von Hubert Pitzen, Stadtkyll
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie verwundbar moderne Gesellschaften sind und durch vehement auftretende Seuchen bis ins Mark getroffen werden können. Alle, die irgendwie in der Pandemiebekämpfung involviert waren, wie beispielsweise Mediziner *1, Politiker, Ökonomen, Sozialwissenschaftler, Ethiker, das medizinische und kommunale Personal etc., versuchten, die apokalyptischen Folgen durch gezielte Maßnahmen einzudämmen. Bund, Länder, Kreise, Städte und Gemeinden standen vor einem Kraftakt. Sie erließen vielfältige Verhaltensvorschriften. Institutionen wie Alten-und Pflegeheime sowie Krankenhäuser und Freizeitlokalitäten konnten eigene „Spielregeln" auf der Basis einer „Hausordnung" aufstellen.
Ursache der Pandemie ist ein Virus *2. Zusammen mit den pathogenen Bakterien sind die „kleinen Tierchen" weltweit jährlich für circa 5 Millionen Opfer verantwortlich. Einschränkend muss man bemerken, dass Bakterien für uns Menschen auch positive Eigenschaften besitzen, da sie zum Beispiel die Darmlora regulieren oder bei der Produktion von Medikamenten *3 mitwirken. Bis ins 19. Jahrhundert konnten die „lautlosen Killer" *4 ihr Zerstörungswerk ausleben. Der Kampf gegen die für uns unsichtbaren „Feinde" begann erst, als das Mikroskop den Blick in den Mikrokosmos freigab und somit den krankmachenden Erregern auf die Schliche kam. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten alle Maßnahmen verpufen und stießen ins Leere. Das für medizinische Zwecke erste Mikroskop erfand der Niederländer Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723), das den Weg hin zur Mikrobiologie bahnte, die Robert Koch im 19. Jahrhundert mitbegründete. Doch vor allem Viren wissen sich zu wehren. Sie entwickeln Strategien gegen unsere Angrife. Dabei verändern sie ihre Eigenschaften *5, indem sie Mutanten bilden und Varianten entwickeln.
Antoni van Leeuwenhoek (1632 -1723), Naturforscher und Mikroskopier aus Delft. Er entdeckte mit seinem Mikroskop Mikroorganismen, darunter Bakterien. (Gemälde von Jan Verkolje)
Robert Koch (1843 -1910), Mitbegründer der Mikrobiologie.
Durch das Auftreten und die Verbreitung der „Afrikanischen Schweinepest" (zurzeit 4.600 Fälle bundesweit) planen vier noch nicht betroffene Landkreise eine Zweckvereinbarung abzuschließen, die vor Auftreten der Seuche Absprachen festlegt. Es handelt sich um den Vulkaneifelkreis, den Kreis Trier-Saarburg, den Eifelkreis Bitburg-Prüm und den Kreis Bernkastel-Wittlich. In Rheinland-Pfalz sind nämlich die Kreise bei einem tierischen Seuchenausbruch zuständig und aufgefordert, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Bei der „Afrikanischen Schweinepest" kommen Sperrzonen infrage. Bei einem amtlichen Verdacht wird ein „Tierkrisenzentrum" (TSKZ) aufgebaut. Dort, wo ein infiziertes Tier auftritt, hat der betroffene Kreis die Federführung. Der/die jeweilige Landrat/in wird zum/r Leiter/in des TSKZ; das örtliche Veterinäramt berät bei fachlichen Fragestellungen. Dann erfolgt die Einrichtung eines Krisenstabes. Die nicht tangierten Kreise unterstützen den betrofe-nen Kreis mit Personal und Gerätschaften. Im Vordergrund stehen also prophylaktische Maßnahmen, um im Ernstfall gewappnet zu sein. Hierzu gehören Organigramme, Alarmierungs- und Ablaufpläne. Damit die Umsetzung der Planungen von Erfolg gekrönt ist, soll eine ständige Arbeitsgruppe einmal im Jahr tagen und regelmäßig Tierseuchenübungen abhalten.
Die auf Kreisebene vorgesehenen Schutzmaßnahmen betrefen auch andere bekannte Tierseuchen. Erst 2020 tauchte die „Afrikanische Schweinepest" im polnischdeutschen Grenzgebiet auf. Die Gefahr des Übergreifens der durch ein Virus hervorgerufenen Infektion von Wild- auf Hausschweine ist groß. Als Zwischenwirt können Zecken zur Weiterverbreitung der immer letal verlaufenden Seuche beitragen. Ein Überspringen des Virus auf den Menschen ist nicht nachgewiesen, jedoch trägt der Mensch durch weggeworfene, kontaminierte Lebensmittel zur Ausbreitung bei. Impfstoffe sind noch nicht verfügbar, sodass Vorsichtsmaßnahmen wie Hygiene, Stallpflicht und Wildschweinzäune das schlimmste Szenario verhindern sollen. Bei der Schweinegrippe *6 ist ein Überspringen auf den Menschen, meist durch Tröpfcheninfektion, nachgewiesen. Erstmals geschah dies 1976. Auch die Vogelgrippe *7 gefährdet Hühner-, Gänse- und Entenbestände. Prophylaktisch ist dann leider das Keulen angesagt, wenn die Stallplicht nicht greift.
Die „Apokalyptischen Reiter" als Boten des naheliegenden Weltuntergangs. (Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1497/98)
Die Angst und Betroffenheit war groß, als 1986 Bilder von torkelnden und zusammenbrechenden Rindern über die Bildschirme limmerten. In England war erstmals ein Rind vom „Rinderwahn" (BSE) betrofen. Diese immer tödlich verlaufende Rinderseuche stellt auch für den Menschen eine Gefahr dar, denn sie kann Menschen befallen, die dann am Creutzfeld-Jakob-Syndrom erkranken. Nicht durch Viren, sondern durch Eiweiße *8 werden Nervenareale im Gehirn angegrifen und zerstört. Muskelzucken und unkoordinierte Bewegungsabläufe sind charakteristisch. Weder eine Schutzimpfung, noch anderweitige Behandlungsmöglichkeiten können lindern. Schutzmaßnahmen sind Verzicht auf das Verspeisen von tierischem Gehirn und Mark. Auch die Maul- und Klauenseuche mit ihrem hochinfektiösen Virus soll hier zumindest Erwähnung finden.
Thuhydides (454-399/96 v. Chr.). Athener Geschichtsschreiber und Stratege, beschrieb die Seuche von Attika als Zeitzeuge, überlebte die Infektion.
Gleichsam wie die „Apokalyptischen Reiter" des Nürnberger Künstlers Albrecht Dürer fegten Seuchen in Todeswellen über die Menschheit hinweg. Ein erstes düsteres Bild vermittelt uns der Athener Historiker und Stratege Thukydides. Er berichtet als Zeitzeuge von einer pestartigen Seuche, die kurz nach Ausbruch des Peloponnesischen Krieges (431 - 404 v. Chr.) im Jahre 430 v. Chr. Athen *9 heimsuchte. Die Infizierten litten unter Pusteln und Geschwüren. Durch die dicht an dicht lebenden Athener breitete sich die Seuche in Windeseile aus. Es herrschten fürchterliche Zustände. In kürzester Zeit starben Menschen auf der Straße. Die öffentliche Ordnung zerbrach; Ärzte waren machtlos. Circa ein Viertel der Athener starb in den ersten drei Jahren der Epidemie. Bei der Seuche handelte es sich nicht um die uns bekannte Pest. Jede sich schnell um sich greifende ansteckende Krankheit bezeichnete man als „Pest". *10 Der Krankheitserreger ist bis heute nicht identifiziert. Es gibt aber Hinweise auf eine Typhus-Variante, die bei einer Ausgrabung eines zeitgenössischen Massengrabes (2005) in Athen nachgewiesen werden konnte. Neuere Forschungen der Medizinalhistoriker bringen die Kontamination der Menschen durch Bodenbakterien in die Diskussion. Auch der Athener Staatsmann Perikles iel der Seuche zum Opfer (429 v.Chr.). Über Gegenmaßnahmen schweigen sich die Quellen aus.
Während der Herrschaft des byzantinischen Kaisers Justinian (527 - 565 n. Chr.) ergriff der uns heute bekannte Pesterreger *11 im Jahre 542 n.Chr. das gesamte Oströmische Reich, samt der Hauptstadt Konstantinopel und hinterließ circa 50 Millionen Todesopfer. Es handelte sich um die erste große historisch gesicherte Pestpandemie. Die byzantinische Gesellschaft konnte keine direkten Gegenmaßnahmen aktivieren. Man war dem Virus schutzlos ausgeliefert. Es blieb lediglich bei Aufrufen zu Massenprozessionen, um Hilfe zu erflehen.
Der „Schwarze Tod", wie man die Pest bezeichnete, kam über das Wasser. Als genuesische Schiffe fluchtartig ihren Handelsstützpunkt Caffa *12 vor den heranrückenden Tataren auf der Halbinsel Krim verließen, hatten sie die Pest an Bord. Ohne ihr Wissen schleppten sie die mit dem Pestbakterium infizierten Ratten im Oktober 1347 nach Messina (Sizilien) ein. Das Übertragen des Bakteriums auf den Menschen geschieht in einer Übertragungskette. Durch den Biss des Rattenflohs gelangt das Bakterium auf die Ratten. Beißen die Flöhe Hausratten, gelangt der Erreger in die Nähe des Menschen, und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Die Übertragung von Mensch zu Mensch geschieht durch Tröpfcheninfektion. Anniesen und Anhusten genügen. Von italienischen Häfen, den „Epizentren" des „großen Sterbens", begann eine Ausbreitung der Seuche in nördlicher Richtung mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Stunde. So dauerte es nicht lange, bis auch in der Eifel die ersten Pestkranken und Toten zu betrauern waren. Die Erkrankung zeigte sich in zwei Varianten: Beulen *13- und Lungenpest. Allein im Jahr 1348 forderte die „Pestilenz" 25 Millionen Opfer europaweit. Regional schwanken die Todeszahlen von 12 - 60% der Bevölkerung. Die Pest traf auf eine geschwächte und verunsicherte Gesellschaft, denn die Vorboten der „Kleinen Eiszeit" *14 hatten bereits für Ernteausfälle, Hunger und Teuerung gesorgt. Verzweifelt verkündeten die Verwaltungen klerikaler und weltlicher Feudalherren in Kooperation mit dem Medizinalwesen vorbeugende Pesterlasse, Pestordnungen, Quarantänevorschriften sowie Verhaltensweisen zum Beispiel bei Beerdigungen. Doch das Medizinalwesen stand der sich rasch ausbreitenden Pest machtlos gegenüber. Pestärzte, in futuristischer Schutzkleidung, inizierten sich häuig durch das Aufstechen der Eiterbeulen. Zusammengebraute Tinkturen brachten keine Linderung; gegen die Pest war „kein Kraut gewachsen". Der Irrglaube, die Pest verbreite sich durch die Luft (Miasmentheorie) ließ Hoffnung aufkeimen, durch Verbrennen von Kräutern die Luft zu reinigen. Eine weitere Theorie, die Kontagionstheorie *15, brachte den einzig wirksamen Schutz zutage: die Absonderung, also die Isolation der erkrankten Personen. Die Quarantäne geschah entweder im Wohnhaus oder in Siechenhäusern. Ein solches stand beispielsweise in Strohn im Distrikt „Siechenfeld", das mit seinem Namen an die Krankenstätte erinnert. „Hier lebten die Ärmsten der Armen. Sie waren mit einem sackartigen Gewand bekleidet, das über den Kopf gezogen wurde; es hatte für die Augen zwei Öffnungen. Das ihnen bereitgestellte Essen holten die Kranken stets an derselben Stelle ab." *16 Infizierte Behausungen kennzeichnete man mit einem weißen oder roten Kreuz sowie einem Strohkranz. Doch alle Maßnahmen liefen ins Leere, da man den Erreger noch nicht identifiziert hatte. Erst 1894 gelang es, den Pesterreger während einer Pestepidemie in Hongkong zu entlarven. Es war der Schweizer Mediziner Alexandre Yersin, der dem Pestbakterium auf die Schliche kam und das Geheimnis des „Schwarzen Todes" lüftete. Heute kann die Medizin die Pest im Frühstadium mit Antibiotika behandeln. Immer dann, wenn die Ursachenforschung für Seuchen erfolglos war, suchte der Mensch Zuflucht in religiösen Aktivitäten, oder man schob die Schuld nicht integrierten Bevölkerungsschichten zu. Hier sind vor allem die Flagellanten17 zu nennen, die umherzogen, sich mit Geißeln malträtierten und so glaubten, den strafenden Gott zu besänftigen. Denn todbringende Krankheiten zeugten nach dem Volksglauben immer von einem Strafgericht Gottes. Leider erreichten die Flagellanten das Gegenteil. Durch ihr Umherziehen trugen sie zur Ausbreitung der Pest bei. Erschaudernd war die Begleiterscheinung, dass man die Juden als „Brunnenvergifter" ansah, die somit die Krankheit in Gang setzten. Judenpogrome waren die Folge. Letzte Zulucht suchten die Gläubigen bei den Heiligen, die Fürsprecher der Anliegen vor Gott. Als Pestheilige verehrt wurden der hl. Sebastian und der hl. Rochus. Auch die 14 Nothelfer wurden angefleht. In der Wiesbaumer Kirche und der Flestener Kapelle sind Sebastian-Figuren zu sehen. Flesten beherbergt außerdem eine Rochusdarstellung, ebenso die Ooser Kirche. Ein Nothelferkreuz befindet sich in der Hubertuskapelle von Niederkyll. Pestkreuze wie in Densborn und Pestkapellen wie die Wallfahrtskapelle auf dem Schwarzenberg bei Kelberg erinnern heute noch an die schrecklichen Pestereignisse. Ohne den Erreger zu kennen, kam es trotzdem zum Erliegen der Seuche. Nach 1720 hörte der Albtraum in unserem Raum endgültig auf.
Pestarzt in typischer Kleidung: Langes Gewand, Vogelmaske mit wohlriechenden Kräutern und dicker Brille. Statt der Hände benutzte er einen Stock zur Untersuchung der Erkrankten. (Kolorierter Kupferstich von Paul Fürst)
Pestkreuz in Densborn
Ein weiteres Bakterium (vibrio cholerae) brachte Unheil, nachdem die wellenartig auftretenden Pestepidemien ihr Ende gefunden hatten. Hauptsächlich im 19. Jahrhundert18 forderte die Cholera viele Menschenleben. Ursache der Erkrankung war verschmutztes, mit Cholera-Erregern kontaminiertes Trinkwasser. Nach relativ kurzer Inkubationszeit befiel das Bakterium Magen und Darm. Durchfälle führten zu hohem Flüssigkeitsverlust, der sich zu einer lebensbedrohlichen Dehydrierung entwickeln konnte. Unkenntnis, fehlende Hygiene und Aufklärung vergrößerten das vom Cholera-Bakterium ausgehende Gefahrenpotenzial. Flächendeckend wurde das gerade gegründete Zweite Deutsche Kaiserreich (1871) im Jahre 1873 von der Infektion heimgesucht. Hamburg beklagte 1892 fast 9.000 Opfer. Heute kommt es immer wieder in Entwicklungsländern zu Cholera-Epidemien, die sogar zur Ausrufung nationaler Notstände führen können. Mit intravenöser Flüssigkeitszufuhr, angereichert mit Zucker und Salzen, bekämpft die Medizin die Ausbreitung. Noch eine Bemerkung am Rande: Hauptsächlich in der Barock- und Rokokozeit war in Adelskreisen die Körperhygiene mit Wasser(-bädern) aus Furcht vor Krankheitserregern verpönt. Diese Wasserphobie hatte kuriose Folgen: Wasser wurde durch Puder ersetzt, mit dem man sich hauptsächlich das Gesicht zukleisterte, in der Hoffnung, sich vor Krankheitskeimen zu schützen. Die Redewendung „Oben hui, unten pfui" trifft den Sachverhalt. Perücken und mehrere Röcke halfen, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Von der römischen Wellness- und Bäderkultur in öffentlichen Thermen war nicht mehr viel übriggeblieben.
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich durch widrige Umstände eine Virus-Pandemie zu einer der weltweit größten Katastrophen der Geschichte der Medizin. Die Opferzahlen übertrafen sogar die durch Kriegsereignisse bedingten Todeszahlen. In den Jahren 1918-1920 raffte die Grippe 50 bis 100 Millionen Menschenleben hinweg. Dabei war das Grauen erstmals in den USA aufgetreten. Da alle kriegsteilnehmenden Staaten eine Pressezensur verordneten, verschleierte man die Wirklichkeit der Pandemie. Spanien, das nicht zu den Kriegsparteien gehörte, veröfentlichte erstmals Einzelheiten über die Grippewelle, die durch ein Vogelgrippe-Virus auf den Menschen übertragen worden war. Schutzmaßnahmen, Notfallpläne und Prophylaxe ignorierten die staatlichen Organe, bedingt durch die Zensur. Quarantänemaßnahmen griffen zu spät; Medikamente zeigten keine Wirkung. Truppen- und Fluchtbewegungen trugen zur Verbreitung der Seuche bei. Schließlich half die Herdenimmunität, dass „Killer-Virus" zu stoppen.
Als 1981 das HI-Virus erstmals bei einem Menschen diagnostiziert wurde, war das Erschrecken groß. Übertragungswege des Virus sind ungeschützter Geschlechtsverkehr, Bluttransfusionen sowie der Gebrauch von kontaminierten Nadeln und Kanülen. Auch hier lag der Ursprung der Infektion bei einer Tierart. Die Übertragung des Virus muss bereits vor 1930 okkult in Kamerun von Schimpansen auf den Menschen erfolgt sein. Genetische Untersuchungen (2003) zeigten Vorkommen bei Weißnasenmeerkatzen und Halsbandmakaken, die wiederum von Schimpansen gejagt und gefressen werden. Seit Beginn der Infektion starben 35 Millionen Infizierte. Was waren die Gegenmaßnahmen? 1983 gründete man die Deutsche Aids-Hilfe, die ein Bündel von Verhaltens- und Vorsorgemaßnahmen auf den Weg brachte. Prävention war das Non plus ultra. „Gib Aids keine Chance!"- lautete der Slogan der Aufklärungskampagne. Beneizaktionen liefen an. 2019 waren weltweit noch circa 38 Millionen Menschen erkrankt.
Die echte Virusgrippe (Influenza) tritt meist epidemisch und wellenartig („Grippewelle") in Erscheinung und unterscheidet sich vom leichter verlaufenden „grippalen Infekt". 1933 gelang es, dass Grippe-Virus zu identiizieren, das für mehrere Grippewellen verantwortlich zeichnete. Pandemische Ausbrüche verzeichnete man in folgenden Jahren: 1918-20 „SpanischeGrippe"; 1957 „Asiatische-Grippe"; 1968 „Hongkong-Grippe"; 1977 „RussischeGrippe"; 2009 „Schweine-Grippe". Eine außergewöhnliche Grippe-Welle grassierte 2017/18, als 25.000 Menschen in Deutschland am Virus verstarben.19 Beim Jahreswechsel 2022/23 wurden in einer Woche 2.000 neue Infektionen in Rheinland-Pfalz registriert. Inluenza-Viren machten zu diesem Zeitpunkt mit 55% den größten Anteil der Ansteckungen aus. Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen sorgten für volle Wartezimmer und Krankenhausbetten. Impfungen sind wirksame medizinische Maßnahmen. Der Impfschutz hängt immer vom zirkulierenden Virus-Typ ab. Die „Ständige Impfkommission" rät zu einer Impfung ab 60 Jahren; dabei wird eine jährliche Impfung empfohlen, da das Virus ein/e „Verwandlungskünstler/in" darstellt.
Jeder, der diese Zeilen über die Corona-Pandemie liest, hat möglicherweise die Infektion mit starkem oder mildem Krankheitsbild durchlebt; hat eventuell einen nahen Verwandten verloren; hat vielleicht noch mit „Long-Covid" zu kämpfen. Jedenfalls sind Sie, liebe/r Leser/in, Zeitzeuge einer höchst bedrohlichen und lebensgefährlichen Pandemie geworden. Sie haben die eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche „am eigenen Leib verspürt". Doch dabei war das Corona-Virus bereits bekannt. Nun forderte aber eine mutierte Form weltweit bis jetzt (Anfang 2023) 7,1 Millionen Menschenleben. Zoonosen *20 waren auch bei Corona verantwortlich für den Ansteckungsprozess, der, ähnlich der Pest, in einer Ansteckungskette verlief. Wahrscheinlich tragen Fledermäuse Spuren der Gruppe I — Corona-Viren (RaTb 13) in sich, ein verwandtes Virus von SARS-COV 2. Glücklicherweise gestaltet sich der Andockprozess an die menschliche Zelle als kompliziert. Nun kommen aber Zwischenwirte *21 „ins Spiel": Schuppentiere. Auf einem Markt im chinesischen Wuhan soll die Kontamination mit dem für Menschen gefährlichen Erreger zuerst geschehen sein. So konnte die bis dahin unbekannte Virus-Variante seinen weltweiten Todeszug antreten.
Nun setzten hektische staatliche und kommunale Vorbeugungsmaßnahmen ein. Da noch kein passender Impfstoff bereitstand, waren Eingriffe in die persönliche Freiheit, wie Lockdowns, eine vorübergehende Regelung, um die rasante Ausbreitung zu hemmen. Neue Begriffe machten die Runde: Home-Office und Home-Schooling. Die AHA-Regeln *22 sollten die direkte Übertragung erschweren. Masken gehörten zum neuen Outfit. Ob man sich infiziert hatte, konnten verschiedene Testarten nachweisen. Quarantäne für Infizierte war das Mittel der Wahl. In erstaunlich kurzer Zeit waren Impfstoffe vorhanden, die in Arztpraxen, kreiseigenen Impfzentren und Impfbussen Impfwilligen verabreicht wurden. Mobile Impfteams versorgten Alten- und Pflegeheime. Die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes stand auf der Agenda des Bundes. Länder und Kommunen konnten für sie zugeschnittene Verordnungen erlassen. Ende 2022 verkündete der Berliner Virologe Christian Drosten das Ende der Pandemie. Corona hatte nunmehr Epidemie-Status erreicht. Die Immunität der Bevölkerung, so Drosten, werde nach dem Winter 2022/23 so belastbar sein, dass das Virus sich kaum noch durchsetzen könne. Nun begann eine rege Diskussion darüber, wie die Politik die neue Lage bewertet. Doch als diese Zeilen entstehen *23, änderte China seine „Null-Covid" Strategie. „Full-Covid" schürte nun Ängste, dass einreisende Chinesen möglicherweise eine Sub-Variante einschleppen und eine neue Spirale in Gang setzen.
Kehren als ausgerottet angesehene Infektionskrankheiten zurück? Gemeint sind (Affen-) Pocken und die Kinderlähmung. Die klassische Pockeninfektion war eine lebensgefährliche Erkrankung mit hoher Infektiosität und Letalität. Äußeres Zeichen waren über den ganzen Körper verteilte Hautbläschen (Pusteln), hervorgerufen vom größten animalen Virus (orthopox variolae). Die Übertragung geschah durch Tröpfcheninfektion. 1962 entwickelte sich noch eine Pockenepidemie in der Eifel. Zu Beginn des Jahres 1962 schleppte ein Monteur, aus Indien heimkehrend, die Krankheit ein und infizierte seine minderjährige Tochter im Eifeldorf Lammersdorf im Kreis Monschau. Die WHO24 erklärte den Kreis und die Städteregion Aachen zum „Internationalen Infektionsgebiet". Drastische Maßnahmen wurden erlassen: Wochenlange Quarantäne, Ausgehverbote und Abriegelung ganzer Dörfer. Ein Medienhype begleitete den Fortgang der Infektion. Insgesamt infizierten sich 33 Personen, eine davon verstarb, und 700 Personen verharrten wochenlang in Quarantänestationen. Ende April 1962 verflüchtigte sich der „Spuk". Durch konsequente Impf- und Bekämpfungsprogramme der WHO wurde die Welt am 26.Oktober 1979 für pockenfrei erklärt. Letztmalig trat 1972 in Deutschland ein Pockenfall auf. Ältere Leser können sich sicherlich an die großangelegten Impfungen erinnern. Amtsärzte erschienen mit ihren Teams in den Schulen. In bereitgestellten Klassenräumen traten die Schüler/innen klassenweise zur Verabreichung an. Impfstoff mit Lebendviren wurde mit Lanzetten subkutan in den Oberarm eingebracht. Zurück blieben meist zwei rundförmige Narben, die lebenslang an die Impfung erinnerten. Eine Diskussion der Eltern über die Impfplicht gab es so gut wie nicht. Bis 1976 praktizierte man dieses Impfprogramm mit Erfolg. Die Pocken verschwanden. Ein weiterer Grund gesellte sich hinzu: Variola-Viren verbreiten sich nur im menschlichen Körper; deshalb bilden sich keine Virenreservoirs in tierischen Wirten, die immer wieder überspringen können. Als nun im Mai 2022 erstmals größere Fälle von Afenpockeninfektionen publik wurden, die Reisende aus Afrika eingeschleppt hatten, horchte die Welt wieder auf. Gabriele Pradel, Professorin für Infektionsbiologie an der RWTH Aachen, schreibt dazu: „Infektionserreger persistieren25 in asymptomatischen Trägern oder in Tieren und treten dann wieder zum Vorschein, wenn die Gesellschaft unachtsam wird. Der steigende Impfunmut in der Bevölkerung öfnet die Tore für fast vergessene Krankheitserreger, und es folgt die Rückkehr der Seuchen." *26
Die zweite Infektionskrankheit, die Kinderlähmung, schien ihren Schrecken seit Jahrzehnten verloren zu haben. Doch nun fanden sich für die Krankheit verantwortliche Polio-Viren in New York und London. Übertragen wird das Virus durch Schmierinfektion sowie durch verunreinigtes Wasser. Das Polio-Virus befällt den Darmbereich und schädigt die Motoneuronen *27 des Rückenmarks. Die Attacken gegen die Nervenzellen führen zu Lähmungen an Armen und Beinen. Auch hier waren Impfstofe maßgeblich verantwortlich, dass die Krankheit besiegt wurde. Es handelte sich um Schluckimpfstoffe, die in den 1960er-Jahren entwickelt wurden. Der Slogan: „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam und Post-Polio-Syndrom ist bitter," sollte die Angst vor der Impfung verbannen. Auch die Polio-Schutzimpfung geschah in Schulen, wo der Impfstoff auf ein Zucker-klümpchen geträufelt wurde. So mancher Sportmufel freute sich über das Sportverbot von einer Woche. Gabriele Pradel meint dazu: „Inzwischen stehen verbesserte Impfstoffe zur Verfügung.
Doch die Impfbereitschaft insbesondere jüngerer Generationen, die die schrecklichen Folgen einer Polio-Infektion nie selbst mitangesehen haben, geht zurück, und die Impflücke führt zum Comeback des Poliovirus." *26 Wir sehen, die mächtigsten Feinde des Menschen sind Viren und pathogene Bakterien, die in der Lage sind, millionenfaches Leid über die Menschheit zu bringen. Der Mensch steht allein einer „Armee" von circa 5.000 Virenarten gegenüber. ■
• Pitzen H., Der „Schwarze Tod", in:
„Die Hölle schien losgelassen zu sein." Aus der Katastrophengeschichte der Eifel, Aachen 1999
• Pradel G., Die Rückkehr der Seuchen, Kolumne, in: Trierischer Volksfreund vom 4.1.2023
• Steffens W., Pestkreuze berichten aus Zeiten der Not.
• Trierischer Volksfreund vom 12.12.2022 (Zweckvereinbarung bei Tierseuchen)
• Wientjes B., So viele Grippe-Fälle hat es lange nicht gegeben, in: Trierischer Volksfreund vom 27.12.2022
1) Virologen und Bakteriologen
2) SARS-COV-2
3) Antibiotika und Insulin
4) Begriff stammt aus dem Film „Outbreak-lautlose Killer" (1995)
5) Vor allem durch die Fähigkeit, an menschliche Zellen anzudocken.
6) Erreger: H1N1
7) Erreger: H5N1/H5N8
8) Prionen
9) Athen und Umland
10) Lat. pestis=Seuche od. pestilentia=ungesunde Luft
11) Yersinia pestis
12) Heute: Feodossja
13) Die schwarz-bläulichen Beulen in Achselhöhlen und Leisten gaben der Pest den Namen.
14) Klimaanomalie vom 14.-19. Jh.
15) Kontagion=veraltet für Ansteckung
16) Steffens W., S.69
17) Geißler
18) Jahrhundert der Cholera
19) 2,7% der insgesamt Verstorbenen
20) Von Tieren auf Menschen übertragene Infektionskrankheit
21) Ähnlich der Ratten bei der Pest
22) Abstand-Hygiene-Alltagsmaske
23) Jahreswechsel 2022/23
24) Weltgesundheitsorganisation
25) persistieren» fortbestehen
26) Pradel G., Kolumne im TV vom 4.1.2023
27) Motoneuronen» Nervenzellen, die die Kontrolle eines Muskels steuern.