von Helmut Schäfer, Strohn
Wer in der heutigen Zeit könnte sich handgearbeitetes, also von Hand hergestelltes Schuhwerk noch leisten? Wir, landläufig als „Otto Normalverbraucher" bezeichnet, wohl kaum. Wir dem Mittelstand zugerechnete Bürger sicherlich nicht, finanziell zwar sorgenfrei; allerdings ohne Aussicht auf große Sprünge. Da gibt es Wichtigeres!
Teure „Treter" aus Italien oder Frankreich, Unsummen kostend, sind nicht unser Ding. Zudem sind Schuhe, ich meine die Freizeitschuhe, heute anderer Machart: Kunststoffe, verklebt, pflegeleicht.
Sobald die „Dinger" Risse oder andere Beschädigungen aufweisen, wandern sie in den Müll. Eine Reparatur lohnt sich nicht.
Mit Wehmut kommen mir ob dieses Konsumverhaltens Bilder und Erinnerungen aus meiner Jugend in den Sinn.
Bei uns in Strohn hatten wir einen Schuhmacher; also jemanden, der Schuhe herstellen, also selber machen und — was seinen Haupterwerb ausmachte — auch reparieren konnte.
In der Straße zur Schule befand sich sein Arbeitsplatz links des Weges; ungefähr hundert Meter vor dem Schulgebäude. Auf dem Weg dorthin musste man unweigerlich an seiner Werkstatt vorbei. Sehr oft, nach der Schule, trieb es uns abseits der Straße in die Werkstatt hinein. Hier fanden wir einen äußerst geduldigen Menschen vor, welcher mit Akribie zu Werke ging. Gebückt saß er auf seinem Hocker am Werktisch.
Der Raum war dunkel, länglich und etwa drei mal acht Meter im Ausmaß. Rechts und links der Tür standen in Regalen die hölzernen Formen, mit denen er aus Leder die neuen Schuhe formte. Seine Werkbank, an der er arbeitete, wurde von einem Lichtdurchlass spärlich erhellt. Er konnte das Leder von Damenschuhen, die eine Schramme erlitten hatten, wiederherstellen; abgerissene Sohlen festleimen und die Buchsen der Schnürsenkellöcher neu bestücken.
Die Arbeitsschuhe der Maurer, Bauern und anderer Berufe wurden von ihm wieder in Stand gesetzt. Arbeitsschuhe bezeichneten die Eifeler als „Pinnenschuhe". Die Unterseite der Sohle wurde mit einem aufgenagelten Stahlblech in halbrunder Form vor Abnutzung geschützt. Die Nägel bezeichnete man als „Pinnen".
Der Straßenname „Pinnengasse" bei uns in Strohn zeugt noch heute davon, dass es hier einmal eine Schmiede für diese Nägel, diese Pinnen, gab.
Nur am Rand bemerkt: Wir liebten unseren Schuster. Zum einen, da er uns jederzeit Zutritt zu seiner Werkstatt erlaubte, um stundenlang seiner Arbeit zusehen zu dürfen. Zum anderen, weil er uns Kindern stets freundlich beim Bau von Drachen aushalf. Die wurden zu unseren Zeiten noch selbst gebaut. Und dazu benötigte man sehr kleine, kurze Nägel, sogenannte „Pfuschnägel", auch als „Pinnen" bekannt.
Was mich und meinen damaligen Freund Gerd auch anzog, war der Duft, der Geruch des Leimes, mit dem der Schuster arbeitete. Er hatte ein scharfes, jedoch sehr anziehendes Aroma.
In späteren Jahren stand das „Leimschnüffeln" auf gleicher Stufe mit der Wirkung von Marihuana.
Leider wurde die Werkstatt beim Verkauf des gesamten Anwesens dem Erdboden gleich gemacht; die Ausrüstung verschwand. Ein unwiederbringlicher Verlust.