Aus Liebe zur Eifelheimat

Zum Tode von Maria-Agnes Pinn

von Werner Grasediek, Steffeln


Nach schwerer Krankheit starb am 20. Juni 2024 in ihrem geliebten Heimatort Steffeln Maria-Agnes Pinn.

Geboren 1938 im Haus „Scholzen" in der Bohnengasse, ist sie auf dem elterlichen Bauernhof, mitten in Steffeln, aufgewachsen. Zusammen mit ihrem Mann Johannes wohnte sie seit Frühjahr 1970 in einem gegenüber ihrem Elternhaus gelegenen Neubau. Sie verstand sich selbst als „Bäuerin, Hausfrau und Mutter".

Die Liebe zu ihrer Heimat drückte sie in vielen Gedichten und Erzählungen aus. Allein im Heimatjahrbuch Vulkaneifel (nachfolgend zitiert HJB) finden sich aus ihrer Feder seit 1988 - und das durchgängig bis 2024 (!) - 62 Beiträge, davon 36 Lieder und Gedichte, letztere durchweg in Steffeler Mundart. Ihren Stoff bezog sie aus der aufmerksamen Beobachtung der Geschehnisse im dörflichen Mikrokosmos, des bäuerlichen Alltags, auch der scheinbar kleinen Dinge im Dorf; vielfach im Vergleich oder als Spiegelbild zur „großen" Welt da draußen. Ihrem Heimatdorf hat sie so als Heimatdichterin, wie man sie ohne Übertreibung bezeichnen darf, zahlreiche und vielfältige literarische Denkmäler gesetzt.

In ihre Beiträge fließen Erinnerungen seit ihrer Jugendzeit ein: „Erinnerung an 1945 - mein erstes Stück Schokolade" (HJB 1995), „Durch Viktoria vom Trauma befreit" (HJB 2004), „In seinen Werken lebt er weiter - Erinnerung an Pastor Franz Brühl" (HJB 1992), „Überzeugend gesungen" (HJB 2005).

Die streiflichtartigen Schilderungen auch des oft scheinbar trivialen Alltagslebens von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an gewinnen ihren Wert allein schon durch das schriftliche Festhalten und werden so zu lebendigen Zeitbildern des Lebens und Arbeitens in einer scheinbar noch überschaubaren dörflichen und bäuerlichen Welt: „Weiberdonnerstag in Steffeln - Erinnerung zum 50. Geburtstag" (HJB 1999), „Die Dorfmolkerei Steffeln" (HJB 2006), „Kappesfest" (HJB 2009), „Wettkämpfe in früherer Zeit" (HJB 2007), „Landwirtschaft im Wandel in Steffeln" (HJB 2014), „Fröhlicher Feierabend nach dem „Kühlsetzen" (HJB 2014), „Kommunikation früher und heute in der Eifel. Jespräch fröher un höck on der Eefel (HJB 2015),"Unsere Dorfmitte im Wandel der Zeit" (HJB 2021).

In manchen ihrer Erzählungen und Gedichte schwingt auch etwas Wehmut mit: „Wat oss noch wie fröher" (HJB 1990), „Das letzte Maiglöckchen vom Steffelberg erzählt" (HJB) 2001), „Überalterung oder Motenanner jeht et besser" (HJB 2004), „Kind 1900, was hat dich erwartet. Kind 2000, was erwartet dich" (HJB 2000), "Je-höchnis. Geborgenheit und Heimat erlebt bei Oma und Opa" (HJB 2022).

In dem Sammelband „Eifel mit Herz", im Selbstverlag 2001 erschienen, sind viele ihrer bis dahin veröffentlichten Beiträge enthalten, dazu auch neue, nicht veröffentlichte Gedichte, Lieder und Texte. Insgesamt sind es 158 Beiträge auf 199 Seiten. Das Vorwort beschreibt ihre Motivation: „Aus Liebe zur Eifelheimat entstand dieses Buch, besonders auch, um der Jugend die Mundart zu vermitteln (...) Gleichzeitig sind die Arbeiten von Weltoffenheit und großer Fremdenfreundlichkeit geprägt". Sie setzte sich aktiv für die Pflege und Erhaltung der Steffeler Mundart ein und warb für deren Gebrauch: So in dem ihr komponierten und getexteten Lied „Mir schwätze stolz oos Mottersproch" (Artikel von Melina Lambert und Annemarie Pinn HJB 2022). In dem oben erwähnten Sammelband finden allein 33 Beiträge, vor allem Gedichte und Lieder, auf Steffeler Platt, einige davon in hochdeutscher Übersetzung. Eine kleine Auswahl: „Eefler Klapperjonge", „Et Leve mächt jenüjsam!", „Esu ha mor oos Eefel-Dörfje jär", Dreesleed „Efelchampannjer". Weitere Beispiele aus jüngerer Zeit, veröffentlicht im Heimatjahrbuch Vulkaneifel, sind „Waröm oss et hei om Eefelland esu schön?" (HJB 2010), „Jehöchnis" (HJB 2022), „50 Johr Heemotjohrboch Doun Vulkaneefel" (HJB 2023) und zuletzt „Sankt Mechel" und „Platt hürt onner Denkmalschutz" (beide HJB 2024).

Es versteht sich von selbst, dass sie regelmäßig Gast auf den jährlichen Mundartnachmittagen des Geschichtsvereins Prümer Land war.

Eine Herzensangelegenheit und ihr Hobby war ihr auch die Pflege traditioneller Tänze, die nahezu in Vergessenheit geraten sind. Dafür gründete sie 1992 die "Ee-feler Kirmesdänzer". Bis zu ein Dutzend Tanzpaare führten in passender Montur -schwarze Glockenröcke, schwarze Häubchen die Frauen, in Gehrock und Zylinder die Männer - traten, begleitet von einem oder zwei Akkordeonspielern, über drei Jahrzehnte den „Brummeschottisch", den „Bummelpetrus" oder „De efache Rheinländer" auf Dorffesten, bei Ehejubiläen oder in Seniorenheimen auf.


Maria-Agnes Pinn


Begleitet hat sie die Auftritte über drei Jahrzehnte mit von ihr selbstgetexteten Liedern wie „Eifel, du bist wunderbar", „Wir wandern ja so gerne durch dieses schöne Eifelland" und „Europafit" (vgl. Rita Igelmund: Mehr als nur Folklore. Die Eefeler Kirmesdänzer (HJB 2014)).

Als Nachwuchsgruppe wurden im April 2014 die „Eefel-Herzjer" gegründet. Die Idee dahinter war, unter den Kindern und Jugendlichen den Eifeler Dialekt zu erhalten; bei den Tanzauftritten werden so auch Mundartlieder, gesungen - inzwischen umfasst das Repertoire zehn Lieder und neun Kirmestänze. Darüber hinaus werden jedoch auch eigene Choreographien eingeübt. Für beispielhaftes Engagement im Raum Eifel-Ardennen wurden die „Eefel-Herzjer" 2018 mit dem Eifel-Award ausgezeichnet. 2022 erhielten sie für europafreundliche Lieder den europäischen Preis für Kultur (vgl. Melanie Lamberty/Annemarie Pinn: Eefel-Herzjer (HJB 2022); Stefanie Schmitz/Leonie Lamberty: Zehn Jahre „Eefelherzjer" (HJK 2024).

Überhaupt war Maria-Agnes Pinn die Erhaltung von Traditionen wichtig. Ein Glanzpunkt bildete das von ihr initiierte Backfest in Steffeln im Jahr 1994, wo nicht nur in dem hauseigenen Backofen im „Scholzenhaus" in der Bohnengasse auf althergebrachte Weise große runde Brote gebacken wurden, sondern auch ein Begleitprogramm mit historischer Modenschau im Gasthaus Sünnen und eine Mühlenwanderung stattfanden (vgl. Christa Feltgen: Heimat- und Backfest, eine Premiere (HJB 1995).

Eine Chronistin und Kommentatorin des dörflichen Alltagslebens, Bewahrerin des Steffeler Platt schweigt für immer. Bestand haben ihre Beiträge mit lokalem Kolorit, die in keinem Jahrgang des Heimatjahrbuches Vulkaneifel von 1988 an bis 2024 fehlen.

Auf dem Kirchhof im Schatten der Steffeler St. Michaelskirche ist ihre Grabstätte. Ruhe in Frieden, Maria-Agnes.