von Karl-Josef Bales, Berndorf
Mehrere hundert Jahre entscheiden die Grafen von Manderscheid in ihren Eifler Territorien Manderscheid, Blankenheim, Gerolstein, Jünkerath und Kail über Wohl und Wehe ihrer Untertanen. Dort sind sie nicht nur die größten Grundbesitzer, sondern zugleich Gesetzgeber, Richter und Leiter der Verwaltung. Alles hängt von ihnen ab: die Bildung, das wirtschaftliche, soziale und religiöse Leben. Sie werden 1457 in den Grafenstand erhoben und gehören fortan zu der angesehensten Grafendynastie der Eifel. Die Grafschaften Blankenheim sowie Gerolstein können sich um 1670 durch eine Zahlung von 20.000 Talern aus der Lehnsabhängigkeit von Jülich freikaufen und werden so staatsrechtlich zu reichsunmittelbaren Grafschaften.1 Über ihnen steht im Heiligen Römischen Reich nur noch der Kaiser. Namensgeber des Hauses Manderscheid ist die Niederburg in der Vul-kaneifelstadt Manderscheid, ein ehemaliges Luxemburger Lehen. Und unmittelbar gegenüber, nur durch das Flüsschen Lieser getrennt, von der Oberburg des Kurfürstentums Trier.
Die imposante Kerpener Burganlage auf einem Ausläufer des Höhenberges, mit romanischem Bergfried und erneuertem Zinnenkranz. Als mögliche Erbauer der Burg gelten Sigibertus von Kerpen, der 1136 erstmals urkundlich erwähnt wird, oder dessen Sohn Heinrich I. Die Herrschaft Kerpen, die bereits um 1200 mit Manderscheid eines Stammes war (Peter Neu), kam 1506 durch die Heirat der Margareta von Sombreff-Kerpen mit Graf Dietrich IV. von Manderscheid-Schleiden an das Haus Manderscheid. Dietrich ließ die Schlosskapelle und das sogenannte neue Schloss erbauen in dem sein Sohn Dietrich V. 1508 geboren wurde und sein Enkel Dietrich VI. 1593 gestorben ist.
Die Herren von Kerpen in der Eifel beerben eine Nebenlinie des um 1200 ausgestorbenen älteren Geschlechts der Manderscheider. Dietrich I. von Kerpen erscheint 1201 als „dominus minoris castri de Manderscheid", also als Herr der kleinen Burg Manderscheid, der heutigen Niederburg. Um 1250 wird die Linie Manderscheid-Kerpen errichtet und im 14. Jahrhundert in drei Zweige aufgeteilt. Burg und Herrschaft Kerpen kommen 1450 durch Heirat und Kauf an Wilhelm II. von Sombreff zu Kerpen.2 1420 ehelicht der Manderscheider Graf Dietrich II. Irmgard von Daun, wodurch er Herr ansehnlicher Güter wird. Und 1443 dehnt sich der Manderscheider Eifeladel durch die Vermählung des Sohnes, Dietrich III. mit Elisabeth von Schleiden - die um 1450 Schleiden einschließlich der Herrschaft Jünkerath erbt -weiter in die Nordeifel aus. Dietrich III., ein Neffe des Grafen von Loen, kann sich 1469 gegen andere Bewerber durchsetzen und wird Besitznachfolger der Grafschaft Blankenheim sowie der Herrschaft Gerolstein.
Durch Erbteilung spaltet sich das Adelsgeschlecht 1488 in die Zweige Schleiden, Blankenheim und Kail, dabei erhalten sämtliche Familienmitglieder jedoch das Recht, den Namen „Manderscheid-Blankenheim" zu führen. Stammvater der Schleidener Linie wird Dietrichs Sohn Kuno. Er erhält den Stammsitz, die Grafschaft Manderscheid samt der Niederburg, die Herrschaften Schleiden nebst Neuenstein,3 die verpfändete Kasselburg bei Pelm sowie durch Heirat die Herrschaften Kronenburg und Neuerburg. Sohn Johann gründet die Linie Blankenheim. Ihm fallen neben der Grafschaft Blankenheim die Herrschaften Gerolstein, Jünkerath, Bettingen an der Kyll und Erp4 zu. Er wählt Blankenheim als zentralen Verwaltungssitz. Dem jüngsten Sohn Wilhelm wird die Linie Kail5 zugewiesen. Sie ist infolge eines Zerwürfnisses zwischen Vater und Sohn mit Oberkail und den ererbten Anteilen an Daun am dürftigsten ausgestattet, kann jedoch 1536 um die Herrschaft Dollendorf, 1554 um Bettingen an der Prüm, Falkenstein und die Hälfte von Neuerburg erweitert werden. Von Blankenheim spaltete sich 1524 die Nebenlinie Gerolstein mit der zugehörigen Burg Bettingen an der Kyll (Niederbettingen) ab, und die Löwenburg in Gerolstein wird zum Residenzschloss.
Durch eine systematische Heiratspolitik fallen der Schleidener Linie zunehmend weitere Territorien - vor allem im Eifelraum - zu. Von 1501 bis 1551 regiert Dietrich IV., der auch der „Weise" genannt wird, in Schleiden. 1506 vermählt er sich mit Margaretha von Sombreff-Kerpen. Durch diese Heirat fällt Kerpen an Manderscheid-Schleiden. Kurz nach seiner Heirat errichtet Dietrich in Kerpen ein repräsentatives Schlossgebäude und eine Burgkapelle (Einstützenkirche) im gotischen Stil, die noch heute als Dorfkirche dient. Sein Sohn Dietrich V. wird 1508 geboren und humanistisch erzogen. Dessen Mitschüler sind der berühmte Geschichtsschreiber der Reformation, Johannes Sleidanus und der bedeutende Pädagoge und Calvinist, Johannes Sturmius, beide stammen aus Schleiden. Die Macht der Eifeldynas-tie wird 1554 weiter vergrößert, als Graf Dietrich V. mit der Grafschaft Virneburg ein kurtrierisches Erblehen erhält. Ebenso kann er das kurkölnische Lehen Safenburg6 mit Schloss Gelsdorf erlangen. In Blankenheim regiert von 1548 bis 1604 der humanistisch gebildete Graf Hermann, der vor allem das kulturelle Prestige des Grafenhauses ausbaut. Er legt auf Schloss Blankenheim den Grundstock für eine Antikensammlung. „Seine Liebe zur Kunst und Literatur sowie der Sammeleifer archäologischer Fundstücke machen ihn über die Grenzen seines Herrschaftsbezirks bekannt".7 Als kaiserlicher Berater übernimmt der Graf verschiedene diplomatische Missionen, wozu auch die Verbesserung des Postwesens am Rhein und in den Niederlanden gehört. Kaiser Rudolf II. verleiht ihm und seinen Erben u.a. das Privileg, goldene und silberne Münzen zu schlagen sowie das Recht, mit rotem Wachs zu siegeln und den Titel „Wohlgeboren" zu führen.8
Graf Dietrich VI. führt in Schleiden und in den damit verbundenen Territorien 1560 die Lehre Luthers ein, bekennt sich persönlich nicht offiziell als Protestant zeigt sich jedoch, ebenso wie alle Familienzweige vor ihm, der neuen Lehre gegenüber tolerant Am 3. Januar 1593 stirbt Dietrich VI., der Hauptherr der Schleidener Linie, auf Burg Kerpen ohne Nachkommen zu hinterlassen. Sein Tod führt nicht nur zu einem langandauernden Erbstreit, sondern auch zu einer Gegenreformation, die in der West- und Nordeifel von Luxemburg aus betrieben wird. Dietrichs Schwester, die Eifelgräfin Katharina von Manderscheid-Schleiden, ist die Gattin des Grafen Philipp von der Marck-Lumain, eines ehrgeizigen, streng katholischen und habsburgtreuen Dynasten. Handstreichartig, mit List und vielfach mit Gewalt, bemächtigt sich das Paar fortan des Schleidener Erbes. Schon zwei Tage nach dem Tod Dietrichs, besetzt sein Schwager Philipp die Burg Manderscheid, die danach von Katharina gesichert wird, während ihr Gemahl die Saffenburg in seine Gewalt bringt. Weiterhin ergreift er das Gebiet der Kasselburg, der Herrschaft Neu Blankenheim und der Vogtei Fleringen.9 Und am 6. Februar 1593 erobert er mit Hilfe kurkölnischer Soldaten auch die Burg Kerpen mit Wafengewalt, wo die Witwe Dietrichs, Gräfin Elisabeth von Stolberg, wohnt. Nachdem Philipp Gräfin Elisabeth aus Kerpen verdrängt hat, sucht sie Zuflucht im Schloss Schleiden. Einen Monat später meldet sich der energische Graf von der Marck auch dort zu einem „Besuch" an, der dann in Begleitung von 11 Soldaten (kurkölnische Truppen) am 13. März erfolgt. Seine Gemahlin folgt ihm 4 Tage später, ebenfalls in Begleitung einer kleinen Truppe. Er lässt das gemeinsame Manderscheider Archiv aufbrechen und nimmt dem Burggrafen die Schlüssel der Rüstkammer ab. Nun belagert Philipp, gemeinsam mit kurkölnischen und Lütticher Truppen, 50 Fußsoldaten und 40 Reitern, die Kronenburg, „schneidet den Belagerten das Wasser ab und zwingt sie am 29. März 1593 das Schloss zu übergeben." *10 Die Schwägerin Dietrichs, Burgherrin Magdalena von Nassau-Wiesbaden, muss nach Virneburg *11 ausweichen. Auch hier versuchen von Marcks Leute die Burg, als Köhler verkleidet, am 17. April 1593 zu überrumpeln, was jedoch durch einen von Gerolstein in der Nacht herbeigeeilten Beistand vereitelt wird. *12 Nach Schleiden zurückgekehrt, lässt Graf von der Marck sich nach und nach sämtliche Gebäudeschlüssel aushändigen und verweist alle Vertrauten der Witwe des Schlosses, wozu auch der Rentmeister Johann Demmeraidt gehört. Schließlich räumt Elisabeth am 13. Mai „freiwillig" die Burg und zieht vorerst ins benachbarte Kronenburg. Anmaßend nutzt Philipp gar den Titel eines Grafen „von der Marck-Manderscheid" lässt in Kerpen die vorgefundenen Ernteerträge verkaufen und das Holz in den Waldungen niederhauen. *13
Manderscheider Grafschaften und ihre Nachbarterritorien. Kartenausschnitt aus „Paese d'Eiffel [...] li Stati de Conti di Manderscheit", von Giacomo Cantelli da Vignola, Rom 1689, Slg. Herbert Wollenweber
Michael Selert, der neue gräfliche Rentmeister zu Schleiden, muss Mitte November 1593 die in barem Gelde von den Untertanen geleisteten Abgaben zur Burg nach Kerpen bringen, wo nun Graf Philipp residiert. Auf Geheiß des neuen Herrn wird Kuno, ein spielsüchtiger Hüne - der als Jäger im Dienst des Kerpener Försters steht - beauftragt, den schmächtigen Rentmeister von Schleiden nach Kerpen zu begleiten, um ihn vor „meuterischen" Angriffen zu schützen. Seinen Auftrag verrät Kuno in böser Absicht dem Lämmermatthes, einem rothaarigen Schäfer, der in einem baufälligen Haus in Orendorf14 wohnt und ihm bereits mehrfach als Wilderer und einmal gar als Brandstifter eines Bauernhofes vor Eichholz bei Walsdorf aufgefallen war, was er jedoch absichtlich nicht zur Anzeige bringt. Um seine Spielschulden begleichen zu können, nutzt der Jäger diese Strafvereitelung im Amt, erpresst den roten Schäfer zu einer weiteren Tat. Am Abend des 12. November überbringt Kuno ein versiegeltes Pergament mit dem grälichen Auftrag nach Schleiden. Bereits im Morgengrauen schnallt Selert sich den gefüllten Geldgurt um und begibt sich in Begleitung des Jägers auf die „Wanderschaft" durch die Eifel. Am Nachmittag kehren die Wanderer zu einem Labetrunk in der Schenke zu Wiesbaum ein. Weil Kuno sich absichtlich einen Fuß wundgelaufen hat, bittet er den Wirt, dass dessen Sohn den Rentmeister „wenigstens bis auf die Höhe von Bärendorf geleiten möge". So tritt nun des Wirtes dreizehnjähriger Sohn mit dem Rentmeister die Weiterreise an. Etwa auf halbem Wege zwischen Wiesbaum und dem kurtierischen Berndorf erschreckt ein lautes Knacken im Gebüsch den vorausgehenden Jungen nebst den ihm folgenden Rentmeister, der kurz darauf von einem wuchtigen Schlag an der Schläfe getrofen, entseelt zu Boden stürzt. Laut kreischend vor Angst rennt der Junge davon und kann nur mit Mühe vom gräli-chen Förster angehalten werden, dem er mit noch fliegendem Atem den Überfall an der großen Buche schildert. Rasch eilt der Förster zur Stelle des Überfalls. Dort findet er den erschlagenen Rentmeister, leblos und seiner Habe beraubt, den er dann mit seinem Mantel bedeckt. - Lämmermatthes wollte den Rentmeister mit dem Schlag nur betäuben, doch der gedungene Räuber ist wider Willen zum Raubmörder geworden und endet dafür am Kerpener Galgen auf dem Koberg, der an das kurtrierische Berndorf grenzt.15 Durch mehrere Verträge zwischen 1611 und 1613 kommt Kerpen schließlich zusammen mit der hochentwickelten Wirtschaftsregion der Herrschaft Schleiden sowie der Herrschaft Kasselburg an den Grafen von der Marck, der im Jahre 1613 stirbt. Kurz vor seinem Tod gelingt es ihm noch, durch Erbteilung in den rechtmäßigen Besitz von Burg und Herrschaft Saffenburg zu gelangen. Doch die Besitzungen von Manderscheid, Virneburg und Kronenburg bleiben ihm verwehrt. Das Hochgrab des Grafen Philipp von der Mark und seiner Gattin Katharina von Manderscheid-Schleiden in der ehemaligen Klosterkirche, der heutigen katholischen Pfarrkirche in Niederehe, erinnert weiterhin an den gewalttätigen Dynasten.
Kronenburg gelangt bereits im 14. Jahrhundert unter die Oberherrschaft von Luxemburg. Die Habsburgische Reichsteilung erfasst 1556 auch die Eifel. Das Kaisertum geht von Kaiser Karl V. an seinen Bruder Ferdinand und die spanischen Niederlande an seinen Sohn Philipp II., der als spanischer König gleichzeitig Herzog von Luxemburg ist. Damit werden einige Distrikte der Eifel, so auch die Herrschaft Kronenburg, zur spanischen Exklave in der Eifel, die man nun „Spanisches Land" nennt.16 Die Schwägerin Dietrichs, Magdalene von Nassau, übernimmt 1593 als Erbe die Herrschaft Kronenburg, die der Herzog von Luxemburg jedoch als erledigtes Lehen einzieht, um die Ansatzpunkte lutherischer Glaubensrichtung im Luxemburger Hoheitsgebiet zu beseitigen und belehnt Philipp von der Mark und dessen Gemahlin Katharina bereits am 8. März mit dem Haus Kronenburg mit allem Zubehör.17 Der Gräfin Magdalena wird die Herrschaft Kronenburg erst zugesprochen, als sie ein Dekret des Luxemburger Gubernators, des Präsidenten und der Räte vom 25. Januar 1597 befolgt, in dem ihr aufgetragen wird, das Luthertum in der Herrschaft Kronenburg alsbald abzuschafen und die katholische Religion wieder einzuführen.18 Weitere Auseinandersetzungen zwischen den Grafen Philipp von der Marck und Dietrich II von Manderscheid-Kail mit Gräin Magdalena sowie den Grafen Hermann von Manderscheid-Blankenheim und Hans Gerhard von Manderscheid-Gerolstein (der bereits einen Teil der Herrschaft Kronenburg besitzt) verhindern Anfang 1600 noch, dass Gerolstein die Herrschaft zufällt. Magdalenas Tochter, Anna Salome, ist 1603 Hans Gerhards Schwiegertochter in spe, was die Majorität der Erbengemeinschaft offenbar dazu veranlasst, dem Amtmann von Gerolstein frühzeitig das Recht einzuräumen - zumindest zeitweise - in Kronenburg zu agieren. Im Februar 1604 heiratet Graf Karl von Manderscheid-Gerolstein seine Cousine Anna Salome, geb. Gräfin zu Manderscheid-Blankenheim, Virneburg und Roussy, Frau zu Neuerburg und Kronenburg. Durch diese Heirat und den Tod ihrer Mutter Magdalena im gleichen Jahr, verbinden sich die Erbansprüche des Agnaten Hans Gerhard mit denen einer Erbtochter an der Herrschaft Kronenburg. Am 17. November 1604 bevollmächtigen die Grafen Hans Gerhard und dessen Sohn Karl „den Amtmann Heinrich Mülheim zur Erhebung der Renten und Einkünfte zu Kronenburg und zur Vornahme der Amtsgeschäfte." *19 Im Erbteilungsvertrag von Luxemburg am 29. September 1615, an dem Graf Karl als Vertreter seiner Ehefrau Anna Salome teilnimmt, wird Virneburg schließlich der Herrschaft Gerolstein zugelost, Haus und Herrschaft Kronenburg geht an ihre Schwester Elisabeth. „Am gleichen Tag haben vor dem Notar durch Handgelöbnis Karl, Graf zu Manderscheid-Gerolstein, und Elisabeth, Gräin zu Löwenstein-Wertheim, ihre Lose ausgetauscht, so daß Graf Karl die Herrschaft Kronenburg und Gräin Elisabeth die Grafschaft Virneburg erhielten."*20
Die mächtige Anlage der Kronenburg um 1620 im Kontext von Dankbarkeit in Wort und Bild (Gratiam referendam, Storchendank). Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä.
Graf Karl war am Hofe des Erzherzogs Ernst von Österreich erzogen worden und wird Regimentschef in den Diensten des Kaisers, der ihn 1619 zum Oberst ernennt. In den Anfangsjahren der „eisernen Zeit" - so nannten Überlebende den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 - bleibt die Eifel noch einigermaßen verschont. Doch bereits nach 1620 gehören Truppendurchmärsche, Kontributionen und Überfälle zum Alltag. Obwohl Kaiser Ferdinand II. 1626 „für die Grafen von Manderscheid und all ihre Lande, Untertanen und Güter" eine Salvaguardia (Schutzbrief) ausstellt21 und Karl dem kaiserlichen Hof anbietet, sechs Kompanien Infanterie auszuheben sowie aufstellen zu lassen - wenn sein Land dann weiterhin von Einquartierung verschont bleibe - werden auch die Manderscheider zunehmend in die Unruhen dieser Zeit hineingezogen. „1631 weilt der kaiserliche Generalfeldmarschall Piccolomini22 in der Eifel, um seine Truppen gegen die Niederländer einzusetzen. Im Winter 1631/32 quartieren sich diese in Kronenburg, Schmidtheim und auf der Wildenburg ein. Täglich müssen die Bewohner für jeden Soldaten 2 Pfund Brot, 1 Pfund Fleisch und 1 V Maß Bier abliefern."23 Neben Pestepidemien und den Folgen des Krieges wütet - angetrieben durch religiösen Fanatismus der Landesherren - die Hexenverfolgung verheerend in den Eifelherrschaften. „Allein in den Manderscheider Grafschaften Gerolstein, Blankenheim und Kail werden zwischen 1528 und 1641 mindestens 260 Menschen hingerichtet."24 Unrühmlich haben sich hier die Grafen Dietrich in Kail und Arnold II. in Blankenheim hervorgetan. Von der Verfolgungsbereitschaft des Blankenheimer Landesherrn erfährt auch Scharfrichtermeister Christoph von Bettingen, der in der Grafschaft Gerolstein und anderen Ämtern als Henkervertreter tätig ist. Er bewirbt sich in Blankenheim per Bittschreiben um eine Daueranstellung mit „erblicher Bestallung", weil er vom Hörensagen davon Kenntnis erhalten habe, dass der Graf von Blankenheim schon bald einen Scharfrichter brauchen könne. *25
Exponiert auf einem Basaltfelsen erhebt sich oberhalb des Ortes Pelm die Kasselburg mit dem 37 m hohen, monumentalen Doppelturm. 1426 wurde sie vom Blankenheimer Grafen Wilhelm von Loen verpfändet und 1514 von Graf Dietrich IV. von Manderscheid-Schleiden ausgelöst. Nach dem Erlöschen dieser Linie fiel die Kasselburg an die Grafen von der Marck.
Vorderseite der in Essen geprägten 1/6 Taler-Münze von 1691 mit der Umschrift 'ANNA • SALOME • D: G • ABTIS ESSEND • S • R • I • P* (= Anna Salome, durch Gottes Gnade Äbtissin von Essen, des Heiligen Römischen Reiches Fürstin). Der gekrönte, gevierte Schild zwischen zwei kartuschenartigen Schnörkeln trägt die Wappen der Grafen von Manderscheid-Blankenheim sowie der zugehörigen Herrschaften Jünkerath und Daun. Dahinter schräggekreuzt: Krummstab und Schwert. Darunter (1/6).
Rückseite der -Taler-Münze von 1691 mit der Umschrift SVB TVVM PR/ESIDIVM CONFVGIMVS (= Wir fliehen unter deinen Schutz) • 1691 Schräggekreuzte Zainhaken zwischen N - L (= Initialen des Münzmeisters Nikolaus Longerich)" Die gekrönte Mutter Gottes mit Zepter und Jesuskind innerhalb eines ovalen Strahlenkranzes, auf einem Halbmond stehend.
Graf Johann Arnold von Manderscheid Blankenheim heiratet 1628 Karls und Salomes Tochter, Gräfin Antonia Elisabeth von Manderscheid-Gerolstein, die bis dahin Stiftsdame in St. Ursula in Köln gewesen war. Aus dieser Ehe gehen elf Kinder hervor, von denen vier jung sterben und zunächst sieben in den geistlichen Stand treten. Als ältestes Kind wird Anna Salome (1628-1691) mit zwölf Jahren als Kanonisse im hochadeligen Damenstift Thorn an der Maas „aufgeschworen". Und als Fürstäbtissin leitet sie mit Umsicht und Geschick von 1647 bis 1690 das Stift Thorn sowie von 1688 bis 1691 das Stift Essen.26 Ihr geistliches Amt ist mit quasibischöflichen Funktionen verbunden und als Reichsfürstin nutzt sie das Recht zum Herstellen eigener Münzen, wie der in Essen geprägte 1/6-Taler von 1691 belegt.
Mitten im Dreißigjährigen Krieg kommt Salentin Ernst 1630 auf Schloss Blankenheim zur Welt. Für ihn ist als zweitgeborener Sohn zunächst eine geistliche Karriere vorgesehen, was sich jedoch ändert, weil der für die Erbfolge bestimmte ältere Bruder, Ferdinand Karl, nur sieben Jahre alt wird. Als 1644 sein Vater Johann Arnold stirbt, tritt Salentin mit 14 Jahren — zunächst unter Vormundschaft - die Herrschaft in Blankenheim an. Mit 21 Jahren heiratet er die Gräfin Ernestina von Sayn-Wittgenstein, womit er umfangreiche Besitzungen im Westerwald erwirbt und fortan als Graf zu Wittgenstein auch die Regierungsgeschäfte in Hachenburg führt. Er residiert dabei teils in Blankenheim und teils in Hachenburg. Gräin Ernestina schenkt ihm fünf Kinder und verstirbt bereits 1661. Im folgenden Jahr schließt er mit Gräfin Juliane Christine Elisabeth von Erpach27 seine zweite Ehe, aus der 13 weitere Kinder hervorgehen. Ein halbes Jahrhundert regiert er mit staatsmännischer Weitsicht und hält die Grafschaft mit großem diplomatischem Geschick aus den Kriegsgeschehnissen heraus. Das Blankenheimer Land erlebt unter seiner Regierung, die er unter merkantilistischen Grundsätzen führt, einen wirtschaftlichen Aufschwung. Er fördert die Schneiderzunft und den Zuzug von Gewerbetreibenden, holt Wollweber aus Lüttich nach Blankenheim, welche in Heimindustrie die Wolle der Eifel-schafe selbst verarbeiten und Stoße herstellen, die dann als Fertigware in den umliegenden Städten verkauft werden. Als Freiherr von Jünkerath erteilt der Graf 1687 dem auf der Ahrhütte beschäftigten Hüttenmeister Jean de l'Eau die Konzession zur Neugründung einer Eisenhütte auf freiherrlichem Grund an der Kyll, die 336 Jahre lang in Jünkerath und Umgebung für Lohn und Brot der Bevölkerung sorgt. Die Geschichte des Eisengießens in Jünkerath geht mit der Insolvenz des letzten Nachfolgeunternehmens, Vulcast Germany, zu Ende. Doch die Graf-von-Man-derscheid-Straße erinnert dort weiterhin an den damaligen Wirtschaftsförderer. Tatkräftig setzt sich Salentin Ernst für die Bildung der Schuljugend ein, erlässt 1660 eine Schulordnung, die auch für Mädchen die Schulpflicht einführt und initiiert Schulgründungen in Blankenheim, Glaadt28 und Wiesbaum; wobei erstmalig 1682 in Blankenheim und 1691 in Glaadt selbständige Mädchenschulen errichtet werden.
Standbild des Blankenheimer Grafen Salentin Ernst im Kreuzgang der Zisterzienserabtei Marienstatt bei Hachenburg im Westerwald.
Sandstein-Bildstock, heute zweite Kreuzwegstation an der alten Kirche in Alendorf, mit dem elterlichen Wappen des Stifters Graf Salentin Ernst. „Der Sockel ist mit Beschlagmuster verziert; an der Front das von einer Engelfigur gehaltene Ehewappen des Johan Arnold, Grafen von Manderscheid-Blankenheim und der Antonia Elisabeth, Gräfin von Manderscheid-Gerolstein": (Wackenroder). Linkerhand (heraldisch rechts) das gevierte Blankenheimer Familienwappen mit zentralem Herzschild. Im 1. und 4. Feld Manderscheid, im 2. und 3. Feld sowie im Herzschild Blankenheim. Daneben auf der anderen Seite, dass Gerolsteiner Familienwappen.
Salentin Ernst schließt als überzeugter Katholik zwei konfessionsverbindende Ehen,29 in denen seine Kinder katholisch getauft, jedoch tolerant erzogen werden. Seinen Untertanen gewährt er, entsprechend seiner humanistischen Einstellung, volle Religionsfreiheit. „In der Grafschaft Sayn-Hachenburg organisiert der Graf die religiöse Betreuung der Katholischen Bevölkerung durch die Gründung von zwei Franziskanerklöstern in Hachenburg und Marienthal."30 Auch der Bau des Elisabethenstiftes in Blankenheim sowie des Ursulinenklosters in Glaadt gehen auf seine Initiative zurück. Auf dem Alendorfer Kellberg soll, nach alter Überlieferung, „vor mehreren hundert Jahren, ein aus Palästina zurückgekehrter Graf von Blankenheim eine Calvarienkapelle erbaut haben, weil die Spitze des Berges genauso viele Schritte vom Pfarrhause zu Alendorf und dem vorbeifließenden Lampertsbach entfernt liegen soll, als die Spitze des Berges Golgatha von dem Hause des Pontius Pilatus und dem Bache Kidron zu Jerusalem." 31 Da 1663 vom Vorgängerbau nur noch eine Ruine erhalten ist, initiiert und stiftet der Graf den Wiederaufbau der Kalvarienberg-Kapelle. Zwischen 1663 und 1680 lässt er sieben Fußfallbildstöcke aus rotem Sandstein aufstellen, die über einen Stationsweg die Kapelle mit der damaligen Pfarrkirche, der heutigen alten Kirche, des Ortes verbinden und im 19. Jahrhundert um sieben weitere Stationen ergänzt werden. Von der einst turmartigen Kapelle auf dem Gipfel des Kalvarienberges ist heute nur noch das 1675 dort von „Meister Georg" eingemauerte, rund 4 m hohe, Sandsteinkreuz erhalten.32 Auch innerhalb der Grafenfamilie wird das starke religiöse Interesse gepflegt. Von 18 Kindern Salentins streben neun eine geistliche Karriere an. So avanciert Sohn Johann Mauritius Gustav vom Kölner Domprobst zum Fürsterzbischof von Prag und ist damit oberster Geistlicher Böhmens.
In der Nachbargrafschaft Gerolstein, die von 1649 bis 1671 von Ferdinand Ludwig- und danach bis 1697 von Carl Ferdinand regiert wird, belegen ebenso sakrale Stiftungen die Frömmigkeit der Eifeldynasten. 1670 verursacht ein Blitzschlag in das Pulverlager im Kapellenturm der Löwenburg eine Explosion, die unter anderem das Gewölbe der Kapelle einstürzen lässt. Rüstkammer, Archiv, Kanzlei sowie andere Räume brennen aus und sämtliche Fensterscheiben des Schlosses gehen dabei entzwei. Es wird jedoch niemand verletzt, ferner entsteht auch kein großes Feuer. Graf Wilhelm Ernst, Grafenbruder sowie Domherr zu Köln und Straßburg, der dieses Ereignis zufällig miterlebt hat, gelobt aus Dankbarkeit den Bau einer Marienkapelle. Sein Neffe Graf Carl Ferdinand und seine Gemahlin entgehen 1680 bei der Rückkehr von einem Verwandtenbesuch auf Schloss Kail nur knapp einem bewaffneten Überfall durch Wegelagerer, weil sie - aufgrund einer „inneren Eingebung" der Gräfin - im Gerolsteiner Stadtwald die Kutsche verlassen und zu Fuß zur Löwenburg eilen. Dort, wo gemäß Überlieferung die Kutsche des Grafenpaares beschossen worden sein soll, platziert der Graf als Dank einen Gedenkstein, das sogenannte Grafenkreuz, mit der Inschrift „Karl Ferdinand Graf zu Manderscheid, Blankenheim, Gerolstein, Herr zu Cronenburg, Bettingen und Daun hat dies Kreuz infolge großen Unglücks errichten lassen." Jedenfalls scheint mit dem „großen Unglück" der Blitzeinschlag in den Kapellenturm gemeint zu sein. Unweit des Grafenkreuzes erfüllt Graf Wilhelm Ernst sein Gelöbnis zum Bau einer Marienkapelle (den Vorgängerbau der heute vielbesuchten Büschkapelle) die mit seiner Stiftung33 sowie durch „Fundation" der Grafenfamilie und durch Frondienste der Bürgerschaft 1681 errichtet wird. Er nennt sie „ad fontem Beatae Mariae Virginis". Graf Karl Ferdinand wird 1694 vom Kaiser zum Senatspräsidenten der katholischen Konfession des Wetzlarer Reichskammergerichtes ernannt. Mit Stolz und aus Dankbarkeit für die erfolgte Ernennung stiftet das Grafenpaar 1695 für die zur Pfarrei Sarresdorf gehörende Filial-Kapelle in Kalenborn die „Grafenglocke Karl-Ferdinand" und die Gräfinnenglocke Maria Katharina".34 Karl-Ferdinand stirbt 1697 kinderlos, wodurch die Grafschaft Gerolstein mit Bettingen an die Grafschaft Blankenheim fällt.35 Cronenburg vermacht er dem Grafen Albert Eusebius von KönigseggRothenfels, der Herrschaft und Burg 1719 an Graf Franz Georg von Blankenheim verkauft.
Familienwappen der Grafschaft Gerolstein mit 6 Feldern. Detail aus dem 1972 erneuerten oberen Teil des Grafenkreuzes von 1680 im Gerolsteiner Stadtwald: Der Schild ist einmal gespalten und zweimal geteilt: Felder 1 - 3 Grafschaften Manderscheid, Blankenheim und Gerolstein; Felder 4 - 6 Herrschaften Kronenburg, Bettingen und Daun.
Die Burgen bei Manderscheid: Im Vordergrund die Lieser mit der Niederburg, ein ehemaliges Luxemburger Lehen; dahinter die Oberburg des Kurfürstentums Trier. (Künstler-Ansichtskarte von 1918)
Maximilian Philipp, aus der gräflichen Linie Manderscheid-Kail ist Domherr in Köln und Straßburg sowie Herr zu Dollendorf. Dort stiftet der Graf im Jahre 1701 die heute noch erhaltene Antonius Feldkapelle und errichtet auf dem Weg zur Burg sieben Fußfälle. Mit dem Tod seines Bruders und Regenten, Graf Wolfgang Heinrich, der 1742 kinderlos stirbt, erlöscht die Linie Kail und wird ebenfalls von Blankenheim beerbt. Um die Erbschaftsansprüche auf die Herrschaft Dollendorf entflammt zwischen den Grafen von Salm-Reifferscheid und von Blankenheim ein Streit, der zum „Dollendorfer Krieg" führt, in dem jedoch Blankenheim obsiegt und die Herrschaft Dollendorf, trotz gegenteiligem Urteil des Wetzlarer Reichskammergerichts, endgültig zu Blankenheim kommt. *36 Und Blankenheim wird zu einem der mächtigsten Herrscherhäuser im Rheinland. 1780 stirbt auch die männliche Linie der Blankenheimer aus. Erbin der umfangreichen Güter wird Gräfin Augusta von Manderscheid die - durch Vermittlung ihres Onkels Johann, Fürsterzbischof von Prag - Philipp Christian Graf von Sternberg heiratet und bis zum Ende des alten Reiches alle Manderscheider Territorien in der Eifel besitzt. Beim Anrücken der französischen Revolutionstruppen verlässt die Erbin 1794 das Rheinland und zieht zusammen mit ihrer Familie nach Böhmen.37 Am 5. April 1899 erwirbt der Eifelverein die Niederburg in Manderscheid. Seit dem 1. Januar 2018 befindet sich die Burgruine im Besitz der Stadt Manderscheid. Die Lage und Historie der Ober- und Niederburgruinen in Manderscheid reflektieren zudem den mittelalterlichen Interessenkonflikt zwischen dem Kurfürstentum Trier und dem Herzogtum Luxemburg.
Die Manderscheider - Herrschaft - Wirtschaft - Kultur; Katalog zur Ausstellung Rheinland-Verlag GmbH, Köln 1990
1) Landeshauptarchiv Koblenz (LHA KO) 29A, Nr. 1877
2) vgl. LHA KO 19E Nr. 33
3) heute Wohnplatz bei Ormont