Erinnerungen an Frau Mariechen

aus dem „Kolonialwarenladen'' Nikolaus Gilles

von Felicitas Schulz, Hillesheim


Bei herannahender Gefahr räuberischer Horden war Hillesheim mit seiner Burg und stattlicher Wehrmauer von jeher für die Bewohner ein Platz der Sicherheit. Das wussten auch die Bewohner aus den nahen, kleinen Dörfern und Weilern. Im Mittelalter gehörte „Helleshem" mit zu den bedeutendsten Orten in der Eifel und besaß ab dem Jahre 1376 die Stadtrechte. Es beinhaltete die Ausübung der Gerichtsbarkeit, das Abhalten von Märkten und das Münzrecht. Dazu die Verwendung eigener Gewichte und Maße, wie die auf Messen und Märkten in der Eifel verwendete Hillesheimer Elle mit 58,32 cm. Verfehlungen beim Abmessen dieser Verordnung wurden bestraft. Mit seiner Wollweberund Lederproduktion und seinen zahlreichen Zünften erlangte der bekannte Kurtrierische Marktort wirtschaftlichen Aufschwung und Bedeutung. Mit dem seit Generationen bestehenden Viehmarkt für An- und Verkauf von Tieren und dem Krammarkt geriet Hillesheim zur Sammelstelle für Viehhändler und Bauern aus nah und fern. Im Jahr 1965 beschloss der Gemeinderat den Rinder- und Schweineauftrieb getrennt an den gegenüberliegenden Ortsrändern anzusiedeln, um die Händler und Geschäfte in den Straßen beim Verkauf ihrer Artikel zu unterstützen.


Die „Handlung von Nikolaus Gilles“ auf einer Postkarte aus den 1920/30er Jahren.


Im Jahre 1936 zählte Hillesheim 1450 Einwohner mit 13 Kolonialläden, 14 Kneipen und eine große Anzahl an Handwerksbetrieben. Dazu gehörte der Betrieb von Nikolaus Gilles in der damaligen Bachstraße, heute zum Augustinerplatz gehörend. Die weithin bekannte Blaufärberei für handgesponnenes Leinen hatte zwei große übereinanderliegende Speicher, die als Trockenräume in dem stattlichen Haus Verwendung fanden. Die Farbstempel sind noch vorhanden. Nach dem Ende der Blaufärberei führte die Tochter mit Fleiß und Ausdauer den im Erdgeschoss von jeher bestehenden Kolonialwarenladen weiter. Etlichen älteren Hillesheimern ist noch bekannt, dass bei Gilles Mariechen Zucker und Mehl aus dem Sack in Papiertüten kam. Für Senf und Sauerkraut aus Eimern mussten leere Gefäße mitgebracht werden. Heringe holte Mariechen mit einer Holzzange vorsichtig aus dem Eimer, um ihre weiße gestärkte Schürze nicht zu beschmutzen.

Zeitzeugen berichteten vor Jahrzehnten, dass sie als Kinder besonders gern in der Adventszeit an den kleinen Schaufenstern vorbeigingen, um zu sehen, was Fräulein Mariechen ausgestellt hatte. Meist waren es nur rotbackige Äpfel aus ihrem Garten und Zuckerstangen zum Verkauf. Als Zehnjährige mit ein paar Freundinnen sahen sie diesmal keine Äpfel, sondern schauten sehnsüchtig auf die ausgestellten Printen mit bunten Glanzbildchen vom heiligen Nikolaus. Der zufällig vorbeikommende Pastor Rosen (1925 - 1937) wunderte sich, warum die Mädchen ihre Nasen an die kalte Glasscheibe drückten und erkannte auch den Grund. Er zählte in der beginnenden Dämmerung ihre Köpfe, betrat den Laden und kaufte für jedes Kind eine Printe. Das vergaßen die Beschenkten voller Dankbarkeit ihr Leben lang nicht.

Die Inhaberin schloss in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aus Altersgründen ihren Laden mit den vielen kleinen Schubladen in den bis zur Decke reichenden Schränken und den langen Leitern davor. Einige Jahre später kam das Haus in andere Hände und wurde abgerissen, um einem mehrstöckigen Mietshaus zu weichen.

Gegenüber dem Geschäft Gilles stand an einer Gartenmauer eine Wassertränke für das heimkehrende Vieh. Im Zuge der Sanierung zur Europäischen Beispielstadt 1981/82 verschwand mit dem Ende der bäuerlichen Betriebe auch diese.