von Andreas Mohr, Gillenfeld
In früheren Zeiten, noch bis in die 1950er/60er Jahre und vorher gab es den Beruf Stellmacher, auch wie oben „Woner" genannt. In unserem Dorf Gillenfeld gab es zu meiner Kindheit drei Stellmacher. Die Landwirte hatten grundsätzlich einen festen Stellmacher, den sie von der Vorgeneration übernommen hatten. Grob gesehen hatte jeder Stellmacher so ungefähr ein Drittel der Landwirte des Dorfes in seiner Kundschaft. Jeder der drei Stellmacher hatte zusätzlich zu seinem Handwerksbetrieb noch eine kleine Landwirtschaft — 2 Milch-und Gespannkühe — 1 Paar Jungrinder und Mastschweine zur eigenen Schlachtung. So waren sie nicht nur auf Einkünfte aus ihrem Handwerk angewiesen.
Das Aufgabengebiet des Stellmachers war sehr vielseitig. Das größte Arbeitsaufkommen war, einen Wagen aus Holz anzufertigen. Daran wurden Pferde, Ochsen oder Kühe angespannt, um die Heu- , Getreide-, Hackfrucht- und Kartoffelernte einzubringen. Dieser Ackerwagen musste stabil und belastbar sein. Es gab immer ein Vorderwagen- und Hinterwagenteil mit einer eingefügten Achse aus Eisen. Es mussten vier Räder angefertigt werden — zwei kleine für den Vorderwagen und zwei größere für den Hinterwagen. Diese fertigen Holzräder wurden dann zum Schmied gebracht.
Der Schmied schmiedete einen Eisenreifen von ca. 5 cm Breite in der Größe des Holzrades. Der Eisenreifen wurde erhitzt und dann mit viel Mühe von dem Schmied um das Holzrad herum angebracht. Beim Erkalten des heißen Eisenreifens wurde das Holzrad sehr stark zusammengepresst und war dann absolut einsatzbereit. Dies musste alles sehr vorsichtig vonstattenge-hen, damit das Holz keinen Brandschaden erlitt. Wir durften als Schulkinder hierbei einmal zusehen. Diesen Vorgang nannte man „Radkranz aufziehen". Der Schmied Hubert Zillgen , ein Verwandter von uns, erzählte öfter von dieser Arbeit und man merkte, dass er immer froh war, wenn alles gut verlaufen war. Beim Beginn des Aufziehens des Radreifens sprach der Schmied den kleinen Satz „Gott walls". Das heißt: „Gott walte es". Dieses Anrufen Gottes sollte Segen bringen und einen Unfall vermeiden.
Die fertigen Räder wurden dann von links und rechts seitwärts in die Stahlachse eingeschoben und mit viel schwarzem Wagenfett eingeschmiert. Außen kam dann ein spezieller Bolzen in die Stahlachse; man nannte diesen Bolzen auf Plattdeutsch „den Lunnen". Das Hinter- und Vorderteil des Wagens wurde dann mit einem langen Rundholz von ca. 12 cm Durchmesser auf eine spezielle Art verbunden, dieses Rundholz nannte man auf Platt gesprochen „Den Langhoff". Jeweils in den Vorder- und Hinterwagen wurden dann senkrecht sogenannte „Rungen" eingefügt. Am oberen Ende hatten die „Rungen" eine starke Neigung nach außen. Anschließend wurde ein starker Holzboden von 3 m Länge und 0,80 m Breite über die beiden Wagenelemente ausgelegt, wenn möglich aus haltbarem Lärchenholz. Dieser Boden verband die beiden Wagenteile zu einer Einheit. Links und rechts an die „Rungen" wurden anschließend zwei starke Bretter, 3 cm dick, 3 m lang und 60 cm breit angelehnt, nicht geschraubt.
Das ganze System wurde dann mit zwei starken Brettern an den Kopfenden vorne und hinten zusammengehalten; dieses „Kopfendenbrett" nannte man auch „Kopfstück". Solche Ackerwagen hielten in der Regel eine ganze Generation und länger — natürlich mit immer wiederkehrenden Reparaturen.
Darüber hinaus hat der „Woner" auch Vorderteile zu den Pflügen hergestellt: Dieses Vorderteil des Pfluges wurde - wie das Vorderteil des Ackerwagens - zusammen hergestellt, nur in einem kleineren Format. Der eigentliche Körper des Pfuges, auch „Hinterteil" genannt, wurde dann vom Dorfschmied angebracht. Der Vorderwagen des Pfluges war mit einer besonderen Drehtechnik ausgestattet. Aus heutiger Sicht muss man schon staunen, was sich unsere Vorfahren - vor allem mit dieser Drehtechnik - ausgedacht haben.
Außer dieser Herstellung von Ackerwagen und Pflügen fielen bei den Landwirten auch noch andere Stellmacherarbeiten an. Im Kuh- und Pferdestall musste eine Heuraufe an der Wand angebracht werden, die der Scheunentenne zugewandt war. Die Raufe wurde mit Heu gefüllt, sodass die Tiere vom Stall aus fressen konnten. Zudem war in einem landwirtschaftlichen Betrieb immer etwas auszubessern, z. B. Stalltüren, Futterluken, usw.
Im Laufe der Zeit, als die Gummireifen für Ackerwagen auf den Markt kamen, stellte der „Woner" nur noch den Holzwagen her. Die viele Arbeit zur Herstellung der Holzräder war nicht mehr erforderlich. Nach einigen Jahren wurden die Wagen komplett aus Eisen hergestellt, sodass die Holzkonstruktion nicht mehr gefragt war. Daraufhin stellten sich zwei der Stellmacher auf Schreinerarbeiten um. Der dritte Stellmacher gab aus Altersgründen das Gewerbe auf. Parallel zu den Schreinerarbeiten wurden auch weiterhin Holzarbeiten für die Landwirte durchgeführt.
Zum Schluss möchte ich noch etwas anmerken. Die Landwirte gingen häufig zum „Woner" um eine Reparatur durchführen zu lassen oder fertiggestellte Gegenstände abzuholen. Dort traf man dann öfter auch andere Landwirte und es kam dann immer zu interessanten Gesprächen untereinander. So war die „Wonerwerkstatt" ein sehr wichtiger sozialer Treffpunkt. In diesem Sinne ist mit dem Ende des Stellmachers, des Schmieds und auch des Dorfschusters ein wertvolles Stück Kulturgut verloren bzw. zu Ende gegangen.
Heute wird vieles nur noch per Handy, SMS und WhatsApp erledigt. Der persönliche Kontakt bleibt leider auf der Strecke. Schade um diesen alten Brauch!