Als für den kleinen Ernst der Ernst des Lebens begann

von Ernst Krämer, Gerolstein


Es war in Gerolstein, und es war Freitag, der 1. April 1966, acht Uhr morgens, als für den kleinen Ernst der Ernst des Lebens begann. Wer nun denkt, die folgende Geschichte wäre ein Aprilscherz, der befindet sich auf dem Holzweg. Dem kleinen Ernst war es überhaupt nicht zum Scherzen zumute, obwohl er normalerweise für jeden Quatsch zu haben war. An jenem Morgen war alles anders. Aufgeregt, unruhig und mit tausend Fragezeichen im Kopf machte sich der kleine Ernst, der gerade mal 14 Jahre alt war, auf den Weg zu einem neuen Lebensabschnitt. Das einzige, was nicht anders war an diesem Morgen, war der Weg. Dieser Weg trug den schönen Namen „Kirchepättchen". Das „Pättchen" ist die kürzeste Verbindung zwischen der St. Anna-Kirche und Oberer-Markt-Straße. Der kleine Ernst kannte das „Kirchepättchen" wie „sein Botzentasch", war es doch acht Jahre lang sein täglicher Weg von der Burgstraße zur St. Josef-Schule und zurück. Hier kannte er jeden Stein, jeden Baum, jede Hecke und all die Gärten, in denen das beste Obst, die besten Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren wuchsen, die einen unweigerlich zum Mundraub verführten. Wie er so nachdenklich vor sich hinschlappte, erhellte sich plötzlich sein Blick, und die Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, denn mit einem Mal fiel ihm ein, dass er ja drei weitere Jahre von den süßen Früchten aus dem „Garten Eden" des „Kirchepättchen" naschen durfte. Bei dem Gedanken beschleunigte der kleine Ernst seinen Schritt, denn er wollte ja nicht schon am ersten Tag zu spät zu seinem neuen Lebensabschnitt kommen.

Offiziell fing der neue Lebensabschnitt von dem kleinen Ernst und seinen Mitschülerinnen und Mitschülern am 25. März 1966 an. An diesem Tag wurde der Schuljahrgang 1951/52, ausgerüstet mit dem nötigen Wissen in Rechnen, Schreiben, Lesen, aus der Volksschule entlassen. Die Entlassfeier - wenn man sie überhaupt so nennen kann - war sehr bescheiden. Nix mit Eltern, nix mit Presse, nix mit Abschlussfoto, nix mit Party, auch nix mit Mädels. Diese wurden separat - streng getrennt von uns Jungs -verabschiedet.

Aber trotz allem war die Stimmung gut, alle hatten eine Lehrstelle, oder, wie man heute sagt, einen Ausbildungsplatz. Gerolstein befand sich damals in einem wirtschaftlichen Aufschwung. In allen Ecken wurde gebaut, gemacht, getan, was sich auch in den Auftragsbüchern der zahlreichen Handwerksbetriebe niederschlug. Zahlreich ist nicht übertrieben, es gab so gut wie keine Handwerkergruppe, die in Gerolstein nicht vertreten war. Maurer, Anstreicher, Schuster, Zimmermann, Schlosser, Schmied, Klempner, Schreiner, Dachdecker, Sattler, Glaser, Uhrmacher, Friseur, Schneider, Autoschlosser, Metzger, Bäcker, Konditor und so weiter und so fort. Die meisten der Jungs hatten sich für ein Handwerk entschieden - bei dem Angebot an Ausbildungsbetrieben kein Problem. Die Mädels dagegen orientierten sich mehr in Richtung Einzelhandel und Bürofachkraft.

Und für welchen Beruf entschied sich unser kleiner Ernst? Oder anders gefragt: Welche Pläne hatten Mutter und Vater für seine berufliche Zukunft? Der kleine Ernst selber wusste gar nicht so recht, was er werden wollte. Aber eins wusste er genau, und zwar was er nicht werden wollte, Autoschlosser! Bei den meisten Jungs war eine Lehre als Autoschlosser der Favorit. Doch die Lehrstellen bei den ortsansässigen Kfz-Betrieben waren so schnell vergeben, dass viele ihrem Traumberuf Autoschlosser zu werden, Ade sagen mussten. Es sei denn, sie waren bereit, eine Lehre außerhalb von Gerolstein zu beginnen. Mit „außerhalb" ist nicht Daun, Prüm, Hillesheim oder sonstige im näheren Umkreis von Gerolstein befindliche Ortschaften gemeint. Nein, hauptsächlich handelte es sich um die in Nordrhein-Westfalen gelegenen Städte Wermelskirchen und Remscheid. Damals war es Sitte — oder auch Unsitte — je nachdem von welcher Seite man es betrachtet, dass das Arbeitsamt Schulabgänger aus unserem hiesigen Eifelraum an Ausbildungsbetriebe in die genannten Städte vermittelte. Untergebracht und betreut wurden sie in Lehrlingsheimen - und da wollte der kleine Ernst auf keinen Fall hin. Sein Bruder, der zweieinhalb Jahre älter war als er, verbrachte seine Lehrzeit in einem dieser Lehrlingsheime. Dreimal darf geraten werden, in welchem Beruf der Bruder des kleinen Ernst ausgebildet wurde? Als Autoschlosser!

Durch die nicht immer schönen Erzählungen seines Bruders aus der Lehrzeit in Wermelskirchen und das Heimweh, das ihn plagte, reifte in dem kleinen Ernst der Entschluss, auf keinen Fall den Beruf des Autoschlossers zu lernen, geschweige denn in einem Lehrlingsheim zu wohnen. Gott sei Dank stießen die „Lehrlingsfänger" vom Arbeitsamt bei den Eltern des kleinen Ernst dieses Mal auf taube Ohren. O-Ton vom Vater zu einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes: "Dä Jong bleivt hei. Ze Jirrelsteen kamer jenau so jut liehre wie ob Wermels-kirche".

Auf die Frage des Arbeitsamtsbeamten, was der Junge denn lernen wolle, antwortete der Vater: „Dä Jong jeht bei Crois on de Liehr un jit Schlosser."

Schön oder nicht schön? Schön für den kleinen Ernst, denn ihm blieb das Lehrlingsheim erspart. Nicht schön: Er wusste nicht, wer „Crois" war, geschweige denn, was ein „Schlosser" so alles macht. O-Ton des Vaters: „Dat jiste noch fröhjenooch jewahr." So war das halt vor 58 Jahren, da wurde nicht viel Bohei gemacht, da bedurfte es keines Bewerbungsschreibens mit Lebenslauf und keiner schriftliche Zusage. Damals lief alles problemloser, unkomplizierter und unbürokratischer ab. Das soll nicht heißen, dass früher alles besser war. Bei weitem nicht, aber vieles war einfacher. So war es auch bei der Lehrstellensuche vom kleinen Ernst. Da wurde beim sonntäglichen Frühschoppen zwischen Vater Krämer und Schlossermeister Crois alles klar gemacht für die berufliche Zukunft vom kleinen Ernst. Zur Beglaubigung des Ganzen wurden anschließend noch ein paar „Körnchen" und „Bierchen" die Kehle hinuntergegossen.

So kam es dann, dass der kleine Ernst, mit seinen 14 Jahren, an dem besagten Freitag, 1. April 1966, pünktlich um 8 Uhr in der Werkstatt der Firma „Johann Crois & Sohn" in der Oberen-Markt-Straße stand, um das Handwerk des Bau- und Kunstschlossers zu erlernen.

Jetzt stellt sich manch einer die Frage: Wieso musste der arme Junge denn freitags noch anfangen? Den einen Tag hätte man ihm auch schenken können. Stimmt — der kleine Ernst hätte bestimmt nichts dagegen gehabt — doch früher galt das alte Sprichwort: „Wer montags anfängt, wird nicht wochenalt". Der kleine Ernst ist nicht nur „wochenalt" geworden, sondern er ist 156 Wochen in seinem Lehrbetrieb alt geworden. War auch am Anfang die Lehre als Bau- und Kunstschlosser nicht so sein Ding, so fand er im Laufe der Zeit immer mehr Gefallen an diesem Beruf. Er lernte, aus Eisen, Stahl und Aluminium die tollsten Sachen wie Geländer, Gitter, Türen, Tore, Fenster, Treppen und vieles andere zu fertigen. Eine besondere Faszination übte das Schmieden auf ihn aus, wenn sich das rotglühende Eisen unter seinen Hammerschlägen verformte und zu einem kleinen Kunstwerk wurde.

Was der kleine Ernst aber überhaupt nicht faszinierend fand, war das Lehrlingsgeld. Es gab im erstem Lehrjahr pro Monat sage und schreibe 45 DM, im zweiten Lehrjahr 55 DM und - jetzt kommt es - im 3. Lehrjahr die astronomische Summe von 65 DM! Und das bei einer 45-Stunden-Woche. Ja richtig gelesen: 45 Stunden! Denn in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde noch samstags gearbeitet und zwar bis 12 Uhr mittags. Wenn man Pech hatte, auch länger!

Samstags war es üblich, dass der jüngste „Stift", also der, der sich im ersten Lehrjahr befand, die „Kulang" und das „Trottoa" kehren musste - und das war in diesem Falle nun mal der kleine Ernst. Aber das Kehren machte dem kleinen Ernst nichts aus. Was soll's, dachte er bei sich, im nächsten Jahr bin ich im zweiten Lehrjahr und dann muss der neue Stift kehren. „Stift" wurde der Lehrling damals umgangssprachlich genannt. Heute ist diese Bezeichnung verpönt und offiziell nicht mehr gebräuchlich. Aus dem „Stift" ist ein „Azubi" (Auszubildender) geworden. Wenn man dem heutigen „Azubi" sagen würde, er solle die „Kulang" und das „Trot-toa" kehren, da wäre der Aufstand groß: „Was? Ich und kehren?!" Wahrscheinlich wüsste er auch gar nicht, was eine „Kulang" und ein „Trottoa" ist. Was damals genauso wie das Kehren als selbstverständlich und normal angesehen wurde, war, dass der „Stift" den Garten der Seniorchefin umgraben musste. Dieser Arbeit war der kleine Ernst nicht ganz abgeneigt, denn nach getaner Arbeit steckte die Seniorchefin ihm immer ein paar „Schroschen" zu.

Wie man sieht, langweilig wurde es dem kleinen Ernst nicht. Kein Tag war wie der andere. Das Montieren der in der Werkstatt vorgefertigten Teile bei den Kunden war eine ganz besondere Herausforderung, denn hier war häufig improvisieren gefragt. Improvisieren zählt auch heute noch zu den wichtigsten Fähigkeiten eines jeden Handwerkers. Zur Info: Improvisieren hat nichts mit „Knuscheln" zu tun. „Improvisieren ist die Fähigkeit, mit geringstem Aufwand Bau-, Fertigungs- und Messfehler so zu korrigieren, dass es dem Bauherrn nicht auffällt.

Auch der theoretische Teil kam nicht zu kurz. Einmal in der Woche war Berufsschule angesagt. Da lernte der kleine Ernst unter anderem fachliches Rechnen, technisches Zeichnen und alles über die Herstellung und die physikalischen Eigenschaften von Stahl. Hier muss vermerkt werden, dass es damals noch keine Taschenrechner, Computer, Handy und KI (Künstliche Intelligenz) gab. Das einzige, worüber der größte Teil der damaligen Lehrlinge verfügte, war die „VI" (Volksschul-Intelligenz).

Dank dieser vielfach unterschätzten „VI" hielt der kleine Ernst nach dreijähriger Lehrzeit bei „Johann Crois & Sohn" stolz seinen Gesellenbrief als „Bau-und Kunstschlosser" in Händen.

Heute, 55 Jahre später, ist sich der kleine - pardon — der große Ernst sicher, dass er wieder einen Handwerksberuf erlernen würde. Die dreijährige Lehrzeit hat ihn geprägt, geformt und war eine wichtige Grundlage für seine weitere berufliche Laufbahn.

Es bleibt zu hoffen, dass sich wieder mehr junge Menschen entscheiden, ein Handwerk zu erlernen, damit dieser Berufsstand mit all seiner Vielfalt auch in den nächsten Jahrzehnten Bestand hat.

In diesem Sinne: „Gott schütze das ehrbare Handwerk!"