von Tamara Retterath, Lirstal
Während seiner Schulferien besuchte der kleine Sebastian einmal seinen Onkel Paul in dessen alter Schmiede. Dort beeindruckte ihn das große Feuer sehr und er blickte ehrfurchtsvoll auf die hohen Flammen. Sein Onkel, der Schmiedemeister, nahm mit seiner langen Zange ein glühendes Eisen aus dem Feuer und schritt danach hinüber zum Amboss. Hier schlug er mit einem Hammer so stark auf das rotglühende Eisen, dass Sebastian vor lauter Funken fast nichts mehr sehen konnte. Der Onkel war ein kräftiger, großer Mann. Der Schmied hatte die Hemdsärmel bis unter die Schultern hochgekrempelt und trug eine Lederschürze umgehängt. Obwohl die Funken an dessen Hände und nackten Arme flogen, schien das den Onkel nicht weiter zu stören. Der Schmiedemeister arbeitete unbeirrt mitten im Funkenregen und hämmerte stetig weiter. Nach vielen Schlägen steckte er das Eisen wieder in die Esse (Schmiedefeuer) und setzte anschließend sein Hämmern fort. Scheinbar mühelos bewältigte er die schwere Arbeit. Das angenehme Klingen von Hammer und Amboss hörte man im ganzen Dorf.
Schließlich war der Feierabend des Schmieds nahe und der Meister scharrte die Asche über das Feuer und fing an, sich die Hände zu waschen. Gemeinsam mit seinem kleinen Neffen Sebastian, der seinem Onkel die ganze Zeit interessiert zugeschaut hatte, ging der Schmied zum Abendbrotessen ins Wohnhaus. Dabei erzählte der Onkel dem Sebastian von den verschiedensten Aufgaben und Arbeiten in der Schmiede:
„Früher war der Schmied im ländlichen Raum ein Universalhandwerker", begann der Onkel seinen Bericht, „Hauptaufgabe des Schmieds ist vereinfacht ausgedrückt das Schmieden von Metall." „Und welche Dinge fertigt ein Schmied an?", mochte der wissbegierige kleine Sebastian gerne wissen. „Der Grobschmied stellt vielfältige Metallwerkzeuge her, die traditionell in der Landwirtschaft und auch in anderen Handwerksberufen benötigt werden. Es ist einer der ältesten Berufe, die es überhaupt gibt. Schmiedeerzeugnisse sind beispielsweise Feldbearbeitungsgeräte wie Hacken, Spaten und Pflüge, Meißel für Steinbrüche und Steinmetzarbeiten, Türscharniere (-riegel und —schlösser) und Gliederketten als auch Blankwaffen oder ihre Bestandteile wie Schwert, Säbel, Degen oder Axtblatt. Als Werkzeugschmied (auch Zeugschmied genannt) stellt er hauptsächlich Forstwerkzeuge her, wie Hacken, Spezialmesser und Spaltwerkzeuge.", erläuterte der Meister detailliert.
„Und was macht ein Hufschmied?" - "Der traditionelle Aufgabenbereich des Hufschmieds ist das Beschlagen von Pferdehufen mit Hufeisen. Die Hufeisen und Hufnägel stellt der Schmied selbst her und passt die Hufeisenform dem Pferdehuf an. Beim Anpassen eines neuen Hufeisens am Pferd riecht es auch oft nach angesengtem Huf. Dabei schneidet und raspelt er auch das Horn des Pferdehufs. Kranke und verletzte Hufe behandelt er, indem er durch das Anbringen spezieller Beschläge den Heilungsprozess unterstützt. Früher gehörte auch die Zahnpflege beim Pferd zum Aufgabenbereich des Hufschmieds. Damals war er ebenfalls für das Beschlagen von Rindern (Kühen, Bullen und Ochsen) zuständig, die entweder für den Transport oder in der Landwirtschaft als Gespannkühe und -ochsen eingesetzt wurden und deshalb einen starken Verschleiß an ihren Klauen hatten. Hier brachte der Hufschmied sogenannte Klaueneisen an. Im Dialekt nannte man das auch: die Klauen der Rinder „plätten" (oder mit „Plätten" versehen)."
Notstall zum Beschlagen der Klauen von Kühen und Ochsen mit Eisenhufen
„Und wozu war das Gestell, das ich draußen im Hof gesehen habe, vorgesehen?" wollte Sebastian nun wissen und der Onkel erklärte ihm: "Das war das Balkengerüst eines alten Notstalls. Hier wurden die Zugtiere wie Kühe, Rinder und Ochsen zum Klauenbeschlag sowie deren Pflege angeschnallt, damit die Tiere ruhiggestellt waren, um gut hieran arbeiten zu können." Sebastian fragte noch genauer nach: „Stellte der Schmied auch die Nägel selbst her?" „Ja. Der Nagelschmied beschäftigte sich mit der Anfertigung von EisenNägeln. Hier gab es die verschiedensten Größen und Verwendungszwecke, wie zum Beispiel Hufnägel, Brettnägel, Schiefernägel, Schlossernägel oder Schuhnägel. Der alte Handwerksberuf des Nagelschmieds ist aber durch die industrielle Fertigung von Nägeln inzwischen nahezu ausgestorben." Und der kleine Sebastian fragte seinen Onkel neugierig weiter: „Wie schafften es die Schmiede früher eigentlich den Eisenring um das Holzrad so stramm anzufügen, dass es später nicht wieder auseinander ging, sondern fest am Holz haftete und viele Jahre hielt?" Der Schmied antwortete: „Nachdem der Stellmacher (so nannte man den Wagenbauer früher) ein Holzrad angefertigt hatte, übergab er es dem Schmied zur weiteren Bearbeitung. Die Lösung des Rätsels ist ein altes Naturgesetz: Wärme dehnt einen Körper aus und Kälte zieht ihn wieder zusammen! Der Eisenreifen wurde also zunächst gut im Feuer erhitzt. Mit Hilfe einiger Gesellen griffen sie mit ihren Zangen den glühenden Reifen aus der Glut und das heiße Eisenband wurde dann um die Holzfelge gelegt und mit Hammerschlägen darauf gepresst. Nun musste alles schnell mit Wasser gelöscht werden, denn sonst wäre das Holzrad durch das glühende Eisen verbrannt. Um beides gut abzukühlen, kam das Rad mit dem aufgepressten Eisenring geschwind ins Wasser. So zog sich der abkühlende und damit zusammenziehende Eisenreifen noch enger um die Holzfelge und fest um das Rad zusammen."
Klein-Sebastian hatte gespannt zugehört: „Nun habe ich nach den Ferien einiges in der Schule zu berichten, Onkel Paul. Toll, dass ich dich in der Schmiede besuchen durfte." Und der Onkel machte seinem kleinen Neffen einen Vorschlag: „Nach der schweißtreibenden Tätigkeit und der Hitze in der Schmiede haben wir uns zum Nachtisch ein Erdbeereis verdient. Was meinst du, Sebastian?" "Ja.", der nickte zustimmend und war sogleich begeistert: „Erdbeere ist mein Lieblingseis!"