von Toni Nemes, St. Thomas
Im Kreismuseum Bitburg-Prüm wird 2024 in einer Sonderausstellung das Werk des Kyllburger Fotografen Joseph Quirin (1854 - 1928) gewürdigt. Was das mit dem heutigen Landkreis Vulkaneifel zu tun hat? Joseph Quirin war auch in unserer Region mit der Kamera unterwegs und gehört damit auch zu deren kulturellem Erbe.
Joseph Quirin eröffnete sein „Studio für Portraits und Landschaften" spätestens 1883.1Ohne Konkurrenz im näheren Umfeld, versammelten sich in seinem Studio nicht nur die Menschen aus Kyllburg und Umgebung. Auch die zahlreichen Kurgäste des durch den Bau der Eifelbahn 1870/71 aufstrebenden Fremdenverkehrsortes gaben sich in der „Korbischt" (Bahnhofstraße) die Klinke in die Hand.
Neben der Studio- war die Orts- und Landschaftsfotografie das zweite Standbein Quirins. Dabei bannte er nicht nur Kyllburg und seine direkten Nachbarorte auf die damals gängigen Glas-Negativplatten. Zu seinem Portfolio gehörten Aufnahmen von über 30 Orten der Eifel, die seine Kundschaft auf Pappe aufgezogen - als sogenannte Kabinettkarten - oder später auch als Ansichtskarten erwerben konnten. Aus dem heutigen Landkreis Vulkaneifel sind von folgenden Orten Bilder bekannt: Mürlenbach, Birresborn, Gerolstein, Pelm, Hillesheim und Daun sowie vom Weinfelder und Schalkenmehrener Maar.
„Maier/Hinterhausen" ist auf dem Glasnegativ dieses „Brautbildes" eingeritzt. Für die Atelieraufnahme um 1898 hatte sich das frisch vermählte Paar aus dem heutigen Stadtteil von Gerolstein eigens auf den Weg nach Kyllburg gemacht. Die namentliche Kennzeichnung der Platten aus dem Studio Quirin war eher eine Ausnahme.
Der erste schriftliche Nachweis für Joseph Quirins fotografische Tätigkeit ist ein Inserat im „Bitburger Kreis- und Intelligenzblatt" vom 27. Juli 1883. Zu diesem Zeitpunkt wird sein Atelier aber bereits länger bestanden haben.
Von der Munterley hielt Joseph Quirin um 1890 diese Ansicht von Gerolstein fest. Es handelt sich um eine sogenannte „Kabinettharte", bei denen das eigentliche Foto auf einen Pappkarton in der Größe von etwa 110 x 165 Millimeter aufgezogen wurde
Die überlieferten Kabinettkarten und die etwas kleineren Carte-de-Visite-Fotos aus dem Studio Quirin stellen aber nur einen kleinen Teil des Schaffens des Kyllburger Fotografen dar. Ihnen gegenüber stehen tausende von Glasnegativen, hauptsächlich mit Einzel-und Gruppenporträts. Dass heute noch Zugriff darauf besteht, ist insbesondere zwei enthusiastischen Sammlern zu verdanken: Manfred Morsbach aus Badem und Johann Banz aus Eschfeld. Die beiden erwarben in den 1990er Jahren den fotografischen Nachlass des Kyllburger Fotografen von dessen Nachfahren. Interessenten für die Glasnegative habe es damals viele gegeben, erzählt Johann Banz heute. Aber er sei der einzige gewesen, der auch etwas dafür geben wollte. Sechs blaue Hundertmarkscheine blätterte er 1995 dafür auf den Tisch.
Überliefert sind uns auf diese Weise hunderte der originalen Kartons, in denen Joseph Quirin die unbelichteten Glasnegative ab Werk bezog und in die er sie nach der Belichtung und Entwicklung wieder verstaute. Zwischen die Glasplatten packte er zum Schutz gegen Kratzer — unbeschriebenes Papier war ihm zu schade — alte Briefe, Rechnungen oder Prospekte, die er auf die passende Größe zerriss.
Diese Kabinettkarte des Schalkenmehrener Maares ist handschriftlich datiert mit „6/9 96". Entstanden ist die Aufnahme vermutlich bereits um 1890.
Und genau hier beginnt die Krux, die Forscherinnen und Forscher heute, drei bis vier Generationen später, vor Probleme stellt: Zwar ist ein Teil der Fotokartons mit Jahreszahlen, Ortsangaben oder ähnlichem beschriftet. Aber zum einen sind diese Angaben sehr rudimentär und zum anderen scheint zumindest ein Teil der Platten in den vergangenen 120 Jahren zu irgendeinem Zeitpunkt durcheinander geraten zu sein.
Der Quirin-Negativkarton 031 mit der Notiz „Hillesheimer Aufnahmen im July 1887".
Die „fliegenden“ Ateliers im Freien wurden vornehmlich in den Sommermonaten aufgebaut. Wegen des dann tendenziell schöneren, regenfreien Wetters und des benötigten helleren Lichts. Dieses Foto einer unbekannten Frau entstand im Juli 1887 in Hillesheim.
„Die Platten werden für Nachbestellungen aufbewahrt" ist auf jedem der auf Pappe aufgezogenen Quirin-Fotos zu lesen. Dieses Versprechen konnte Joseph Quirin nur einhalten, wenn er ein wie auch immer geartetes Ordnungssystem hatte — allein: es ist nicht mehr vorhanden.
Eine der Ausnahmen im Durcheinander gibt es beim Negativkarton mit der Archivnummer 031, der den heutigen Landkreis Vulkaneifel betrifft. „Hillesheimer Aufnahmen im July 1887" hat Joseph Quirin darauf vermerkt. Und warum Hillesheim? Ende des 19. Jahrhunderts boten viele Fotografen ihre Dienste in den Sommermonaten tageweise, meist an Wochenenden, in solchen Orten an, in denen es (noch) keine Konkurrenz gab. Diese Besuche mit einem „fliegenden" Studio, die gerne in Gartenlokalen aufgebaut wurden, wurden vorab in der Lokalpresse beworben. Leider ist keine der in Hillesheim Ende des 19. Jahrhunderts gelesenen Zeitungen in irgendeiner Bibliothek mehr vorhanden. Belegt sind aber entsprechende Inserate Quirins aus Bitburg.
Als wären diese unbeschrifteten Fotos und Negative der Herausforderung nicht genug, gibt es auch noch den umgekehrten Fall: Quirin-Fotos, von denen bekannt ist, dass es sie gibt, die aber bisher nicht zugeordnet werden konnten. Die Rede ist vom Zugunglück auf der Eifelbahnstrecke bei Pelm in der Nähe von Gerolstein, bei dem in der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1897 zehn Menschen den Tod fanden. Joseph Quirin, hier ganz Sensationsfotograf, witterte wohl das große Geschäft und fuhr — vermutlich mit dem aus Trier zur Hilfe eilenden Sanitätszug — zur Unfallstelle. Jedenfalls legt das eine Anzeige in der in Prüm erschienenen Zeitschrift „Das Eifelland" von Anfang Juni 1897 nahe. Dort legte Quirin dem geneigten Publikum seine Fotos vom „Eisenbahnunglück bei Gerolstein am Morgen direkt nach der Katastrophe" ans Herz. In den vergangenen 125 Jahren seit der Zugentgleisung ist viel Wasser die Kyll nahe der Unglücksstelle in Pelm hinuntergeflossen. Und es sind zahlreiche Zeitungsartikel sowie viele Beiträge in Zeitschriften und Büchern erschienen, in denen immer wieder dieselben vier, fünf Fotos vom Morgen danach verwendet wurden. Aber es ist keines dabei, dass dem Fotografen Joseph Quirin sicher zuzuordnen wäre. Diese missliche Tatsache ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Sammler historischer Fotos in der Vergangenheit selten einen Blick dafür hatten, von wem und aus welcher Quelle ihre ergatterten Schätze stammten, sondern mehr an den abgebildeten Motiven interessiert waren. Provenienzforschung, also Quellenstudium, so wie es heute obligatorisch ist, war noch kein Thema.
Etwa ein „echter" Quirin? Dieses Foto vom Zugunglück in Pelm wurde immer wieder in Publikationen verwendet, ohne dass der Urheber genannt wurde.
Ganz schön reißerisch: Quirin-Anzeige in der in Montjoie (Monschau) herausgegeben Zeitschrift „Das EifeUand", Nummer 11, von Anfang Juni 1897
Geschlampt wurde aber auch schon zu Zeiten Joseph Quirins und wohl auch von ihm selber: Unter den erwähnten alten Briefen, die er mitunter als Zwischenlage seiner Glasplatten-Kartons verwendete, findet sich auch das fein säuberlich in vier Teile zerrissene Schreiben eines verzweifelten Lehrers Schillen aus Bous im Saarland vom 11. Februar 1902, der „er-gebenst um die gefällige Mitteilung" bittet, „ob Sie die Platte von der seinerzeitigen Aufnahme meiner Eltern gefunden haben. Es wäre mir wirklich sehr angenehm ...". Die Antwort Joseph Quirins ist uns nicht überliefert. Für die kommende Ausstellung in Bitburg ist das dortige Kreismuseum an weiterem Material interessiert. Wer also selbst über Landschaftsfotos oder über Porträtfotos aus dem Studio Quirin verfügt, auf denen Menschen abgebildet sind, deren Namen bekannt sind, möge sich bitte melden. Insbesondere ist man in Bitburg gespannt, ob es neue Erkenntnisse zu den bisher unbekannten Fotos vom Zugunglück in Pelm gibt. Hinweise bitte an den Autor: kontakt@toninemes.de (E-Mail) oder Telefon +49 176 633 41 444.
„Zum Nachbestellen bleibt die Platte aufbewahrt" versprach Quirin seiner Kundschaft auf der Rückseite jeder verkauften Carte-de-Visite und Kabinettkarte.
5) Die Ellscheider Glocke konnte durch Tausch mit einer Glocke aus Mehren gerettet werden