von Peter May, Koblenz
Vor dem Bau der kommunalen Wasserversorgungsnetze haben sich die Dorfbewohner seit Jahrhunderten unter anderem mittels eigener Tiefbrunnen mit dem lebensnotwendigen Trink- und Brauchwasser versorgt. Die in Eifeler Mundart „Pötz" (von lat. puteus = Grube, Brunnen) genannten Brunnen lagen entweder im Hof oder, gut geschützt, innerhalb der Wohnhäuser. Die Schächte konnten, abhängig vom Grundwasserspiegel, zwischen 3 und 9 Meter tief sein (1), in Einzelfällen sicherlich auch bedeutend tiefer (so misst z. B. der Burgbrunnen in Hillesheim 28 m).
Nachfolgend soll ein bemerkenswerter Baubefund aus einem alten Eifeler Bauernhaus vorgestellt werden, der bisher ohne Parallelen ist und Anlass für interessante Deutungsmöglichkeiten gibt. Der Brunnen befindet sich im Haus Kellers (mundartlich: „Kellisch") im Dorf Auel, Am Tieferbach 8, Gemeinde Steffeln, Landkreis Vulkaneifel. Das Haus Kellers gehört zu den alten StockHäusern des Dorfs und wurde in den Jahren 1755 und 1955 grundlegend renoviert bzw. umgebaut. Verschiedene Indizien - ein dendrochronologisches Datum aus einem Dachbalken des Hauses „spätes 15. Jh." (2) und ein im Haus vergrabener Münzschatz aus der Zeit nach 1494 (3) - sprechen dafür, dass schon im ausgehenden Mittelalter ein Gebäude an dieser Stelle gestanden hat. Im Sommer 2022 wurde der Brunnenschacht vom Autor, nachdem er sich zuvor durch Herablassen einer brennenden Kerze vergewissert hatte, dass in der Tiefe keine giftigen Gase bzw. ausreichend Atemluft vorhanden ist, mittels professioneller Kletterausrüstung befahren und eingehend erkundet (4). sich im Kellergeschoss, etwa 2 Meter unter der äußeren Geländeoberkante und ebenerdig mit dem Kellerfußboden, ein alter, ausgemauerter Tiefbrunnen (vgl. Baubestandsskizze, Abb. 1). Der „Pötz“ ist seit dem Jahr 1921, als in der Gemeinde Auel das Wasserversorgungsnetz gebaut worden ist, nicht mehr genutzt worden. Heute ist er mit Brettern abgedeckt, damit niemand hineinfällt. Eine Haspel, Seilwinde, Pumpe oder andere Schöpfvorrichtungen sind nicht (mehr) vorhanden. Die Außenwand des Hauses verläuft heute quer über den Brunnenschacht, so dass anzunehmen ist, dass der Brunnen älter ist als das 1755 grundlegend erneuerte Haus. Der kreisrunde, senkrecht abgeteufte Brunnenschacht ist relativ eng. Der Durchmesser an der Oberkante beträgt nur etwa 0,8 m lichte Weite. Diagonal über die Mitte des Brunnens verläuft die Kellerwand, so dass heute nur noch eine halbkreisförmige, etwa 0,8 x 0,4 m weite Öff nung besteht, die zum Wasserschöpfen bzw. zum Ein- und Aussteigen in den Brunnen genutzt werden kann (Abb. 2). Der Brunnenschacht ist vollständig ausgekleidet mit exakt zugehauenen, segmentförmigen Buntsandsteinquadern unterschiedlichen Formats von bis zu etwa 0,5 x 0,3 m Größe. Die einzelnen Steinblöcke sind sorgfältig geglättet und in Trockenbauweise passgenau ringförmig gegen- und aufeinander gesetzt (Abb. 3). Eine Lotung mit dem Kletterseil hat eine Tiefe des Brunnens von seiner Oberkante bis zur Wasseroberfl äche von 6,0 m ergeben und von der Oberkante bis zum festen Untergrund von 6,9 m. Die Wassertiefe betrug damit bei der Erkundung nur knapp einen Meter, wobei der Grundwasserspiegel aufgrund der geringen Niederschläge im Frühling 2022 vergleichsweise tief gelegen haben dürfte. In einer Tiefe von etwa 3 m unter Kellerbodenniveau erweitert sich der zylindrische Brunnenschacht nach einer kurzen, gleichmäßigen Schrägung auf etwa 1,0 bis 1,2 m Durchmesser, um dann weiter in zylindrischer Form bis zum Grund zu verlaufen. Vielleicht diente die Erweiterung des Schachtquerschnitts dazu, eine größere Einsi-ckerungsfläche im Grundwasserhorizont zu schaffen oder ein größeres Wasservolumen vorzuhalten. Möglicherweise aber auch, und hier kommen wir zu dem rätselhaften Baubefund, um in der Tiefe eine größere Bewegungsfreiheit zu haben.
Abb. i: Skizze Baubestand
Abb. 2: Einstiegsöffnung
Abb. 3: Der ausgemauerte Brunnenschacht
In einer Tiefe zwischen etwa 3,5 und 5,5 m unter dem Kellerboden, also etwa 0,5 m über dem aktuellen Wasserspiegel, befindet in der Wandung des Brunnenschachtes eine rechteckige, heute zugemauerte Öffnung (Abb. 4). Die Öffnung ist etwa 2 m hoch und knapp einen halben Meter weit und hat damit die Größe einer schmalen Tür. Die beiden Seiten der Öfnung bestehen aus sauber zugehauenen, senkrecht stehenden Gewänden aus Buntsandstein. Der „Türstein" an der Unterseite der Öffnung ist an seiner sichtbaren, konkaven Kante aufallend stark abgerundet und erweckt den Anschein, dass er durch häuige Benutzung abgetreten ist (Abb. 5). Im Mauerring direkt unterhalb der Öffnung (und nur dort!) sind mehrere gut handbreite, waagerechte Schlitze eingehauen (Abb. 6). Diese Eintiefungen waren möglicherweise Stehhilfen oder könnten als Widerlager für Balken, ein Podest, eine Leiter oder ähnliches gedient haben. Die „Türöffnung" selbst ist mit mittelgroßen und kleineren, teilweise behauenen Bruchsteinen (hauptsächlich aus Buntsandstein, wenige aus Grauwacke und Palagonittuff) ohne Vermörtelung sauber zugesetzt. Bei der Befahrung wurden die in der „Türöffnung“ und an anderen Stellen des Brunnenschachtes befi ndlichen Spalten, Ritzen und Fugen intensiv, auch mittels Endoskop, darauf hin untersucht, ob sich dahinter etwa ein Hohlraum (Gang, Kammer, Depot oder ähnliches) befi ndet. Derartige größere Hohlräume konnten jedoch nicht festgestellt werden. Vielmehr waren die kleinen Spalten nach wenigen, maximal etwa 20 cm, zu Ende bzw. ist das Endoskop auf Steine und Erdreich gestoßen. Es hatte stellenweise den Anschein, dass hinter der sauber gemauerten Brunnenwand eine zweite Wand aus groben Felsbrocken steht, die vielleicht die Aussteifung der vorherigen Arbeitsgrube darstellen könnte. Die Sohle des Brunnens bzw. das Sediment darin konnte mangels Zeit und Arbeitsgerät nicht näher untersucht werden.
Abb. 4: Zugesetztes Gewände
Abb. 5: Abgenutzter Türstein
Abb. 6: Eingehauene Trittlöcher oder Widerlager.
Nun erscheint es verlockend, die zugesetzte „Tür" einfach zu öffnen und nachzuschauen, was sich dahinter befindet. Aber abgesehen davon, dass es sich bei der sekundären Zusetzung des Gewändes um einen intakten historischen Baubefund handelt, der aus denkmalplegerischer Sicht nicht zerstört werden darf, sollte dies allein schon aus sicherheitstechnischen Überlegungen unterbleiben (5). Wie der durchgehende Riss im massiven Deckstein des Gewändes eindringlich anmahnt, ist die statische Sicherheit des Bauwerks zumindest fragwürdig; vielleicht war der gebrochene Stein über der Mauer-öfnung sogar der eigentliche Grund dafür, dass sie aus der Benutzung genommen und dauerhaft verschlossen worden ist. Somit dürfte das Rätsel der „Tür im Pötz" weiterhin ungelöst bleiben. Wenn aber ein Leser eine plausible Erklärung für die merkwürdige Baustruktur hat oder vergleichbare Baubefunde kennt, so ist der Autor für entsprechende Hinweise dankbar.
1) Vgl. verschiedene Artikel im Heimatjahrbuch Landkreis Vulkaneifel: 1982, S. 61; 1983, S. 90; 1996, S. 99; 1997, S. 195; 2003, S. 131; 2012, S. 94, 117 u. 197
2) Briefl. Mitteilung von Fr. Dr. Sybille Bauer, Labor für DendorarchäoLogie Trier, vom 15.10.2002, LSB-Nr. 115/02
3) WiLheLmine Hagen: Neue Münzschatzfunde aus den Regierungsbezirken Trier, KobLenz und Montabaur. In: Trierer Zeitschrift 28, 1965, S. 85-92;
4) Befahrung am 13.08.2022. Für die ErLaubnis und tatkräftige Unterstützung sei Herrn Joachim Mies, AueL, herzLich gedankt. Zu dem „Erkundungsteam" gehörten weiterhin MichaeL Mies, Birresborn, Thomas May, Daun und Richard Igelmund, Auel.
7) Peter May: Zwei Chronogramme des Johann Michael Baur aus Auel. In: Heimatjahrbuch Landkreis Vulkaneifel 2010, S. 206 ff.
8) In einem Schreiben des Benefiziaten Johann Mergen an die Gräfin von Manderscheid-Blankenheim aus
9) Videografische Erkundung am 30.10.2022. Der 85 cm weite, unregelmäßig-zylindrische Brunnenschacht im Hof des Hauses „Schmotz" ist aus groben Bruchsteinen gemauert und von der Geländeoberkante bis zur Sohle 8,5 m tief bei einem Wasserstand von 0,5 m. Dem Hauseigentümer, Herrn Willi Blameuser, sei für die Erlaubnis zur Besichtigung gedankt.
10) Vgl. Mathias Zender: Sagen und Geschichten aus der Westeifel, Saarbrücken, 2013, S. 112 ff.
11) Peter May: Zur Geschichte des spätmittelalterlichen Münzschatzes in Auel. In: Heimatjahrbuch Landkreis Vulkaneifel 2018, S. 161 ff.
12) Frdl. Mitteilung von H. Werner Grasediek, Steffeln, vom 25.10.2017
13) Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 29 B, Nr. 125, Blatt 10 betr. Grenzstreitigkeiten zwischen Steffeln und Auel. Die Zeichnung des Dorfs „awel" mit dem „Zolstock" und „Kellers mehes [Bartholomäus] haus" aus dem Jahr 1707 ist abgebildet auf der Internetseite des Autors www.auel-800.jimdosite.com