275 Jahre Pferdesegnung in Steiningen

1749 - 2024

von Roland Theten, Mehren


Die in der Dorfmitte von Steiningen stehende Filialkapelle ist dem Hl. Mauritius geweiht. Dieser war ein römischer Offizier der Thebäischen Legion und erlitt um das Jahr 300 n.Chr. den Märtyrertod - so stand er bei der Landbevölkerung in besonderer Gunst und war zum Schutzpatron für die Pferde erkoren worden.

Erstmals für das Jahr 1749 ist belegt, dass am Ostermontag die Pferde aus dem gesamten Umland nach Steiningen, dem Filialort der Pfarrei Mehren, geführt wurden um dort gesegnet zu werden. Der Steininger Bürgermeister Anton Schröder hatte unmittelbar nach dem Neubau der Kapelle eine Reliquie des Märtyrers in das Dorf gebracht und sofort setzte eine intensive Verehrung des Hl. Mauritius ein. Sein Namensfest ist am 22. September, doch in Steiningen feiert man dieses seit jeher zur Kirmes am Ostermontag.

Ursprünglich wurden die Pferde nach dem feierlichen Kirmeshochamt, geschmückt mit bunten Bändern und Tüchern, dreimal um die Kapelle geführt, dabei gesegnet und ihren Besitzern die Reliquie des Hl. Mauritius zum Kuss dargereicht. Auch Bauern, die kranke Pferde zuhause hatten und diese nicht nach Steiningen bringen konnten, nahmen am Gottesdienst teil und umschritten ebenfalls die Kapelle, um den Segen mit „nachhause" zu nehmen.

Seit den 1930er Jahren wurden die Pferde entlang der Dorfstraße aufgestellt und der Pastor segnete sie nacheinander, assistiert von den Messdienern und dem Küster. Im Jahr 1990 wagte es erstmals ein Priester, sich auf ein Pferd zu setzen: Pfarrer Gottfried Rohr ritt auf einem geführten Ross die Reihe ab und erteilte den traditionellen Segen.

Ab dem Jahr 1992 wurde dann unter Pastor Egon Helmes, nicht zuletzt wegen der großen Teilnehmerzahlen, wieder die Ursprungstradition aufgegriffen: Die Kapelle konnte zwar nicht mehr „umritten" werden, doch nun führte die Pferdeprozession vom Sammelplatz am östlichen Dorfrand um das Dorf herum, aus Richtung Steineberg über die Dorfstraße an der Kapelle vorbei um dort den kirchlichen Segen zu empfangen.


Steiningen 1975 - kräftige Ackerpferde waren bereits damals eine Seltenheit.


Steiningen 2019 - Ortsbürgermeister Reinhold Schäfer bei seiner Ansprache bevor der aus Indien stammende Kaplan Pater Sabi George hoch zu Ross die Pferde segnet.


Früher brachten die Pferdehalter als Opfer zur Segnung die über das Jahr gesammelten Pferdehaare mit. Die Rosshaare wurden an Sattler, Bürsten- oder Pinselmacher verkauft. Mit dem Erlös konnte der Pastor bezahlt oder eine kirchliche Anschaffung getätigt werden. So schloss der Mehrener Pastor Paul Jakob Bürs-gens am 24.4.1787 mit dem „achtbaren Meister Stefan Roos aus Mayen" den Vertrag, dass dieser „die Pferdehaare bekommen solle, die in der Kapelle zu Steiningen auf Ostermontag geopfert würden". Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann anstelle der Rosshaare Geld geopfert.

Daten zu den Teilnehmerzahlen gibt es erst seit den 1930er Jahren. Mit dem Ende des 1. Weltkriegs und der dann folgenden französischen Besatzungszeit mit zahlreichen Pferdebeschlagnahmungen wurde der Brauch der Pferdesegnung für einige Jahre eingestellt, jedoch im Jahr 1934 wieder eingeführt — ca. 30 Pferde wurden an diesem Ostermontag in Steiningen gesegnet. Auch im 2. Weltkrieg und während der Nachkriegsjahre kam die Tradition nicht zum Erliegen. So ist für das Jahr 1949 die Teilnahme von 75 Pferden verzeichnet.


Steiningen 2023 - Pastor Dr. Jonas Weller segnet die Pferde.


Obwohl ab den 1950er Jahren die Traktoren zunehmend das „Arbeitstier" Pferd ersetzen, bleibt die durchschnittliche Zahl von ca. 80 Pferden bis Anfang der 1990er konstant - um dann rapide anzusteigen: An die Stelle der schweren Ackerpferde treten nun „Freizeit-Pferde" vom kleinsten Pony bis zum hochpreisigen Reitpferd. Von 140 Pferden im Jahr 1992 steigert sich die Zahl kontinuierlich (1997: 185 Pferde; 1999: 193 Pferde) bis zur Höchstzahl im Jahr 2000 mit 216 Pferden. In den Jahren 2001 bis 2014 zählt man anlässlich der Pferdesegnung durchschnittlich 136 Pferde. Mit dem Jahr 2015 setzt eine Zäsur ein und bis zum Jahr 2019 kamen durchschnittlich nur noch ca. 60 Pferde am Ostermontag zur Steininger Kapelle. Erstmals musste die traditionelle Pferdeprozession durch das Dorf im Jahr 1994 wegen extrem schlechten Wetters ausfallen. Pastor Egon Helmes segnete die wenigen Pferde daher am Dorfrand auf der Wiese beim Festzelt. In den Jahren 2020 - 2022 brachte die Corona-Pandemie die Tradition zum Erliegen - aber am Ostermontag 2023 konnte Pastor Dr. Jonas Weller wieder 59 Pferden und Reitern nach dem Kirmeshochamt vor der Kapelle Gottes Segen erteilen. ■


Quellen;

• Alois Mayer, Dorfchronik Steiningen, 1992

• Friedrich Müller, Chronik Pfarrei Mehren, 1887