Der kleine Weihnachtsbaum

von Margret Heinzen, Feusdorf


Es war einmal eine riesige Weihnachtsbaumplantage, in der stand mittendrin ein kleiner Tannenbaum. Kleiner als die anderen und auch ein bisschen dünner, weil seine Nachbarn sich mit ihrem Geäst ganz schön breit machten. Der Stamm hatte in der Mitte einen Knick und die Spitze hatte sich dreigeteilt. Er wusste, dass er nicht dem absoluten Schönheitsideal eines Tannenbaumes entsprach, doch es war sein sehnlichster Wunsch, einmal in seinem Leben ein richtiger Weihnachtsbaum zu werden. Und so träumte er tagein tagaus von bunten Kugeln, Lichterketten, Engelshaar und funkelndem Lametta in seinem Geäst. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann jemand ihn mitnehmen, liebevoll schmücken und so tun würde, als sei alles in Ordnung.

Jedes Jahr in der Adventszeit streiften viele Leute durch die Plantage, um sich einen Baum für die heilige Nacht auszusuchen. In diesem Jahr kamen auch welche in die Nähe des kleinen Tannenbaums und er streckte ihnen hoffnungsfroh die Zweige entgegen. Einer seiner Zweige war ein bisschen länger, und so hofte er gesehen zu werden. Die Leute würdigten ihn jedoch keines Blickes und schließlich wurde einer seiner dicken und prächtigen Nachbarbäume auserwählt und gefällt. Traurig ließ der kleine Tannenbaum die Zweige hängen, jetzt wo sein Nachbar weg war, sah man die kahle Stelle an seiner Seite umso deutlicher. Zu allem Uberfluss kam in der Nacht auch noch ein Reh, das an seinen Zweigen herum knabberte. Zum Glück fraß es aber nur ein paar ab die sowieso ein bisschen weit herausragten, die anderen blieben verschont. So vergingen die Tage und es war nicht mehr lange hin bis Weihnachten. Der kleine Tannenbaum hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass er jemals in einem Wohnzimmer mit Lichterkette und Christbaumkugeln geschmückt stehen würde, als zwei Tage vor Heiligabend eine Familie mit zwei Kindern in die Plantage kam. Die Kinder hüpften und sprangen herum, dass die blonden Haare nur so umherlogen. „Mama, Mama, sieh mal! Der Baum dort hat drei Spitzen, da können wir unsere selbstgebastelten Engel drauf setzen!" Und das andere Mädchen rief: „Au ja! Und schau mal, da an den längeren Ast hängen wir den gelben Pappstern, den ich gemacht habe!" Die Erwachsenen sahen sich ob des krummen Baumes erst skeptisch an, doch dann schmunzelten sie: „Na, wenn ihr beiden ihn schmückt, dann soll das unser Weihnachtsbaum werden."



Und so wurde der kleine Tannenbaum gefällt und von zwei glücklichen Kindern über und über mit bunten Christbaumkugeln, goldenem Engelshaar, einer wunderbar warm leuchtenden Lichterkette, dem großen Pappstern und den gebastelten Engeln geschmückt. Die eine kahle Seite, wo sich einst der Nachbarbaum so breit gemacht hatte, bot einen wunderbaren Platz für den Krippenstall und die heilige Familie. Die Engel auf den Christbaumspitzen und der hübsche Pappstern an dem langen Ast gaben dem kleinen Weihnachtsbaum einen ganz besonderen Charme. Er strahlte im Lichterglanz mit den Kindern um die Wette und reckte stolz seine geschmückten Zweige empor. Später am Heiligen Abend nahmen sich die Erwachsenen in den Arm und sagten lächelnd: „Nun sieh mal, wie toll unsere Kinder den Baum geschmückt haben... Wunderschön, so herrlich perfekt unperfekt!"