von Birgit Becker, Kerpen
Im Jahr 1912 wurde die Bahnstrecke von Dümpelfeld über Hillesheim nach Gerolstein eröffnet. Am Bau der Eifel-Eisenbahnstrecken waren Arbeiter aus Deutschland sowie auch aus aller Herren Länder beteiligt. Nicht nur die neu gewonnene Mobilität, sondern auch die Möglichkeit, bei der Bahn zu arbeiten, stellte für die Eifler eine Revolution dar. In der damals sehr armen und strukturschwachen Eifel gab es nur wenige Arbeitsplätze und die meisten Leute betrieben eine kleine Landwirtschaft.
Josef Schröder in jungen Jahren.
So war auch mein Großvater Josef Schröder aus Niederehe über 40 Jahre bei der deutschen Bahn beschäftigt. Zunächst begann er als Schaffner bei der deutschen Reichsbahn (später Deutsche Bundesbahn). Dabei verschlug es ihn auch in Regionen außerhalb der Eifel: Im ersten Weltkrieg arbeitete er in Saarbrücken sowie auch eine Zeitlang in Warschau. In den 1930er Jahren war er dann für vier Jahre in Hamburg. Mit der Tätigkeit bei der Bahn ernährte er seine sechsköpfige Familie. Es wurde in die Sozialversicherung eingezahlt und somit war die Familie krankenversichert. Zusätzlich betrieb die Familie noch eine kleine Landwirtschaft, für die damals keine Beiträge in die Sozialversicherung gezahlt wurde, in der meine Großmutter tatkräftig mithalf. Meine Großeltern bauten in den 1930er Jahren in der Nähe der Niedereher Bahnstrecke ein Haus. Die Baumaterialien wurden teilweise auch auf dem Bahnweg geliefert. Der Güterzug hielt dann oberhalb des Grundstücks, um die Materialien abzuladen. Heute ist ein solcher Vorgang undenkbar.
Später hat mein Opa dann in der Region als Weichenwärter gearbeitet, unter anderem in den Bahnhöfen Walsdorf und Ahütte. Zu seiner Tätigkeit am Bahnhof gehörte unter anderem dann auch der Verkauf von Fahrkarten. Schließlich wurde er zum Oberweichenwärter befördert.
In den Anfängen der Eisenbahn oblag dem Weichenwärter ausschließlich das Bedienen und Warten ortsgestellter Weichen. Warten ist hier im Sinne von pflegen zu verstehen, das heißt Gangbarhalten durch Schmieren der beweglichen Teile - daher die Bezeichnung Weichenwärter. In Deutschland gab es bis in die 1980er Jahre in großen Bahnhöfen in Bereichen ohne Reisezugverkehr Rangierbezirke, deren Weichen durch Weichenwärter gestellt wurden. Auf den kleinen Bahnnebenstrecken fuhren Schienenbusse („Rote Brummer" genannt) und auch Güterzüge. So musste der Weichenwärter per Hand die jeweiligen Weichen stellen. Der Weichenwärter stellte nicht nur Weichen und andere bewegliche Einrichtungen im Schienenfahrweg, sondern war auch für die Signalgebung zuständig.
Weichenwärter stellten nicht nur Weichen im Schienenfahrweg, sondern waren auch für die Signalgebung zuständig.
Zur optischen Signalgebung für die An-und Abfahrt gab es eine Signallampe aus Messing. Diese hat seitliche Klappen und im Innenteil befinden sich auf den Seiten ein rotes und ein grünes Glas. Die Lampe wurde mit Petroleum betrieben. Mit solch einer Lampe gab mein Großvater Signale an die Zugführer der roten Schienenbusse.
Teil eines Morsetelegrafen
Josef Schröder
Mit der Holz-Trillerpfeife wurde ein akustisches Signal zur Abfahrt gegeben (langer dann kurzer Pfeifton).
Mit anderen Bahnhöfen hat sich mein Großvater durch Telegrafie verständigt. Diese spielte eine wichtige Rolle in der Eisenbahnindustrie. Hierzu nutzte man den sogenannten Morsecode oder auch Morsealphabet, um über die Morsetaste dann Buchstaben, Ziffern und Zeichen zu übermitteln. Die Telegrafie ermöglichte die schnelle Übermittlung von Nachrichten und Informationen zwischen den Bahnhöfen und Zügen.
Mit dem Aufkommen ferngestellter Weichen und Signale wurden zunehmend Wärterstellwerke eingerichtet. Durch das Fortschreiten der Technik gewann der Beruf des Weichenwärters, welcher mit viel Handarbeit ausgeführt wurde, eine andere Bedeutung. Die ferngestellten Weichen entstanden in größeren Bahnhöfen, in denen die Zahl der Weichen oder deren Entfernung die Einrichtung mehrerer Stellwerke erforderlich machten. Im Hauptstellwerk war der Fahrdienstleiter tätig, dem die Disposition und Durchführung der Zugfahrten übertragen waren. Ihm waren die Weichenwärter untergeordnet, die entweder im gleichen Stellwerk, dem Fahrdienstleiterstellwerk oder in einem eigenen Stellwerk, dem Wärterstellwerk tätig waren.
Mein Großvater war sehr gerne als Eijsebahns-Bähner — so wurden damals die Beschäftigten der Bahn genannt — tätig. So konnte er später als Pensionär, genüsslich Pfeife rauchend, die vorbeifahrenden „Roten Brummer" und die Güterzüge von seinem Küchenfenster aus beobachten.
Leider wurde der Zugverkehr auf dieser Bahnstrecke im Jahr 1973 eingestellt. Der Abbau der Schienen und Brücken ließ nicht lange auf sich warten und die schönen Bahnhöfe wurden mit der Zeit privatisiert.