Persianerteppiche im Kuhstall

von Ottmar Michels, Daun


„Die Eifel ist dort, wo die Bauern Persianerteppiche im Kuhstall liegen haben!" Diesen Ausspruch von einem Hammerschmied musste ich (leider) über mich ergehen lassen, als ich am 1. April i960 das erste Lehrjahr in der Gemeinschaftslehrwerkstatt der Remscheider Eisen- und Metallindustrie in der Ronsdorfer Straße hinter mir hatte. Dieser Spruch muss sich wohl in der Nachkriegszeit geprägt haben, wo die Menschen aus dem Kölner Raum bis Ruhrgebiet in die Eifel kamen und dort „hamsterten".

Nun hatte sich das Bild gewendet und die Spur eines 14jährigen Eifeler Jungen führte in das besagte Gebiet. Es war die Firma Elo-ra im Birkenweg 5 in Remscheid-Lüttringhausen, die mich angeworben und gebeten hatte, bei ihnen eine Lehre zu machen. Der Hintergrund war folgender: Die Firma Elo-ra hatte in Münk, einem Nachbarort meines Heimatortes Boos, im Jahre 1957 ein Zweigwerk aufgebaut. Da es zu der Zeit in der Eifel so gut wie keine Facharbeiter gab, sollte so dieser Mangel behoben werden. Ehrlich gesagt, wusste ich damals nicht, was so alles auf mich zukam. Ausgestattet mit dem Rüstzeug meines Elternhauses und der damaligen Volksschule dachte ich: "Das musst du machen, du lernst Werkzeugmacher!"

Es muss wohl der 3. April 1959 gewesen sein, als der Lastwagen der Firma Elora mit Rohmaterial nach Münk kam und fertige Artikel mit nach Remscheid zurücknahm. Dank der damaligen vorbildlichen „Logistik" wurden mein Koffer und ich in den 110 PS starken Mercedes LKW verladen. Während ich ins Führerhaus kletterte, standen meine Mutter, meine Schwester, meine Oma und die Nachbarin Erna mit Taschentüchern am Straßenrand und benötigten diese nicht nur zum Winken.

Nach etwa zweieinhalbstündiger Fahrt standen wir auf dem Betriebshof der Firma. Der Fahrer führte mich in das Büro zu meinem Chef. Hier stand ich nun, vor einem großen Eichenschreibtisch, und dahinter saß der von seiner Statur und Körpergröße nicht zu übersehende Herr Rauch. Gesehen hatte ich diesen Herrn schon öfter bei uns in der Eifel. Er war passionierter Jäger und hatte schon seit einigen Jahren die Jagd in Münk gepachtet. Wodurch er besonders auffiel, war, dass sein Jagdwagen, mit dem er sich im Wald bewegte, ein ausrangierter, viertüriger offener VW der Düsseldorfer Polizei war. So weit, so gut. Herr Rauch veranlasste, dass sein Fahrer mich mit einem VW-Bus ins Jugendwohnheim in die Feldstraße 31 fuhr. Es wird so um die 17, 18 Uhr gewesen sein, als wir dort ankamen, und ich von den Heimhelfern ein Vier-Bett-Zimmer zugewiesen bekam.

Am anderen Morgen musste ich um sieben Uhr im Betrieb sein, wo sich wiederum eine gesunde „Logistik" auftat. Der Fahrer von gestern fuhr mit mir die damalige Bus-Route der Linie 10 der Stadtwerke Remscheid ab: Clarenbach, Haddenbach, Ronsdorfer Straße. Hier war die Lehrwerkstatt in den Räumen der Sägenfabrik Corz auf drei Etagen untergebracht. Der Fahrer lieferte mich hier ab, und nun nahm mein berufliches Schicksal seinen Lauf.

Ich hatte im Vergleich zu den anderen Heimbewohnern außerordentliches Glück. Nach zwei Wochen Tätigkeit nahmen mein Chef und seine Frau mich zum Wochenende mit nach Hause. Auch als Chef des Münker Werkes musste er dort nach dem Rechten sehen, wohnte währenddessen in seinem Jagdhaus und ging nebenbei auf die Jagd. War ich stolz, als ich das erste Mal in meinem Leben im Fond eines BMW V8 Platz nehmen durfte. Und so bewegte sich der legendäre weinrote Wagen mit 160 km/h auf der damals neuen Autobahn über die mächtigen Talbrücken in Richtung Köln-Bonn, während sich die Frau meines Chefs vorne an einem zierlichen Bambusgriff, der sich auf dem Armaturenbrett befand, festhielt. Nach zweistündiger Fahrt wurde ich bei meinen Eltern, Geschwistern und der Oma in Boos abgeliefert. Die Rückreise begann am Sonntagnachmittag. Ich wurde an der Haustür meiner Eltern abgeholt und an der Haustür des Jugendwohnheims in der Feldstraße wieder abgesetzt.

Oft waren es auch die Söhne und einmal die Tochter meines Chefs, die mich in einem VW Karmann zum Wochenende mit nach Hause in die Eifel nahmen. Dazu muß man sagen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wäre seinerzeit ein solcher Kontakt zur Heimat nicht möglich gewesen. Bewohner des Jugendwohnheims, die aus Bayern und Schleswig-Holstein stammten, fuhren lediglich zweimal im Jahr nach Hause: an Weihnachten und im Sommerurlaub. Beim ersten Besuch zu Hause bekam ich von meinen Eltern einen 20-DM-Schein mit. Von diesem Geld sollte ich mir in Lüttringhausen ein Paar Schuhe kaufen. Einer von den drei Mitbewohnern muss wohl bemerkt haben, dass ich diesen Geldschein besonders gut in meinem Kleiderspind versteckte. Am folgenden Montagnachmittag war er weg. Suchen half nicht, er war einfach nicht mehr in der Zigarrenkiste unter den frischen Taschentüchern. Ich meldete dies beim Heimleiter Herrn Somborn, der nun ein unheimliches kriminaltechnisches Gespür entwickelte - und so war der Fall in weniger als zwei Stunden aufgeklärt. Einer von den drei Mitbewohnern hatte lange Finger gehabt und den Zwanziger in seinem rechten Socken versteckt. Am anderen Morgen musste der Übeltäter mit einer Freikarte des Jugendwohnheims die Heimreise für immer antreten. Jedoch konnten es sich einige ältere Heimbewohner nicht verkneifen, in der Nacht von Montag auf Dienstag den „Heiligen Geist" auf diesen Langfinger herunterkommen zu lassen.

Das Geld war zwar knapp, aber bei entsprechendem Haushalten war es doch machbar. Jeden Monat gab es 15 DM Taschengeld, so sollte auch ein Kino-Gang möglich sein. Ich glaube, es war mein erster Besuch in einem richtigen Kino überhaupt, denn bis dahin wurden wir in Boos lediglich von der Filmstelle des Bistums Trier mit Heimatfilmen versorgt. Also ging die ganze „Stube" am Freitagabend ins Tonfilm-Theater in die Barmer Straße. Es lief wohl ein „Freddy"-Film. Mein Problem war allerdings, dass wir um 10 Uhr abends im Bett sein mussten. Ich verließ während der noch laufenden Vorstellung um 5 vor 10 die Mitkämpfer-Loge und bewegte mich schleunigst in Richtung Jugendwohnheim. Die älteren Mitbewohner wussten, dass es ein ungeschriebenes Gesetz war, die magische Grenze von 22 Uhr am Freitagabend beim Besuch des örtlichen Kinos nicht zu überschreiten.

Ich muss heute noch gestehen, die dreieinhalbjährige Lehrzeit kam mir damals sehr lang vor. Um 5:30 Uhr aufstehen, frühstücken, Brote schmieren, Betten machen, Zimmer aufräumen, die Stühle auf den Tisch stellen usw. — das war unser Tagesablauf. Heute nennt man so etwas „House-keeping". Ordnung und Sauberkeit wurden sehr penibel bewertet. Disziplin wurde groß geschrieben.

Für die Absolventen der GemeinschaftsLehrwerkstatt in Remscheid war der Berufsschultag auf den Samstag festgelegt. Dafür hatten wir am Freitagnachmittag frei.

Mein erster Berufsschullehrer, ein gewisser Herr Standke, kam aus Berlin. Er erschien mit Schlips und Kragen in einem weißen Kittel vor der Klasse. Die Ausbilder in der Lehrwerkstatt, Herr Hall und Herr Stemmermann, traten ebenfalls in Schlips und Kragen, darüber einen grauen Meisterkittel, vor uns auf. Blumen standen drinnen auf den Fensterbänken, dies machte auf mich einen unheimlichen Eindruck. Nun kam ja noch etwas Neues und sehr Wichtiges auf uns Lehrlinge zu: die Berichtshefte. Diese Hefte mussten nach einem strengen Ritual mit eiserner Disziplin geführt werden. Neben der normalen täglichen Ausbildung und dem Berufsschulunterricht organisierte unser Heimleiter Herr Somborn einmal pro Woche abends noch einen Nachhilfeunterricht. Ich kann mich an die Lehrer, Herrn Kachelmeier und Herrn Krenz, noch sehr gut erinnern. Geschadet hat es nicht.

Und so verging die Zeit, bis wir auf einmal Frühjahr/Sommer 1962 hatten. Jetzt wurde es Zeit, sich einmal mit ein paar Übungsstücken für die praktische Prüfung im Herbst zu beschäftigen. Das Schicksal wollte es, dass mein Ausbilder und Meister in der Firma Elora, Arthur Schucht, im August plötzlich vor Antritt einer Urlaubsreise verstarb. Die theoretische Prüfung fand in der Berufsschule in Remscheid, in der Gewer-be-Schul-Straße 1, statt. Die praktische Prüfung in der Lehrwerkstatt der Firma Vaillant in Remscheid.

Mit einer schweren Falt-Werkzeugkiste ging es mit Bus und Straßenbahn dorthin. Ich erinnere mich heute noch sehr gut an den Meister und Prüfungsaufseher. Er hatte einen wohlgeformten Bauch, Schlips und Kragen, darüber das Meister-Privileg: den grauen Kittel, und die Hände auf dem Rücken verschränkt. In diesem „Outfit"ging dieser Mann während der gesamten zweitägigen Prüfung hinter unserem Rücken an der Werkbank hin und her.

Hatte man nun die Prüfung bestanden oder nicht? Eines wusste man: wenn man zur mündlichen Prüfung eingeladen wird, hat man zumindest die Theorie bestanden. Aber selbst nach der mündlichen gab es noch kein Resultat. Ein Telefaxgerät gab es noch nicht. Anrufen? Undenkbar.

Die Zeit verging und so kam in den letzten Septembertagen des Jahres 1962 einer der beiden Junior-Chefs mit einem leichten Grinsen zu mir und sagte: „Du hast die Prüfung bestanden." Von Noten war noch keine Rede. Jedoch eines Abends nach dem Essen, bei der Post-Verteilung im Jugendwohnheim, tauchte für mich ein etwas größerer Briefumschlag auf, mit dem Absender „Industrie-und Handelskammer Remscheid". Hier kam nun der lange ersehnte Facharbeiterbrief, versehen mit einem weißen Bändchen, zum Vorschein. Unser Heimleiter wusste dank seines guten Drahtes zur IHK im Vorfeld schon, wer die Prüfung bestanden hatte.

Nun gab es für die Heimeltern und die „Grauen Eminenzen" (Heim-Helfer) ein kleines Problem. Ich hatte die Prüfung bestanden, war aber noch keine 18 Jahre alt. Die Hausordnung des Wohnheims beinhaltete jedoch, dass Facharbeitern und Gesellen ein Hausschlüssel zustand, und man somit nicht mehr an die allgemeinen Zeiten gebunden war. Nach einer kleinen bis mittleren Diskussion wurde mir ein Schlüssel zugeteilt — für mich galt ab sofort der „Zapfenstreich" um 22 Uhr nicht mehr. Schließlich war ich ja zumindest schon „Facharbeiter".

Wie sahen nun die weiteren beruflichen Perspektiven aus? Ich blieb noch von Oktober bis Dezember des Jahres bei meiner Lehrfirma. Zum Januar 1963 wechselte ich in das Zweigwerk der Firma Elora nach Münk, zurück in die Eifel, so wie es vom damaligen „Management" gewünscht und geplant war.

Nun war eine fast vierjährige Ära zu Ende, die sicherlich von meiner Lehrfirma, den Heimeltern und den Erziehern positiv geprägt war. Ihnen allen nochmals ein herzliches Dankeschön.

Noch heute klingen mir die Worte meines ersten Berufsschullehrers in den Ohren: „Wenn ihr eine Branche mit Zukunft sucht, dann geht in die Kunststoff-Branche." Dieser Satz muss sich wohl in mir festgesetzt haben, ich habe ihn beherzigt. Denn seit 1972 bis zum Jahr 2004 war ich in einem Kunststoff-verarbeitenden Betrieb an verantwortlicher Stelle tätig.