von Tamara Retterath, Lirstal
Zehn-Finger-Maschineschreiben lernte ich bereits in unserer Schule durch freiwilligen Unterricht am Nachmittag. Hier gab es sowohl elektrische Schreibmaschinen als auch ein paar wenige elektronische Schreibgeräte, die damals modernsten ihrer Art. Meine Eltern kauften mir, damit ich zuhause üben konnte, auch eine solche elektronische Schreibmaschine. Das war etwas ganz Besonderes, sie kostete über 1.000 DM und verursachte bei mir einen enormen Motivationsschub, so dass ich sehr gut Maschineschreiben lernte und auch bei Wettbewerben fürs Schnellschreiben extra geehrt wurde.
Als ich mich nach der Schule um einen Ausbildungsplatz bewarb, musste ich noch jede einzelne Bewerbung mit der Maschine schreiben. Vertippte man sich auch nur ein einziges Mal, musste das Schreiben weggeworfen werden, da eine schriftliche Bewerbung tadellos sein musste. Damals gab es noch einen Mangel an Ausbildungsstellen und nur die Besten eines Jahrgangs erhielten eine solche. Die anderen mussten zwangsläufig weitere Schulen besuchen, um nicht auf der Straße zu stehen.
Nach zahlreichen Bewerbungen — es war sehr schwer ohne Vitamin B (Beziehungen) — erhielt ich schließlich die heiß ersehnte Lehrstelle als Verwaltungsfachangestellte bei der öffentlichen Verwaltung. Die ganze Familie freute sich mit mir, und meine Mutter würdigte das Ganze mit: „Eine gute Ausbildungsstelle — das ist fürs Leben sehr wichtig und wie ein kleiner Lottogewinn." Das ist heute kaum zu glauben, war aber damals so. In der Lehre wurde erwartet, dass man freiwillig in Abendkursen Stenografie (die sogenannte Kurzschrift) erlernte, obwohl diese Methode damals schon veraltet war und Diktiergeräte üblich waren. In der Berufsschule lernten wir schließlich bereits eigenständig Computerprogramme zu schreiben. Während meiner Ausbildung durfte ich auch oft die Chefsekretärin vertreten und Briefe an der Schreibmaschine tippen. Wenn man das den ganzen Tag gemacht hatte, tat einem abends der Nacken weh. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung, dem anschließenden Abitur und einem Studium der Verwaltungswirtschaft, das ich mit dem Diplom abschloss, durfte ich jetzt selbst Schreiben und Aktennotize auf Tonband diktieren, die die Schreibkräfte nun am Computer für mich abtippten. Dabei schmerzte nichts mehr, und die Arbeit wurde auch noch besser bezahlt.
Meine Diplomarbeit zum Ende meines Studiums hatte ich noch mit der Schreibmaschine Seite für Seite fehlerlos abtippen müssen. Drei Jahre später, als meine jüngere Schwester ihre Diplomarbeit fertigte, hatten wir auch zuhause einen Computer, was die Arbeit erheblich erleichterte, da man etwaige Fehler jederzeit verbessern und wieder neu ausdrucken konnte. Normale Computer (also große quader-förmige Monitore, Tastatur und Diskettenlaufwerk) waren nun an der Tagesordnung, als wir Mitarbeiter den kleinen, flachen, klappbaren Laptop im Büro unseres Chefs mal anschauen und bewundern durften. Damals in den Anfangsjahren kostete so ein Stück noch 10.000 DM!
Nach ein paar Jahren Berufserfahrung absolvierte ich ein Sprachpraktikum in Finnland. Neben einem Sprachkurs in Finnisch und Englisch, arbeitete ich auch in einer finnischen öffentlichen Verwaltung für Tourismus und Wirtschaftsförderung. Hier verfügte jeder einzelne Mitarbeiter über einen Computer und einen Internetanschluss. Auch im Privathaushalt war dort das Internet schon selbstverständlich, während wir uns in Deutschland am Arbeitsplatz noch mit vier Mitarbeitern einen Computer teilten und Internetzugang nur ein Computerspezialist, aber nicht wir normalen Mitarbeiter hatten. Die Finnen waren uns also in Bezug auf die Technik ein paar Monate voraus. Als ich das wieder in Deutschland meinen Vorgesetzten erzählte, meinten sie einstimmig, das Internet würde auch in ein paar Jahren keine große Bedeutung für den deutschen Arbeitsalltag in der Verwaltung haben. Das Internet sei nur eine private Spielerei. Heute sind der Computer und das Internet in der öffentlichen Verwaltung unverzichtbar. Gesetzestexte und Verordnungen lassen sich schnell im Internet abrufen und der E-MailVerkehr ist Standard geworden. Selbst im privaten Bereich sind Laptops und Internet mittlerweile eine Selbstverständlichkeit für die allermeisten Bürger. Die Zukunft wird meines Erachtens so aussehen, dass nicht mehr mit den Fingern in den Computer eingetippt werden muss, sondern dass Schreiben direkt in den Computer mittels eingebauten Mikrophons per Sprache diktiert werden und der Text automatisch digital am Bildschirm erscheint, so dass Schreibkräfte überflüssig werden.
Diese schöne antike anische Schreibmaschine „Kappel Fips" war auch damals schon veraltet.
Meine erste Schreibmaschine, eine elektronische „Triumph Adler Gabriele 9009", auf der ich Zehn-Finger-Maschineschreiben erlernte, war in meiner Jugendzeit hochmodern.