von Brigitta Westhäusler, Hillesheim
Am 24.04.2024 kam in den Nachrichten das Ergebnis einer Umfrage. Mehr als 30% der befragten Lehrerinnen und Lehrer sagten aus, dass sie mit ihrer Berufswahl nicht zufrieden seien und sich eine andere Tätigkeit wünschten. Die Gründe sind vielschichtig:
• auffällig das Verhalten der Schülerinnen und Schüler untereinander • ein hoher Anteil an fremden Kulturen • wenig Unterstützung von Familien, Gemeinden und Staat • hohe Arbeitsbelastung • das Märchen vom Halbtags- und Ferienjob
Ich blicke zurück. 1968 trat ich meinen Dienst als Volksschullehrerin an und wähnte mich bereits am Ziel aller meiner Wünsche. Grundschullehrerin! Lesen, Schreiben, Rechnen beibringen! All die lieben kleinen Kinder! (Wenn wir früher spielten, wollte ich immer schon am liebsten „Schule" spielen.) Alle hatten noch eine Schiefertafel! Und ich die große Tafel vorne. Alle saßen brav auf ihren kleinen Stühlen und lauschten andächtig den Worten ihrer Lehrerin. Natürlich gab es auch ein paar Lausebengel, aber im Großen und Ganzen wenig Probleme. Am Nachmittag bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor. Man skizzierte die Stunden für den nächsten Tag, man übte ein Musikstück, man sammelte Blumen und Zweige, man fertigte Zeichnungen an ... und das war schon das Wesentlichste. Ja, man hatte tatsächlich etwas vom Tag übrig, den man frei gestalten konnte. Aber in den 70er Jahren änderte sich die Schulpolitik und die Anforderungen stiegen. Mir genügte Grundschullehrerin nicht mehr, und ich bereitete mich auf die Aufstiegsprüfung zur Realschullehrerin vor. Ich wurde zur Fachlehrerin für Deutsch und Englisch weitergebildet, und ein ganz anderes Niveau und damit auch Anforderungen im Erzieherischen kamen auf mich zu. Klassenarbeiten korrigieren, Tests schreiben, Wissen abfragen wurden beinahe zum Wesentlichen des Unterrichts und damit auch zur Belastung. Konferenzen, Elterngespräche, Weiterbildungen nahmen mehr und mehr Raum ein und von freier Zeit war nicht mehr viel die Rede.
Verfolgt man Medienberichte heute, zeigt sich tatsächlich ein zum Teil stark verändertes Bild von Schule. Angefangen bei maroden Schulgebäuden mit mangelhafter Ausrüstung bis hin zu Personalmangel - wie bei so vielen anderen Berufen auch.
In der Grundschule reicht es eben z.B. nicht, mal „ein bisschen Buchstaben oder Zahlen zu üben". (Wie war das mit der Frankfurter Lehrerin, die ein ganzes 1. Schuljahr wiederholen lassen muss?)
Meine Nichte, Grundschul- und Förderlehrerin, hat eine 80%-Stelle und arbeitet mindestens 40 Stunden die Woche. Obwohl sie als Klassenlehrerin Fachunterricht in Deutsch und Mathematik erteilt, also nicht mehr „alle" Fächer unterrichtet wie früher, ist ihr Arbeitspensum um vieles gestiegen.
Erstellung von Arbeitsmaterial ist ein wesentlicher Schwerpunkt und wird meist unterschätzt. Wie führt man ein Thema anschaulich ein? Wie können Schüler spielerisch mit den neuen Inhalten umgehen und üben?
Wenn Themen abgefragt werden, muss auch korrigiert werden! Nicht nur Klassenarbeiten! Berichte, die die Lernfortschritte dokumentieren, müssen angefertigt werden. Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen nimmt ebenfalls einen großen Raum ein. Alles nach Unterrichtsende! Die Nachmittage verbringt man meist im Lehrer- oder Sprechzimmer.
Elterngespräche, die oft sehr mühsam sind, müssen geführt werden. Es sind nicht nur die, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, denen man Unverständnis unterstellt. Häufig sind es die einheimischen Eltern, die wenig Einsicht zeigen.
Der Deutschunterricht in den 4. Klassen ist sehr anspruchsvoll geworden. Vieles wurde früher erst in der 5. Klasse der weiterführenden Schulen unterrichtet. Ich denke da an den sehr übungsintensiven Grammatikunterricht.
Es wird so viel diskutiert, z. B. dass erst nach der 6. Klasse der Übergang zu anderen Schulen möglich sein sollte.
Andere denken über einen späteren Unterrichtsbeginn nach, an den sich dann Nachmittagsunterricht anfügt.
Egal — das Thema Schule und Lehrer wird immer wieder aktuell bleiben. Und guter Unterricht ist abhängig von engagierten Lehrern.
Manchmal denke ich, die Kinder werden überfordert von modernen Medien und Angeboten an Freizeitgestaltung und Kommerz. Lehrer Lempel wollen wir natürlich nicht mehr.
Aber ein Fernsehbericht aus Ruanda, in dem eine Schulklasse unter einem Baum saß und aufmerksam dem Lehrer lauschte, der etwas auf einer Tafel erklärte, hat mich stark beeindruckt.