von Robert Oster, Daun
Martin Gehendges, Pützborn Post und Bahnstation Daun-Eifel Herstellung forstwirtschaftlicher Werkzeuge und Geräte
... das war viele Jahrzehnte der Briefkopf des 1888 durch Martin Gehendges gegründeten Unternehmens.
Im Jahre 1888 kam Martin Gehendges vom Militär und machte sich im elterlichen Haus als Dorfschmied selbstständig. Mit den allernotwendigsten Werkzeugen machte er sich an die Arbeit - der Hufbeschlag war der Start. Von Tag zu Tag wuchs die Anzahl seiner Kunden aus den umliegenden Ortschaften. Während der Saison im Frühjahr wurde von früh bis spät Zugvieh beschlagen. Die Hufplatten wurden alle im Winter mit einem Lehrling oder Gesellen geschmiedet. Die Produktion wurde kontinuierlich von zunächst 100 Platten pro Tag auf bis zu 150 Stück gesteigert. Neben den Hufplatten wurden in den Folgejahren auch Äxte hergestellt, die bei den Waldarbeitern auf rege Nachfrage stießen.
Das war der Beginn der Firma „Hersteller der Dauner Forstwerkzeuge" - so wie es in der ersten Preisliste 1949/50 genannt wurde. Die Äxte wurden - wie die Hufplatten - von Hand geschmiedet und anschließend geschliffen. Zum Schleifen wurden aus dem Dorf zwei starke Männer engagiert, die den Schleifstein drehten. Von Jahr zu Jahr stieg die Nachfrage nach Äxten und Schälmessern, die mittlerweile auch angeboten wurden. Aufgrund des großen Bedarfs war es nicht mehr effizient, das Schleifen in dieser Art und Weise durchzuführen.
So wurde im Jahr 1904 ein sogenannter „Gebel" angelegt, der von Ochsen betrieben wurde. Das war der erste Schritt in Richtung einer industriellen Fertigung. Der Mensch wurde zwar noch nicht durch eine Maschine ersetzt, sondern durch ein Nutztier. Jetzt ging das Schleifen bedeutend besser. Jedoch stand der Schleifstein in einem Schuppen, wo es im Winter aufgrund der Kälte für Schleifer und das Zugvieh nicht auszuhalten war. Die Ochsen mussten im Freien die Runden drehen. Im Jahr 1907 wurde die Schleiferei in die Werkstatt verlagert und der Schleifstein von einem 3 PS starken Benzinmotor angetrieben.
Das Schmieden per Hand auf dem Amboss war zeitaufwendig und kraftzehrend für den Schmied. Daher wurde 1908 der erste Krafthammer angeschaft, um die schwere Arbeit zu erleichtern. Die Arbeitsgänge waren dieselben. Jetzt konnte die Fabrikation der Äxte, Schälmesser und dergleichen erheblich gesteigert und die Arbeiter entlastet werden.
Das Hämmern einer Axt.
Per Post wurden die Werkzeuge in die verschiedensten Gegenden der Eifel geliefert. Im Jahr 1911 wurde die erste Eisenhandlung beliefert und zwar in Kyllburg. Diese Geschäftsbeziehung bestand ununterbrochen bis zum 2. Weltkrieg. Im Jahr 1915 machte sich bei Martin Gehendges Rheumatismus sehr stark bemerkbar und das im Alter von nur 51 Jahren. Daher wurde der Hufbeschlag und die Fabrikation der Werkzeuge von den Söhnen Fritz und Jakob weiterbetrieben, wobei Fritz 1916 in den Krieg musste. Jetzt war Jakob die einzige Hilfe des Vaters im Betrieb. Im Jahre 1918 wurde Martin Gehendges sehr krank, sodass er mehrere Jahre nicht arbeiten konnte. Der Sohn Jakob wurde von der Einberufung zum Militär zurückgestellt und musste Äxte für Kriegsgefangene herstellen, die damals Holz fällen mussten. Peter Gehendges, kaum 15 Jahre alt, musste seinem Bruder im Betrieb helfen. Fritz kam 1919 aus der Gefangenschaft zurück und zog 1922 nach Hamborn, um in einer Fabrik zu arbeiten. Peter begann 1921 eine Lehre als Schmied.
Die Inflation machte dem Betrieb zu schaflen und so musste die Werkstätte für einige Zeit geschlossen werden. Das war einer der schwersten Rückschläge für Martin Gehendges und für seine vier Söhne Fritz, Jakob, Peter und Nikolaus. Als im Jahre 1924 Fritz von Hamborn zurückkehrte, wurde die Arbeit in der Fabrik wieder voll aufgenommen. Nach kurzer Zeit war es möglich, einen Schleifbock aufzustellen, der von einem elektrischen Motor angetrieben und mit einem Gebläse ausgestattet war.
Nikolaus Gehendges, genannt Nikla und jüngster Sohn, begann 1924 seine Lehre. Zu dieser Zeit arbeiteten die vier Brüder gemeinsam in der Fabrik. Im Laufe der Zeit war es für vier Personen zu eng in der Werkstatt und Fritz fasste den Entschluss, eine Arbeit in der Fremde zu suchen. Es gelang ihm, eine Anstellung bei der Stadt Düsseldorf zu erlangen.
Der Betrieb wurde danach von Jakob, Peter und Nikla weitergeführt. Jakob legte 1925 die Meisterprüfung ab und war Vertreter seines Vaters in allen Angelegenheiten im Betrieb. Nach seiner Genesung beschäftigte sich der Vater Martin Gehendges nur noch mit dem Härten, das von 1926 bis 1937 nur von ihm durchgeführt wurde. Das Jahr 1926 brachte dem Betrieb kein Glück. Der Stahllieferant aus Köln lieferte einen Schneidstahl, bei dem sich schnell herausstellte, dass er nicht zu gebrauchen war. Ca. 85 % der mit diesem Stahl hergestellten Äxte mussten ausgetauscht werden. Ein neuer Stahllieferant konnte 1927 in Wiesbaden gefunden werden.
Im Jahr 1929 wurde die kleine Werkstatt von ca. 7 x 4 m um das Doppelte vergrößert. Es wurde auch besonders für viel Licht und gute Lüftung gesorgt. Jakob wollte sich im Alter von 30 Jahren auf eigene Füße stellen und pachtete zum 1. Oktober 1930 eine Schmiede in Immerath. Nach nur zwei Monaten wollte der Pächter die Pacht erhöhen und so kam Jakob wieder nach Hause zurück. Der Winter 1930/31 war entscheidend für die weitere Entwicklung des Betriebes. Der Revierförster Schüler aus Udersdorf von der Preußischen Forstverwaltung besuchte die Werkstatt in Pützborn, als die drei Brüder mit dem Schärfen eines Bohrers des Kohlesäurewerks beschäftigt waren. Die Holzhauer hatten dem Revierförster einige Anregungen mit auf dem Weg gegeben, wie man die vorhandenen Werkzeuge verbessern könnte und welche neuen Werkzeuge für die Waldarbeit wünschenswert wären. Dieser Besuch war der Einstieg in eine intensive Zusammenarbeit. Heute würde man das als "Customer Relationship Management" bezeichnen. Der Revierförster und seine Holzhauer testeten die Werkzeuge immer wieder vor Ort im Wald. Dadurch wurden sie immer besser und vorhandene Mängel wurden schnell beseitigt. Sodann wurden die Werkzeuge patentrechtlich geschützt. Jetzt war für die Brüder klar, dass der Betrieb gemeinsam geführt werden musste, um Erfolg zu haben. Die ersten Jahre der Zusammenarbeit mit der Preußischen Forstverwaltung waren besonders schwer, weil Erspartes für Patente, für die Entwicklung und Verbesserungen der Werkzeuge und für Erfindungen eingesetzt werden musste. Peter arbeitete - außer in der Hauptsaison - nur an Erfindungen und Neuerungen. Es kam hinzu, dass diese nicht immer mit dem erhofften Erfolg gekrönt waren. Martin Gehendges war in den ersten Jahren mit dem Geschäftsgebaren seiner drei Söhne nicht einverstanden, weil durch die Neuerungen und den sich stets verdoppelnden Umsatz um so mehr Betriebskapital vorhanden sein musste. Dadurch wurden alle Ersparnisse immer wieder im Betrieb eingesetzt. Außerdem mussten vor der Saison Kredite aufgenommen werden, um Material, Löhne etc. zu bezahlen. Weiterhin waren Investitionen in Werkzeugkataloge notwendig. So forderte das Institut für forstliche Arbeitswissenschaft (IFFA) in Eberswalde, ein Institut der Gesellschaft für forstliche Arbeitswissenschaft e.V. (GEFFA), Zeichnungen der Werkzeuge, aus denen die Zweckmäßigkeit der Werkzeuge zu entnehmen waren. So wurde ein Werkzeugkatalog erstellt und dem IFFA kostenlos zur Verfügung gestellt.
Ein Blick in die Werkstätte der 1930er Jahre (links Jakob Gehendges).
Der Dauner Forstmeister Müller-Thomas, der Autor der ,,Arbeitsmerkhefte für den deutschen Waldarbeiter", erkannte 1931/32 die Zweckmäßigkeit der Werkzeuge an und trat dafür ein, dass die Holzhauer auch auf die Werkzeuge der Firma Martin Gehendges den Staatszuschuss bekamen, obwohl die Firma nicht der Gütegemeinschaft angeschlossen war.
Oberförster Prof. Dr. Hubert Hugo Hilf, der Leiter der preußischen Oberförsterei Biesenthal (Lehrrevier der forstlichen Hochschule Eberswalde), besuchte 1932 die Firma Martin Gehendges in Pützborn. Der Besuch beeindruckte ihn so sehr, dass er im Jahr 1934 mit einer Anzahl führender Forstbeamten nach Daun kam, um die weitere Zusammenarbeit zu besprechen. Bei dieser Gelegenheit machte Prof. Hilf ein Foto, das er Martin Gehendges und seinen Söhnen zu Weihnachten 1934 schenkte. Durch diesen Besuch kamen auch Beziehungen nach Ostpreußen zustande. Der Ausschuss für Technik in der Forstwirtschaft (ATF) in Königsberg unterzog die Werkzeuge einer Prüfung, die Grundlage für den Verkauf nach Ostpreußen war.
Im Jahre 1933 teilte Martin Gehendges sein Vermögen unter den sieben Kinder auf. Der Betrieb wurde an die Söhne Jakob, Peter und Nikla übergeben. Durch die volle Unterstützung des Vaters konnte die Entwicklung des Betriebes weiter gefördert werden. So wurde 1934 ein weiterer Schornstein und die dritte und vierte Feuerung zum Härten der Werkzeuge gebaut.
Im Jahre 1935 war die Nachfrage nach den Produkten so groß, dass der Betrieb wieder um das Doppelte erweitert wurde. Zusätzlich wurde in einen neuen 12 PS starken Dieselmotor, einen weiteren Parx Federhammer, einen zweiten Schleifstein und vier neue Feueranlagen einschließlich Ventilator investiert. In diesem Rahmen war auch eine vollständige Umstellung der Anlagen erforderlich. Die ersten Arbeiter wurden angestellt und konnten das ganze Jahr beschäftigt werden. Dies waren Wilhelm Zerfass, Matthias Wagner und Jakob Zerfass. Auch der Vater des Autors wurde Ende August 1935 mit 18 Jahren als Schlosser eingestellt. Bis zu dieser Zeit hatte der Betrieb keine ordnungsgemäße Buchführung, die schriftlichen Arbeiten wurden alle in Peters Stube nach Feierabend und sonntags erledigt. Eine kaufmännische Buchführung musste her und so wurde am 30.06.1935 die Eröffnungsbilanz erstellt. Maria, die Schwester der Brüder, und Nikla erledigten von da an alle schriftlichen Arbeiten, worunter auch die Buchführung fiel. Nikla war danach nicht mehr handwerklich im Betrieb tätig.
August Oster am Schweißtisch.
Immer wieder wurde nach Rationalisierungsmöglichkeiten gesucht, um die Herstellungskosten zu senken. In diesem Zuge übernahm der Betrieb im Herbst 1935 auch die Fabrikation der Stiele, die für die Werkzeuge notwendig waren. Um den Holzhauern alle Geräte, die sie für ihre Waldarbeiten benötigten, aus einer Hand anzubieten, wurden 1936 weitere Werkzeuge - wie z.B. Sägen - ins Produktprogramm aufgenommen, die von anderen Produzenten bezogen wurden. Auch damals gab es schon das Bestreben der Kunden zum "Single-Sourcing", bei dem alle Geräte von einem Lieferanten bezogen werden. Im gleichen Jahr wurde die Firma in das Handelsregister eingetragen.
Verschiedene Einzelhändler und größere Remscheider Firmen versuchten mit allen Mitteln, die Geschäfte von Martin Gehendges zu unterbinden. Der Dauner Forstmeister Müller-Thomas und der preußische Revierförster Schüler haben entschieden dagegen Stellung bezogen, sodass der weitere Erfolg der Firma gesichert war. Müller-Thomas übernahm 1936 zusätzlich zu seiner Aufgabe als Forstmeister in Daun die Leitung des Schulungslagers für deutsche Waldarbeiter in Salm und war damit für die Ausbildung zum Waldfacharbeiter verantwortlich. Revierförster Schüler war hauptamtliche Lehrkraft.
Neben der Ausbildung wurden auch neue Arbeitsverfahren sowie Werkzeuge und Geräte entwickelt und erprobt, die in der Pützborner Schmiede hergestellt wurden. Diese Zusammenarbeit bestand bis zum Kriegsende, als das Schulungslager aufgelöst wurde.
Im Jahre 1937 war eine weitere Vergrößerung notwendig und der Betrieb wurde durch einen Anbau für Büro, Lager, Packraum und einen kleinen Lackierraum erweitert. Peter, der am 12. Mai 1931 erfolgreich seine Meisterprüfung ablegte, übernahm 1937 von seinem Vater die Härterei und führte sie bis zur Schließung des Unternehmens.
Der Pützborner Lehrer Droste schrieb im Oktober 1937 folgendes Gedicht:
Wenn im Wald die Äxte schlagen
Hört man immer wieder fragen,
„Wer mag wohl der Meister sein,
der die Äxte schmiedet fein?"
Frag nur jedes kleine Kind,
wer die Äxte-Schmiede sind,
bei Gehendges Martin dort loh‘n die Essen immerfort.
Werkzeug für den deutschen Wald
find't in Pützborn sein Gestalt.
Lobt das Werk, und lobt die Meister
Lobt die Werkleut', lobt die Geister.
Wahrscheinlich wurde der Betrieb am 4. August 1938 im Trierer Nationalblatt Nummer 181 erstmals in der Presse erwähnt.
Die Überschrift lautete „Eifeler Waldbaugeräte - einzigartig in der Rheinprovinz". In dem Artikel wird über die Ausbildungskurse für Forstbeamte und Waldarbeiter im Schulungslager Salmwald berichtet. Es heißt u.a. „Neben der theoretischen Ausbildung auf den verschiedensten Gebieten des neuzeitlichen Deutschen Waldbaumes kommt hierbei auch die praktische Arbeit - der Umgang mit den erforderlichen Waldbaugeräten - im weitesten Maße zur Geltung und diese Praxis stützt sich vornehmlich auf die Erfahrungen, die schon seit einer Reihe von Jahren mit den sogen. 'Dauner Waldbaugeräten' gemacht wurden und die heute in der gesamten deutschen Wald-und Forstwirtschaft bekannt sind. Die Erkenntnis der Arbeitserleichterung durch Schaffung neuer, der Arbeit angepasster Gebrauchsgeräte hat in der Waldwirtschaft unseres Heimatkreises zu neuen Wegen in der Herstellung von Waldbaugeräten geführt, die sowohl die Anerkennung der maßgebenden Versuchsanstalten wie auch der Waldwirtschaft gefunden haben. Der Ursprung dieser neuzeitlichen Waldbaugeräte ist in Pützborn, unweit von Daun; aus einer kleinen, unbekannten Dorfschmiede hat sich hier in den letzten Jahren und im Zuge des Neuaufbaues der Waldwirtschaft ein weit über die Grenzen der Eifel hinaus bekanntes Unternehmen entwickelt, das in seiner Art wohl einzig in der Rheinprovinz ist und im deutschen Waldbau einen guten Klang hat. Mehr noch: Diese Art von Waldbaugeräten ist sogar schon zu einem bedeutenden Ausfuhrartikel geworden; etwa 25 v. H. der Erzeugnisse gehen nach England, andere nach Finnland; sogar Schweden, das Land der großen Waldgebiete und des Waldbaues zählt zu den Abnehmern der Dauner Waldbaugeräte, während der Versand, der besonders im Herbst vor Beginn der winterlichen Waldarbeiten rege ist, im Inlande vor allem in die Kasseler Gegend, nach Oberschlesien, Westpreußen und Bayern erfolgt." In diesem Zeitungsartikel wird nicht erwähnt, dass der Dauner Forstmeister Müller-Thomas als Schulungsleiter im Salmwald und der Revierförster Schüler als Lehrkraft die Entwicklung und Erprobung der Werkzeuge in Zusammenarbeit mit Martin Ge-hendges und seinen Söhnen geprägt haben. Im Jahre 1939 verstarb der Firmengründer Martin Gehendges.
Erster Verkaufskatalog.
Nach den Kriegsjahren wurde die Firma weiter ausgebaut, 1951 waren 13 Mitarbeiter beschäftigt. Eine Schreinerei wurde für die Herstellung der Stiele, Griffe und Verpackungskisten eingerichtet. 1949 wurde der erste Verkaufskatalog, gedruckt von F. Werner & Cie. K.-G., Daun, erstellt. Die Titelseite und die Aufmachung des Katalogs wurden bis zur Schließung des Unternehmens 1974 unverändert jedes Jahr beibehalten. Waren in der Liste 1949 / 50 insgesamt ca. 70 Produkte enthalten, waren es 1974 schon mehr als doppelt so viele.
In den 1950er-Jahre befasste sich die Trierische Landeszeitung gleich dreimal mit der Firma Martin Gehendges. Im Oktober 1951 erschien ein Artikel mit der Überschrift „In Pützborn klingen Stahl und Eisen. Eine Dorfschmiede wurde Industriebetrieb - Absatz forstwirtschaftlicher Geräte im gesamten Bundesgebiet". In diesem Artikel heißt es: „Vor nahezu 65 Jahren hat Martin Gehendges nach langen Wanderjahren meisterliches Können die Schmiedekunst ins Heimatdorf getragen. Bis nach dem ersten Weltkriege waren Hufeisen und Äxte aus Pützborn in der ganzen Eifel bekannt. Die handwerkliche Kunst übertrug sich auf seine Söhne. Als der Vater im Greisenalter den Hammer beiseite legte, war der Grundstein zur Produktion von Stahlwerkzeugen gelegt. In der damaligen Dorfschmiede hallen und schallen nun die Lufthämmer. Die umfangreiche Schleiferei steht hinter jenen der Gerätefabriken in Remscheid kaum zurück. Im Schein der Feuerungen arbeiten 13 Schmiede und Helfer in dicken Lederschürzen. Unförmiger Stahl wird im Funkenregen zum handlichen forstwirtschaftlichen Werkzeug. Täglich vergrößern sich die Stapel von Äxten, Aufforstungssägen, Hohlbohrern, den verschiedensten Spaten, Zugmessern und ähnlichen forstwirtschaftlichen Werkzeugen. Die Schmiede ist zur Fabrik geworden, sowohl hinsichtlich der Produktion als auch in der Einrichtung. Von Pützborn aus hat die dörfliche Qualitätsarbeit die Forstwirtschaft der Bundesrepublik als Absatzgebiet gewonnen. Die von Jahr zu Jahr steigende Produktion an Handwerksgeräten ist der Erfolg familiärer Wertarbeit."
Ein Jahr später am 8. August 1952 erschien der Artikel "Pützborn - das Remscheid der Eifel. Eifeler Forstwerkzeuge in Belgisch-Kon-go gefragt. Dorfschmiede im Umbruch - Handwerkliches Können eroberte ein weltweites Absatzgebiet für industrielle Produktion." In diesem Artikel wird anschaulich die Herstellung der Werkzeuge erklärt. Ein kleiner Auszug aus dem Artikel: „Wer heute jene Dorfschmiede betritt, fühlt sich nach Remscheid versetzt. Das Summen der Transmissionen wird übertönt vom Kreischen der Sägen, Schleif- und Poliersteine. Unter den rhythmischen Schlägen der Lufthämmer erzittern Stein und Beton. Mit der Wucht von 300-400 mkg saust der "Bär", wie der maschinelle Hammer in der Fachsprache heißt, auf das glühende Eisen". Oder an einer anderen Stelle „Dem Besucher begegnet an der Werkbank ein Kluppmeßstock. Risset- und Durchmesserklupp haben durch Erweiterung der Maßeinteilung auf die in der Forstwirtschaft gebräuchliche Klassifizierung die Arbeit der Holzaushaltung leicht gemacht. Stammwender und Schälmessser, Kultutsicheln, Haumesser, Astscheren und vor allem Äxte beinden sich in beständigem Neuerungsprozeß. Die Erfahrungen der Waldarbeiter bilden eine unversiegbare Quelle zur zweckmäßigsten Formung. Trotz allem technisch-maschinellen Fortschritts ist die Produktion individuell geblieben. Das hat das Eifeler Werk den größeren Betrieben in Remscheid voraus."
Im Jahr 1955 erschien ein weiterer Artikel mit der Überschrift "Dauner Forstwerkzeuge im Funkenregen auf Esse und Amboss. Blick nach 'Klein-Remscheid' der Eifel -Dorfschmiede leistet Pionierarbeit für die Forstwirtschaft". Neben den detaillierten Informationen zur Entstehung und Entwicklung des Betriebes der letzten Jahrzehnte wird in diesem Zeitungsartikel generell die wirtschaftliche Bedeutung der Waldarbeit und des "Waldes als Wirtschaftsfaktor" beleuchtet. Es heißt: „Der dem Waldbesitzer und seiner Hege zuzuschreibende Wohlstand ist von Dorf zu Dorf augenscheinlich. Nicht nur der reine Holzerlös bestimmt den Wert, sondern auch im Arbeitsprogramm stellt der Wald einen markanten Faktor des Lebenserwerbs dar". Alleine die Holzhauerlöhne wurden damals für den Kreis Daun mit einer halben Million DM beziffert. Auch das Dorf Pützborn proitierte von der Firma, waren doch in den Jahren nach dem Krieg bis zur Betriebsschließung im Durchschnitt 10-15 Personen aus dem Dorf beschäftigt. Hinzu kam die Unternehmensteuer, die der Gemeinde zu Gute kam.
Belegschaft 1959 zum 25-jährigen Firmenjubiläum von Wihelm Zerfass. Jakob Gehendges (ganz links), Peter Gehendges (Dritter von rechts) und Nikla Gehendges (Zweiter von rechts.)
In allen drei Zeitungsartikeln wird der Raum Remscheid genannt. Dazu muss man wissen, dass der Raum Remscheid mit seinen Betrieben das Mekka der forstwirtschaftlichen Geräte war. Die Firma Martin Gehendges hat mit ihren Produkten und durch ihre Flexibilität sowohl in der Produktion als auch in der schnellen kundennahen Produktentwicklung einen strategischen Vorteil gegenüber den größeren Firmen in Remscheid auf- und ausgebaut und damit eine Nischenposition eingenommen. Heute würde man sagen, dass sie damals schon ein "Hidden Champion" war. Der Ursprung des Erfolges wurde schon in den 1930er-Jahren gelegt, als die Brüder Gehendges eng mit den Waldarbeitern, Revierförstern und staatlichen Einrichtungen zusammengearbeitet haben. Das hat sich bis zum Schluss fortgesetzt. Alle Produkte waren teilweise patentiert bzw. markengeschützt und mit Gütesiegel (z.B. Ochsenkopf, Dreipilzzeichen, Widderkopf) und später FPA-Prädikat versehen.
Anfang i960 wurde die Angebotspalette nochmals deutlich erweitert. Der technische Fortschritt machte es möglich, den Waldarbeitern das Arbeiten im Wald zu erleichtern. Zusätzlich zu Äxten, Keilen, Hämmer, Klupp-Meßstock etc. wurden Motorsägen eingesetzt. Die Brüder Gehendges reagierten schnell auf diese Entwicklung und nahmen Motorsägen und motorgetriebene Sprühgeräte der Fa. SOLO ins Verkaufsprogramm auf. Damit war neues technischen Wissen erforderlich. Der Sohn Jakob baute diesen "Geschäftsbereich" mit Verkauf, Kundendienst, Reparaturen, Ersatzteillager und Vorführungen auf und eignete sich durch Schulungen das notwendige Wissen an. Damals musste man nicht für "Lebenslanges Lernen" werben, Jakob hat es mit 60 Jahren (!) einfach getan - vom Schmied über Schmiedemeister zum Spezialisten für Motorsägen. Dieses Geschäft mit motorgetriebenen Geräten wurde nach und nach ausgebaut. So kamen auch Motorhacken in den Verkauf. Mitte 1965 wurde das Produktportfolio durch Geräte der Fa. Stihl ergänzt, erstmals ein motorgetriebenes Erdbohrgerät. Eine elektr. Heckenschere von Kalo_HE folgte im Jahr 1967. Da diese Geräte auch vorgeführt und nach der Reparatur einer Endkontrolle unterzogen wurden, war diese Situation für die Nachbarschaft schon eine Belastung - Lärm und der Geruch von Benzin. All dieses hat die Nachbarschaft ertragen, weil man die Notwendigkeit gesehen hat und der Betrieb für viele im Dorf ein guter Arbeitgeber war.
Im April 1974 stellte die Firma "Martin Gehendges, Pützborn - Post und Bahnstation Daun-Eifel - Herstellung von forstwirtschaftl. Werkzeuge und Geräte" ihren Betrieb aus Altersgründen ein. Schon damals war die Unternehmensnachfolge ein Thema. Noch heute, fast 50 Jahre nach der Schließung des Betriebes, werden einige Werkzeuge, die in Pützborn entwickelt und hergestellt wurden, in Fachkatalogen für die Ausrüstung in der Forstwirtschaft angeboten, z. B. Dauner Spalthammer, Dauner Schäleisen, Dauner Klupp-Messstock, Dauner Ablängstab, Dauner Kultursichel, Dauner Messstock.
Daran erkennt man, dass die Firma Martin Gehendges in Zusammenarbeit mit der Forstwirtschaft Maßstäbe bei der Entwicklung und Herstellung von forstwirtschaftlichen Werkzeuge gesetzt hat.
Die „Schmett", so wie sie bis zum Schluss in den 70er-Jahren im Dorf genannt wurde, begleitete den Autor während seiner gesamten Kindheit und Jugendzeit. So hat er als 15 / 16-jähriger samstags sein Taschengeld bzw. sein Lehrgeld aufgebessert und die Messschenkel des Klupp-Messstockes rot lackiert. Sein Vater war fast 40 Jahre als Schweißer und seine Schwester nach dem Besuch der Handelsschule für einige Jahre im Büro in der Schmett beschäftigt. ■
Meisterbrief von Peter Gehendges