Lehrjahre sind keine Herrenjahre

von Gaby Schmidt, Mehren


Am 1. August 1967 begann für mich nach Abschluss der Volksschulzeit ein neuer Lebensabschnitt.

Ich hatte mich für den Beruf der Industriekauffrau entschieden und bewarb mich bei der Vulkan-Schuhfabrik in Gillenfeld (später Schuhfabrik Otterbeck), die als guter Ausbildungsbetrieb bekannt war. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich die Mitteilung erhielt, dass ich am 1. August meine Ausbildung beginnen könne. Doch mit einem mulmigen und bangen Gefühl startete ich meinen ersten Tag und kam mir sehr verloren vor. Was erwartete mich? Mein Chef stellte mich den neuen Arbeitskolleginnen und -kollegen vor und führte mich durch den Betrieb. Neugierige Blicke folgten mir und mein Herz rutschte eine Etage tiefer. Es war alles Neuland für mich, und mein Eindruck an diesem ersten Tag war nicht gerade überwältigend. Die Fabrik bestand fast zur Hälfte aus der Zurichterei. Dort wurde das Leder, wie schon der Name „Zurichterei" andeutet, gewaschen und mit verschiedenen Fetten getränkt. Ebenfalls wurde das Leder dort gefärbt und genarbt. In der „Zuschneiderei" wurde es zu Einzelteilen gestanzt, die als nächstes in der „Stepperei" zu Schäften verarbeitet wurden. In der „Zwickerei" kamen die Schäfte auf die Leisten und die Sohlen wurden je nach verschiedenen Artikeln aufgeklebt oder genäht. Die Arbeiter der „Fertigmacherei" gaben den Schuhen noch ihren letzten Schliff. Es sei erwähnt, dass nur Arbeits-, Sicherheits- und Wanderschuhe hergestellt wurden.

Nach dem Rundgang wurde mir mein Arbeitsplatz zugewiesen. Meine erste Arbeit war die „Registratur". Ich bin noch heute der Überzeugung, dass meine Kolleginnen und Kollegen eine geraume Zeit die Schriftstücke gesammelt und für mich aufgehoben hatten. Es war sehr viel zusammengekommen. Soweit ich mich erinnere, habe ich zwei Monate Ablage gemacht. Das war von Bedeutung, da ich dadurch die Kunden kennen lernte, mit denen die Firma in geschäftlicher Beziehung stand. Nur – es war eine langweilige Arbeit, die mich nicht so in Begeisterung schwelgen ließ.

Es verging mein erster Arbeitstag nicht ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Der erste Eindruck ist der beste, sagt man. Doch für mich fühlte es sich nicht so an. Der erste Tag in meiner Lehrzeit endete mit einem nicht so glücklichen Start. Alles war neu, fremd für mich. Der Arbeitstag begann um sieben Uhr und endete um 16 Uhr, eine Viertelstunde Kaffeepause, eine Dreiviertelstunde Mittagpause. Ich musste zeitig aufstehen, um den firmeneigenen Bus rechtzeitig zu erreichen, der auch die Arbeiter*innen aus den benachbarten Orten einsammelte und nach getaner Arbeit wieder nach Hause fuhr.Manchmal sehnte ich mich nach meiner Schulzeit zurück. Doch was nutzte das alles? Meine Arbeitskolleginnen und -kollegen waren sehr nett und halfen mir, mich einzugewöhnen. Das Aufstehen morgens und der Ablauf des Tages wurden zusehends besser, und nach einiger Zeit freute ich mich auf die Arbeit. Aller Anfang ist schwer, sagte meine Mutter. Das stimmte in gewisser Hinsicht. Wenn man jung ist, schafft man jede Hürde leichter.

Nachdem ich die Registratur erfolgreich abgeschlossen hatte, durfte ich den „Fernschreiber“ bedienen. Äußerlich ähnelte er einer elektrischen Schreibmaschine und war ausgestattet mit Lochstreifenleser und Lochstreifenstanzer. Texte wurden mit dem Fernschreiber zuerst auf Lochstreifen gestanzt und zum schnellen Übermitteln anschließend mittels Lochstreifenleser versandt. Da ich im letzten Schuljahr einen Schreibmaschinen- und Stenografiekurs absolviert hatte, stellte es für mich kein Problem dar, dieses Monstrum zu bedienen. Zu Beginn meiner Ausbildung verfügten wir noch über manuelle Schreib- und Rechenmaschinen, die in der heutigen Zeit als antiquarisch gelten. Mit der Zeit bekamen wir eine elektrische Schreibmaschine. Noch zu erwähnen wäre das große schwarze Telefon, welches über den Schreibtisch ragte und das man hin- und herziehen musste, um ein Gespräch anzunehmen. Wenn ich an all dies zurückdenke, überkommt mich ein Gefühl von Nostalgie. Es war eine schöne Zeit, ohne Stress und Hektik. Heute sieht man überall nur Computer, Handys, Smartphones. Eine digitale Welt halt, die nicht mehr wegzudenken ist, vieles vereinfacht, aber auch viele Gefahren birgt.

In Dankbarkeit schaue ich zurück. Ja, Dankbarkeit dafür, dass ich einen Ausbildungsplatz bekommen habe, weil es in dem Jahr meiner Schulentlassung 1967 mit Lehrstellen sehr dünn aussah. Ich habe in den drei Jahren meiner Ausbildung sehr viel gelernt und liebe Arbeitskolleginnen und -kollegen schätzen gelernt. Wir verstanden uns und haben uns in späteren Jahren noch oft getroffen.

Manchmal kommt es mir vor, als wenn vieles von damals verloren gegangen sei, vor allem das Miteinander, die Empathie.