von Stephan E. Braun, Sinzig-Löhndorf
Wie in vielen anderen Berufen, hat auch in Forstwirtschaft und Waldarbeit in den letzten Jahrzehnten ein starker Wandel stattgefunden. Vor ca.60 Jahren gab es in der Vulkaneifel fast in jedem Dorf Männer, die (zumindest zeitweilig) als Waldarbeiter im Gemeinde- oder Staatswald (seltener im Großprivatwald) arbeiteten. Die meisten betrieben daneben Landwirtschaft. Heute ist der Beruf des Waldarbeiters oder des Forstwirtes (Ausbildungsberuf) auch in den waldreichen Gebieten eher selten. Im Forstamt Hillesheim waren 1961 18,5 Arbeiter je 1.000 Hektar Waldfläche beschäftigt, im Jahre 2022 gab noch 0,8 Beschäftigte je 1.000 Hektar Wald1. Während kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Kulturarbeiten (Anpflanzungen, Freimähen der Forstkulturen und Arbeiten in den Pflanzgärten) vielfach von Frauen erledigt wurden, war seit den 1960er Jahren Waldarbeit fast ausschließlich „Männersache". Mein Vater Ernst Braun arbeitete bis 1988 als Waldarbeiter im Forstrevier Kelberg, zuerst im Gemeindewald Hünerbach, später in den Gemeindewäldern Kelberg, Beinhausen, Boxberg und Neichen. Daneben betrieb unsere Familie einen Bauernhof, mit Ackerbau und Milchwirtschaft in Hünerbach.
Meine Erinnerungen gehen zurück bis in die 1960er Jahre. Wenn ich als Kind von „Buschmännern" hörte, dachte ich nicht an Eingeborene in Afrika (heute ist dieser Begriff veraltet und gilt als diskriminierend), sondern an Waldarbeiter. Wenn jemand fragte, was mein Vater arbeite, sagte ich „Bauer und Böschmann". Während mein Vater „em „Bosch schaffte", arbeitete mein Patenonkel beim „Fiskus", er war Waldarbeiter im Staatswald Boos im Forstamt Mayen. Wenn die beiden sich bei Familienfesten trafen, unterhielten sie sich meistens über ihre Arbeit. Obwohl Waldarbeit zu jener Zeit körperliche Schwerstarbeit war, und die beiden kräftig über ihre Förster schimpften, waren sie sehr mit ihrer Arbeit und dem Wald verbunden. Ich glaube, diese Gespräche waren einer der Gründe dafür, dass ich mich später für den Beruf des Försters entschieden habe. Die Waldarbeit war bis in die 1980er Jahre wenig mechanisiert. Das Rückepferd und die Trummsäge früherer Zeiten waren schon durch Traktoren und Motorsäge ersetzt. Die Traktoren waren meist keine Forstspezialmaschinen, sondern landwirtschaftliche Schlepper. Die ersten Einmannsägen waren bei der Markteinführung Ende der 1950er Jahre ein Riesenfortschritt, obwohl sie unhandlich und schwer waren. Im Vergleich zu heute spielten Lärm und Gewicht im Hinblick auf Benutzerfreundlichkeit keine wichtige Rolle. Die erste Motorsäge meines Vaters war eine STIHL Contra. Diese Säge wog zwölf Kilo bei sechs PS Leistung; heute wiegen Motorsägen bei gleicher Leistung nur etwa die Hälfte.
Aus Gründen der Arbeitssicherheit und der Ergonomie2 arbeiten Waldarbeiter grundsätzlich in einer Gruppe, der sogenannten „Waldarbeiterrotte", von mindestens zwei Leuten. Da diese Rotte zusammen im Stücklohn entlohnt wurde, sich bei Unfällen helfen mussten und viele Arbeiten nur in Zweimann-Arbeit erledigt werden konnten, war es wichtig, dass die Kollegen persönlich harmonierten. Während der Arbeitszeit waren die Kollegen die einzigen sozialen Kontakte (außer dem Förster, der aber nur zeitweise bei der Rotte war). Mein Vater hatte auch im Ruhestand noch guten Kontakt zu seinen Waldarbeiterkollegen. Man traf sich und lud sich zu Familienfeiern ein.
Zeitweilig war mein Vater Haumeister. Der Haumeister war ursprünglich der Vorarbeiter der Waldarbeiter. Er nahm die Arbeitsaufträge vom Förster entgegen, war für die Ordnung und Sicherheit im Schlag verantwortlich, schrieb die Stunden auf und leitete sie zur Erstellung der Verlohnung an den Förster weiter. Vor der bargeldlosen Überweisung der Lohngelder auf Girokonten, verteilte der Haumeister vielfach auch die „Lohntüten" an die anderen Waldarbeiter. Daneben half er dem Förster bei der Holzaufnahme (Messen und Verbuchen des geernteten Holzes). Als Kind durfte ich meinen Vater manchmal zur Arbeit im Wald begleiten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Tag, als er mit dem Kelberger Förster Peter Zeimetz Fichtenholz nummerieren ging. Mein Vater schnallte sich eine Bürste mit zwei Riemen an den Unterschenkel, schmierte eine schwarze Paste auf die Bürste, nahm den Nummerier-Hammer (ein Gerät, an dem an einem Stiel eine Rolle mit Zahlen, die revolverartig weitergedreht werden konnten, befestigt war) und stapfte mit dem Förster (und mir) von Stamm zu Stamm durch den Schlag. An jedem Stamm rief er dem Förster Nummern und Zahlen zu und schlug mit dem Hammer eine Nummer auf die Stirnfläche des Stammes. Der Förster schrieb dann „irgendwas" in eine Kladde.
Den Sinn dieser für mich damals geheimnisvollen Arbeit habe ich erst später verstanden. Auf die gefällten Stämme hatten die Waldarbeiter die Maße (Länge und Durchmesser) mit Kreide angeschrieben. Diese Werte wurden zusammen mit der jeweiligen Holznummer (die mit dem Nummerier-Hammer eingeschlagen wurde) in die Kladde des Försters eingetragen und dienten zur Berechnung der Holzmenge, für die Entlohnung der Waldarbeiter und für den Verkauf des Holzes.
Waldarbeiter waren lange Zeit die einzigen Bediensteten im öffentlichen Dienst, die keinen festen Monatslohn erhielten, sondern grundsätzlich im Stücklohn arbeiteten. Sie wurden für eine bestimmte Menge geleisteter Arbeit entlohnt (Festmeter Holz, Stückzahl gepflanzter Bäumchen etc.). Dieser Stücklohn wurde früher zwischen dem Waldbesitzer (oder dem Förster) frei ausgehandelt, später wurden Tariflöhne mit vorgegebenen Stücksätzen (vor allem für die Holzernte) eingeführt. Für Arbeiten, die nicht im Stücklohn vergeben werden konnten, wurde ein tariflicher Zeitlohn gezahlt, der aber wesentlich niedriger als der Stücklohn war. Für jedes Jahr wurde ein Durchschnittslohn aus allen Zeit- und Stücklohnstunden errechnet, der bei Urlaub und Krankheit gezahlt wurde. In den Wintermonaten, wenn durch Witterungsbedingungen (Schnee, Eis) keine Waldarbeit möglich war, wurden die Waldarbeiter „stempeln" geschickt, also ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist entlassen und beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet. Im Tarifvertrag war diese „Winterliche Arbeitsunterbrechung" geregelt. Wenn die Witterung die Arbeit wieder zuließ, hatten die Waldarbeiter einen tariflichen Anspruch darauf, wieder zu den vorherigen Bedingungen beschäftigt zu werden. Für meinen Vater und die meisten anderen Waldarbeiter, die nebenbei eine Landwirtschaft betrieben, war die Nachricht, dass sie „stempeln gehen" mussten, keine schlechte Nachricht. Durch die Einkünfte aus der Landwirtschaft konnten die finanziellen Einbußen verkraftet werden, und da der tariflich geregelte Urlaub als Waldarbeiter für die Arbeit in der heimischen Landwirtschaft genutzt wurde, war die „Stempelzeit" eine willkommene Auszeit. Wenn der erste Schnee fiel, erhielt mein Vater einen Anruf vom Förster, dass er „stempeln gehen" müsse. So fuhr er dann zum für Kelberg zuständigen Arbeitsamt in Mayen. Oft trafen sich dort die Waldarbeiter aus der gesamten Gegend, und da man sich viel zu erzählen hatte, nutzte man die Zeit nach dem Termin beim Amt für einen ausgiebigen Frühschoppen, der auch schon mal bis nachmittags dauern konnte.
Solange die Ausrüstung für die Waldarbeit aus Handsäge, Axt und Keilen bestand, waren viele Arbeitskräfte, vor allem im Gemeindewald, ungelernte Saisonarbeiter. Ab den 1960er Jahren gingen diese „unständigen" Arbeitsverhältnisse zahlenmäßig stark zurück. Die Waldarbeit wurde der Haupterwerb. Neben dem Wandel in der Landwirtschaft, der dazu führte, dass in den bäuerlichen Kleinbetrieben kein ausreichendes Einkommen mehr erzielt werden konnte, waren die Einführung und Verbreitung der Motorsägen ein entscheidender Grund. Es wurden weniger Arbeiter für den Holzeinschlag benötigt, da die Leistung wesentlich höher war. Die Waldarbeiter mussten die Motorsägen stellen und erhielten dafür eine „Motorsägenentschädigung". Die Anschaffung einer Motorsäge lohnte sich nur, wenn damit möglichst viele Stunden im Jahr gearbeitet werden konnte. Um im Stücklohn auskömmliche Verdienste zu erzielen, erforderte die Arbeit mit der Motorsäge ein gewisses technisches Verständnis sowie eine völlig neue Arbeitstechnik bei der Holzernte. Da in der Eifel zunehmend Arbeitsplätze - auch für ungelernte Kräfte — außerhalb der Land- und Forstwirtschaft entstanden, wechselten viele ehemalige Saison-Waldarbeiter in die Industrie oder in die Bauwirtschaft und betrieben die Landwirtschaft im Nebenerwerb. Mein Vater blieb als Waldarbeiter im Gemeindewald, da er die Arbeit „in der frischen Luft" nicht aufgeben wollte. Von der Waldarbeitsschule in Hachenburg wurden Fortbildungskurse mit dem Abschluss Forstwirt angeboten. In den 1970er Jahren nahm mein Vater an einem derartigen mehrwöchigen Kurs teil. Es war mit Sicherheit für einen fast 50jährigen Mann, der seit der Volksschule keine Schulbank mehr drücken musste, nicht einfach, einen derartigen Lehrgang (mit Internatsbetrieb) zu absolvieren.
In den 1970er und 1980er Jahren wurde schwächere Fichte (und Kiefer) als Papierholz (Firma Feldmühle in Düsseldorf) und Industrieholz für die Spanplatten-Industrie (zu jener Zeit bestand ein Spanplattenwerk in Kaisersesch) aufgearbeitet. Bei diesen Sortimenten handelte es sich um ein bis zwei Meter langes Schichtholz, welches ebenso wie das Brennholz für den Ortsbedarf per Hand geschleppt und gesetzt werden musste. Zur Arbeitserleichterung ließen mein Vater und ein Kollege einen Schichtholzkarren bauen. Von zwei unbrauchbaren Mähbindern wurde jeweils ein Rad mit Ballonreifen genommen, und ein Schmied schweißte den Rahmen. Dieser Karren wurde zusammen mit unserem Traktor (McCormick 30PS, Baujahr 1960) jahrelang im Wald eingesetzt. Jedes Schichtholzstück wurde von Hand an die Karre geschleppt, aufgeladen, am Weg wieder abgeladen und in den Stapel gesetzt. Bei Gewichten von bis zu über 100 Kilo je Stück musste körperliche Schwerstarbeit geleistet werden, und die Belastungsgrenze für den Körper wurde weit überschritten.
Als Folge litten viele Waldarbeiter, die ganzjährig im Wald arbeiteten, spätestens im Alter von 50 Jahren unter dem Verschleiß von Rücken und Gelenken und mussten vorzeitig in Rente gehen. Heute wird aus Gründen der Ergonomie möglichst kein Holz mehr händisch bewegt. Nadelholz wird vielfach von Vollerntern (Harvestern) gefällt, entastet und eingeschnitten. Der Transport an den Waldweg erfolgt durch Forwarder (Tragschlepper für Schichtholz) mit Kran. Diese Maschinen wurden in der Eifel erst nach dem Windwurf 1984, als Unternehmer aus Skandinavien die einheimischen Kräfte bei der Aufarbeitung des Schadholzes (im Kreis Daun ca 250.00 Festmeter3) unterstützten, vermehrt eingesetzt.
Da die meisten Sägewerke keine Entrindungsanlagen hatten und nur entrindetes Holz verarbeiten konnten, wurde Nadelholz lange Zeit im Wald per Hand mit Schäleisen entrindet. Im Frühjahr, wenn der Saft in den Bäumen stark fließt, lassen sich die Bäume gut entrinden, im Winter ist es eine mühselige Arbeit. Ab den 1970/80er Jahren entrindete der Staatsforstbetrieb mit einer im Forstamt Daun stationierten mobilen Entrindungsmaschine das Holz im Wald. Diese Maschine war ein riesiges, auf einem Lkw montiertes Aggregat, in welches die Stämme mit einem Kran eingeführt, durch Messer rotorartig entrindet und mit einem zweiten Kran wieder abgelegt wurden. Aufgrund der hohen Leistung der Maschine konnte diese auch in anderen Forstämtern und im Gemeindewald eingesetzt werden. Voraussetzung waren Lkw-fähige Waldwege mit ausreichend großen Lagerplätzen und eine Mindestmenge Holz an einem Ort. Für Kleinmengen war der Aufwand für die An-und Abfahrt zu groß. Betriebswirtschaftlich sinnvoll war die Beschaffung, weil durch die abnehmende Zahl von Waldarbeitern und gestiegene Lohnkosten die Handentrindung zunehmend unrentabel wurde.
Lange Zeit waren der (blaue) Arbeitsanzug aus Baumwolle oder die „Manches-ter"(Cord)-Hose mit Strickjacke und eine Kappe oder Hut die übliche Arbeitskleidung der Waldarbeiter. Diese Kleidung war nur bedingt wetterfest und nicht atmungsaktiv, so dass der Körper bei Regen von außen und bei Hitze von innen (durch den Schweiß) nass wurde und auskühlte. Neben der körperlichen Schwerstarbeit, waren die Schwerhörigkeit durch den Motorsägenlärm und die Langzeitfolgen durch Nässe und Kälte Hauptgründe für die vorzeitige Erwerbsunfähigkeit vieler Waldarbeiter. Gesichts-, Gehör- und Schnittschutz oder Warnfarben bei der Arbeitskleidung waren unbekannt. Seit den 1980er wurden Schnittschutz-Hosen und Arbeitsschuhe mit Stahlkappen aus Gründen der Arbeitssicherheit flächendeckend eingeführt und vom Arbeitgeber gestellt. Da die ersten Schnittschutzhosen sehr schwer und unbequem waren, wurde die Vorschrift, eine solche Hose bei der Arbeit mit der Motorsäge zu tragen, vielfach ignoriert. Lediglich beim Laubholzeinschlag trug mein Vater einen Schutzhelm, da dort die Gefahr durch herabfallende Trockenäste besonders groß ist. Das Tragen des Schutzhelms im Nadelholzeinschlag und das Tragen von Schutzhandschuhen galt besonders bei älteren Waldarbeitern als „unmännlich". Oft wurde der Helm erst aufgezogen, wenn der Förster im Schlag erschien. Und wenn der Helm getragen wurde, wurden der Gesichtsschutz und der Gehörschutz nicht heruntergeklappt. Durch die Aufklärungsarbeit bei Fortbildungen und das Vorbild von ausgebildeten Forstwirten, welche auf der Waldarbeitsschule den Sinn der persönlichen Schutzausrüstung verinnerlicht hatten, verringerten sich die Widerstände. Heute zeichnet sich die Schutzausrüstung für Waldarbeit durch hohe Funktionalität (Sicherheit, Atmungsaktivität, Wärmeregulierung, Warnfarben, Bequemlichkeit) aus. Sie wird von den Waldarbeitern nicht nur akzeptiert, sondern ist zum Statussymbol geworden und wird mit einem gewissen Berufsstolz getragen, so dass auch viele Hobby-Waldarbeiter bei der Aufarbeitung ihres Brennholzes diese Kleidung tragen.
Als „Aufenthaltsraum" für die Waldarbeiter während der Pausen und bei einsetzendem Regen werden heute moderne, gut isolierte Waldarbeiter-Schutzwagen mit Heizung und Trockenschrank für die Kleidung eingesetzt. In früheren Zeiten musste oft ein Feuer genügen, um welches sich die Arbeiter in den Pausen versammelten und in denen das Mittagessen in „Henkelmännchen" (Essensbehälter aus Metall mit einem Henkel zum Tragen) aufgewärmt wurde. Nasse Kleidung wurde zum Trocknen auf Stöcke neben das Feuer gehangen.
In den 1960er Jahren beschafften sich mein Vater und seine Kollegen einen ausrangierten VW-Bus (ohne Motor), in den ein Ofen, mit Ofenrohr nach außen, gestellt wurde. Zum Umsetzten an andere Waldorte wurde eine Deichsel zum Ziehen mit dem Traktor angebracht. Ob ein Transport über öffentliche Straßen den damaligen Vorschriften entsprach, darf bezweifelt werden. Später wurden dann Bauwagen beschafft, die zumindest, was das Platzangebot anging, bequemer waren.
Da mein Vater oft in ortsnahen Waldorten arbeitete, kam er meistens zum Mittagessen nach Hause, wo pünktlich gekocht sein musste, damit er wieder rechtzeitig zurück im Wald war.
Neben der Waldarbeit meines Vaters war die Landwirtschaft das zweite wirtschaftliche Standbein unserer Familie. Wir bewirtschafteten einen Hof mit rund zehn Hektar Acker- und Wiesenflächen (Eigentum und Pachtland) und einen Viehbestand von acht Milchkühen, einigen Jungtieren (Mastbullen und Nachzucht von Milchkühen) und zwei Schweinen zur Selbstversorgung. Hauptprodukt des Betriebes war Milch, die zuerst an die Molkereigenossenschaft Koblenz, später an die Genossenschaft Hillesheim geliefert wurde. Daneben wurden Futterrüben, Getreide, Gras und Heu als Viehfutter für den Eigenbedarf sowie Braugerste zur Vermarktung über die Raiffeisengenossenschaft Kelberg produziert. Jeweils ein Feld wurde jährlich mit Kartoffeln bepflanzt, als Speisekartoffeln und als Futter für die Schweine. Gemüse für die Selbstversorgung der Familie wurde im eigenen Garten gepflanzt. Obwohl unsere Mutter viele Arbeiten auf dem Hof erledigte und wir Kinder ab ungefähr dem zehnten Lebensjahr bei der Stall- und Feldarbeit mithalfen, arbeitete mein Vater neben der Waldarbeit, mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden, täglich in der Landwirtschaft. Bevor er morgens in den Wald fuhr, erledigte er zusammen mit meiner Mutter die Stallarbeit (Füttern, Melken, Ausmisten). Abends und am Wochenende erledigte er zusammen mit dem Rest der Familie vor allem die Arbeit auf den Feldern und Wiesen. An Sonn- und Feiertagen wurde grundsätzlich nur die Stallarbeit erledigt. Nur ausnahmsweise wurde bei unbeständigem Wetter in der Heu- und Getreideernte gearbeitet. Da zweimal täglich das Vieh versorgt werden musste, war Urlaub für meine Eltern unmöglich, selbst Tagesausflüge mussten so organisiert werden, dass zumindest die Stallarbeit pünktlich erledigt werden konnte. Trotz der vielen Arbeit engagierte sich mein Vater in seiner Freizeit ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, in Vereinen und im Kirchenvorstand.
Die jahrelange körperliche Schwerstarbeit, die Einwirkungen von Lärm und Witterung (Hitze, Kälte und Nässe) führten auch bei meinem Vater zunehmend zu gesundheitlichen Problemen.
Nachdem er mehrere (leichtere) Arbeitsunfälle erlitten hatte, wurde ihm 1988 mit fast 59 Jahren vorzeitig die Rente wegen Erwerbsunfähigkeit bewilligt. Nach den großen Windwürfen 1990 wurde er noch einmal für einige Monate vom Forstamt beschäftigt. Zusammen mit einem ehemaligen Kollegen maß er das von Vollerntern aufgearbeitete Fichtenstammholz auf. In der Landwirtschaft wurde zuerst die Milchviehhaltung eingestellt, später wurden auch die Ländereien, auf den noch einige Jahre Heu und Getreide zum Verkauf produziert wurden, verpachtet. Aus dem Bauer und Böschmann war ein Rentner geworden, der zum ersten Mal in seinem Leben Zeit hatte, um in Urlaub zu fahren.
Ein beliebter Spruch der Waldarbeiter war: „Dä Herrgott is schon am Holz gestorwe, un wä als Böschmaan seine Jung Böschmaan wäre lässt, jehürt geschwoart !"( „Der Herrgott ist schon am Holz gestorben und wer als Waldarbeiter seinen Sohn Waldarbeiter werden lässt, gehört geprügelt!"). Daher war es für meinen Vater unvorstellbar, dass einer seiner Söhne Waldarbeiter werden sollte. Da ich Förster wurde, war der Wald auch später immer wieder unser Gesprächsthema. Die fortschreitende Mechanisierung verfolgte er mit wohlwollendem Interesse, da er die Arbeitserleichterung gut nachvollziehen konnte.
Kontrovers diskutierten wir andere Entwicklungen in der Waldwirtschaft. Er konnte nicht nachvollziehen, dass so viel Holz im Wald verrottet. Nach dem Krieg war jeder Knüppel Holz wertvoll und wurde aufgearbeitet. Die Förster maßen früher die Baumstümpfe nach und kritisierten, wenn die Stöcke zu hoch waren.
Die „Verteufelung" der Fichte konnte mein Vater nicht nachvollziehen. Diese Baumart deckte den Bedarf an Bauholz und verhalf den Waldbesitzern zu ordentlichen Einnahmen. Die Borkenkäfer-Kalamität seit 2018 hat er nicht mehr miterlebt. Viele der Fichtenbestände, von denen er mit Stolz erzählte, dass er sie mit angepflanzt und im Laufe der Jahrzehnte gepflegt hat, sind inzwischen geschädigt oder schon zerstört.
Auch unter den neuen Herausforderungen der Forstwirtschaft durch Klimawandel, den demografischen Wandel und die veränderten Ansprüche der Gesellschaft an den Wald werden Forstwirtinnen und Forstwirte benötigt. Ob sich das Berufsbild in den nächsten 60 Jahren ebenso stark verändern wird wie in den vergangenen sechs Jahrzehnten ist nicht abzusehen. Aber künstliche Intelligenz und „Homeoffice" werden auch zukünftig die Arbeit im Wald nicht so stark beeinflussen wie in anderen Wirtschaftszweigen. Trotzdem werden weitere Fortschritte in Waldarbeit und Forsttechnik notwendig sein, um die Arbeitssicherheit zu steigern und die ökologischen Anforderungen an den Wald sowie die Nachfrage nach dem Rohstoff Holz wirtschaftlich erfüllen zu können.
Anmerkungen:
1) Auskunft Forstamtsleiter Johannes Pinn, Forstamt Hillesheim
2) Ergonomie:Wissenschaft von der Gesetzmäßigkeit menschlicher Arbeit, Ziel der Ergonomie ist es, die Arbeitsabläufe und -bedingungen so zu optimieren, dass bei einem die Menschen, auch bei langjähriger Ausübung der Tätigkeiten durch die Arbeit nicht geschädigt werden
3) Dr. Irmund Wenzel, Sturmkatastrophe im Eifelwald, HJB Kreis Daun 1986