Stein, Trein un Traud ...

von Stephan E. Braun, Sinzig-Löhndorf

„Sting,Tring und Trück heeße all ärm Lück!", so lautete die Überschrift eines Artikels im Bonner General-Anzeiger vom 26./27.11.2022*.

Der Verfasser des Artikels befasst sich mit dem Aussterben des rheinischen Dialekts. Er beschreibt, wie Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre „dem Dialekt ein schlechter Ruf vorauseilte, und man versuchte den Kindern das rheinische Platt auszutreiben. Mit der Folge, dass die Mundart nach und nach nicht mehr die Standartsprache war und damit dem Aussterben übergeben wurde.(...) Wer sich als Sting, Tring und Trück ansprechen lässt, der kann nur Mundart sprechen und kein Hochdeutsch. Und das deutet auf einen niedrigen Bildungsgrad und niedrige Finanzstärke hin." Der Verfasser weist ausdrücklich darauf hin, dass er diese Meinung nicht vertritt. Im Jahre 2022 ist es offensichtlich möglich, sich mit diesem Thema in einer Zeitung zu beschäftigen, die in der Bundes- und Universitätsstadt Bonn erscheint. Es gilt mittlerweile als chic, rheinische Dialektwörter zu verwenden. Wöchentlich erklärt der General-Anzeiger rheinische Redensarten. Ausgehend von Köln haben Musikgruppen wie die Bläck Fööss, die Höhner, BAP und Brings die rheinische Mundart wieder salonfähig gemacht. In ganz Deutschland hat vor allem BAP mittlerweile Fans. Viele Gebildete und Gutsituierte sind stolz darauf, Dialekt zu beherrschen und zu sprechen, auch wenn es offensichtlich nicht ihre „Muttersprache"ist.

„Stein,Trein un Traud heeßen all aorm Leud!" würde man in Hünerbacher Platt sagen, dann reimt es sich aber nicht mehr. (Hochdeutsch: Christine, Katharina und Gertrud heißen alle armen Leute). Wer ,wie ich, als Kind in den 1960/70er Jahren in der Eifel aufgewachsen ist, hat selbst erlebt, dass der Dialekt nicht nur in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, sondern auch „in der Provinz" verdrängt wurde. Zuhause sprachen wir Hünerbacher Platt, angereichert mit dem Wortschatz meiner Oma, die aus Hausen (Höchstberg) stammte, und meiner Mutter, die aus Beinhausen stammt. Obwohl diese zwei Dörfer nicht weit von Hünerbach liegen, fiel mir als Kind schon auf, dass die jeweilige Verwandtschaft teilweise unterschiedliche Wörter benutzte und die Klangfarbe eine jeweils andere war. Die Namen Stein, Trein und Traud waren noch gegenwärtig, vor allem die Frauen aus der Generation meiner Oma ( „Brauns Trein", geboren 1901) hörten noch auf diese rheinischen Kurzformen von Christine, Katharina und Gertrud. Mädchen meiner Generation hatten meist andere Namen, die damals modern waren. Gertrud war völlig aus der Mode, und die Christinas und Katharinas meiner Generation hörten auf Christa und Karin, mittlerweile nennen sich manche jetzt Chris und Kathi. Stein,Trein und Traud verband man mit Kittelschürze und Kopftuch. Die zugehörigen Männer in der Eifel hießen nicht Johannes, sondern Hannes oder Hanni, nicht Matthias, sondern Mattes und nicht Peter sondern Pitter.

Wie der Redakteur des General-Anzeigers schreibt, galt Platt als die Sprache der „einfachen Leute" vom Dorf, als die Sprache der Bauern und Arbeiter.

Als Kind lernte ich, dass die „besseren Leute" Hochdeutsch sprachen. Diese Leute trugen auch werktags feinere Kleider, die Männer gebügelte Hosen oder Anzug und Krawatte, statt blauer Arbeitskleidung oder „Manchester" (=Cord) -hosen, die Frauen Röcke oder Kleider statt Kittelschürzen. In Hünerbach redeten die „einheimischen" Familien, die meist Landwirtschaft betrieben, Platt, nur die „Zugezogenen" sprachen Hochdeutsch.

Die „einfachen" Leute wurden grundsätzlich mit „Dau" und Vornamen angesprochen. Wenn man über sie sprach, wurde zur genauen Benennung dem Rufnamen der Hausname vorangestellt (z.B. war mein Beinhausener Opa nicht Herr Jakob Blum, sondern dä Pitze (owen) Jakob, wobei Jakob meistens in der Eifel Köbbes gerufen wurde). Über „einfache" Frauen sprach man nicht in der weiblichen Form, sondern in der sächlichen, meine Oma mütterlicherseits war nicht Frau Elisabeth Blum, sondern „ et Pitze Lis". Bei „besseren" Frauen wurde die weibliche Form angewendet, so war die Gattin des Bildhauers Professor Kurt Schwippert im Dorf „de Frau Schwippert".

Im Amts-, Schul- und Pfarrort Kelberg wohnten und arbeiteten mehr „bessere" Leute: Ärzte, Apothekenpersonal, der Pfarrer, Beamte und Lehrerinnen und Lehrer. Selbstverständlich redeten meine Eltern mit diesen Leuten Hochdeutsch. Ein weiterer Unterschied war, dass diese Personen auch mit Herr oder Frau Sowieso und mit „Sie" oder „Ihr" angesprochen wurden.

In den meisten Ämtern wurde hochdeutsch gesprochen, auch wenn die Bediensteten mit Eifeler Platt aufgewachsen waren. Jahrzehnte später scheint mir als Erklärung unsere preußische Vergangenheit verantwortlich. Nach der Übernahme des Rheinlandes im 19.Jahrhundert durch Preußen, wurden höhere Positionen mit Beamten besetzt, die das Eifeler Platt nicht beherrschten und die sich mit dem „einfachen Volk" nicht gemein machen durften und wollten. Wenn ein Rheinländer zu einer Behörde musste, hatte er sein Anliegen in einer „Fremdsprache", in Hochdeutsch, vorzubringen. Warum sollte sich ein preußischer Beamte bemühen, den „kleinen" Rheinländer zu verstehen? In einem Obrigkeitsstaat sorgte diese sprachliche Barriere für zusätzliche Distanz. In Ländern wie Bayern oder Württemberg, wo Einheimische öffentliche Ämter besetzten, gab es zwar auch die Distanz zwischen Beamten, Richtern, sonstigen Staatsdienern und der Bevölkerung, aber man sprach zumindest die gleiche Sprache.

Ein Relikt aus dieser Sprachverwirrung sind die Flurbezeichnungen. Als Kind wunderte ich mich, wenn mein Vater für irgendwelche Schreiben an Behörden die offiziellen Flurnamen heraussuchen musste. Diese stimmten oft nicht mit den von uns benutzen Namen überein. Preußische Beamte, die der Eifeler Sprache nicht mächtig waren, übertrugen bei der erstmaligen Kataster-Aufnahme im 19Jahr-hundert, alte Namen, die ihnen in dem jeweiligen Dorfdialekt vorgetragen wurden, ins Hochdeutsche.

Teilweise wurde der Flurname so übertragen, wie man ihn im Dialekt ausspricht, z. B. lautet in Hünerbach ein Flurname in der Karte „In der Irrlenwies"(=Erlenwiese), bei einem anderen Flur „in den Erlen" wurde richtig übersetzt.

Bei der Übertragung von gesprochenen Wörtern kam es auch zu Sinn entstellenden Schöpfungen, wie in der Gemarkung Neichen, wo Flure um die Kirche Hilgerath heute „Kirschseifen" heißen. Namensgeber war aber wohl nicht die „Kirsche", sondern die „Kirche".

Um ihren Kindern den „Kulturschock" beim Schuleintritt zu ersparen und sie vor Herabsetzung aufgrund ihrer Herkunft durch das Lehrpersonal zu bewahren, gingen Eltern vermehrt dazu über, möglichst hochdeutsch zu sprechen. In diesen Familien wurde entweder nur Hochdeutsch gesprochen, oder die Erwachsenen unterhielten sich auf Platt und sprachen mit den Kindern Hochdeutsch. Eine gewisse Komik erlangte dieses Vorgehen, wenn die Eltern ( oder Großeltern, die noch im Hause lebten) selbst nur „Hochdeutsch mit Knubbeln" sprachen und Dialektwörter falsch „eindeutschten", wenn z.B. die kranke Kuh nicht mehr wiederkäute, und man dem Tierarzt erklärte, dass sie nicht „itterichte".

Kurz vor der Einschulung (1967) wurde mir beigebracht Hochdeutsch zu reden, wichtig war vor allem nicht mehr „wat un dat" zu sagen. In der Volks-(=Grund-)schule wurde uns im Unterricht Hochdeutsch eingebläut und Platt ausgetrieben. Wer Dialekt sprach, galt als dumm, zumindest empfand ich das so. Es war schlimmer, auf eine Frage die richtige Antwort in Platt zu geben, als eine total falsche Antwort in Hochdeutsch. In den Pausen sprachen die Kinder vom Dorf teilweise noch Platt miteinander, verfielen aber sofort ins Hochdeutsch, wenn ein Kind aus „besserem Hause" dazu kam.

Im Gymnasium war es unvorstellbar Platt zu reden. Als Kind vom Dorf, aus einer Bauern- oder Arbeiterfamilie, hatte man es ohnehin schon schwer genug, sich in der neuen Umgebung zu Recht zu finden. Einige Lehrpersonen machten keinen Hehl daraus, dass sie das Gymnasium nicht als die „richtige" Schulform für diese Kinder ansahen. Wer dann noch Platt sprach, hatte nicht nur im Deutschunterricht mit Herabsetzung zu rechnen.

Vor einigen Jahren besuchten wir anlässlich eines Treffens unseres Abiturjahrgangs das Geschwister-Scholl-Gymnasium und im Rahmen einer Schulführung durften wir auch das Lehrerzimmer besichtigen. Ich war mehr als erstaunt, dort ein Plakat mit dem Satz „Mir schwätzen Musselfränkisch" zu entdecken. Zu meiner Schulzeit bekannten sich nur wenige Lehrpersonen dazu, dass sie Platt sprechen konnten.

Genauso erstaunte mich, dass ehemalige Mitschüler, mit denen ich die gesamte Schulzeit Hochdeutsch gesprochen hatte, auch Platt sprechen. Wir stellten fest, dass wir uns in der Schule nicht getraut hatten, Platt miteinander zu reden.

Einen völlig anderen Umgang mit dem eigenen Dialekt stellte ich während meines Studiums in Rottenburg am Neckar fest. Die schwäbischen Dozenten und Professoren sprachen teilweise ein sehr „gefärbtes" Hochdeutsch mit vielen schwäbischen Bestandteilen. In seiner Vorstellung sagte ein Professor, er spreche Schwäbisch und würde das auch nicht ändern, „die Schwaben würden ihn eh verstehen und die Anderen würden das auch noch lernen".

Auch bei Vermietern, Personal in der Gastronomie, im Handel und in öffentlichen Einrichtungen stellte ich oft fest, dass die „Schwaben" gegenüber „Nichtschwaben" kein verständlicheres Hochdeutsch sprachen. Diese selbstbewusste Einstellung zur eigenen Sprache habe ich im Rheinland nirgendwo angetroffen. Wenn jemand von auswärts dazu kommt, bemüht man sich, hochdeutsch zu reden.

Wirklich akzeptiert ist der Eifeler Dialekt nur im Karneval, im Kabarett und bei Mundartabenden. „Ernstzunehmende" Angelegenheiten werden weiterhin meist in Hochdeutsch besprochen.

Ich persönlich glaube auch nicht, dass man Dialekte durch schriftliche Aufzeichnungen retten kann. „Platt" muss man „schwätze" und in der Schriftsprache Deutsch kann man die Eigenarten, wie die Klangfarbe von Vokalen und die Sprachmelodie, höchstens unzureichend darstellen. Vielleicht nutzen die Herausgeber von Büchern mit Mundarttexten (wie den Heimatjahrbüchern) zukünftig die Technik um die geschriebenen Texte mit der gesprochenen Form im Internet zu verlinken.

Das Eifeler Platt der einzelnen Dörfer meiner Kindheit verändert sich zunehmend. Übrig bleiben wird eine Umgangssprache, die man in größeren Gebieten spricht und versteht. Viele Wörter sind schon verloren gegangen, da sie nur in der Landwirtschaft Bedeutung hatten. Andere Wörter werden durch neue Wörter ersetzt werden. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch die sozialen Medien und die Mobilität in unserer Gesellschaft. Ebenso gehen die alten Hausnamen verloren, sie werden durch die Familiennamen ersetzt, und nach rheinischer Sprachtradition dem Rufnamen vorangesetzt , Herr Tjorben Retterath und Frau Angelique Stadtfeld sind im Dorf „dä Retteraths Tjorben un et Stadtfelds Angelique".

In seiner Filmreihe „Heimat" lässt Edgar Reitz die Hunsrücker sagen: „im Himmel schwätz ma Hunsrücker Platt!". Ich hoffe, „dat ma do och Eefler Platt schwätzt". Vielleicht erleben wir sogar auf Erden noch, dass irgendwo zu lesen ist: „Stein, Trein und Traud heeßen all vürnehm Leut".


Anmerkungen

*) Jörg Manhold „Das ist Rheinisch Sting,Tring und Trück heeße all ärm Lück!" General-Anzeiger, Bonn 26.127.11.2022

Ich habe auf Gender-gerechte Sprache verzichtet, die männliche Form gilt grundsätzlich für alle Geschlechter (m/w/d).