Künstliche Intelligenz

Die Zauberformel in eine neue, moderne Welt?

von Roswitha Gräfen-Pfeil, Mosbach


In der Tageszeitung vom 13.Mai 2024 stand: „ Analog hat ausgedient." Unser Verkehrsminister sagte in einem Interview: „Was keine Daten produziert, kann weg." Bislang galt der Grundsatz der Datensparsamkeit. Künftig müsse es vorrangig um die Datenverfügbarkeit gehen. „Ohne KI wird es künftig keine Wettbewerbsfähigkeit geben", sagte Minister Wissing.

Macht diese Künstliche Intelligenz das Leben einfacher? Die Vorstellung, dass Digitalisierung zu Bürokratieabbau führe, scheint jedenfalls nicht zu stimmen. Im Gegenteil führt eine Sammlung von Daten zu mehr Kontroll-Aktivitäten. Es gibt neue Berufsgruppen, die sich mit der Sichtung, Deutung und Verwaltung der erfassten Daten beschäftigen.

So führten in der Vergangenheit mehr erhobene Daten in der häuslichen Krankenpflege zu immer mehr Zeitaufwand für deren Erfassung und Verwaltung. Und diese Arbeit wird von Menschen ausgeführt, deren Ziel eher die Optimierung des Arbeits- und Kapitaleinsatzes ist. Diese Kontrollierenden sind hochqualifiziert und kosten viel Geld. Geld, das zwar den Gepflegten nutzen soll, aber damit wird kein Verband gewechselt oder sonst etwas am Menschen gearbeitet.

Dieses Denken führt auch in Kliniken zu mehr vermeintlicher Effizienz. Für eine bestimmte OP gibt es einen Festbetrag, egal wie alt der zu Operierende ist. Wobei im Gegensatz zu diesem Normdenken den meisten Menschen klar sein wird, dass z.B. bei einer Bruchoperation das Alter oder der Gesundheitszustand der Patienten sehr unterschiedlich sein kann.

Großer Fortschritt durch die KI bedeutet viele Neuerungen in der Medizintechnik, Untersuchungsmethoden sind genauer, Diagnosen werden treffender. Dem gegenüber steht ein Gesundheitssystem, das wegen des akuten Personalmangels schon heute am Limit arbeitet. Was nutzt das Wissen um eine Störung der Gesundheit, wenn niemand sie angemessen behandelt? Weil es an den notwendigen Ressourcen fehlt, an behandelnden Menschen, Maschinen und Geldmitteln.

Diese Datensammlungseuphorie wegen der KI kann auch in anderen Lebensbereichen beobachtet werden. Da es möglich ist, in kurzer Zeit per Technik fast unüberschaubare Mengen an Daten zu sammeln, kann nur mithilfe der KI- gesteuerten Computer eine Analyse und Handlungsanweisung erstellt werden. Der Gedanke ist, damit ein noch optimaler funktionierendes System zu bekommen, egal ob in der Gesundheitsverwaltung, in der öffentlichen Verwaltung, in der Wirtschaft oder in der Gesellschaft.

„Gemäß dem ETH-Professor Dirk Helbig verdoppelt sich die Rechenleistung der Algorithmen (vereinfacht: genaue Handlungsanweisung an den Rechner) alle achtzehn Monate, die verfügbare Datenmenge aber alle zwölf Monate, und damit wesentlich schneller" (Neue Zürcher Zeitung, 11.05.24, Mathias Binswanger: Wieso KI zu mehr Bürokratie führt). Das Fazit des Kommentators M. Binswanger ist: „ Alles wird komplizierter. Am Ende haben wir wohl weniger Freiheit und mehr Verwaltung."(NZZ, s.o.)

Gedacht wird beim Wandel der Arbeitswelt durch KI meist an Berufe rund um die Medienwelt, die einen leistungsstarken Internetanschluss voraussetzen, oder zum Beispiel an Designer, die über Kontinente hinweg gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Die Technik gibt uns die Möglichkeit, an Orten überall in der Welt am PC zu arbeiten. Dies klappt mal mehr, mal weniger gut. Eine Architektin muss sich auf die konkrete Baustelle begeben, der Erfinder benötigt einen Fertigungsbetrieb oder Handwerker, um seine Ideen umzusetzen.

Können Sie sich eine Gärtnerin/ Gärtner im Homeoffice vorstellen? Den Sozialarbeiter/die Sozialarbeiterin ohne Beratungsstelle für die Klienten an einem bestimmten Ort? Wir Menschen erfassen unsere Umwelt nicht nur mit dem Bildschirm, sondern auch in der Kommunikation mit unseren Mitmenschen und der Umgebung.

Wenn die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit überzeugt, arbeiten wir freudiger und sehr viel effektiver. Die künstliche Intelligenz bearbeitet nur, sie hat keinen eigenen Willen und kann nur den Sinn anstreben, der ihr programmiert wurde. Sie kann uns von eintöniger Fabrikarbeit befreien, aber nicht von langweiliger Bügelarbeit oder Fensterputzen.

Während der Pandemie mussten viele Menschen im Homeoffice arbeiten, sie lernten so zu arbeiten aus Notwendigkeit. Viele sprachen hinterher davon, wie ihnen die Kollegen und Kolleginnen gefehlt hatten, wie die Einschränkung im alltäglichen Gespräch im Kollegenkreis die Arbeitsergebnisse beeinflusste. Wichtig im Arbeitsalltag ist auch der menschliche Austausch, sie litten an Einsamkeit, verlernten teilweise den beiläufigen Umgang miteinander.

Menschen wurden trotz Arbeit unglücklich, weil es nicht nur um die Sicherung des Lebensunterhaltes geht. Wenn die Automatisierung der Arbeitswelt Menschen von der Notwendigkeit des Arbeitens befreit, müsste es andere alltägliche Arten des Umganges untereinander geben, wie es sie durch die Arbeit gibt, oder bei alltäglichen Besorgungen. Diese beiläufigen Kontaktmöglichkeiten sind leider rückläufig: Menschen bestellen Dinge im Internet und lassen sie zu sich bringen. Auch Bankgeschäfte werden vermehrt ohne den Gang zur Bank, einfach per Computer, erledigt. Die Selbstwirksamkeit, die Menschen über die Arbeit erfahren, wie sollte sie ohne Arbeit erfahrbar sein?Und wie wollen wir mit noch mehr Bürokratie umgehen?