Das Fräulein vom Amt

Der Wandel in der Telefontechnik

von Clara Zins-Grohe und Herbert Schirmer, Gerolstein


Im Handyzeitalter ist es für die heutige Generation kaum noch vorstellbar und spannend zu erfahren, wie Telefonieren früher ablief. Ein Besuch im Gerolsteiner Telefon-Museum lohnt sich deshalb. Dort kann man staunen, wie sich das „Fernsprechen" und „Fernschreiben" seit der Erfindung des .Telephons' im Jahre 1861 durch Philip Reis entwickelt hat. Auf 1.100 Exponate aus über 10 Ländern - darunter 700 Telefone aus 125 Jahren Telefongeschichte - ist die Sammlung von Heribert Schirmer angewachsen.

Im „Flat-Rate-Zeitalter" ist es für die heutige Jugend unverständlich, dass in früheren Zeiten der Leitsatz beim Telefonieren: „Fasse dich kurz - Nimm Rücksicht auf Wartende" - als strenges Gebot galt.


Brigitte Bockhoop und Museumsbetreiber Heribert Schirmer an dem früheren Arbeitsplatz einer Telefonistin.


Manch Anekdötchen hat Museumsbetreiber Schirmer zu erzählen, denn jeder Apparat hat seine eigene Geschichte: „Alles begann mit meiner Lehre als Fernmeldehandwerker! Den Beruf gibt es heute in dieser Form nicht mehr.", erklärt Heribert Schirmer. „Damals hat mich die Sammel-Leidenschaft für Technik gepackt". Stolz präsentiert er sein ältestes Objekt im Museum: eine Telefonklingel aus dem Jahr 1880 - aber auch ein Originalnachbau der patentierten Telefonanlage von Graham Bell erweckt Aufmerksamkeit.

Ein Auszug aus einem Gerolsteiner Telefonbuch von 1910 enthält nur wenig mehr als fünfzig Einträge. „In den 50er Jahren gab es nur wenig Telefonanschlüsse", erzählt er weiter. „Das war eine Folge des 2. Weltkrieges, in dem viele Versorgungsleitungen, so auch das TelefonNetz, zerstört wurden. Nur wer eine dringende, dienstliche .Befürwortung' besaß, konnte Anfang der 60er Jahre einen Antrag auf Anschluss stellen. Fernmündliche Kontaktaufnahmen waren schwierig. Es gab noch keinen Selbstwahlverkehr. Wollte man in früheren Zeiten telefonieren, musste die Verbindung mit dem gewünschten Gesprächspartner manuell vermittelt werden. Im öffentlichen Telefonnetz der Postverwaltung geschah das meistens durch weibliche Telefonistinnen, die daher auch „Fräulein vom Amt" genannt wurden. Man musste also zur Post gehen. Dort wartete man mehr oder weniger lange, da die Vermittlung der Telefonistinnen per Hand und teilweise mit veralteter Technik erfolgte. In Gerolstein bearbeiteten Maria Serwas, geb. Wirtz, Margot Lehnen, Marlies Laux, Helmi Mertes, Klara Eis und Else Neiss unter Aufsicht von Frau Vinandy die Telefonie- und Telegrafiewünsche. Zu Beginn mussten die angestellten Damen unverheiratet sein. „Als Telefonistin musste man immer die Nerven behalten und durfte nicht fluchen, auch wenn die Leitung wieder einmal zusammenbrach. Es passierte auch, dass man mitten in einem anderen Gespräch landete -oder man hatte selbst noch einen Mithörer. Das konnte man an einem Knacken in der Leitung erkennen".

Die Anredeform „Fräulein" wurde Anfang der 70er aus dem Amtsdeutsch gestrichen. Ein Sieg der Frauenbewegung . Ab 1972 ist im behördlichen Sprachgebrauch für jede weibliche Erwachsene die Anrede „Frau" zu verwenden.


Auszug aus dem Telefonbuch von 1910 mit allen damaligen Gerolsteiner Telefonnummern


Ein Telegramm-Schreiber stand in Gerolstein: Ein Original-Telegramm liest Heribert Schirmer gerne bei Führungen vor: Ein Rechtsanwalt aus Wuppertal wurde am 01.12.1969 von Auto Becker Düsseldorf zu einer Sportwagenschau eingeladen. Er suchte einen Ferrari als Weihnachtsgeschenk für seine Frau.

Außerhalb der Öffnungszeiten der Post konnte man nicht anrufen, wenn man keinen privaten Anschluss besaß. Es dauerte noch Jahre, bis alle Fernsprechzonen im Selbstwahlverkehr erreichbar waren. Durch die fortschreitende Automatisierung im Fernsprechdienst wurde Anfang der 60er das letzte sogenannte Schnellamt der Deutschen Bundespost geschlossen.

Die Nicht-Telefonbesitzer gingen zu telefonbesitzenden Nachbarn und erledigten dort ihre Telefonate. Lange Wartezeiten waren gang und gäbe. Man konnte ein ,Blitzgespräch' anmelden, das kostete die zehnfache Gebühr.


Ein Relikt der Fernschreibtechnik: Der Streifenschreiber von Siemens druckte eintreffende Telegramme auf Klebestreifen, die auf entsprechende Telegrammvordrucke geklebt wurden.


Der Zustand der wenigen öffentlichen Telefonzellen, an denen sich oft auch Warteschlangen bildeten, war oft schlimm. Sie waren häufig defekt oder Telefon-Bücher waren zerfetzt. Manchmal fielen auch Münzen (Groschen, 50-Pfg. und Markstücke) durch. Ein Telefongespräch im Ortsnetz - also ohne Vorwahl - kostete 2 Groschen - (für 8 Minuten). Ein Ferngespräch kostete pro Minute 20 Pfennig. Der letzte Anruf aus einer gelben Telefonzelle im Vulkaneifelkreis war 2018 - danach wurden sie abgebaut.

Bei Betrieben und Einrichtungen mit mehreren Apparaten musste man immer über die Telefon-Zentrale gehen. Man musste sich immer verbinden lassen. Wollten die Mitarbeiter einer solchen Firma ,raustelefonieren' mussten sie sich sogar erst „ein Amt" - eine Freileitung geben lassen. Nur die Chefs hatten einen sogenannten Nullapparat (Apparat mit Amtsanschluss) und waren ,amtsbe-rechtigt'. Halbamtsberechtigte konnten von außerhalb direkt vermittelt werden. Später, in den 70'er Jahren, erhielten dann die meisten Privatleute endlich ein eigenes Telefon.

Am Anfang gab es einen Doppelanschluss. Es gab einen zweiten Anschluss im Haus über dieselbe Leitung, sodass bei einem besetzt war, wenn der andere Teilnehmer sprach und umgekehrt. Das war natürlich manchmal sehr nervig - denn es bedeutete „Fasse dich kurz!"

Mit der technischen Aufrüstung fand auch die uralte Telefonanlage der Polizeidienststelle Daun einen Platz im Gerolsteiner Museum. Es war eine Telefonvermittlung für 30 Nebenstellen und sie besaß schon fortschrittliche 5 Amtsleitungen.

Tastentelefone waren selten. Wahlwiederholung gab es noch nicht. Bei vielen Telefonaten taten dann doch schon die Finger weh, abgesehen vom Zeitaufwand. Oft waren die Leitungen auch durch Überlastung besetzt. Manchmal war es sehr anstrengend eine Verbindung zu bekommen.

Schnelle Übermittlung von Texten erfolgte mithilfe von Fernschreibern. Noch Anfang der 70er Jahre nutzte z.B. der Gerolsteiner Sprudel dieses System, um telefonische Bestellungen von Großkunden schriftlich zu bestätigen. Die Auftragsbestätigung der LKW-Ladungen wurde auf dem Gerät getippt - der Text durch den gestanzten Lochstreifen nach Anwahl der Kunden-Anschluss-Nummer mit Wählscheibe übermittelt. (Fernschreiber wurde dann später vom Telefax - Gerät abgelöst - diese Faxe wiederum durch das heutige E-Mail und elektronische Dokumentenübertragung ersetzt.) Mitte 1980 setzten sich dann die Tastentelefone durch.

Telefoniert wurde dort, wo das Telefon stand, bis 1984 das schnurlose Telefon angeboten wurde. Der Spruch: „Willst Du schnurlos telefonieren, musst Du ,Fünfzehnhundert-Mark' investieren, machte die Runde. In Zeitschriften lautete der Werbeslogan ,Ruf doch mal an'. Im Sauseschritt ging der technische Fortschritt der Geräte weiter. Mit den 90er Jahren kamen dann die Handys.


Fernschreiber wie dieser arbeiteten mit Lochstreifen und wurden beim Gerolsteiner Brunnen noch Anfang der 1970er Jahre verwendet.


Zu jeder Epoche kann man die Geräte im Telefon-Museum anschauen und vieles auch ausprobieren. „Besonders die jüngere Generation kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus" - so auch Alessio Marci (Foto unten), dem seine Oma Brigitte Bockhoop anhand der Kinder-Spielzeug-Telefone im Museum erklärt, wie man einen für ihn unbekannten Telefonhörer und eine Wählscheibe benutzt. Im jetzigen Kita-Alter kennt man nur noch Mobil-Telefone.


Heribert Schirmer erklärt auch gravierende Unterschiede von heute zu früher: „Undenkbar wäre heute der Einsatz eines Chef-Telefons, das es auf fünf Leitungen dem Vorgesetzten ermöglicht, seine Mitarbeiter zu Kontrollzwecken abzuhören - oder dieses mit dem roten Knopf aus der ehemaligen DDR, bei dem das Abheben des Hörers blockiert war, damit beim Staubwischen nicht versehentlich ein Fehlalarm bei der strategischen Alarmstelle ausgelöst werden konnte" und weiter: „Wenn man das hier alles mit den heutigen iPhone vergleicht - für mich damals unvorstellbar! — genauso wenig kann sich die Jugend heute vorstellen, dass es nur eine Amtsleitung mit durch Sanduhren kontrollierter Redezeit gab".

Den Vergleich einer SMS oder Whats-App-Nachricht mit Telegrammen oder das Versenden einer PDF-Datei mit Fernschreiben, oder den Vergleich einer Voicemail mit der mündlich übermittelten Nachricht eines „Fräulein vom Amtes" kann man im Gerolsteiner Museum hautnah erleben und so tief in die spannende Entwicklungsgeschichte der Fernmeldetechnik eintauchen.


INFO

„Das Pferd frisst keinen Gurkensalat", so soll der erste Satz gelautet haben, der über ein Telephon gesprochen wurde. Es war vor 160 Jahren, als der hessische Tüftler Philipp Reis akustische Signale über ein elektrisches Kabel übertrug. (1861) In Deutschland wurde es zunächst als Spielzeug abgetan. 15 Jahre später wurden Idee und Technik in den USA aufgegriffen, weiterentwickelt und durch Alexander Graham Bell patentiert. „Watson come here. I need You (Watson, kommen Sie her. Ich muss sie sehen) waren die ersten Worte, die (1876) Graham Bell in den Apparat sprach, den sein Assistent Thomas Watson konstruiert hatte. Ein Original Nachbau von 1877 gehört zu den Schätzen des Telefon- und Rundfunkmuseums Gerolstein. Das Museum basiert auf der privaten Technik-, Telefon- und Radiosammlung von Heribert Schirmer und umfasst inzwischen über tausend Exponate. Ausgestellt werden Feldtelefone, Grubenapparate, Schiffstelefone, vornehme Hotelapparate, Micky-Mouse und Ferrari-Telefon, Fernsprecher getarnt als Dampflokomotive. Alle möglichen Privat- oder Bürotelefone, Fernschreiber, den öffentlichen Münzsprecher mit DM und Groschen, Fernsprecher für besondere Anwendungen, Streckenapparate, Bildtelefone und Siemens-Hell-Faxe runden die Ausstellung ab. Selbst bunte SpielzeugTelefone passten sich der Entwicklung von Wählscheibe zu Tastentelefon an. Eine umfangreiche Radio- und Tonträgersammlung, eine Fachbibliothek und gesammelte Zeitungsartikel ergänzen das Angebot. Viele Geräte dürfen ausprobiert werden.