von AnneLie DiewaLd, Trier
Die zwei Vorbeterinnen in der Frühmesse am Sonntag in Bodenbach bekamen jedes Jahr zu Weihnachten ein Buch vom Herrn Pastor geschenkt. An einen Titel, ich war damals 16, kann ich mich als eine der Vorbeterinnen noch gut erinnern. Er lautete: „Liebe hat Zeit". Meine Eltern fanden das sehr passend. Ja, der Herr Pastor Hehnen ist den Älteren in der Pfarrei noch gut in Erinnerung. Fromm sei er gewesen und gewissenhaft in der Ausübung seiner Pflichten, er habe viel gebetet. Wenn ihm aber ein Verhalten, besonders der größeren Jungen, nicht passte, konnte er auch schnell ärgerlich werden. Man wusste nicht viel von ihm, nur dass er ein „Spätberufener" war, früher ein Handwerk erlernt hatte und viele Jahre in Jugoslawien tätig gewesen war. Wir Kinder fragten uns, wer ihn denn so spät gerufen habe. Wenn er mit geschlossenen Augen predigte, dachten wir, er habe ein Buch im Kopf, aus dem er auf der Kanzel laut vorlas. Berühmt, fast berüchtigt, war er für seine Beichtsitzungen. Nach den ersten drei Sünden unterbrach er den Büßer mit den Worten: „Und jetzt schließen wir alles ein..." und es erfolgte die Absolution. Das sprach sich schnell herum und bald kamen auch aus anderen Dörfern viele Menschen zur Beichte nach Bodenbach und Bongard und die Schlange vor dem Beichtstuhl wurde immer länger. Manch einer der Älteren schüttelte den Kopf und sagte: „Bei dem ist es egal, ob du ein Huhn geklaut hast oder ein Pferd, alles wird eingeschlossen!" Er machte niemandem ein schlechtes Gewissen und wenn er schimpfte, ging es meistens um Politik, da konnte er sehr unwirsch werden.
Geboren 1896 in Düsseldorf, wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. Nach der Schulentlassung machte er eine Schlosserlehre. Die tägliche Arbeitszeit betrug damals zehn Stunden, sechs Tage in der Woche. Für wenige Pfennige Lohn mussten die schwersten Arbeiten verrichtet werden. Im 1. Weltkrieg wurde Franz Hehnen 2016 eingezogen und kam nach Serbien und Mazedonien. Die Hitze und die schlechte Verplegung sowie Typhus und Malaria führten zu vielen Toten unter den einfachen Soldaten. Auch Franz Hehnen wurde sehr krank. Die Offiziere dagegen lebten in Saus und Braus, so dass es bei den einfachen Soldaten bald hieß: „Das gleiche Geld, das gleiche Fressen, dann wäre der Krieg längst vergessen!" Wohin der nationale Kriegstaumel letztlich führte, ist allseits bekannt. In seinem schriftlichen Nachlass kritisiert Pastor Hehnen die Position der deutschen Bischöfe nach 1918. Als der belgische Klerus eine Entschuldigung für 200 getötete Priester forderte, musste er lange auf ein Wort des Bedauerns warten. „Hätte es sich um eine Abtreibung gehandelt, die Frau wäre bis in die tiefsten Abgründe der Hölle verdammt worden", schreibt er verbittert. Im Jahre 1919 trat Franz Hehnen bei den Salvatorianern in Passau ein, besuchte dort das Gymnasium und bereitete sich auf das Theologiestudium vor. Sechs Jahre später wurde er in das Priesterseminar in Djakovo in Jugoslawien aufgenommen. 30 Theologiestudenten aus verschiedenen Nationen lernten und lebten dort in Eintracht und Frieden. Der Priesternachwuchs war damals noch groß. Das religiöse Leben, so berichtet Pastor Hehnen, beruhte auf innerer Überzeugung. Oberflächlichkeit und zweckrationales Denken fehlten völlig. Ostern 1928 wurde er mit zwei weiteren Theologiestudenten vorzeitig zum Priester geweiht, im November feierte er Primiz in seiner Düsseldorfer Heimatpfarrei. Zurück in Jugoslawien wartete viel Arbeit auf den jungen Pastor. In seiner ersten Gemeinde Ruma in der Region Syrmien war von 15000 Einwohnern etwa ein Drittel Katholiken, meist Schwaben. So mussten 1929 über 500 Kinder auf die heilige Kommunion vorbereitet werden, 1000 Kinder und Jugendliche kamen zum Firmunterricht. Unterrichtet wurde in deutscher Sprache. Hinzu kamen Versehgänge (Spende der Sakramente an Kranke oder Sterbende), Beerdigungen und andere Verpflichtungen. Ein Tagespensum von 20 Kilometern Fußmarsch war keine Seltenheit, nur selten stand ein Fuhrwerk zur Verfügung. Er erlernte die serbokroatische und ungarische Sprache und zählte diese Jahre zu seinen schönsten.
Pfarrer Franz Hennen bei einer Trauzeremonie.
Die Ansiedlung der Deutschen im unteren Donauraum begann um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach der Vertreibung der Türken. Viele brachten es zu Wohlstand und hohem Ansehen, sie waren leißig und strebsam, fromm und gottesfürchtig. Das kulturelle Leben der Deutschen war sehr rege, die Leute waren Mitglied in Sport- und Gesangvereinen, Theatergruppen und Schützenvereinen.
Es gab keinerlei Einschränkungen, man lebte friedlich und einträchtig zusammen. Leider machte sich aber auch hier zusehends der Einfluss des Nationalsozialismus bemerkbar. Immer häufiger war vom „Reich" die Rede, und viele freuten sich über die Machtergreifung Hitlers. Pastor Hehnen war ein erklärter Gegner der Nazis und warnte vor einem bevorstehenden Krieg und seinen Folgen. Zu viel hatte er bereits über den blutigen Terror, über Konzentrationslager, willkürliche Erschießungen und die Hetze gegen die Kirche und die Geistlichkeit in Deutschland erfahren. Auf den Widerstand der deutschen Bischöfe hoffte er vergeblich.
Die folgenden Jahre verbrachte er in der Region Banat, zwischen Donau, Theiß und Karpaten. Dort lebten etwa 400 000 Deutsche, meist Schwaben. Viele Priesterstellen waren schon jahrelang vakant, und er wurde daher herzlich aufgenommen. Aber auch im Banat wurde das politische Klima zusehends rauer. Es kamen Emissäre aus dem Reich, hielten Vorträge und erzählten, wie schön es dort sei und wie gut es den Menschen gehe. Viele glaubten den Verführern und hetzten gegen die örtlichen Obrigkeiten. Es wurde die Parole ausgegeben: Der „slawische Untermensch" muss ausgerottet werden! Im Jahr 1938 gelang es Pastor Hehnen, die jugoslawische Staatsbürgerschaft zu erhalten, die er bis zu seinem Lebensende besaß. So entging er einer bevorstehenden Ausweisung nach Deutschland, obwohl seine furchtlose Kritik an der Politik der Nationalsozialisten vielen ein Dorn im Auge war.
Pfarrer Franz Hennen
Ostern 1941 besetzten deutsche Truppen Jugoslawien und kamen auch in seine Pfarrei. Sie müssen, so berichtet Pastor Hehnen, großen Hunger gehabt haben. Ein Leutnant soll unter anderem zwölf Wiener Schnitzel, ein Feldwebel 18 gekochte Eier verzehrt haben. Viele Deutsche hatten die „Befreiung durch die Brüder" aus dem Reich erwartet und erhoften sich vor allem wirtschaftliche Vorteile.
Pastor Hehnen verurteilte in seinen Predigten vehement den Krieg und vor allem die brutale Ausrottung der jüdischen Bevölkerung. So wurde er bei vielen Schwaben der „bestgehasste Mann", wie er schreibt. Mehrmals wurde er verhaftet und mit Juden und Serben inhaftiert, die als Deutschfeinde denunziert worden waren. Viele Aufseher trieben ihren Spott mit ihnen. So mussten jüdische Bürger mit Eimern voller Wasser rechts und links durch die Straßen laufen. Wer einen Tropfen verschüttete, wurde halbtot geschlagen. Andere mussten täglich das Gefängnis putzen. War es sauber, wurden wieder Eimer voll Schmutz auf dem Boden verteilt. Die Besatzungszeit dauerte über drei Jahre, eine beispiellose Schreckensherrschaft, die Pastor Hehnen täglich miterleben musste.
Nach der Liquidierung der Juden kam der vermeintliche slawische „Untermensch" an die Reihe. Reiche Kaufleute und Bauern, Ärzte und Anwälte wurden als Kommunisten angeklagt und hingen bald auf öffentlichen Plätzen und Märkten am Galgen. Ihr Vermögen erhielten die Ankläger. Geschäfte wurden systematisch geplündert, es gab nichts mehr zu kaufen und in kurzer Zeit verhungerten viele tausend Menschen.
In einigen Teilen Jugoslawiens erhob sich die Bevölkerung gegen die Besatzer und es kam zu blutigen Kämpfen. Als Vergeltungsmaßnahme für einen Partisanenangrif erschoss die Wehrmacht im Ort Kragujevac über 3000 serbische Zivilisten, darunter 300 Gymnasialschüler und 18 Lehrer. Das Epos „Blutige Legende" (im Anhang) setzt ihnen ein Denkmal und steht in allen serbischen Schulbüchern. Am 21. Oktober 2021 nahm mit der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth erstmals eine ranghohe deutsche Vertreterin an der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Massakers teil.
Im Jahre 1946 begannen in Belgrad die Kriegsverbrecherprozesse vor allem gegen deutsche Generäle. Pastor Hehnen wurde zu den Verhandlungen eingeladen. Feige und erbärmlich erlebte er die einstigen Herren, die sich für ihre unmenschlichen Gräueltaten auf Führereid und Befehlsnotstand beriefen. Aber die Tatsachen sprachen gegen sie, 25 Generäle wurden hingerichtet. 1953, nach 25 Jahren Seelsorge auf dem Balkan, zog es den Pastor wieder nach Deutschland. Der Trierer Bischof betraute ihn mit dem kirchlichen Dienst in der kleinen Pfarrei Bodenbach. Seine Mutter lebte damals noch in einem Ort in der Nähe von Wittlich bei seiner Schwester. Sehr kritisch beurteilte er die Wiederaufrüstung der jungen Bundesrepublik sowie die Stationierung der Pershing-II-Raketen und der Cruise-Missiles. Er unterstützte die Friedensbewegung und verurteilte die unverantwortliche Hetze rechter Kreise gegen Ausländer und Asylanten. Die Ausbeutung der Menschen, die Zerstörung der Natur und das rücksichtslose Streben nach Macht, Geld und Profit deutete er als Weg in eine „todsichere Endzeit".
1988 feierte Pfarrer Hehnen in aller Stille sein diamantenes Priesterjubiläum. 1996 starb er, geistig rege, im Alter von 99 Jahren im Katharinen-Stift in Hillesheim, wo er auch beerdigt wurde. Der Leitspruch auf seinem Totenzettel lautete: Ich liebte die Gerechtigkeit und hasste das Unrecht! (Hebr. 1.9)
Grundlage für den Artikel ist eine umfangreiche Niederschrift von Pfarrer Hehnen mit dem Titel „Geistlich-politisches Testament - Gedanken und Meinungen zu Ereignissen des 20. Jahrhunderts". Außerdem habe ich seine schriftlichen Ausführungen „Erinnerungen an ein langes Leben" sowie zahlreiche Briefe, die er mir meist zu Weihnachten schrieb, berücksichtigt.