Heiteres aus der Amtsverwaltung

von Friedbert Wißkirchen, Daun


In den 48 Jahren meiner Tätigkeit in der Kommunalverwaltung hat sich vieles verändert. Vervielfältigungen wurden durch Abschriften mit bis zu 5 Durchschlägen auf der Schreibmaschine angefertigt, einen Kopierer gab es auch, der aber aus Kostengründen - ca. 2 DM pro Kopie - nur mit Genehmigung des Büroleiters selten genutzt werden durfte. In den 1980er Jahren kam die elektrische Schreibmaschine mit 10-Seiten-Spei-cher, später dann der Computer. Das Speichervolumen der EDV-Anlage war kleiner als der Speicher meines heutigen PCs. Das Internet, heute nicht mehr wegzudenken, wurde schrittweise eingeführt. Zunächst nur für Bürgermeister, den Beigeordneten und Büroleiter, später wurde es auch für die Abteilungsleiter freigeschaltet. Der Computer ersetzte Rechen- und Schreibmaschinen und erleichterte die Arbeit. Mit der EDV sollte auch das „papierlose Büro" kommen; das ist bis heute nicht realisiert. Auch von Bürokratieabbau - heute wieder ein Schlagwort -war in der Verwaltung immer die Rede, aber die Vorschriften wurden eher umfänglicher und komplizierter.


Meine Lehrzeit

1962 begann ich eine Lehre bei der damaligen Amtsverwaltung, der jetzigen Verbandsgemeindeverwaltung Daun. Aus Manderscheid stammend, musste ich den Bus um 6.20 Uhr nach Daun nehmen, um pünktlich die Ausbildungsstelle zu erreichen. Kurz nach 7.00 Uhr kam der Bus am Bahnhof Daun an, wo ich aussteigen musste. Eine weitere Haltestelle gab es nur am Krankenhaus, erst später dann auch am Marktplatz. Zu Fuß ging es über die sogenannte Eselsbrücke den steilen mit Pflastersteinen ausgebauten Fußweg am „Rammelsberg" hoch ins Stadtzentrum. Ich musste warten, bis der Hausmeister Matthias Beitzel kurz vor 8.00 Uhr die Türen der Verwaltung öffnete. Vor allem bei schlechter Witterung war die Bahnhofshalle der Treff vieler Lehrlinge. Anfangs gab es noch keine 5-Tage-Woche, samstagmorgens war die Verwaltung bis 12.30 Uhr geöffnet. Um 17.00 Uhr war an den übrigen Wochentagen Dienstschluss, der Bus nach Manderscheid fuhr aber bereits um 16.45 Uhr ab; der nächste Bus erst um 18.00 Uhr, so dass ich anfangs morgens um 6.20 Uhr abfuhr und erst um 18.40 Uhr wieder im Heimatort ankam. Nach einem halben Jahr erhielt ich mit Genehmigung von Bürgermeister Julius Saxler einen Hausschlüssel, durfte morgens früher mit der Arbeit beginnen und den Bus um 16.45 Uhr nach Hause nehmen.

Nach zwei Jahren war meine verkürzte Lehrzeit zu Ende und ich wurde als Angestellter übernommen. So konnte ich mir auch einen gebrauchten VW-Käfer kaufen, um damit zur Arbeit zu fahren. Es gab damals ein Darlehen der Verwaltung zur Fahrzeugbeschaffung mit der Verpflichtung, den Pkw auch dienstlich zur Verfügung zu stellen. Das war eine Verbesserung und Zeitersparnis! Zum Ende der Lehrzeit und auch als junger Angestellter war ich im Sachgebiet: „Hauptverwaltung", geleitet von Oberinspektor Josef M..Von Personalangelegenheiten bis zu Satzungen, von der Müllabfuhr bis zu Pacht- und Mietverträgen reichte der Aufgabenbereich. Aber auch die Organisation und Durchführung der Kommunalwahlen gehörte zum Dienst.


„Und das Los fiel auf ..."

Ich hatte 1964 gerade den Führerschein gemacht, als wenige Wochen später Kommunalwahlen anstanden. Einen eigenen Pkw besaß ich noch nicht, durfte aber den VW-Käfer der Amtsverwaltung benutzen. Damals gab es noch keine Direktwahl; der Ortsbürgermeister wurde durch den neuen Gemeinderat gewählt. Also fuhren Oberinspektor Josef M. und meine Wenigkeit, mit Schreibmaschine und Formularen „bewaffnet", abends in eine Struthgemeinde. Der Gemeinderat mit sieben Mitgliedern war schon in der Dorfkneipe versammelt. Nachdem die rechtlichen Bestimmungen zur Wahl erläutert und bekanntgegeben waren, stand als erstes die Wahl des Ortsbürgermeisters an. Ein Gemeinderatsmitglied schlug den bisherigen, langjährigen Amtsinhaber K. vor. „Gibt es noch weitere Vorschläge", fragte Oberinspektor M. Nach einer längeren Pause kam vom anderen Ende des Tisches der Vorschlag Josef Sch.. An den Mienen konnte man ablesen, wer welchem Lager angehörte. Es kam zum 1. Wahlgang und die schriftlich ausgefüllten Zettel mit den Namen der Vorgeschlagenen wurden von mir eingesammelt. Der amtierende Ortsbürgermeister K. las die Stimmzettel vor. Das Ergebnis: 3 Stimmen für Amtsinhaber K., 3 Stimmen für Herausforderer Sch. und 1 Stimmzettel, der leer war. Es musste ein 2. Wahlgang durchgeführt werden. Aber auch nach dem 2. Wahlgang verkündete der Vorsitzende das gleiche Ergebnis. Es folgte der 3. Wahlgang; wieder wurden die gleichen Personen vorgeschlagen und jede der Parteien hoffte, dass der Stimmzettel des unentschlossenen Ratsmitglieds zu seinen Gunsten ausfallen würde. Aber wieder war das Resultat: 3 : 3 : 1 Enthaltung. Dann musste das Los entscheiden. Ich schrieb die Namen der Kandidaten auf zwei Zettel, faltete sie ganz klein, Oberinspektor M. schüttelte die Stimmzettel in einem Hut und ließ mich mit der Begründung ziehen, ich sei der Neutralste. Aufgeregt griff ich nach einem der Stimmzettel im Hut und übergab ihn dem amtierenden Ortsbürgermeister. Die Hand, die den Stimmzettel entfaltete, zitterte leicht, die Spannung war zu spüren. Dann verkündete er das Ergebnis. Ich hatte die Wahl per Los entschieden; der alte wurde auch der neue Ortsbürgermeister. Eigentlich hätte ich das Los nicht ziehen dürfen, denn dafür war nach der Gemeindeordnung der Vorsitzende, also der Ortsbürgermeister, zuständig. Aber die Wahl war gültig, da kein Einspruch eingelegt wurde.


Belegschaft der Amtsverwaltung Daun 1963 - Mitte sitzend: Bürgermeister Julius Saxler, rechts Büroleiter Peter Schmitz, links Abteilungsleiter Jakobs und Rentmeister Mengelkoch.


Ich habe in meiner 48jährigen Dienstzeit vielfach Wahlen vorbereitet, organisiert und an den konstituierenden Sitzungen der Gemeinderäte mit Wahlen teilgenommen. An diese, meine erste Kommunalwahl, musste ich oft denken. Demokratie ist nicht immer einfach, nicht immer gibt es eine Mehrheit und das Los entscheidet.

Schon in der Apostelgeschichte vor mehr als 2000 Jahren wurde die Nachwahl des 12. Apostels per Los entschieden. „Und sie warfen das Los über sie und das Los fiel auf Matthias; und er wurde hinzugezählt zu den elf Aposteln."


Der Gemeindestier wird abgeschafft

Mitte der 1960er Jahre stand eine Gemeinderatssitzung an, die die Teilnahme eines Vertreters der Verwaltung erforderte. Oberinspektor M. und ich fuhren mit meinem VW-Käfer in den heutigen Stadtteil Waldkönigen, damals noch eine selbständige Gemeinde. Ortsbürgermeister Josef E., langjähriges Gemeindeoberhaupt, und sein Gemeinderat empfingen uns um 20.00 Uhr in der guten Stube des Ortsbürgermeisters. Der Sitzungstisch war lang und mit einer Backmulde (Mool) ausgestattet, so dass ich meine langen Beine kaum unter den Tisch bekam. Auf der Tagesordnung stand neben einem Pachtvertrag für den gemeindlichen Steinbruch u. a. ein weiterer Punkt: „Abschaffung des Gemeindestiers und Einführung der künstlichen Besamung". Der Gemeindestier wurde von einem Landwirt gehalten, der dafür ein Entgelt für Futter und Aufwand erhielt, ein durchaus lukrativer Nebenerwerb. Die künstliche Besamung hingegen war effektiver und sehr viel kostengünstiger.


Geistige Getränke regen die Diskussion an.


Gemeindestier


Waldkönigen hatte zu der Zeit sein Jagdrevier an den Inhaber eines bekannten Schnaps- und Likörherstellers aus Haan bei Düsseldorf verpachtet. Der Jagdpächter hatte dem Ortsbürgermeister einen ordentlichen Vorrat an hochprozentigen Getränken für Gratulationen und gemeindliche Anlässe zur Verfügung gestellt. So war es üblich, die Gemeinderatssitzung mit einer Runde Schnaps zu beginnen, von denen zwei Flaschen auf dem Tisch standen. Einige Tagesordnungspunkte, vor allem der Steinbruchpachtvertrag, gingen schnell über die Bühne, als es zu dem schwierigen Punkt: „Künstliche Besamung" kam. Ortsbürgermeister E., der um das Konfliktpotential der Abschaffung des Gemeindestiers wusste, goss nochmals die Gläschen voll und prostete in die Runde, bevor die Diskussion losging. Der Wechsel zur künstlichen Besamung wurde durch Oberinspektor Josef M. ausführlich begründet, vor allem der finanzielle Aspekt sprach dafür. Die Argumente für und dagegen hielten sich bei den Ratsmitgliedern fast die Waage, die Diskussion aber wurde immer emotionaler und auch lauter. Vielleicht lag das auch an den hochprozentigen Tagungsgetränken. Dem Gemeinderat gehörten u.a. neben zwei Handwerksmeistern auch zwei Männer an, die im nahegelegenen Steinbruch arbeiteten. Ratsmitglied N., durch die schwere Arbeit mit einem kräftigen Körperbau und überdimensionalen Fäusten ausgestattet, griff in die hitzige Debatte ein und rief: „Wenn wir die Kühe künstlich besamen, können wir das zukünftig auch bei unseren Frauen tun!" und schlug mit der rechten Faust auf den Tisch, dass die Gläschen auf dem Tisch tanzten und in die Höhe hüpften.

Kurz vor halb zwölf war es geschafft, die Sitzung war zu Ende, die Flaschen leer, der Gemeindestier wurde abgeschafft. Bei den Gemeinderatsmitgliedern und deren Frauen blieb es aber bei der althergebrachten Art der Fortpflanzung. Ortsbürgermeister E. rief dann die Treppe hoch zu seiner Frau, die schon im Bett lag. „Bäb, stieh op un maach den Jungen noch en Schmeer". Bei einem Schinkenbrot und einem Stubbi endete der Tag. Gegen 1.00 Uhr nachts waren wir in Daun, ich um 1.30 Uhr in Manderscheid.


Winterreifen erforderlich

Auch für die gemeindlichen Müllablagestellen war unser Sachgebiet zuständig. Jede Gemeinde hatte nach dem II. Weltkrieg ohne formelle Genehmigung eine „Müllkaul" angelegt. Der Anfall von Müll war noch sehr bescheiden. Aber auch Autowracks, Bauschutt u. ä. wurden dort abgelagert, vermutlich auch schadstoffhal-tige Gegenstände. Die Bezirksregierung in Trier forderte in einem Rundschreiben die örtlichen Verwaltungen auf, die Standorte dieser Müllabladestellen in den Gemeinden festzustellen, zu kartieren und zu melden. Nun wussten wir bei der Amtsverwaltung nicht, wo sich Müllabladestellen in den Orten befanden. Teilweise konnte dies aufgrund der Beschreibung der Ortsbürgermeister oder an Hand von Karten ermittelt werden. Die Waldköniger Müllstelle lag in Richtung Ernstberg in einer Talmulde. Es war Winter und der Schnee lag etwa 30 cm hoch, für Ortsbesichtigungen nicht besonders geeignet, aber der Meldetermin an die Bezirksregierung ließ keine Verschiebung zu. Also machten Oberinspektor M. und ich mich mit meinem VW-Käfer auf den Weg zum Ortsbürgermeister. Als dieser im Auto saß und uns den Weg zeigte, fragte er mich: „Da oben liegt viel Schnee, hast Du auch SS-Reifen drauf?" Wenn ich heute im Herbst an meinem Pkw die Winterreifen (M + S) aufziehe, sage ich dann mit einem Schmunzeln vor mich hin. „Dann machen wir jetzt die SS-Reifen drauf!"

Die Dienstfahrt zur Brücker Kirmes

Oberinspektor Josef M. meinte an einem Montagnachmittag, eine Stunde vor Dienstende, die gemeindliche Lavagrube am Radersberg in Brück müsste dringend überprüft werden, der Abbau erfolge scheinbar nicht ordnungsgemäß. Also fuhren wir auf den Radersberg. Von einem Weg, der entlang des Grubengeländes verlief, nahm Oberinspektor M. die Lavagrube in Augenschein und kam zum Ergebnis, dass der Lavaabbau entsprechend Vertrag und Abbauplan erfolge. Ich dachte, jetzt geht es nach Hause, es war kurz vor Feierabend. Aber über Nebenstraßen und Wege dirigierte mich mein Vorgesetzter zur Brücker Dorfkneipe, die von Wilhelm und Gertrud („Wöllem und Traudchen") betrieben wurde. Es gab eine freudige Begrüßung und Traudchen empfing Josef M. mit den Worten: „Schön, dass ein Brücker Jung auf die Kirmes kommt!" Wir wurden in die Küche gebeten und bekamen ein Bier, später gab es Schnittchen und Kartoffelsalat, die Wirtschaft füllte sich und Josef M. fand immer neue Gesprächspartner in seinem Heimatort. Ich saß in der Ecke und beobachtete das Geschehen. Um 20.00 Uhr wagte ich den Aufbruch anzumahnen, was aber auf taube Ohren stieß. Schließlich landeten wir auch im Saal der Gaststätte, wo zur Kirmes eine Kapelle zum Tanz aufspielte. Meine fünfte Cola hielt mich wach, aber nicht bei Laune. Es muss kurz vor Mitternacht gewesen sein, als ich meinen Vorgesetzten mit dem Mut der Verzweiflung von der Tanzfläche holte und sagte: „Wenn Sie jetzt nicht kommen, fahre ich allein nach Hause!" Am nächsten Tag herrschte im Büro betretenes Schweigen und gegen Mittag sagte Josef M. zu mir: „So spät sollte es gestern Abend eigentlich nicht werden.", was sich wie eine Entschuldigung anhörte.


Der Sektempfang zum Fünfzigsten

Bürgermeister Julius Saxler feierte an diesem Tag seinen 50. Geburtstag und hatte am Abend zum Essen eingeladen. Seit einiger Zeit waren wir zu dritt im Büro. Josef M., meine Person und Matthias B., der neue Lehrling. Josef M. war nicht nur unser Chef, sondern hatte auch die Funktion eines Standesbeamten inne. Als er zu einer Trauung gegen 10.50 Uhr das Büro verließ, heckten Matthias und ich einen Plan aus, wie wir den Kollegen aus dem Nachbarbüro Peter E. und Hans D. einen Streich spielen konnten. Ich ging also ins Nachbarbüro und verkündete: „Bürgermeister Saxler lädt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um 11.00 Uhr ins Trauzimmer (kleiner Sitzungssaal) im Erdgeschoß zum Sektempfang ein. Ich soll Euch Bescheid sagen."

Kurz vor 11.00 Uhr schlug Matthias B. hörbar und laut unsere Bürotür von innen zu. Wir legten uns hinter die Doppelschreibtische vor das Fenster und warteten. Dann ging auch die Tür vom Nebenbüro zu und in unserem Büro wurde die Tür geöffnet, Peter E. schaute hinein und sagte zu seinem Kollegen Hans D.: „Die sind schon runter!" und eilten zum Sitzungssäälchen. Vorm Trauzimmer angekommen, hörten sie von drinnen Stimmengemurmel und schritten ohne anzuklopfen mitten in eine Trauung hinein. Das Erstaunen der Hochzeitsgesellschaft über die neuen Gäste war groß, die sich vielmals mit „Entschuldigung, Irrtum" und anderen gestammelten Worten schnell verabschiedeten. Die anschließenden Schimpfworte von Peter E. und Hans D. will ich hier nicht wiederholen. Nachtragend waren die Kollegen aus dem Nachbarbüro nicht — am Abend beim Geburtstagsessen entschuldigten wir uns und damit war die Sache erledigt.


LSHD

LSHD ist keine neue Party-Droge oder neue Partei, sondern eine Abkürzung für Luftschutzhilfsdienst. „Der Luftschutzhilfsdienst (LSHD)" war eine 1957 mit dem „Ersten Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung" gegründete, 1968 rechtlich aufgelöste und 1971 letztlich in den Katastrophenschutz eingegliederte Institution des Zivilschutzes in Westdeutschland. Er war, noch von den Eindrücken des Zweiten Weltkriegs geprägt, speziell für den Verteidigungsfall, V-Fall, aufgestellt und sollte nach einem Luftangriff tätig werden. Seine speziellen Aufgaben waren die Rettung von Menschen, Tieren und Sachwerten, die Instandsetzung zerstörter Infrastruktur und die Schadensfeststellung." In allen Behörden sollte Mitte der 1960er Jahre ein solcher Hilfsdienst eingerichtet werden, auch in der Amtsverwaltung Daun. Büroleiter Amtsrat Peter Schmitz beorderte 8 - 10 Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen zur Veranstaltung, die im Säälchen des Gasthauses Kortmann in Daun stattfand. Auch aus den Nachbarverwaltungen Gillenfeld und Niederstadtfeld waren Kollegen gekommen. Geleitet wurde die Veranstaltung von einem Referenten des LSHD aus Trier, einen Mann mittleren Alters, der eine graue Uniform trug und die Sache sehr ernst nahm. In epischer Breite, beginnend bei Naturkatastrophen im Mittelalter, versuchte er zu verdeutlichen, wie wichtig die Einrichtung eines organisierten Hilfsdienstes, im Besonderen des Luftschutzhilfsdienstes, sei und entsprechende Strukturen auch in der kleinsten Behörde aufgebaut werden müssten. Begeistern konnte er die Zuhörer nicht, die mit zunehmender Dauer immer unaufmerksamer wurden. Vielleicht lag es auch am Alkohol, die Getränke gingen auf Kosten der Bundesbehörde, sodass die Stimmung unter den Mitarbeitern immer lockerer wurde. Zudem war es die Woche vor Karneval.

Unter den Teilnehmern war auch der Angestellte des Ordnungsamtes Hans D., der in Daun und der Verwaltung durch seine Späße und Witze bekannt war. Als der Referent in großen Buchstaben L-S-H-D an die Tafel schrieb, meldete sich Hans D. mit empörter Stimme zu Wort und beschwerte sich über eine solche Beleidigung seiner Person. Der Vertreter des Luftschutzes aus Trier war irritiert, sich keiner Schuld bewusst und fragte, weshalb Hans D. sich beleidigt fühle. Hans D. empörte sich weiter mit Worten wie „Unverschämtheit, Diffamierung" und erklärte: „L-S-H-D bedeutet: Lump — Säufer - Hans — D....."

Schallendes Gelächter der schon leicht angeheiterten Gesellschaft folgte und die Aufmerksamkeit war nicht wiederherzustellen. So endete die dienstliche Veranstaltung vorzeitig; sie soll von einigen Teilnehmern an der Theke bis in die Abendstunden fortgesetzt worden sein. In der Amtsverwaltung wurden — soweit ich mich erinnere - kleinere organisatorische Vorkehrungen getroffen. So wurde im Keller ein Telefon installiert, zur Durchsage und zum Empfang von Mitteilungen und Warndurchsagen. Einmal im Vierteljahr wurde das Telefon mit einer Durchsage des Landeswarnamtes in Mainz getestet. Dann eilte ich in den Keller und stenografierte den Text der Durchsage mit. 1968 wurde der Luftschutzhilfsdienst per Gesetz aufgelöst.


Die Hebung

Heute hat fast jeder ein Bankkonto von dem er seine Steuern und Abgaben überweist, abbuchen lässt oder macht es per „Online-Banking" von zu Hause aus. Barzahlung war in den 1950/60er Jahren gang und gebe. Selbst in der Amtsverwaltung wurde mir noch über ein Jahr lang die Lehrlingsvergütung bar ausgezahlt, bevor 1964 Vergütung und Gehalt auf ein Bankkonto überwiesen wurden.

Am Anfang des Jahres erhielten die Bürger in den Gemeinden einen sogenannten „Steuerzettel" (Steuer-Bescheid), der ihnen, mit Ausnahme der auswärtigen Steuerpflichtigen, vom Ortsbürgermeister persönlich zugestellt wurde. Am 15. Februar, 15. Mai, 15. August und 15. November jeden Jahres waren Steuern, Abgaben, Holzgeld, Umlage für den Gemeindestier (nur Landwirte), Wassergeld usw. in vierteljährlichen Raten fällig, die sogenannten Hebetermine. Die Dauner hatten es einfach; sie gingen zur Amtskasse und zahlten in bar den entsprechenden Betrag, sofern sie nicht eine Banküberweisung veranlassten.

Wenn der Bürger nicht zur Zahlung zur Amtsverwaltung kommt, muss man eben den Bürger im Dorf aufsuchen. Zwei Teams von jeweils zwei Mitarbeitern der Finanzabteilung und Kasse machten sich zu den angekündigten Terminen auf den Weg zur „Hebung", wie die Steuer- und Abgabenerhebung in der Verwaltung vereinfacht und abgekürzt genannt wurde. Oberinspektor Adi J. und der Angestellte Josef S., der ein Auto besaß, hatten an dem Tag die Hebetermine: Dockweiler 10.00 - 12.00 Uhr, Dreis 13.00 - 15.00 Uhr und Brück 15.00 -17.00 Uhr, jeweils in einer Gaststätte. Bei solchen „Hebungen" kamen am Tag schon Beträge zwischen 3.000 - 4.000 DM zusammen. Die Einnahmen wurden in einem Holzkoffer, der innen über Fächer für Scheine und Münzen verfügte, aufbewahrt. Abteilungsleiter Adi J. hatte bewusst den Termin in Brück ans Ende des Tages gelegt, um nach getaner Arbeit noch ein wenig zu bleiben, denn er hatte verwandtschaftliche Beziehungen nach Brück. So wurde es am Abend bei Bier und Wein immer später. So gegen 22.30 Uhr machten sich Josef S. und Adi J. auf die Heimfahrt.

Am anderen Morgen ging Adi J. zu Josef S. und fragte nach dem Geldkoffer um den Betrag bei der Amtskasse abzurechnen. Josef war erstaunt, denn er hatte den Koffer nicht und meinte: „Hast Du den nicht mitgenommen?" Betretenes Schweigen folgte und die Überlegung, wo hatten wir den Koffer zuletzt. Beide waren sich einig, Den Koffer mit Geld hatten sie unter der Sitzbank der Gaststätte deponiert. Also - AAnruf in der Brücker Dorfkneipe, wo die Wirtin „Traudchen" ans Telefon kam. Auf die Bitte von Adi, nachzusehen ob der Koffer unter der Bank stehe, kam nach zwei Minuten Pause die Antwort: „Da steht kein Koffer!" Bei Addi und Josef verfärbten sich die Gesichter. Das konnte doch nicht sein! Sie waren doch mit Wirt und Ortsbürgermeister zum Schluss noch die einzigen Gäste. Mit großer Anspannung und einem mulmigen Gefühl machten sich beide auf den Weg nach Brück in die Dorfkneipe. Aber der Koffer war nicht unter der Bank und auch die Suche im letzten Winkel der Gaststätte brachte den Koffer mit den Steuereinnahmen nicht zu Tage. Dann kam Wilhelm, der Wirt, und fragte mit einem schelmischen Lächeln: „Was sucht ihr denn heute schon wieder hier? Habt ihr gestern nicht genug Steuern eingenommen?" Mit zittriger Stimme erklärten Adi und Josef, dass die Kasse mit über 3.000 DM nicht mehr auffindbar sei. Dort unter die Bank hätten sie den Koffer gestern Abend abgestellt. Dann erlöste der Wirt die sichtlich geschockten Bediensteten des Amtes und erklärte, dass er den Koffer nach ihrem Weggang entdeckt und ihn Ortsbürgermeister Sch. mitgegeben hätte. Ein Anruf und wenig später brachte der Ortsbürgermeister den hölzernen Geldkoffer vorbei. Die Hebung mit letztlich gutem Ausgang war dann auch noch ein Grund gemeinsam einen „zu heben".


Der Hebekoffer - auch heute noch vorhanden


Bekanntmachung! Ausschellen in Daun


Die Original Dauner Gemeindeschelle.


(Nacherzählt nach einer Schilderung von Oberamtsrat a. D. Nikolaus Schäfer =) Es war Mitte der 1950er Jahre. In den Dörfern war es üblich, dass der Gemeindediener oder Ortsbürgermeister mit der Dorfschelle durch den Ort ging und an zentralen Punkten mit dem Läuten der Amtsschelle die Menschen aus den Häusern lockte und die amtlichen Nachrichten verkündete. In manchen Gemeinden verlas der Ortsbürgermeister nach dem sonntäglichen Kirchgang auf dem Kirchenvorplatz die amtlichen oder gemeindlichen Informationen. Selbst in Daun wurden so die amtlichen Neuigkeiten verkündet, die heute im Mitteilungsblatt veröffentlicht werden. In der Stadt Daun musste ein Lehrling oder junger Angestellter des Amtes die Aufgabe des Ausschellens übernehmen. Ein junger Mann, scheu, ängstlich, unerfahren wurde mit der Amtsschelle und mehreren Zetteln losgeschickt. Amtsrat Peter Schmitz, der wusste, wie schwer sich die jungen Männer taten, hatte eine Idee. Er schickte nicht nur Josef S., einen schmächtigen jungen Mann aus der Struth sondern auch Albert B. aus Daun mit, der sich ja in Daun auskannte. Trotzdem — die Beiden zitterten vor Aufregung und Angst und beschlossen, in der früheren Gaststätte Lenzen (neben dem Marktkreuz — heute: Reisebüro/Bäckerei) sich mit einem Bier Mut anzutrinken. Wie das so ist, auf zwei Beinen steht man besser oder mit zwei Bier liest es sich besser. Die erste Station war die Kreuzung Minninger — Sparkasse. Josef schellte, Albert las die amtlichen Neuigkeiten vor. Bei Jungs Baddi, einer heute nicht mehr bestehenden Kneipe in der Burgfriedstraße (heute: Dänisches Bettenlager), trank man noch ein Bier. An der Kreuzung Lindenstraße-Abt-Richard-Straße (Post) fiel das Verkünden der Nachrichten schon leichter; Josef las und Albert „bimmelte". Deshalb kehrten die Beiden auch noch beim früheren Gasthaus Sonnen (in der Lindenstraße — gegenüber Eisdiele) ein. Bei der Nikolauskirche lief das Vorlesen wie geschmiert, auch wenn die Stimme schon leicht verwaschen war. Dann ging es zur Kreuzung Mehrener Straße / Bahnhofstraße, der letzten Verkündungs-Station. Das gelungene Debüt als Ausscheller verdiente eine Belohnung. Also kehrten beide auch noch ins frühere Hotel Fries-Porz (heute: Caritashaus) ein.

Albert wohnte ganz in der Nähe und ging leicht schwankenden Schrittes nach Hause. Josef hatte ein kleineres Motorrad, mit dem er zur Arbeit und nach Hause fuhr. Die Straße nach Rengen führte — nicht wie jetzt — breit und ohne scharfe Kurven an Rengen vorbei. Hinter der Schule der Arbeitsverwaltung führt heute noch die alte Straße bis zur Höhe, machte dort eine scharfe Linkskurve um dann abwärts über einen Bahnübergang (heute: Industriegebiet) ins Dorf Rengen zu führen. Josef setzte sich, beim Amt angekommen, aufs Motorrad und fuhr die Gartenstraße abwärts in Richtung Struth. Damals wurde die Straße nach Rengen ausgebaut und so war der Belag, auf dem sich Josef mit seinem Rad bewegen musste, holprig und steinig. Oben auf der Kuppe, in der scharfen Linkskurve hatte die Baufirma einen Lkw voll Schotter am Straßenrand abgekippt. Josef war in der Kurve wohl etwas zu schnell, erkannte den Schotterhaufen zu spät, fuhr den Schotterhaufen hinauf, wurde vom Motorrad geschleudert und landete in einem Baum. Hilflos hing er in einer Astgabel und wurde, nachdem er aus seiner misslichen Lage befreit war, ins Krankenhaus Daun eingeliefert.

Büroleiter Peter Schmitz hatte schon die Nachricht vom Unfall erhalten. Man hatte ihm auch berichtet, dass das Ausschellen am Vortag mit Besuchen in mehreren Gaststätten verbunden war. Albert B. erhielt — als er zum Dienst erschien - eine geharnischte Standpauke und die Anweisung seinen Mitstreiter Josef im Krankenhaus zu besuchen und anschließend über sein Befinden zu berichten. Albert machte sich auf den Weg und betrat mit Bauchgrummeln das Krankenzimmer. Der Kopf von Josef S. war wie eine Mumie verbunden, nur Augen, Nase und Mund waren frei, einen Arm hatte er in Gips. Der Anblick, der Geruch des Krankenhauses setzten Albert so zu, dass ihm schlecht wurde, er umkippte und mit dem Hinterkopf auf das damals noch mit einer Glasplatte ausgestattete metallene Nachtschränkchen schlug. Gehirnerschütterung, Platzwunde am Kopf – Albert wurde behandelt und ins Nachbarbett verfrachtet und leistete seinem Mitstreiter zwei Tage Gesellschaft. Josef verbrachte drei Wochen im Krankenbett. Die Verletzung am Kopf begleitete Josef sichtbar bis ans Lebensende. Vielleicht war das Ereignis der Grund dafür, das Ausschellen in Daun einzustellen. An zentralen Stellen wurden Aushängekästen in der städtischen Schreinerei angefertigt, worin die Bekanntmachungen und amtlichen Nachrichten durch den Hausmeister und Amtsboten Matthias Beitzel ausgehängt wurden.

Wegweiser zur Kommunalwahl

(nacherzählt nach einer Schilderung von Gottfried Rodenkirch)

1964 standen Kommunalwahlen an und der zuständige Mitarbeiter der Amtsverwaltung Gillenfeld, Peter B., hatte in einem Rundschreiben an die Ortsbürgermeister gebeten, Stimmzettel, Briefumschläge und auch die „Wegweiser für die Kommunalwahl" rechtzeitig bei der Amtsverwaltung abzuholen. Der langjährige Ortsbürgermeister der Gemeinde Udler, Johann „Hanni" O., hatte das Schreiben der Amtsverwaltung sorgfältig durchgelesen und war verwundert, dass er auch Wegweiser abholen sollte. In Udler, dem kleinen Dorf, wusste doch jeder, dass das Wahllokal im Schulhaus war. Also machte sich der Ortsbürgermeister mit seinem Traktor und Anhänger, den er vorsorglich angehängt hatte, auf den Weg nach Gillenfeld zum Amt und parkte direkt vor der Verwaltung in der Pulvermaarstraße. Im Büro von Peter B. angekommen, übergab der Lehrling Gottfried R. Ortsbürgermeister „Hanni" einen Karton mit den benötigten Wahlunterlagen. Unschlüssig stand der Ortsbürgermeister im Büro des Sachbearbeiters Peter B.,der ihn fragte, ob er sonst noch etwas brauchte. „Hanni" erwiderte auf Udler Platt.

„Pitter, wu sein dan die Schölder?" („Peter, wo sind denn die Schilder?") Darauf Peter: „Wat fiern Schölder?" („Welche Schilder?") „Hanni": „Dau hos doch geschriewen, eich soll die Wächweiser ofholen!" („Du hast doch geschrieben, ich soll die Wegweiser abholen.") Darauf brach Peter Borsch in schallendes Gelächter aus und erwiderte: „Oh Hanni, die „Wächweiser" sein die Beecher, wu alles dransteht, wat bei der Wahl zu beachten as." („Oh Hanni, die Wegweiser sind die Bücher, wo alles drinsteht, was bei der Wahl zu beachten ist.") Das Buch trug den Titel: Rheinland-pfälzisches Kommunalwahlrecht — Wegweiser für die Kommunalwahlen.



Die Verwaltung hat sich gewandelt

Die Geschehnisse sind etwa 60 Jahre her und heute kaum mehr vorstellbar. Die Digitalisierung hat Einzug in die Verwaltungen gehalten, der bargeldlose Zahlungsverkehr ist nicht mehr wegzudenken. Die früheren intensiven Kontakte zwischen Verwaltung und Ortsbürgermeister haben sich durch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten reduziert. Die Dorfschelle wurde durch das amtliche Mitteilungsblatt abgelöst. Gesetzestexte und Vorschriften werden heute über das Internet recherchiert. Der Zivilschutz, 1968 per Gesetz aufgehoben, hat durch die aktuellen Konflikte in der Ukraine und dem „Nahen Osten" wieder an Bedeutung gewonnen. Es war keine Schwierigkeit, Auszubildende und Personal für die Verwaltung zu finden. Heute hält sich die Anzahl der Bewerber — wenn überhaupt — in Grenzen. Damals trugen die Beamten und Angestellten noch Anzug und Krawatte; heute geht es auch bei der Anzugsordnung lockerer zu. Der Wald, damals eine gute Einnahmequelle für die Ortsgemeinden, ist heute in Zeiten des „Borkenkäfers" und des „Waldsterbens" zum Sorgenkind geworden. Kindergärten wurden meist von der Katholischen Kirchengemeinde betrieben, die ständige Modernisierung und der Ausbau von Kindertagesstätten durch die Zweckverbände (Zusammenschluss von Gemeinden) übersteigt heute die finanzielle Belastungsgrenze der Gemeinden. Die finanzielle Lage der Kommunen ist bei Übertragung weiterer Aufgaben wie „Klimaschutz, Hochwasserschutz, Wärmeplanung" im Vergleich zu früher wesentlich schlechter geworden. Gerne denke ich an manche Kuriositäten, Kolleginnen und Kollegen aus den Anfangsjahren meiner langjährigen beruflichen Tätigkeit zurück, oft mit einem Schmunzeln. Auch bei Treffen mit Kolleginnen und Kollegen, dem Austausch von Geschichten aus den 60er und 70er Jahren, gibt es fast übereinstimmend die gleiche Meinung: „Es war eine schöne Zeit!"