Auf in die Berufs- und Arbeitswelt

Erinnerungen an meine Lehrzeit in den 1960er Jahren

von Hans Gräfen, Darscheid

Nun war es soweit, die Schule war zu Ende und meine Ausbildung zum Elektroinstallateur konnte starten. Aber der Reihe nach.

Wir schreiben das Jahr 1966, Ende März war Schulentlassung aus der 8. Klasse der Volksschule, so hieß das damals. Ich gehörte zum letzten Jahrgang, der im März Schulentlassung hatte. Danach gab es die Schulreform mit Hauptschule, zwei Kurzschuljahren und 9. Klasse. Ich war glücklich, nicht mehr zur Schule zu müssen und eine Berufsausbildung zu beginnen. Elektriker zu lernen war mir irgendwie vorgegeben, da mein Vater ebenfalls diesen Beruf erlernt hatte und ich sein Wissen in technisch-elektrischen Dingen spannend fand. Der Lehrvertrag mit einer Firma in Daun war längst unter Dach und Fach, und so ging es für mich am 01.04.1966 im jugendlichen Alter von 14 Jahren ab in die Arbeitswelt, und mein erster Lehrtag war natürlich kein Aprilscherz. Mein Lehrherr und Meister hat mich vom ersten Tag an als einen vollwertigen Mitarbeiter und Auszubildenden aufgenommen. Das sollte sich über die gesamte Lehrzeit auch nicht ändern. Es gab einen weiteren Lehrling, Rudi, der schon ins zweite Lehrjahr kam.

Ich erinnere mich noch genau an diesen ersten Tag. Morgens Punkt 07:30 Uhr ging es los. Zunächst bekam ich eine kleine Einweisung in Werkstatt und Lager sowie den vorhandenen Laden für Elektrobedarf. Im Anschluss hieß es, Werkzeug und verschiedenes Elektromaterial in das Firmenfahrzeug einzuladen. Das Fahrzeug war nicht irgendeines, sondern ein VW-Bus T1 mit geteilter Frontscheibe und einer Doppeltür auf der rechten Seite für den Laderaum (heute ein tolles Fahrzeug für Liebhaber). Dann ging es los: der Chef am Steuer, Rudi auf dem Beifahrersitz und ich auf der Sitzbank im Laderaum. Die Fahrt führte aus Daun heraus Richtung Mehren, durch Mehren hindurch und weiter bis zur Abzweigung Ellscheid/Steineberg. Hier links ab, den Anstieg hoch und dann rechts nach Demerath — dort war ich vorher noch nie gewesen. Sowieso war meine Lehre auch die Zeit, in der ich den Kreis Daun und angrenzende Regionen so richtig kennengelernt habe. Bei unserem Kunden in Demerath angekommen, luden wir diverses Werkzeug und Material aus dem Fahrzeug. Mein erster Auftrag im Elektroberuf war das Anbringen eines Außenschalters neben der Kellertür. Das hieß: den Schalter aufschrauben, mit einem Stift die Bohrlöcher markieren sowie die Löcher bohren. Heute in einer Minute erledigt, damals brauchte ich gefühlt drei Stunden. Eine Bohrmaschine gab unsere Werkstattausstattung noch nicht her, stattdessen einen metallenen Handbohrer und einen Hammer. Damit bohrte und schlug ich die beiden Löcher mühevoll in die Bruchsteinwand. In die Löcher kamen Holzdübel hinein, das Schalterunterteil befestigte ich mit zwei Holzschrauben. In der Zwischenzeit hatten die Kollegen eine Außenlampe angebracht und das notwendige Kabel zur Lampe und zum Schalter verlegt. Ich durfte nun nach Anleitung den Schalter anschließen und mit Schalterdeckel zuschrauben. Noch heute weiß ich genau, an welchem Haus wir an diesem Tag gearbeitet haben.

Neben der praktischen Berufsausbildung gab es natürlich auch eine theoretische Ausbildung in der Berufsschule. Im ersten Lehrjahr fand diese einmal wöchentlich in Daun statt, zusammen mit allen Auszubildenden der Metallberufe. In Ferienzeiten war der sonst übliche Schultag ein normaler Arbeitstag in der Firma. Die Lehrzeit insgesamt betrug dreieinhalb Jahre, was im Elektrohand-werk heute noch so ist. Die Arbeitszeit lag damals im Schnitt bei 45 Wochenstunden. Der Lohn: Im 1. Lehrjahr 45,- DM, im 2. Lehrjahr 55,- DM, im 3. Lehrjahr 65,- DM und im letzten Halbjahr 75,- DM. Meine Mutter sagte bereits zu Beginn meiner Lehrzeit: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre..." Sollte heißen, benimm dich ordentlich und mach, was dein Meister dir aufträgt.



Glücklicherweise war mein Chef ein ruhiger und ausgeglichener Lehrmeister, er hatte eine besondere Art, Dinge zu erklären und Anleitung zu geben, sodass ich schnell Fortschritte machte. Selbständiges Arbeiten wurde gern gesehen und gefördert. Da es aufgrund der technischen Entwicklung immer mehr Geräte und Maschinen gab, die elektrisch betrieben wurden, stieg auch der Bedarf des Ausbaus vorhandener Elektroin-stallationen bzw. deren Neubau. Arbeit war also reichlich vorhanden. Allein in Daun gab es zu dieser Zeit fünf Elektrobetriebe, wir kannten uns untereinander.

Zwei Schwerpunkte unserer Arbeit bildeten die Erneuerung vorhandener Elektro-installationen und die Erstinstallation von Neubauten. Bei den Altanlagen handelte es sich vorwiegend um Wohnhäuser mit für die Landwirtschaft angegliederten Stallungen und Scheunen. Im Zuge der technischen Veränderung hatten sich u. a. auch die VDE-Bestimmungen geändert. Es gab Bauernhäuser, die hatten bloß in der Küche eine Steckdose und vielleicht noch eine Hoflampe. Das Potenzial zum Ausbau war riesig. Oft waren wir für mehrere Tage oder gar Wochen an einer Anlage beschäftigt.

Dabei war es nicht unüblich, dass wir in den Haushalten zum Mittagstisch eingeladen wurden. Unsere Butterbrotdosen und Thermoskannen nahmen wir dann wieder unbenutzt mit nach Hause. Immer wieder waren auch abseits des Elektroberufes Arbeiten zu erledigen. Zum Beispiel brauchte der neue Warmwasserboiler im Bad nicht nur den entsprechenden Elektroanschluss, sondern auch neue Wasseranschlüsse, die wir ebenfalls montierten. Damit die Sache am Ende schön aussah, erledigten wir auch die Verputzarbeiten an den aufgeschlagenen Mauerstellen.

Eine andere spannende Sache war die Ausbreitung des Fernsehens. Nachdem in den Wohnzimmern endlich neue Beleuchtung und Steckdosen vorhanden waren, musste auch ein Fernseher her. Damals waren noch überwiegend Schwarz-Weiß-Bilder auf der Mattscheibe zu sehen. Doch auch dazu brauchte es eine Empfangsantenne auf dem Dach. Zur Ausrichtung dieser Antenne befand sich der Meister am Fernsehgerät, ein Lehrling draußen auf dem Hof und einer auf dem Dach. Nun wurde auf Zuruf die Antenne ausgerichtet. Aus dem Wohnzimmer kam das Kommando zum Drehen nach rechts oder links. Dies wurde vom Lehrling auf dem Hof lautstark weiter aufs Dach gerufen. Messgeräte, die diese Arbeit vereinfacht hätten, hatten wir noch nicht, aber es hat auch so funktioniert. In optimaler Empfangsposition fixierten wir die Antennenhalterung. Am liebsten war ich bei dieser Arbeit auf dem Dach positioniert, da hatte ich eine schöne Aussicht, und klettern konnte ich gut.



Die Elektroinstallation in Neubauten, meist Einfamilienhäuser, war zu Beginn meiner Lehrzeit harte und mit einer gehörigen Portion Staub verbundene Arbeit. Der Meister besprach den Ausbau der Installation mit den Hausbesitzern und malte entsprechende Symbole für Schalter, Steckdosen, Lampenanschlüsse etc. an den betreffenden Stellen auf. Dann waren wir mit unserer Arbeit an der Reihe. Zunächst mussten wir Schlitze für die Leitungen schlagen. Das erfolgte komplett von Hand mittels eines sogenannten Schlitzhammers. Die Schlitze mussten ca. drei Zentimeter breit und tief sein. Die komplette Installation wurde mit flexiblen Kunststoffrohren ausgeführt, in die wir dann später bei der Fertiginstallation die notwendigen Drähte einzogen. Für die Schalter- und Steckdosen schlugen wir mit Hammer und Meißel die entsprechenden Löcher, hinzu kamen noch Abzweigdosen, in denen die Rohre zusammenliefen. Pure Handarbeit, und für einen 14jährigen ganz schön anstrengend! Aber die Fertigkeiten wuchsen im Verlauf der Lehrzeit. Am Anfang war es ganz normal, mir mindestens einmal am Tag auf den Daumen oder einen Finger zu schlagen. Später konnte ich fast ohne hinzusehen mit Hammer und Meißel werkeln.

Im Spätherbst 1966 arbeiteten wir auf einer Rohbaustelle in Immerath. Mittags kam unser Chef mit einem großen Metallkoffer an und sagte, dass er eine neue Maschine für uns hätte. Aus dem Koffer nahm er eine ca. acht Kilo schwere Schlagbohrmaschine, mit der nun durch Decken und Wände gebohrt werden konnte. Einerseits eine riesige Erleichterung für uns, andererseits eine schwere Maschine, die wir auch nicht stundenlang führen konnten. Hinzu kam kurze Zeit später eine Schlitzmaschine, ebenfalls ein schweres Gerät, aber Schlitze machen ging nun deutlich schneller. Mal abgesehen von dem enormen Staub, den dieses Gerät verursachte, war auch das eine Arbeitserleichterung. Lärm- oder Staubschutz im Rahmen der Arbeitssicherheit waren damals übrigens noch Fremdwörter.

Mit Beginn des zweiten Lehrjahres änderte sich einiges. Mittlerweile hatte ich schon viel für meinen zu erlernenden Beruf aufgenommen. Gewisse Arbeiten konnte ich schon selbständig erledigen. Mein Ausbildungskamerad war ja nun schon im dritten Lehrjahr. Und so wurden wir meist schon ohne Meister auf die Baustellen geschickt. Der Chef fuhr uns morgens hin und holte uns zum Feierabend wieder ab, natürlich nicht ohne sich von der von uns geleisteten Arbeit zu überzeugen.

Mit dem zweiten Lehrjahr änderte sich auch die Berufsschule. Nun ging es einmal die Woche nach Gerolstein. In der neuen Berufsschulklasse waren jetzt nur noch Elektro-Lehrlinge aus dem ganzen Kreis Daun. Die Lerninhalte waren vielfältig. Neben der Mathematik, die sehr umfangreich mit einer Vielzahl von Formeln zur Berechnung von Stromstärke, Spannung und Widerständen einherging, lernten wir vor allem Technisches Zeichnen und Normschrift. Elektronische Taschenrechner gab es noch nicht, ein Hilfsmittel war der Rechenschieber, aber auch dessen Bedienung musste erlernt werden. Gezeichnet wurde überwiegend auf Millimeterpapier zur Darstellung von Schaltplänen, Funktionszeichnungen von Schützen, Elektromotoren, Drehstrom oder Wechselstrom. Die Normschrift erlernten wir zunächst freihändig, später wurden dazu auch Schablonen benutzt. Diese Druckbuchstaben in leichter Schrägstellung gingen in Fleisch und Blut über, sodass sie mir bis heute wortwörtlich leicht von der Hand geht. Schreibschrift, wie ich sie noch in der Schule gelernt hatte, beherrsche ich gar nicht mehr.

Neben den theoretischen Lerninhalten musste ich wöchentlich einen Bericht mit Zeichnung zu einem bestimmten Thema im sogenannten Werkstattwochenbuch, besser bekannt als Berichtsheft, festhalten. Diese Berichte zeichneten der Lehrmeister und der gesetzliche Vertreter (mein Vater) jeweils gegen. Halbjährlich erfolgte die Vorlage des Heftes beim Fachlehrer der Berufsschule.

Die Zeit für die Erledigung dieser Aufgabe musste ich mir an den Wochenenden nehmen. Da fällt mir ein, meine erste „Fremdsprache" lernte ich auch während meiner Lehrzeit. Zu Hause sprachen meine Eltern Hochdeutsch mit mir, auf der Arbeit in den Dörfern wurde überwiegend Dialekt gesprochen. Das Eifler Platt beherrschte ich mit jedem Tag ein bisschen mehr. Heute bin ich froh, es auf diese Weise gelernt zu haben.

Ein Schwerpunkt im Ausbildungsbetrieb war die Installation von Elektro-Nachtspei-cher-Heizungsanlagen. Zur Planung solcher Anlagen machte ich eine spezielle Weiterbildung und lernte, den Wärmebedarf von Wohnungen oder Gebäuden zu berechnen. Jeder zu beheizende Raum wurde aufgemessen, Fläche, Volumen, Fenster, Türen flossen in die Berechnung ein. Am Ende stand als Ergebnis die notwendige Anschlussleistung der gesamten Anlage, um die Wohnfläche optimal beheizen zu können.

Mit dem Ausbau von Kraftwerken zur Stromerzeugung, insbesondere Atomstrom, war Strom als Heizenergie damals eine gute und saubere Alternative zum Heizen mit Holz oder Kohle. Ein Trend, der wohl bis heute geblieben ist (inzwischen z. B. mit Wärmepumpen).

Die Lehre endete im Herbst 1969 mit der theoretischen und praktischen Prüfung vor der Handwerkskammer an der Berufsschule Gerolstein. Im Verlauf der anschließenden Feier in einer Gerolsteiner Gaststätte verpassten wir den letzten Zug Richtung Daun und so mussten wir uns am späteren Abend von den Eltern per Auto abholen lassen.

Ein Handwerk zu erlernen habe ich nie bereut. Die Fertigkeiten sind für mich in meinem Leben ein großer Vorteil geblieben, auch wenn ich später einen anderen Beruf ausgeübt habe.

Auch die wöchentliche Fahrt zur Berufsschule nach Gerolstein brachte im Arbeitsalltag immer eine Auflockerung. Nicht zuletzt dadurch, dass ich auf einer dieser Fahrten ein Mädchen kennenlernte, das ebenfalls zur Berufsschule fuhr, sie machte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann (so hieß das damals). Dieses Mädchen wurde später meine Frau, und wir sind inzwischen seit über 50 Jahren verheiratet.

Meine Ausbildung hat sich also in jeder Hinsicht gelohnt.