Peter Burggraaff, Kelberg
Das 200jährige Jubiläum „Preußen am Rhein" wurde 2015 gefeiert. In diesem Zusammenhang ist es interessant, nachzugehen, ob die preußische Zugehörigkeit der Eifel seit 1815 Fluch oder Segen war. Nach dem Ende der französischen Periode 1814 wurde das Rheinland auf dem Wiener Kongress 1815 dem Königreich Preußen zugesprochen. Die Preußen übernahmen 1816 die Verwaltung und gliederten das Gebiet in zwei Provinzen: das Großherzogtum Kleve und Großherzogtum Niederrhein (siehe Abb. 1). 1822 wurden die beiden Provinzen zur Rheinprovinz mit Koblenz als Hauptstadt vereinigt.
Die Preußen teilten die Rheinprovinz in Regierungsbezirke, Kreise, Ämter und Gemeinden ein. Die Verwaltungsgliederung mit Ämtern (Bürgermeistereien) und Gemeinden fußte mehr oder weniger auf der von der französischen Verwaltung eingeführten kommunalen Verfassung mit „Mairies" und „Communes". Die Eifel war während der französischen Periode auf fünf Departements (Roer, Ourthe, Rhein-Mosel, Trier-Saar und Wälder) und von 1816 bis 1947 auf die Regierungsbezirke Aachen, Köln, Koblenz und Trier verteilt (siehe Abb. 1).
Die preußischen Beamten trafen 1816 eine dünnbesiedelte Region mit Grenzlage an, die aufgrund der naturräumlichen Beschaffenheit eine Ungunstregion war. Die naturräumliche Beschafenheit hat den Handlungs- und Bewirtschaftungsspielraum des Menschen über Jahrhunderte beeinflusst. Die Entwicklung der Landwirtschaft hing eng mit der Höhenlage, dem Relief, der hydrologischen Bodenbeschaffenheit sowie dem Klima zusammen. Die Jahresniederschlagsmengen variieren von durchschnittlich ca. 600 bis 800 Millimeter in der Vulkan- und Hocheifel bis 1000 bis 1200 Millimeter in der Westeifel (Fischer 2013, S. 24-35). Die mittlere Jahrestemperatur variiert je nach Höhenlage zwischen 7,5 und 8,5° Celsius. Die Vegetationsperiode ist kurz und variiert ebenfalls nach Höhenlage und beträgt im Schnitt 125 bis 150 Tage. Nachteilig sind die häufig auftretenden Spät- und Frühfröste (Fischer 2013, S. 31, S. 33). Vor allem in der Rur-, Hoch- und Vulkan-eifel mit dem Relief, kargen Böden und den ungünstigen klimatischen Verhältnissen waren die Rahmenbedingungen für den Ackerbau besonders ungünstig.
Die ursprünglich waldreiche Eifel war 1816 durch die Jahrhunderte währende Ausbeutung der Wälder durch eine nicht nachhaltige Holzwirtschaft, landwirtschaftliche Nutzung des Waldes und die ungünstigen landwirtschaftlichen Verhältnisse und Strukturen verarmt. Bis ca. 1850 war die Landwirtschaft sehr eng mit der Waldwirtschaft verzahnt. Neben der Produktion von Bau- und Nutzholz sowie Brennholz für die Herstellung von Holzkohle für die Eisenverhüttung und für die Glas- und Kalkherstellung, diente der Wald vor allem auch als landwirtschaftliche Ergänzungsfläche.
Abb. 1: Die fünf Departements des Rheinlandes während der französischen Periode (1798-1814) und die preußische Rheinprovinz (1816-1947)
Die Weideflächen für Rinder, Schafe und Ziegen befanden sich vor allem im Wald. Die wenigen Grünlandlächen befanden sich in den Auen (Weber 1986, S. 104). Sie wurden weitgehend zur Heuernte für die winterliche Stallfütterung genutzt.
Eine besondere Beweidungsform war die herbstliche Schweinemast mit fetthaltigen Eicheln und Bucheckern. Breittragende Eichen und Buchen als sogenannte Mastbäume zeugen noch von dieser einstigen Waldnutzung. Für den Ackerbau war die Einbeziehung des Waldes wichtig. Im Rahmen der im Prümer Urbar von 893 erwähnten Rottwirtschaft mit der Niederwaldnutzung wurde auf den abgeholzten Flächen mit Aschedüngung zwei Jahre Getreide angebaut: Hafer oder Roggen im ersten und Buchweizen im zweiten Jahr. Nach einer Umtriebszeit von 20 bis 25 Jahren begann der Kreislauf wieder von vorne.
Abb. 2: Temperaturabsenkung in Mitteleuropa nach dem Vulkanausbruch der Tambora vom 10.-15.4.1815 (Quelle: Luterbacher et al. 2004, S. 1499-1503)
Das erforderliche Streugut für die Stallhaltung und für die Herstellung von Dünger wurde aus dem Wald geholt. Durch die ständige Entnahme von Humus und Streu mit Holzrechen wurde die Leistungsfähigkeit der Waldböden erheblich beeinträchtigt. Darüber hinaus diente der Wald traditionell als Sammelstelle von Kräutern und Wildfrüchten sowie Laub, das als zusätzliches Viehfutter durch Schneitelung der Bäume gewonnen wurde. Extreme Auswirkungen hatte seit dem Spätmittelalter die Schiffelwirtschaft. Hierbei wurde der Niederwald gerodet und dann je nach Bodenbeschaffenheit bis zu drei Jahre Ackerbau betrieben. Ziel dieser Bewirtschaftungsform war, die kargen Erträge auf den nährstofarmen Böden mit zusätzlichem Ackerland aufzustocken. Nach der ackerbaulichen Nutzung wurden diese Flächen sich selbst überlassen und als Weide genutzt. Hierdurch konnte sich kaum -außer Wacholder und Ginster (Eifelgold) - eine Vegetation entwickeln. Zwischen den Sträuchern wuchsen Heidekraut und Borstrasen. Nach 15 bis 20 Jahren wurden diese Flächen erneut mit Schaufeln „abgeplagt" oder „abgeschiffelt", getrocknet und im Herbst verbrannt und mit der Asche gedüngt (Schwind 1983, S. 38; Rieder 1922). Diese temporäre landwirtschaftliche Nutzung des Waldes hat maßgeblich zu den ständig wachsenden Heide- und Ödlandflächen beigetragen. Sie wurden weiterhin als Weideflächen genutzt und prägten das damalige ofene Landschaftsbild der Eifel bis weit in das 19. Jahrhundert.
Während der französischen Verwaltung von 1795 bis 1814 und zu Beginn der preußischen Verwaltung 1816 veränderte sich in der Landbewirtschaftung zunächst nicht viel. Aber das raue Klima führte oftmals zu Ernteausfällen mit verheerenden Folgen für die Nahrungsmittelversorgung, so dass Hungersnöte auftraten und Hungertyphus ausbrach (Glaser 2001, S. 180). Darüber hinaus gab es diesbezüglich kaum Saatgut für das nächste Jahr. Das extrem schlechte Wetter in den Jahren 1815 bis 1817 wird mit dem Ausbruch der Tambora auf der indonesischen Insel Sum-bawa in Verbindung gebracht (Glaser 2001, S. 180), der als der größte Vulkanausbruch der letzten 10.000 Jahre betrachtet wird. Während der Ausbrüche vom 6. und 10. bis 15. April 1815 wurde über 100 Kubik-kilometer Material in die Atmosphäre geschleudert. Die feine Vulkanasche, die in die oberen Schichten der Atmosphäre aufstieg, verbreitete sich in wenigen Tagen über die nördliche Erdhalbkugel. Durch die Partikel wurde das Sonnenlicht zurück ins All reflektiert, wodurch die Temperatur in der Eifel etwa 2,5 bis 3 Grad Celsius sank (siehe Abb. 2). Hierdurch wurde die kurze Vegetationsperiode weiter verkürzt. Missernten und Ernteausfälle waren im sogenannten „Jahr ohne Sommer" 1816 zu verzeichnen. Erst nach einigen Jahren war die Atmosphäre wieder weitgehend staubfrei.
Die Folgen des schlechten Wetters werden durch folgendes Zitat belegt: „[...] 1816 war ein Jahr des Unheils. Bis in den Juni hinein lag stellenweise der Schnee. Anfang November schneite es schon wieder. Nichts wurde reif, alles verdarb und verkam. Ende September wurde erst das Heu eingeerntet. Das Korn wurde erst im Oktober reif. Die Kartoffeln waren alle erfroren und lagen unter dem Schnee begraben." (Arntz 1986, S. 124). Bürgermeister Cornelius Metten des Amtes Kelberg1 (bis 1932 Kreis Adenau) berichtet in der Chronik des Amtes Kelberg von einem „unerhörten allgemeinen Misswuchs an Getreide und Gemäße". Er schrieb damals: „Eine allgemeine Hungers Noth bedrohete das ganze Land, und besonders die Eifel. [...]. Ich mag mich dieser Epoche nur mit Grausen erinnern. Ich habe Leute gesehen, die Gräßer in den Wiesen gesammelet undgegeßen haben. Die erkalteten Grundbieren (Kartoffeln) wurden als Leckerbißen benutzet. " (Mayer 2016, S. 12). Eine weitere Beschreibung über die damalige Notsituation in der Eifel gibt Peter Blum wieder: „1816 fiel eine so schwere Missernte ein, dass eine entsetzliche Teuerung und Hungersnot um sich griff In der Eifel lebten die armen Leute von Wiesenkräutern, die sie mit Hafermehl zu Mus verrührten [...]. Viele entschlossen sich damals, ihr Land zu verlassen. Preußen veranlasste Geld- und Sachsammlungen für die notleidende Eifelbe-völkerung" (Blum 1925, S. 128).
Abb. 3: Die Hungermedaille des Nürnberger Stempelschneiders Thomas Stettner. Auf der Vorderseite (links) ist eine Mutter mit zwei Kindern mit der Inschrift „O gieb mir Brot mich hungert." zu sehen. Auf der Rückseite (rechts) hängt eine Waage aus den Wolken. Auf der linken Waagschale steht ein Gewichtsstein mit der Unterschrift „IIb 3L". Auf der rechten Waagschale liegen Getreidekörner mit der Unterschrift „12 KR". Zwischen den beiden Schalen der Waage steht „1 MAAS BIER 8 % KR". Darunter liegt ein Anker, unter welchem die Jahreszahlen 1816 und 1817 geschrieben sind. Die Umschrift am Rande lautet: „ Verzaget nicht - Gott lebet noch." (www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Superportal/ Bibliothek/Autoren/Aversano-Schreiber/DasJahrohneSommer.pdf (01.02.2016)
Missernten und Ernteausfälle führten zu Hungersnot, so dass viele aus der Eifel notgedrungen auswanderten. Die preußische Regierung musste mit Getreidelieferungen einspringen, um die Not zu lindern. Hierzu stellte König Friedrich Wilhelm III. zwei Millionen Taler für Hilfsaktionen zur Verfügung. So wurde nach Hans-Dieter Arndt (1986, S. 124) in Blankenheim, Gemünd, Schleiden, Reifferscheidt und Kronenburg pro Tag und pro Kopf ein Pfund Brot an die Ärmsten verteilt. Das Betteln wurde verboten und mit Gefängnisstrafen geahndet (Janssen 1929, S. 29). Erst ab 1818 normalisierte sich allmählich die Lage wieder.
Ein weiteres Notjahr war 1847. In einem Artikel im Schleidener Wochenblatt vom 9. April 1847 wurde der Eifelbevölkerung nahegelegt, „Froschschenkel statt Brot" zu essen.2 Wenige Monate später wurde sogar polizeilich darauf hingewiesen, dass Fremde und Bettler aufgrund der sehr schlechten Nahrungsmittelsituation nicht versorgt werden dürften. Wer „Fremde" aufnahm, wurde mit einem Bußgeld von einem bis fünf Taler belegt (Arndt 1986, S. 24-25). Der Winter 1879/1880 war ebenfalls sehr kalt. Die Not war so groß, dass im Deutschen Reich gesammelt wurde, um das Verhungern zu vermeiden. Die Spenden wurden zwecks Verteilung wöchentlich an die Pfarrer und Gemeindevorsteher weitergeleitet. Aus einem Dankesschreiben des Pfarrers von Stadtkyll wird die Not deutlich: ,,In meiner Pfarrgemeinde sind keine 20 Familien, die in diesem Winter zu den alten Schulden nicht noch neue machen müssen. Vielfach konnten die Kartoffeln nicht ausgemacht werden, weil Frost und Schnee kamen, ehe alles reif geworden war." (Arndt 1986, S. 24-25).
Wegen der ungünstigen Witterungsbedingungen und katastrophalen strukturellen Verhältnisse in der hauptsächlich auf Eigenversorgung orientierten Landwirtschaft wurde die Eifel im 19. Jahrhundert als „preußisches Sibirien" bezeichnet. Die sehr ungünstige kleinbäuerliche Betriebsgrößenstruktur hat ihre Hauptursache im praktizierten Realteilungserbrecht mit der freien Teilbarkeit unter allen Erben, das nach dem 1802 eingeführten französischen Recht legitimiert war und im linken Rheinland von der preußischen Verwaltung beibehalten wurde. Hierdurch nahmen bei einer wachsenden Bevölkerung die Betriebs- und die Parzellengrößen ständig ab. Das Ergebnis waren stark zersplitterte Fluren mit Kleinbzw. Kleinstparzellen in Streulage. Da die Fluren unzureichend mit Wegen erschlossen waren, wurde Flurzwang mit der gleichen Fruchtfolge wegen der Säh- und Erntezeiten eingeführt, die zu Abhängigkeiten führte (siehe Abb. 4 und 5a). So betrug die mittlere Parzellengröße im Altkreis Daun um 1885 0,09 Hektar. Hierdurch wurde die Bewirtschaftung der Grundstücke erheblich erschwert.
Die Vermessungskosten für die Teilung der Grundstücke konnten die Bauern nicht aufbringen. Deswegen wurden Erbengemeinschaften als Eigentümer eingetragen. Durch nachfolgende Teilungen wurden die Grundstücksanteile immer kleiner und die Erbengemeinschaften immer größer. Heute gibt es noch immer auf Erbengemeinschaften eingetragene Grundstücke, die mittlerweile aus Hunderten von Erben bestehen können, die kaum mehr zu ermitteln sind. Wenn man im Sommer 1850 die Eifel-landschaft hätte sehen können, präsentierte sich das Landschaftsbild optisch mit großen, durch den Flurzwang bedingten Getreidefeldern sowie größeren Heidebzw. Odlandflächen. Es gab faktisch eine offene Kulturlandschaft. Innerhalb der landwirtschaftlich genutzten Flure gab es in Wirklichkeit jedoch sehr viele kleine und Kleinstparzellen.
In den 1880er Jahren führte eine Reihe von Missernten wegen der schlechten Witterung erneut zu einem Notstand. Nach dem sehr strengen Wetter von 1883 verschlechterte die Situation sich weiter. Die Wetterlage hing sehr wahrscheinlich mit dem Ausbruch des Krakataus vom 22. bis 27. August 1883 auf der Westspitze der indonesischen Insel Java zusammen, der als zweitgrößter Vulkanausbruch der Neuzeit betrachtet wird (siehe Abb. 2). Obwohl dieser Ausbruch nicht so gewaltig war wie der der Tambora, gab es eine zeitweilige Temperatursenkung von 0,5 bis 0,8 Grad Celsius,3 die sich vor allem in den höheren Lagen mit erhöhten Niederschlagsmengen, Früh- und Spätfrösten negativ auf die landwirtschaftliche Produktion auswirkte. Es kam zu Nahrungsmittelengpässen und Hungersnöten, die zu einer erneuten Auswanderungswelle als letztem Ausweg führte.
Wegen der kritischen Situation sprachen Landräte und Bürgermeister bei der Regierung in Berlin und beim Oberpräsidium in Koblenz vor. Daraufhin gab es weitreichende Hilfeleistungen. Man beschloss 1884 die Gründung des Eifelfonds zur Förderung von Strukturmaßnahmen für die Land- und Forstwirtschaft mit öffentlichen Geldern. Die jährliche Förderung betrug MK 200 000,00 (heute ca. € 1.060.0004) des Königreichs Preußen und 100.000 Mark (ca. € 530.000) seitens der Rheinprovinz (Krewel 1931, S. 17). Die Fördermaßnahmen wurden später auch auf den Hunsrück, Taunus und Westerwald mit ähnlichen naturräumlichen Rahmenbedingungen erweitert. Hierzu wurde 1897 der „Westfonds" gegründet;
") In Tausend Reichsmark
Tab. i: Staatliche Notstandshilfen in den Eifelkreisen 1876-1929 in Reichsmark (xiooo). Nach Krewel 1931, S. 21
Abb. 4: Katasterkarte der Gemeinde Zermüllen, „Section B genant Dorfsection" von 1821.
1901 wurde der Eifelfond aufgelöst und mit dem Westfonds verschmolzen (Graafen 1993, S. 106). 1924 wurde der Westfonds in „Fonds zur Förderung der Landwirtschaft durch Meliorationen, Umlegungen und Wasserleitungen" umbenannt (Krewel 1931, S. 19).
Mit dem Eifelfond wurden die Land- und Forstwirtschaft sowie die Ausbildung der Landwirte und Agrarforschung für die Entwicklung von widerstandsfähigem Saatgut finanziert. Insgesamt wurden bis 1926 ca. 7.000.000 Reichsmark (ca. € 3.500.000) investiert.
Aus Tabelle 1 geht hervor, wie die Fördermittel investiert worden sind. Die am stärksten geförderte Maßnahme war die Zusammenlegung der zersplitterten Grundstücke. Die Grundlage dafür wurde mit dem Erlass des „Gesetzes, betreffend die Zusammenlegung der Grundstücke im Geltungsbereich des Rheinischen Rechts" am 24. Mai 1885 geschaffen (Rembold 2012, S. 104). Dieses Gesetz hat trotz der anfänglichen bäuerlichen Widerstände und Zurückhaltung und trotz der weiterhin praktizierten Realteilung eine nachhaltige Verbesserung der landwirtschaftlichen Struktur ermöglicht. Die Vergrößerung der zersplitterten Parzellen auf eine durchschnittliche Größe von etwa 2.500 Quadratmetern und die reduzierte Parzellenzahl der Kleinst- (bis 2 Hektar) und kleinen Betriebe (2 bis 5 Hektar) trugen zu einer besseren und effizienteren Bewirtschaftung bei. Die meistens rechteckig geprägten Flurwegenetze zur Erschließung der Parzellen sind bis heute landschaftswirksam. Das Ziel war, dass jedes neu zusammengelegte Grundstück einen direkten Weganschluss erhielt (Graafen 1992, S. 108). So konnte auf Flurzwang verzichtet werden. Die Landwirte konnten nun ihre Fruchtfolge selbst bestimmen. Die Aufgabe des Flurzwangs mit einheitlicher Fruchtfolge wirkte sich auf das Landschaftsbild aus. Anstelle der weiträumigen und einheitlich angebauten Ackerfl ächen gab es nun eine mosaikähnliche Struktur mit unterschiedlich bewirtschafteten Ackerparzellen. Die erste Flurbereinigung nach dem Inkrafttreten des Flurbereinigungsgesetzes vom 24. Mai 1885 wurde in der Gemarkung Kelberg noch im Jahre 1885 eingeleitet (Burggraaff 1988, S. 190 191).
Abb. 5: „Übersichtsharte des Gemeindebezirkes Kelberg, Kreis Adenau, Regierungsbezirk Koblenz vor der 1887 durchgeführte Zusammenlegung (links) und nach der Zusammenlegung (rechts). Gezeichnet im geodätisch-technischen Bureau der königlichen Generalhommission zu Düsseldorf im Dezember 1887 durch Gröhlich" enteren Bewirtschaftung bei. Die meistens rechteckig geprägten Flurwegenetze zur Erschließung der Parzellen sind bis heute landschaftswirksam. Das Ziel war, dass jedes neu zusammengelegte Grundstück einen direkten Weganschluss erhielt (Graafen 1992, S. 108). So konnte auf Flurzwang verzichtet werden. Die Landwirte konnten nun ihre Fruchtfolge selbst bestimmen. Die Aufgabe des Flurzwangs mit einheitlicher Fruchtfolge wirkte sich auf das Landschaftsbild aus. Anstelle der weiträumigen und einheitlich angebauten Ackerflächen gab es nun eine mosaikähnliche Struktur mit unterschied-
Beim Vergleich des Zustands vor und nach der Zusammenlegung (siehe Abb. 5) ist die Strukturverbesserung mit den größeren Parzellen und Wegen gut erkennbar. Zu Beginn der Zusammenlegung wurden für eine gerechte Zuweisung der neuen Grundstücke die Bonitätswerte der Parzellen ermittelt.
Hierbei wurden ebenfalls das Relief, die Lage der Parzellen sowie die Entfernung zu den Gehöften für die Zuteilung berücksichtigt.
Das oberste Prinzip war eine gerechte Zuteilung ohne jegliche Bevor- oder Benachteiligung. Eine weitere zwangsläufige Folge der Zusammenlegung war, dass die neuen Parzellen vermessen wurden und somit faktisch ein neues Kataster erstellt worden ist, das bis heute die Grundlage für die Fortschreibung des Katasters bildet.
In den Folgejahren wurden in den benachbarten Ortschaften von Kelberg Flurbereinigungen durchgeführt. In den Altkreisen Adenau, Ahrweiler, Daun und Wittlich sind nach untenstehender Tabelle bis 1906 die meisten Flurbereinigungen eingeleitet bzw. abgeschlossen worden. Ein Großteil der Gemarkungen der östlichen Eifel und Vulkan-eifel ist vor 1939 zusammengelegt worden. Um 1970 war die Phase der Erstbereinigungen weitgehend abgeschlossen.
Die Tabelle zeigt, wie zersplittert die landwirtschaftlichen Nutzflächen in den Kreisen Adenau, Daun, Ahrweiler und Wittlich waren und dass gerade im Hocheifelkreis Adenau mit der Zusammenlegung begonnen wurde. Aus Abb. 6 ist zu entnehmen, dass die meisten Zusammenlegungen bis 1935 in der Hoch-, Vulkan- und Kalkeifel durchgeführt worden sind.
Weitere wichtige strukturverbessernde Maßnahmen waren Meliorationen, Bewässerungsund Entwässerungsmaßnahmen sowie Fluss-und Bachregulierungen zur Verbesserung der Böden sowie die Anlage von Wasserleitungen.
Tab. 1: Staatliche Notstandshilfen in den Eifelkreisen 1876-1929 in Reichsmark (x 1000). Nach Krewel 1931, S. 21
|
Kreise |
Verfahren beendet |
Verfahren eingeleitet |
Parzellenzahl vorher |
Parzellenzahl nachher |
|
Schleiden |
4 |
5 |
8.895 |
1.982 |
|
Adenau2 |
11 |
12 |
49756 |
7.888 |
|
Ahrweiler2 |
11 |
1 |
30.289 |
9.259 |
|
Cochem |
3 |
1 |
17.697 |
3.684 |
|
Mayen |
8 |
0 |
17.500 |
4.272 |
|
Bitburg1 |
2 |
1 |
3.042 |
1.118 |
|
Daun2 |
12 |
5 |
41.891 |
7.947 |
|
Prüm1 |
4 |
3 |
7.761 |
3.344 |
|
Wittlich2 |
8 |
4 |
32.985 |
5.468 |
Abb. 6: Umlegungen in der Eifel, Stand: 31.12.1925 (links), Stand: 1.1.1935 (rechts). Nach: Landeskulturamt Düsseldorf [Hrsg.] 1925, S. 26 u. K. Sperber, 1936, in: Graafen 1992, S. 109110
Die Strukturmaßnahmen sind auch bezüglich der auf Autarkie orientierten Landwirtschaftspolitik nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen, in dem es zu Nahrungsmittelengpässen und Rationierungen kam. Die Steigerung der Agrarproduktion war eine nationale Aufgabe. Deswegen wurde die Ödlandkultivierung vorangetrieben. Die Flächen, die nicht für den Ackerbau geeignet waren, wurden als Grünland kultiviert. In vielen Gemeinden wurden dazu Weidegenossenschaften gegründet, die diese gemeinschaftlich genutzten Weideflächen verwalteten und Kuhhirten für das sommerliche Viehhüten einstellten. In Dörfern ohne Weidegenossenschaften wurde das Vieh oftmals von Kindern auf Heideflächen gehütet.
Abb. 7: Impressionen der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Handarbeit und Tierkraft.
Abb. 8: Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktivität und des Anteil der agrarischen Berufsbevölkerung an der gesamten Berufsbevölkerung 1800-1950 (nach W. Schenk GIUB Bonn)
Durch die Gründung von Weidegenossenschaften, die Verbesserung der Ställe und der Hygiene, die nachhaltige Förderung der Milchviehhaltung, die Gründung der genossenschaftlichen Molkereien, die Durchführung von Flurbereinigungen und Meliorationen sowie Maschineneinsatz, Agrarforschung und -bildung stieg die landwirtschaftliche Produktion. Gleichzeitig nahm die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft kontinuierlich ab (siehe Abb. 8).
Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfuhr der heruntergekommene Eifeler Wald einen tiefgreifenden Wandel. Nach der Reduzierung der Waldflächen durch Rodungen seit der früh- und hochmittelalterlichen Landnahme haben sich die Streugewinnung, nicht-nachhaltige Bewirtschaftung sowie die landwirtschaftliche Nutzung des Waldes negativ ausgewirkt.
Der Wald war in das mittelalterliche und frühneuzeitliche Agrarsystem eingebunden. Besonders durch die Beweidung und die großen Wildbestände wurde dem Wald durch Verbiss große Schäden zugefügt, wodurch die natürliche Verjüngung fast zum Erliegen kam. Das Problem wurde zwar erkannt, und bereits seit dem 17. und 18. Jahrhundert wurden von den Landesherren Waldverordnungen erlassen, in denen die Weideberechtigung, die Zahl der Tiere und die Streuentnahme reguliert und einschränkt wurden (Schwind 1984, S. 45). Dies galt besonders für die schädliche Ziegenbeweidung, die in den kurtrierischen Wäldern 1720 verboten und nach einer zeitweiligen Lockerung 1773 endgültig untersagt wurde. Dies gilt seit 1787 auch für die Schafbeweidung (Schwind 1984, S. 48). Die Rinderbeweidung wurde im 18. Jahrhundert wegen ihrer Bedeutung für die Landwirtschaft zwar geduldet, aber strenger reglementiert. In der Praxis bewirkten diese Verordnungen jedoch wenig.
Abb. 9: Ausbeutung des Waldes für die Herstellung von Holzkohlen (links), Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Reste der Glashütte von Holstum (Mitte) (www.naturpark-suedeifel.de/a-ehemalige-glashuette-holsthum, abgerufen: 19.4.2021), Kalkwerk Brandenburg bei Kronenburg (rechts), Foto: P. Burggraaff
Durch die Jahrhunderte währende Übernutzung und Ausbeutung entstanden ausgedehnte Heide und Ödlandflächen. In den herrschaftlichen Wäldern war die Situation wegen der Holzerträge und Weidegelder, die für die Landesherren wichtige Einnahmenquellen waren, etwas besser. Besonders die energetische Nutzung des Waldes zur Herstellung von Holzkohle für die Verhüttung von Eisen, Herstellung von Glas, Pottasche und Kalk (s. Abb. 10) führte zu einer Übernutzung des Waldes.5 Der Waldzerfall wurde seit ca. 1650 durch die sogenannte Waldstreunutzung für die Stallhaltung weiter beschleunigt. Nach dem Verbot in der kurtrierischen Forstordnung von 1786, in eingehegten Bezirken Laub zu scharren, blieb aber die Laubstreuentnahme in allen anderen Bezirken erlaubt. Durch die Laubentnahme verarmte der Waldboden und wurde in seiner Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt, wodurch der Degenerierungsprozess des Waldes zusätzlich verstärkt wurde. Auch im 19. Jahrhundert spielte die Waldstreunutzung noch eine bedeutende Rolle. 1820 wurde sie reguliert. Im Niederwald durfte erst 20 Jahre nach der Abholzung und im Hochwald erst 80 Jahre nach der Aufforstung Laub gescharrt werden. Scharr- und Schonzeiten wurden reguliert (Schwind 1983, S. 39 40). Es dauerte noch wegen dem Futtermangel zu Beginn der 1880er Jahre, bis die Streunutzung endgültig verboten wurde. Danach stieg man auf Heide, Moos und Farn um (Schwind 1983, S. 41 42).
Mit dem Kahlschlag durch die Franzosen von 1795 bis 1813 war ein absoluter Tiefpunkt erreicht. Dies wird durch ausgedehnte Heide- und Ödlandflächen deutlich belegt. In den Eifelregionen westlich der Linie Kronenburg-Schleiden-Prüm-Kyllburg hatte der Waldzerfall dramatische Züge angenommen. Anstatt Wald gab es dort großflächige Heide- und Ödlandareale (s. Abb. 11). Aber auch in der Hoch- und Vulkaneifel um Manderscheid, Ulmen, Kelberg, Adenau, Langenfeld und Blankenheim befanden sich größere Heide- und Ödlandflächen (Abb. 12).
Die intensiv ackerbaulich genutzten und traditionell offenen Gunsträume mit wenig Wald wie Pellenz, Maifeld, Bitburger Gutsland, Wittlicher Senke und das nördliche Eifelvorland weisen aufgrund ihrer günstigen naturräumlichen Beschaffenheit für die Landwirtschaft weitaus geringere Waldanteile auf. Deswegen war der Heide- und Ödlandanteil dort gering. Die auf der Karte (Abb. 11) dargestellten Wälder befanden sich in einem schlechten Zustand. Für die Eisenproduktion und das Gerbereigewerbe sind die vorhandenen Wälder noch bis 1860 bis zur Erschöpfung ausgebeutet worden, so dass man in der einst waldreichen Eifel Holzkohle importieren musste.
Abb. 10: Schweinemast (links) www.seelbach-wied.de/wp-content uploads/2015/05/ 1485-Jean-Colombe-im-Stundenbuch-des-Herzogs-de-Berry-wikimedia-commons.jpg, Transport des Laubstreus (Mitte) http://www.link-gr.ch/news/wp-content/ uploads/2012/06/Buchenlaub.jpg, Kehren von Laubstreu (rechts), Foto: G.F. Bub
Durch diesen fortschreitenden Prozess hat sich das damalige vom Laubwald geprägte Landschaftsbild mit zahlreichen Rodungsinseln um 1850 in ein von großen Offenlandflächen (Kultur-, Heide- und Ödland) geprägtes Landschaftsbild umgewandelt. Während der ersten Jahre der preußischen Verwaltung veränderte sich wenig und wurden die Wälder und Heiden weiter als landwirtschaftliche Ergänzungslächen genutzt. Erst mit der Etablierung der preußischen Verwaltung und nach einer Bestandsaufnahme des Waldes wurde die Umstellung von der multifunktionalen Waldwirtschaft auf die monofunktionale Forstwirtschaft in die Wege geleitet. Hierzu muss angemerkt werden, dass in Preußen bereits eine nachhaltige Forstwirtschaft und Forstverwaltung bestand. Der angetrofene Waldzustand wurde von dem preußischen Forstbeamten Johann Nepomuk Schwerz während seiner Inspektionsreise 1816/1817 treffend zum Ausdruck gebracht: „Man könnte sehen und weinen. Ein Land wie die Eifel, wo es nicht an Raum fehlt, wo der Boden kein Wert für die übrige Kultur hat, weil es an Dung und Dungmaterial gebricht, da heben die Berge ihre nackten Schädel, welche kein Gestrauch deckt [...]" (Schwerz 1836, S. 136). Die ehemaligen herrschaftlichen Wälder wurden nach 1815 als Staatswälder in preußischen Besitz überführt und die bestehenden Holznutzungs- und Weiderechte drastisch gegen den Widerstand der Bauern eingeschränkt. Die Forstverwaltung mit Ober- und Unterforstämtern wurde etabliert. Es wurden in den Staatswäldern zwecks Beaufsichtigung auch Forstgehöfte wie z.B. das Forstgehöft am Barsberg (Bongard) errichtet. Für die zweckmäßige Forstplanung und -bewirtschaftung wurde der Wald in Reviere und nummerierte Abteilungen eingeteilt, und es wurden Forstwege angelegt. Die Forstbeamten erhielten Uniformen und Polizeigewalt für die Einhaltung der erlassenen Forstverordnungen und gegen Waldfrevel. Die Forstverwaltung traf ein Bündel von Maßnahmen, um den Waldzustand durch gezielte Naturverjüngung und Aufforstungen zu verbessern. Die ersten Aufforstungsversuche mit Laubholz waren wenig erfolgreich, weil die regionstypischen Baumarten der Eifel - Buchen und Eichen - auf den degenerierten und erodierten Böden kaum wachsen konnten. Zuerst begann man mit der Aufforstung der Staatswälder mit der anspruchslosen und schnell wachsenden nicht heimischen Fichte (Horn u. Bauer 2015, S. 28). Bei den Fichtenaufforstungen traten allerdings klimabedingt Probleme auf. Da die jungen Fichten frostanfällig waren, wurde eine sogenannte Eifelsaatkultur entwickelt. Sie ist eine gemischte Kultur von Kiefern und Fichten, bei der die frostbeständigeren Kiefern, die im preußischen Brandenburg heimisch sind, an der Außenseite angepflanzt werden, um den Fichtenkulturen einen gewissen Frostschutz zu gewähren. Hiermit war der Weg frei für großlächige Auforstungsmaßnahmen. Mit der staatlichen Förderung der Ödlandaufforstungen der Gemeinden 1854 begann der eigentliche Siegeszug der Fichte (Wenzel 1997, S. 54). Für die Finanzierung der Aufforstungen bewilligte der preußische Landtag den „Eifelkulturfonds" (Rausch 1963, S. 103 104). Zwischen 1854 und 1867 wurden die Auforstungen in den Eifelkreisen des Regierungsbezirkes Trier (Bitburg, Daun, Prüm und Wittlich) mit 28.815 Talern (etwa 360.000 €) aus dem „Eifelkulturfonds" gefördert. Die beteiligten Gemeinden mussten hierfür 25.185 Taler (313.000 €) aufbringen (Schubach 2015, S. 46).
Abb. 11: Landnutzung um 1820 nach der Tranchotkarte 1801-1813 (links, Ausschnitt Karte IV.4 des Geschichtlichen Atlasses der Rheinlande, bearb. von C. Erschens-Kroll), die Folge der Waldausbeutung: „Waldlose" Eifel mit endlos weiten Heide- und Ödlandflächen in der Umgebung von Manderscheid (oben rechts, Gemälde von W. Degode 1925, aus Schwind 1984) und die Wacholderheide am Heidekopf in Kelberg-Zermüllen 1939, unten rechts (Archiv Burggraaff)
Anfänglich mussten die Auforstungen gegen den erbitterten Widerstand der Bauern durchgesetzt werden, die die neu aufgeforsteten Kulturen zerstörten. In einigen Orten wie in Neichen (Verbandsgemeinde Kelberg) setzten die Forstbehörden das Militär zur Bewachung der jungen Kulturen ein. Die nicht akzeptierte und fremde Fichte wurde spöttisch als „Preußenbaum" bezeichnet.
Der „Preußenbaum" entwickelte sich innerhalb einer Baumgeneration zum „Brot- oder Profitbaum" der Eifel. Das Fichtenholz fand als Grubenholz reißenden Absatz für den expandierenden Bergbau im Ruhrgebiet und im Aachener Revier. Die gerade und relativ schnell wachsenden Fichten waren als Pfähle für Telegraphen- und später für Stromleitungen sehr geeignet und gefragt. Darüber hinaus wurden auch Fichtenholzstämme ins waldarme Holland verkauft. Dort wurden wegen des weichen holozänen Untergrunds mit abwechselnden Ton- und Moorschichten und hohem Grundwasserstand die Stämme für die Fundamentsicherung der Gebäude genutzt. Die Fichtenpfähle wurden bis über 20 Meter tief in den Untergrund mit abgelagerten festen pleistozänen Schichten getrieben.
Die forstwirtschaftliche Aufbauphase war etwa 1915 abgeschlossen. Mit dem Verkauf der ersten Fichtengeneration erzielten die Gemeinden Einkünfte, mit denen sie den notwendigen Ausbau der Infrastruktur mit der Anlage von Wasserleitungen und Elektriizierung inanzieren konnten. Außerdem wurden mit diesem Geld zahlreiche neue Dorfschulgebäude gebaut. Die abgeholzten Flächen wurden in nachhaltigem Sinne wiederum hauptsächlich mit Fichten aufgeforstet. Eine weitere Erweiterung der Waldbestände war durch die Reparationshiebe nach den beiden Weltkriegen erforderlich.
Mit der eingeführten nachhaltigen preußischen Forstwirtschaft haben die Waldflächen ständig zugenommen. Durch die Umstellung auf Forstwirtschaft hat sich die Baumartenzusammensetzung sich verändert. Neben Buchen und Eichen prägen heute ausgedehnte nicht heimische Nadelforsten die Wälder. Mit den nachhaltigen Aufforstungen von den nicht heimischen Fichten und Kiefern hatte sich eine kulturlandschaftliche Waldtransformation vollzogen. Das vorhandene Heide- und Ödland wurde innerhalb einer Zeitspanne von etwa 100 Jahren in einen Wirtschaftsforst umgewandelt. Seit dem Ende der 1930er Jahre haben die rar gewordenen Ödland- und Heideflächen einen Seltenheitswert bekommen und sind geschützt.
Abb. 12: Ödlandaufforstung in den Ämter Kelberg und Virneburg (Wenzel 1962, links) und Aufforstungswald mit Fichten in Kelberg-Zermüllen (rechts (Foto: P. Burggraaff)
Die differenzierte, multifunktionale, frühneuzeitliche Waldbewirtschaftung ist seit ca. 1850 allmählich von der monofunktionalen, nachhaltigen Forstwirtschaft mit großen Wirtschaftsforsten ersetzt worden. Die überlieferten Niederwälder als Relikte der ehemaligen multifunktionalen Waldnutzung werden allmählich verschwinden, da die tradierte Niederwaldbewirtschaftung nicht mehr praktiziert wird. Sie sind heute noch an ihren Wurzelstöcken und an ihrer mehr stämmigen Form zu erkennen. Diese Art der Waldbewirtschaftung, die zu lichten Wäldern geführt hat, wird seitens des Naturschutzes aufgrund ihrer artenreichen Flora und Fauna als sehr wertvoll eingestuft. Die Niederwaldbestände können heute nur durch die Überführung in Hochwaldwirtschaft gesichert werden. Neben der wichtigen forstwirtschaftlichen Bedeutung erfüllt der Wald wichtige Funktionen für den Tourismus und die Naherholung sowie zur Lärmdämmung und CO2-Speicherung.
Fazit
Heute wird der Eifelwald in der Öfentlichkeit als Natur wahrgenommen. Wenn man die Geschichte des Eifelwaldes kennt, wird deutlich, dass man einem Irrtum erlegen ist. Der heutige Eifelwald ist vor allem das Ergebnis von getroffenen Entscheidungen und Handlungen des 19. Jahrhunderts, ohne die die Entwicklung des Eifelwaldes ganz anders verlaufen wäre. Der heutige Eifelwald ist eine Kulturlandschaft.
Abb. 13: Preußisch geprägter Kulturlandschaftswandel im Kelberger Raum Quellen: Tranchotkarte (1801-1814) Mehrfarbig nachgedruckt im reduzierten Maßstab 1:25.000. Bonn 1967:143 Nohn, 144 Kelberg, 145 Virneburg, 156 Daun, 157 Ulmen, Preußische Neuaufnahme 1893-1901, Ausgabe der topographischen Karte 1955 und aktuelle Ausgabe der topographischen Karte:. 5707 Kelberg, 5708 Kaisersesch (Entwurf: P. Burggraaff u. K.-D. Kleefeld)
Die Kulturlandschaft der Eifel hat sein heutiges Aussehen weitgehend der Land-und Forstwirtschaft als Hauptlandbenutzer zu verdanken, in der noch viele Spuren des (bäuerlichen) menschlichen Handelns der preußischen Verwaltungsperiode von 1816 bis 1947 überliefert sind. Dies ist der Kulturlandschaftswandelkarte der Verbandsgemeinde Kelberg zu entnehmen. Die roten und orangefarbenen Flächen zeigen den Kulturlandschaftswandel, der sich während der preußischen Verwaltung vollzogen hat (siehe Abb. 13). Das heutige Landschaftsbild wird von einer Gemengelage der land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen geprägt, die zusammen einen Landnutzungsanteil durchschnittlich von über 80 Prozent erreichen und für das heutige Landschaftsbild sehr prägend sind.
Das heutige Verhältnis zwischen Wald-und Offenlandflächen basiert zwar auf der hochmittelalterlichen Landnahme von etwa 1000 bis etwa 1300. Aber das heutige Landschaftsbild wird noch immer von relativ hohen Nadelwaldanteilen der nachhaltigen preußischen Auforstungen dominiert, die aber auch nach 1947 wichtige Leitziele der Forstpolitik bildeten. Heute gibt es in der Eifel noch immer einen Nadelwaldanteil von etwa 60 Prozent. Viele Eifeler Gemarkungen werden heute noch immer von den durch die preußische Verwaltung initiierten Flurbereinigungen seit 1885 geprägt. Charakteristisch hierfür waren vor allem die regelmäßigen Parzellenformen sowie die geradlinigen Flurwegestrukturen (siehe Abb. 13). In den heute durchgeführten Flurbereinigungen wird nun die Zahl der Flurwege für die Vergrößerung der Parzellen für die anspruchsvolle maschinelle Landwirtschaft reduziert. In der Forstwirtschaft bereiten heute die langen Trockenheitsphasen der letzten Jahre sowie der Borkenkäferbefall des Fichtenbestandes große Probleme, und dadurch hat der heutige Waldzustand sich erheblich verschlechtert. Heute ist die Eifel kein Notstandsgebiet mehr. Hierzu hat die preußische Verwaltung vor allem für die Entwicklung der Land-und Forstwirtschaft einen wichtigen Beitrag geleistet. So gesehen könnte die Periode der preußischen Verwaltung bis 1933 als Segen für das ehemalige preußische Sibirien betrachtet werden.
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1) Er war vom 16. Mai 1814 bis 27. Juli 1838 Bürgermeister des Amtes Kelberg.
2) Arndt 1986: Alle Zeitungsartikel des „Schleidener Wochenblattes" befinden sich im Privatarchiv des Verfassers. Vergleiche auch „Euskirchener Volksblatt" vom 25.3.1950,
3) https://de.wikipedia.org/wiki/Krakatau, abgerufen 25.03. 2021.
4) https://fredriks.de/hvv/kaufkraft.php (abgerufen. 26.03.2021).
5) Die Kreise Prüm und Bitburg haben aufgrund des dortigen Stockerbrechtes, bei dem die Hofgüter als Ganzes vererbt wurden, relativ wenig Realteilung
6) Eifelkreise mit den meisten Parzellen als Folge des Realteilungserbrechts
7) „Um 1 kg Roheisen hersteLLen zu können, brauchte man etwa 10 kg HoLzkohLe. Für diese Menge mussten etwa 50 kg NaturhoLz verkohLt werden" (www.ahLering.de/Hauberge/hauberge.htmL, abgerufen 1.2.2016).