und grausam wirkte dann der Weltkrieg mit seinen Schreckenstagen in Daun am 19. Juli 1944. Ein großer Bomberangriff zerstörte weite Teile der Dauner Innenstadt, bei dem ebenfalls die Adler-Apotheke in Schutt und Asche fiel. In deren Trümmern fanden der Apotheker Hubert Ernst mit zweien seiner Töchter sowie acht Kunden den Tod.

Nach Kriegsende sorgte Witwe Liesel Ernst für einen Neubau (Einweihung: 1950) und übertrug dann 1964 ihrer approbierten Tochter Ruth die Konzession, die die AdlerApotheke stets der fortschreitenden Technik und den Ansprüchen der Kunden gemäß anpasste (erheblicher Um- und Ausbau 1973). 1996 trat Ruth Ernst, der 1989 der Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz und 2002 die Staatsmedaille für besondere soziale Verdienste verliehen wurde, in ihren wohlverdienten Ruhestand. Ruth Ernst verstarb am 01.03.2013.

Seit dem 01.07.1996 wird ihr Lebenswerk von der Apothekerin Beate Reuter aus Kelberg-Meisenthal zum Wohle des kranken Menschen weitergeführt, gemäß dem Motto, das 1950 in den Grundstein des Dauner Apo-thekenneubaus eingemauert wurde: „Möge mit Gottes Segen die neue Apotheke eine Stätte sein, leidenden Menschen zu helfen".


DIe Adler-Apotheke im Jahr 2022


Das Team der Adler-Apotheke Daun um Beate Reuter (Vierte von rechts) heute.


Beate Reuter ließ 2012 weitreichende Umbaumaßnahmen durchführen, die Arzneimittel werden im automatischen Warenlager verwaltet, der Eingangsbereich der Apotheke mit seinen einladenden Schaufenstern ist barrierefrei gestaltet, eigene Kundenparkplätze stehen dem Kunden zur Verfügung. Angeboten werden neben einem reichhaltigen, modernen Arzneimittel- und Warensortiment zahlreiche weitere Serviceleistungen. Oberstes Gesetz ist das Wohl des Kranken. Äußerst viel hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten im Gesundheitswesen geändert, nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Vielzahl der Angebote.

Manche Mittel werden in Apotheken auch noch selbst hergestellt, zum Beispiel Salben, Kapseln, Zäpfchen oder Teemischungen. Und denjenigen, denen es nicht möglich ist, eine Apotheke persönlich aufzusuchen, werden dringend benötigte Medikamente durch einen eigenen kostenlosen Botendienst nach Hause gebracht.

Zu Zeiten unserer Vorfahren war das Aufsuchen und die Nutzung einer Apotheke sehr zeitaufwändig und mit enormen Kosten verbunden. Nur wenige Privilegierte und Vermögende konnten sich die Leistungen und das Angebot einer Apotheke leisten. Im Jahr 1958 entschied das Bundesverfassungsgericht die Niederlassungsfreiheit für Apotheken. Seitdem darf jeder Apotheker eine Apotheke am Standort seiner Wahl unabhängig vom Bedarf eröffnen. So stehen heute, auch dank eines vorzüglichen Versicherungswesens, die Angebote von dreizehn Apotheken im Landkreis Vulkaneifel einem jeden ofen, darunter auch vier Apotheken in Daun, von denen die älteste — die Adler Apotheke — im Jahr 2024 auf stolze 200 Jahre zurückblicken kann.

Unendlich viel hat sich in diesen zwei Jahrhunderten ereignet, unendlich viel hat sich verändert, aber die Adler-Apotheke ist ihrem Leitsatz: „salus aegroti suprema lex — das Wohl des Kranken ist oberstes Gesetz" seit 1824 treu geblieben.