von Jürgen Berg, Berndorf
Als ich 1964 meine Tätigkeit in einem Essener Privatbankhaus begonnen habe (im Alter von 14 Jahren), befand sich im hinteren Teil des Bankgebäudes ein großer Maschinenraum. Dort waren mehrere Druckmaschinen untergebracht, die Endlosformulare und Endloslisten druckten mit einem nicht unbeträchtlichen Lärm, fast wie in einer Druckerei. Die Steuerung dieser Drucker erfolgte einerseits über die Zentraleinheit in der Größe eines Kleiderschranks, andererseits durch quadratische Steckplatten in der Größe ein mal ein Meter. Aus den Platten kamen zahlreiche Kabel, deren Platzierung für die Art und Weise des Ausdrucks der Daten, die von der Zentraleinheit ankamen, maßgebend waren. Manchmal half nur Probe-Stecken, um den gewünschten Ausdruck auf den Formularen oder Endloslisten zu erhalten.
Beispiel einer Lochkarte
Für die Eingabe der Geschäftsumsätze bediente man sich sogenannter Lochkarten.1 Es handelte sich um Standardkarten im Format etwa einer halben TaschenbuchSeite. Mittels spezieller Stanzmaschinen wurden Löcher an vorprogrammierten Stellen gelocht. Diese Karten konnten durch die Zentralrechner gelesen werden. Für diese Datenerfassung (zum Beispiel: Kontonummer, Betrag, Datum, Geschäftsart, usw.) waren zahlreiche Datenerfasser-innen verantwortlich, die von anderen Abteilungen Belege von den Geschäftsvorgängen erhielten (zum Beispiel: Überweisungsaufträge, Schecks, Ein- und Auszahlungsbelege, Börsenaufträge, usw.). Fast im Akkord wurden die Geschäftsvorfälle an den Stanzmaschinen von den gering bezahlten weiblichen Mitarbeitern erfasst. Mit den Geschäftsvorfällen stieg stets auch diese Erfassungsarbeit und die erforderliche Kapazität an Maschinen und Personal.
Den Fortschritt brachten dann Geräte, die selbständig bestimmte Belege lesen konnten, wozu zum Beispiel Schecks gehörten.
Die Geräte erzeugten Daten, die in die Rechner direkt eingespeist werden konnten, ohne die Erstellung von Lochkarten. Dazu war ein einheitliches Schriftbild Voraussetzung. Die optische Erkennung von handschriftlich erzeugten Ziffern revolutionierte die Datenerfassung. Belege mussten dazu sorgfältig in dazu vorgedruckten Kästchen ausgefüllt werden.
Lochkarten-Stanzer
Die Speicherung und Verarbeitung von Geschäftsvorfällen erfolgte durch die Verwendung der binären Zahlendarstellung, welche durch An- und Ausschalterstellungen im Rechner erfolgte.2 Die Datenmengen explodierten, sodass die Speichermedien immer mehr aufnehmen mussten. Die Speicher wurden zugleich von den Herstellern zügig weiterentwickelt. Für die Menge an Daten und Programmen, die wir heute auf unseren Handys haben, waren damals große Räume gefüllt mit Schränken voller Speichermedien erforderlich. Aus Sicherheitsgründen musste vieles auch in kopierter Form abgebildet werden. Die Kosten für diese Geräte (die Hardware) und für die Programmierung, wozu eigene Programmier-Abteilungen aufgebaut werden mussten (Software) stiegen enorm und erforderten Ausgleiche durch Einnahmen in Form von Provisionen, Gebühren und Zinsen. Die von den Herstellern der Datenverarbeitungsmaschinen entwickelten Programmiersprachen mussten erlernt und angewandt werden. Programmierer sind Spezialisten mit besonderem Verständnis von Mathematik und Logik, dazu waren Bankkenntnisse erforderlich. Bankkaufleute und Programmierer traten immer häufiger in Dialog, um Kunden-und bankinterne Wünsche zu erfüllen.
Als die ersten Personalcomputer auf den Markt kamen, waren das Geräte, die Spiele programmiert hatten und noch einen sehr eingeschränkten Nutzen boten (Atari). Die Rechner konnten 512 k verarbeiten, d.h. 512000 Byte, 1 Byte besteht aus 8 Bit, d.h. aus 8 Ein-/Aus-Schaltern. Das hört sich viel an, aber große Datenmengen konnten nicht gleichzeitig verarbeitet werden. Zum Vergleich benötigen einzelne Fotos auf unseren Handys oft mehr als 1 MB, das sind 1 Millionen Byte. In den Programmier-Ab-teilungen der Banken arbeitete man oft mit Cobol, eine einfache Programmier-Spra-che. Einzelnen Rechenaufgaben (Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren ... ) wurden Variable zugewiesen, die vorher genau definiert wurden. Diese Bausteine wurden in gewünschte Ordnung gebracht und in sinnvolle Ablauffolgen. Die Programme waren umfangreich und je nach Programmierer war die Ordnung unterschiedlich. Nur bei strengen Vorgaben in den Bereichen konnten sich die Programmierer gegenseitig in die Programme einarbeiten.
Die ersten hochwertigen Personalcomputer wurden in Sprachen programmiert, die sehr kompakt angelegt waren. Zum Beispiel arbeitete die Sprache APL mit zahlreichen Symbolen, die über die Tastatur eingegeben wurden. Mehrdimensionale Datenpakete konnten zugleich bearbeitet werden durch die Anwendung der Symbole. Beim Programmieren half die Kenntnis der Vektorrechnung. Innerhalb weniger Monate baute ich 1978/1980 mit dem ersten PC der Bank eine ProfitCenter-Rechnung auf, die dem Vorstand regelmäßig zahlreiche Übersichten lieferte, welche Bereiche welchen Ergebnisbeitrag lieferten, wobei Erlöse und Kosten nach verschiedenen Kriterien dargestellt wurden. Das Gesamtergebnis der Bank wurde auf alle leistungserstellenden Bereiche sinnvoll aufgeteilt. Basis bildeten auch Kostenrechnungen, Zuordnung der Sach- und Personalkosten, Stückkosten-Kalkulationen und vieles mehr. Der PC kostete damals mehr als 100.000 DM und bestand aus einem Kühlschrankgroßen Disketten-Laufwerk und einer Steuereinheit, die ähnlich aussah wie eine elektrische Schreibmaschine, einen Bildschirm im Format 10 x 10 cm hatte und eine Tastenbelegung von bis zu 4 Symbolen und Zeichen auf einer Taste. Die Bedienung des Gerätes erforderte hohe Konzentration und Aufnahmefähigkeit.
Viele Daten lieferte aber der Großrechner, der Erträge und Kosten pro Kunde speicherte und diese Daten zu Kundengruppen, Kundenbetreuern, Geschäftsbereichen aggregierten.
Der Austausch von Daten der Banken untereinander wurde durch den nationalen und internationalen Zahlungsverkehr in den 70 er / 80 er Jahren immer wichtiger. Ich kenne noch die Zeit, in der Belege zum Austausch zur Landeszentralbank gebracht wurden, welche die Verrechnung unter den Banken organisierte. Das war hilfreich, denn nicht jede Bank hatte bei jeder anderen Bank ein Konto. Als Lehrling hatte man die verantwortungsvolle Aufgabe, diese Belege bei der Landeszentralbank abzuliefern. Für internationale Zahlungen mussten allerdings Bankverbindungen in den jeweiligen Ländern hergestellt werden oder man bediente sich etablierten großen Geldhäusern in den USA oder Großbritannien. Überweisungen brauchten dann schon mal einige Tage.
Schließlich wurde 1973 in Belgien eine Vereinigung gegründet, die ein standardisiertes Verfahren der Zahlungsabwicklungen unter zahlreichen weltweit ansässigen Banken vorsah. Wer sich diesem System namens „Swift" anschloss, schickte die Datenmengen an einen externen Rechner, der die Daten an die jeweiligen Empfängerbanken weiterleitete. Das war ein Vorläufer des Internets.
In den 1980er Jahren wurden mehr und mehr Möglichkeiten von Datenübertragungen genutzt. Das Internet (ursprünglich entstanden, um Rechner von Universitäten untereinander zu verbinden) entwickelte sich und ist inzwischen für uns unverzichtbar geworden. Die wichtigste Anwendung in der Anfangszeit war die E-Mail. Jeder Teilnehmer des Internets war nun über seine persönliche Adresse erreichbar und konnte Daten empfangen und senden. Neben dem Telefonnetz wurde ferner das FAX-Netz für Daten-und Nachrichten-Übermittlung genutzt. Über das Telefonnetz gingen schließlich kleinere Datenmenge über „SMS", später „MMS". Größere Datenmengen wurden über spezielle Datenautobahnen mit hohen Geschwindigkeiten versandt. Die Banken passten sich den Kundenbedürfnissen an und entwickelten Homepages, die Aufträge und Nachrichten annehmen konnten.
Mit den enormen Möglichkeiten, die sich auftaten, stiegen auch die Risiken des Missbrauchs. Die Aufwendungen für die Sicherung der Systeme stiegen und steigen noch ständig. Überall sehen sich Banken und andere Firmen einer steigenden Zahl von Kriminellen gegenüber, die Daten stehlen, manipulieren und Erpressungsversuche generieren.
Wenn ich heute an meinem iPhone mit Fingerabdruck Kontoabfragen machen kann, Überweisungen tätigen und Wertpapiere kaufen und verkaufen kann und vieles mehr, so ist dem eine lange Entwicklungsarbeit voraus gegangen. Die heutigen Speicher- und Verarbeitungsmöglichkeiten sind enorm. Auf einem Stick in Größe eines Daumens kann man schon riesige Mengen speichern. Mein etwas älterer Personal Computer kann 1 TB verarbeiten, das sind 1.000 GB oder 1 Millionen MB = 1.000.000.000.000 Byte. Die nächsten Schritte sind schon absehbar: die künstliche Intelligenz wird unser Leben nicht nur im Bankgeschäft verändern. Hoffen wir mal — überwiegend nur zum Guten.
1) Das Lochkarten-System wurde von Hollerith schon 1890 in Buffalo erfunden. Die Lochkarte bestand aus dünnem Karton und diente als Datenträger. Die Dateninhalte wurden durch einen Loch Code abgebildet (ausgestanzt an vorgesehenen Positionen), der mit bestimmten Geräten erzeugt wurde und der im zweiten Schritt von Rechner ausgelesen werden konnte.
2) Unser 10er Zahlensystem wurde dabei umgewandelt in ein Zweier-System mit den Werten An (1) und Aus (0), da der Rechner nur zwei Schalterstellungen kennt. Eine 5 wird zur 0000 0101. Die Zahl 127 wird zur 0111 1111.