von Peter May, Koblenz
Wenn die bäuerlich-dörflich geprägte Kulturlandschaft der Eifel beschrieben werden soll, verwendet man in unserer stark visuell geprägten Kultur gerne Bildzeugnisse wie Postkarten oder historische Schwarzweiß-Fotos. Oft findet man auch Erzählungen, Anekdoten, Sagen oder ähnliche Texte, wenn über ein bestimmtes Dorf oder eine Gegend berichtet wird. Viel seltener aber sind typische Klänge (bzw. deren Beschreibung) aus einem Dorf oder einer Landschaft zu finden, die genauso charakteristisch sein können und die sich, obwohl flüchtig und kaum greifbar, dauerhaft in das Gedächtnis des Hörers eingegraben haben. Die von der modernen kulturanthropologischen Forschung als „soundscapes" (von engl. „sound" und „landscape", zu Deutsch etwa „Klanglandschaften") bezeichneten auditiven Merkmale eines bestimmten Ortes oder Raumes, also typische Geräusche, Klänge, Laute und Töne, spiegeln die dort zu einer bestimmten Zeit herrschenden Wirtschaftsformen wider, darüber hinaus aber auch Werte, Traditionen und soziale Ordnungen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ein bestimmter Klang von verschiedenen Hörern durchaus unterschiedlich interpretiert und bewertet werden kann; so ist z. B. das Krähen eines Hahns am frühen Morgen, je nach individueller Erfahrung, bei dem Einen mit positiven, bei dem Anderen mit negativen Assoziationen bzw. Emotionen verbunden. Dennoch spiegeln die dörflichen Geräusche die kollektiven Erfahrungen der dort lebenden Menschen wider und können durchaus identitätsstiftend oder -bewahrend wirken. Sie ergänzen die materiellen und visuellen Zeugnisse eines bestimmten Ortes und sind es wert, im besten Falle in einem „Soundarchiv" aufbewahrt zu werden, zumindest aber, wie vorliegend, exemplarisch in Schriftform dokumentiert zu werden.
Der Autor dieser Zeilen, 1963 in Hillesheim in der Vulkaneifel geboren und aufgewachsen in dem kleinen Dorf Auel an der Oberen Kyll (heute Gemeinde Steffeln, Verbandsgemeinde Gerolstein), will somit versuchen, die ihm in Erinnerung gebliebenen Klänge seines Heimatortes im Zeitraum von Mitte der 1960er bis Ende der 1980er Jahre vorzustellen. Dieser Zeitraum umfasst einerseits den wachsenden Wohlstand nach der sogenannten Wirtschaftswunderzeit, andererseits den tiefgreifenden Strukturwandel in der Landwirtschaft und das dramatische Höfesterben, das unseren Dörfern ein grundlegend anderes Gepräge — und eine andere Geräuschkulisse — verliehen hat. Wo nötig, fügt der Autor dem Klang/Geräusch eine erklärende Interpretation hinzu, die freilich durchaus subjektiv gefärbt sein kann.
In meinem Elternhaus wurde der bäuerliche Betrieb schon in den 1950er Jahren eingestellt. Mein Vater war Fabrikarbeiter, aber wir hatten noch einen großen Bauerngarten und hielten anfangs noch ein Schwein und ein paar Karnickel zum Schlachten. Im Nachbarhaus lebte ein Onkel, der einen Vollerwerbs-Bauern-hof führte. Wir Kinder waren dort ständig präsent, sei es zum Spielen oder als willkommene Helfer bei den verschiedensten Arbeiten auf dem Hof oder im Feld. Der Bauernhof war mit etwa zehn bis zwölf Milchkühen und 20 bis 25 Hektar Acker- und Grünland nur ein bescheidener Betrieb, der das übliche Spektrum der landwirtschaftlichen Produktion in Form von Kuhmilch, Kälber und Schweine als Schlachtvieh, Hühnereier und Braugerste umfasste. Um 1970 gab es im Dorf noch knapp ein Dutzend Bauern im Voll- oder Nebenerwerb, die vergleichbare Betriebe hatten.
Aber nun zur „Aueler Soundscape"! Selbstverständlich waren ständig die Laute der Nutztiere zu hören: Das Muhen der Kühe, wenn sie abends von der Weide zum Melken in den Stall getrieben wurden; das Gackern der Hühner, die noch frei auf der Straße und um die Bauernhäuser herumliefen; das Grunzen der Schweine im Stall. Besonders eindringlich ist mir das schrille Quieken der Schweine in Erinnerung geblieben, wenn sie zum Schlachten aus dem Stall auf den Hof gezerrt wurden, wo sie mit dem Bolzenschussgerät getötet wurden. Ich hatte immer den Eindruck, die armen Schweine wussten genau, was mit ihnen passiert. Das waren beileibe keine schönen Laute! Ebenso wenig das markerschütternde Quieken der jungen männlichen Schweine, wenn sie kurzerhand, ohne Betäubung, mit dem scharfen Küchenmesser kastriert wurden.
Großer Buntspecht
Neben dem Vieh waren im Dorf — heute nicht mehr selbstverständlich — viele Vögel zu hören. Die aufgeregten Spatzen in Gärten und Büschen, die Staren und die Elstern, besonders aber die vielen Schwalben, die ihre Nester unter den Hausdächern und in den Viehställen bauten. Auch wir hatten noch viele Jahre lang Schwalben im verlassenen Kuhstall und ich war beeindruckt, wie wendig diese Vögel waren, wenn sie pfeilschnell durch das gekippte Stallfenster ein- und ausflogen. Schwalben bedeuteten damals Sommer und sie fanden noch reichlich Nahrung in den zahllosen Fliegen, die das Stallvieh mit sich brachte. Besonders gerne erinnere ich mich an den wunderschönen Klang, wenn in der Abenddämmerung die Amsel ihre melodiöse Stimme erschallen ließ. Sie saß immer ganz oben auf der großen Fichte, die im Garten unseres Nachbarn stand. Kein anderer Laut verkörpert für mich den Abendfrieden so wie ihr melancholischer Gesang. Auch im Wald waren viele verschiedene Vogelstimmen zu hören, wie Eichelhäher, Kuckuck oder der hämmernde Specht. Auf den Feldern erklang das pausenlose Trillern der Feldlerche, ein ausgesprochen typischer Klang in der Eifeler Kulturlandschaft. Auch Mäusebussarde waren häufig am Himmel zu sehen und an ihren typischen „hiääh" gut zu erkennen.
Neben den Tierlauten waren im Dorf auch ständig verschiedene Maschinengeräusche zu hören. Neben den noch gar nicht so häufigen Autos konnte man das Tuckern der Trecker hören. Am Abend klang dann aus den Ställen das Brummen von Melk- und Schrotmaschine. Wenn es an der Zeit war, wurde die Jauchepumpe angefahren oder die Kartoffel-Sortiermaschine, bei der wir Kinder die Aufgabe hatten, die zerquetschten oder grünen Kartoffeln von Hand auszusortieren. Das hektische Rütteln und Klappern des hölzernen Förderbandes, das Poltern der Kartoffeln, es ist mir unvergesslich geblieben. Im Sommer, wenn die Bauern das Heu eingefahren hatten, war die Luft erfüllt vom monotonen Summen der Heu-Gebläse. Fast jeder Bauernhof hatte einen solchen Ventilator, welcher die Aufgabe hatte, dass noch feuchte Heu herunter zu kühlen, damit es nicht zur Selbstentzündung kommt. Die Gebläse liefen wochenlang und ihr Geräusch war aus dem sommerlichen Alltag nicht wegzudenken. Ich assoziiere mit dem charakteristischen Laut zugleich Sommer, Hitze, blauer Himmel, Trägheit, Barfußlaufen.
Alte Getreidemühle
Ein weiteres, sehr markantes und im Dorf häufig gehörtes Geräusch war das der großen Kreissägen. Es gab etliche davon, weil die Häuser zum großen Teil noch mit Holz geheizt wurden. Die Dorfbewohner deckten ihren Brennholzbedarf, indem das im Gemeindewald ersteigerte Stammholz selbst gerissen, kleingesägt und -gehackt wurde. Im „Paisch" hinter dem Haus unseres Nachbarn stand ein solches Ungetüm, das von einem starken Elektromotor mittels Transmissionsriemen angetrieben wurde. Die größeren Kinder und Jugendlichen halfen schon mit, die meterlangen Buchenholz-Scheite auf dem Sägetisch zu zerteilen, eine nicht ungefährliche Arbeit. Wenn das große, fauchende Sägeblatt sich in das zähe Holz hineinfraß, ertönte ein scharfer, singender Laut, der durch das ganze Dorf und weit darüber hinaus zu hören war. Wenn ich mir das grelle Geräusch der Kreissäge in Erinnerung rufe, kommt mir eine Zeile des bekannten Gedichts „Eifeldörfer" von Ernst Thrasolt in den Sinn: „... drunten kreischt und schleift ein Rad...". Nachdem das Klafterholz klein gesägt war, ging es — ebenfalls gut hörbar — weiter: Mit der Spaltaxt wurden die Holzstücke auf Ofengröße weiter zerteilt und das noch kleinere Spanholz zum Anfeuern gemacht. Das Holzhacken dauerte Tage oder Wochen lang, bis ein mächtiger Haufen aus Brennholz aufgetürmt war. Auch wir Kinder und Jugendlichen halfen dabei mit und leisteten unseren Beitrag, damit im Winter niemand frieren musste.
Noch viele andere Laute und Geräusche, die von der Arbeit, vom Handel und Wandel der Bewohner kündeten, waren alltäglich im Dorf zu hören: frühmorgens, noch vor dem Aufstehen, kam das Milchauto der Hillesheimer Molkerei und holte die am Vortag gemolkene Milch ab, die die Bauern in großen Stahlkannen am Straßenrand abgestellt hatten. Man konnte es genau an dem zischenden und summenden Geräusch der Saugpumpe erkennen. Später am Tag kamen dann das Bäckerauto, der Eiermann und der Briefträger und alle riefen mit ihrem eigenen Hup- oder Klingelsignal die Kundschaft aus den Häusern. In der Gemeinschaftskühlanlage - die meisten Haushalte hatten noch keinen eigenen Gefrierschrank — surrte Tag und Nacht die Ventilation der Kälteanlage. Wer den kleinen Dorfladen zum Einkauf betrat, hörte an der Tür ein helles Glöckchen bimmeln, welches die Inhaberin, „Kuhls Engel" (Angela Kuhl geb. Lamberty, 1903 - 1986), zum Kunden rief. Den Laden gibt es schon längst nicht mehr. Ein anderes, inzwischen verschwundenes Geräusch war das Dengeln der Sense. Unser Nachbar von gegenüber, ein älterer Mann, saß dann im Hof auf einem Holzbock und hämmerte in stoischer Ruhe seine stumpfe Sense wieder scharf: deng, deng, deng .
Viel mehr noch als heute spielte sich das Leben im öffentlichen Raum, auf der Straße oder vor dem Haus, ab — mit allen dazu gehörenden Geräuschen. Wir Kinder spielten oft auf der Straße, es wurde Fangen, Verstecken, Hüpf-Häuschen und „GummiTwist" gespielt, auch Federball, Hockey und Frisbee und natürlich fuhren wir Fahrrad, Roller und Rollschuh (im Winter Schlitten) und bolzten unermüdlich den Fußball gegen Wände und Scheunentore. Oder wir trafen uns auf der großen Bank in der Dorfmitte einfach nur zum Quatschen oder, wie man heute sagt, zum Abhängen. All das machte natürlich Geräusche, manchmal auch Lärm. Wirklich gestört hat es aber, so glaube ich jedenfalls, niemanden. Am Samstag wurden mit dem Besen geräuschvoll Straße und Hof gekehrt und — heute strikt verboten — das Auto am Straßenrand gewaschen. Meist ertönte dabei aus irgendeinem Radio die Live-Übertragung der Fußball-Bundesliga. Überhaupt war Fußball in allen Eifeldörfern ein großes Thema. Auch Auel hatte einen Fußballverein und einen Sportplatz, der anfangs am östlichen Dorfrand, später etwas außerhalb „auf der Buch" angelegt war. Zur ganz normalen sonntäglichen Geräuschkulisse gehörte es, wenn es am Nachmittag ein Fußballspiel gab. Auch wenn man selbst nicht dabei war, die Trillerpfeife des Schiris, das aufgeregte Rufen der Spieler und Zuschauer sowie ab und zu ein Torjubel waren nicht zu überhören.
Klepper-Jungen in Auel, um 1980
Zum dörflichen Leben in den Sechzigerund Siebzigerjahren gehörten auch ganz spezielle Töne und Geräusche, die nur in seltenen Fällen, aber dann unüberhör-bar, ans Ohr drangen: Auf dem Dach des Hauses „Korres" war eine Luftschutz-Sirene installiert, die gleichzeitig für Feueralarme genutzt wurde. Die jährlichen Probealarme (eine Minute Dauerton) waren vertraut und nichts Besonderes, aber es gab hin und wieder auch echte Feueralarme (zweimal unterbrochener Dauerton). Dann war die Sirene in der gesamten Gemarkung zu vernehmen, manchmal gleichzeitig auch die Signale aus den benachbarten Dörfern. Für die freiwillige Feuerwehr war das Sirenengeheul jedenfalls unverzichtbares Kommunikationsmittel. Angesichts der aktuellen Krisen und Bedrohungen (siehe Flutkatastrophe an der Ahr) hat die akustische Alarmierung wieder an Bedeutung gewonnen und die seit 1990 abgebauten Sirenen werden wiederaufgebaut. Ein weiteres, heute kaum noch zu hörendes Geräusch war das der Düsenjäger von den Militärflugplätzen Bitburg, Spangdahlem und Büchel. Über der dünn besiedelten Eifel übten Amerikaner und Deutsche den Luftkampf und nicht selten gab es einen Überschall-Knall, der die Leute zusammenzucken ließ. In der Schule musste der Unterricht unterbrochen werden, wenn die Phantoms und Starfighter dicht über die Köpfe der Menschen hinweg donnerten. Auch wenn dies mehr Zeit- als Dorfgeschichte ist, zeugt es doch von einer bestimmten politischen Lage und Technologie. In diesem Sinne können weitere akustische Zeitzeugen angeführt werden: etwa der Schienenbus auf der Eisenbahnstrecke Trier-Köln, dessen Hupe und Dieselmotor besonders gut bei Ostwind zu hören war. Oder der mittlerweile stillgelegte Steinbruch im Lühwald beim Nachbardorf Oberbettingen. In unserem Dorf waren, bei entsprechender Wetterlage, das geblasene Warnsignal und das darauffolgende Wumms der Sprengung deutlich zu vernehmen.
Ganz andere Töne konnte man hören, wenn einmal im Jahr, im Mai, die Aueler Kirmes abgehalten wurde. Bevor in den 1970er Jahren das Dorfgemeinschaftshaus gebaut wurde, stellte man auf dem „Lüh" ein großes Festzelt auf, aus dem die Festgeräusche ungehindert nach draußen drangen. Im Zelt gab es freitags „Hanta's Rolling Disco Show", samstags die Tanzmusik mit einer Live-Band und sonntags den Frühschoppen mit musikalischer Untermalung durch ein Blasorchester. Auf der Wiese vorm Zelt hatten Schausteller eine Schiffschaukel oder ein Karussell aufgebaut, die natürlich mit lauter Schlagermusik und der aufreizenden Animation des Kassierers beschallt waren. An der Schießbude hörte man die Luftgewehre knallen und die Ton-röhrchen unter den begehrten Schraubenziehern und Plastikrosen zerplatzen. Auch diese typischen Geräusche sind heute aus der Klanglandschaft des Dorfes weitgehend verschwunden, wie überhaupt die Dorfkirmes als gesellschaftliches Ereignis stark an Bedeutung verloren hat.
Fest verankert im Jahreslauf war auch das „Kleppern" während der drei Kartage vor Ostern. Die Klepperjungen, später auch -mädchen, hatten hölzerne „Raspeln" oder Kleppern dabei, die ordentlich lärmten. Abwechselnd mit dem Kleppern sangen die Kinder mit ihren mehr oder weniger kräftigen Stimmen die traditionellen Reime, um zum Gebet, zum Mittagessen oder zur Kirche zu rufen. Wenn sie frühmorgens, mittags und abends singend und kleppernd durch das Dorf zogen, war das schon ein besonderes Klangereignis. Zu den rituellen Klängen gehörte natürlich auch das Aufspielen der Blasmusik-Kapelle aus dem Nachbardorf Steffeln, sei es zum Sankt Martinszug, zum Totengedenken am Kriegerdenkmal oder bei einer Silbernen oder Goldenen Hochzeit. Für letztere Anlässe gab es im Dorf, wie vermutlich in vielen anderen Eifeldörfern auch, den sonderbaren Brauch des „Schleifens". Mit einem gewissen Augenzwinkern veranstalteten die verheirateten Männer des Dorfs für das Jubelpaar eine wahre Katzenmusik: An einer aufgebockten Wagenachse wurden mit einer Eisenkette die schweren Holzräder zum Drehen gebracht, über deren eiserne Reifen dann ein altes, rostiges Sensenblatt gezogen wurde, was ein scheußliches Gekreische ergab. Dazu wurde noch eine Menge Lärm mit Töpfen, Eimern, Blechen, Kuhschellen und anderem veranstaltet. Natürlich wurden die „Musikanten" gebührend mit Bier und Schnaps entlohnt. Vielleicht liegt diesem Brauch die alte Vorstellung zugrunde, dass man mit Lärm die bösen Geister vertreiben kann.
„Schleifen" bei einer Silbernen Hochzeit in Auel, um 1980
Im Gegensatz hierzu war das Rauschen des Windes in den hohen Wipfeln der Fichten ein sehr unscheinbares, aber dennoch stimmungsvolles Geräusch. Am steilen Abhang des Heidbergs gab es einen solchen Wald und es war ein Genuss, sich in das weiche „Kitzelgras" zu legen, die Augen zu schließen, und dem Wind in den Bäumen zu lauschen. Damit ist man im Bereich des akustischen Mikrokosmos angekommen: zarte, leise Töne, die man oft nur bei bewusstem Hinhören wahrnimmt, die aber ebenso charakteristisch sind wie die lauten und aufdringlichen. So etwa die aufplatzenden Samenschoten des Ginsters an einem warmen Frühsommertag, das sanfte Rascheln der langen Grannen in einem reifen Gerstenfeld, das Summen der Fliegen und Bienen oder auch das eintönige Ticken der Stand- oder Wanduhr in der Wohnstube des Hauses.
Ein ganz besonderer „Klangraum", der das Dorf prägt wie kein anderer, ist schließlich die Kirche. In der beschriebenen Zeit war es für die meisten Dorfbewohner noch heilige Pflicht, sonntäglich den Gottesdienst zu besuchen. Der rituelle Singsang des Priesters, die gemurmelten Gebete der Gemeinde, das Schellen bei der Wandlung, all das waren vertraute, ständig wiederkehrende Klänge. Einer der markantesten Klänge war aber sicherlich das Spiel unseres hochbetagten Küsters „Schmotz Baddi" (Sebastian Gerten, 1909 - 1978) auf einem alten Harmonium, dessen Blasebälge noch mit den Füßen bedient werden mussten. Der eigentümliche Musikstil des Organisten vermischte sich mit dem Knarzen des alten Instruments und dem schrägen Gesang der Gemeinde zu einem unvergleichlichen „Sound". Als Schüler durfte ich ab und zu den Küster beim Orgeln vertreten und es war eine echte Herausforderung, dem Harmonium ein paar wohlklingende Töne zu entlocken. Vermutlich haben diese frühen Hör-Erlebnisse, neben dem heiteren Gesang meiner Mutter bei der täglichen Hausarbeit, den Grundstein für mein eigenes Wirken als aktiver Musiker und Sänger gelegt. Endlich muss nun auch DIE Stimme des Dorfes genannt werden, die zig Generationen der Bewohner verbindet und sie jeden Tag begleitet: die Kirchenglocken. Das kleine Dorf Auel hat das große Glück, eine sehr alte und kunsthistorisch wertvolle Glocke zu besitzen. Die gotische Bronzeglocke mit dem Namen Johannes wurde schon im Jahr 1473, also vor genau 550 Jahren, vom Meister Johann von Alfter gegossen und verrichtet seither ununterbrochen ihren Läute-Dienst. Es ist ein kleines Wunder, dass die uralte Glocke alle Kriegszeiten und das manchmal zügellose Läuten von Hand, bei dem manch andere Glocke gesprungen ist, vor allem aber die Zwangsablieferungen während der NS-Zeit unbeschadet überstanden hat. Zusammen mit ihrer „großen Schwester" Maria, gegossen 1950, bildet sie ein charakteristisches Geläut, deren Klang jeder Einheimische sofort erkennt. Wie schon vor Jahrhunderten ertönen die Glocken dreimal am Tag, morgens um Sechs, mittags um Zwölf und abends wieder um Sechs. Ihr Läuten gliedert und strukturiert den Alltag der Dorfleute und gibt den Sonn- und Feiertagen ein festliches Gepräge. Einen Wecker brauchten wir damals jedenfalls nicht zum Aufstehen, das übernahmen die Kirchenglocken. Geburt, Taufe, Hochzeit und Begräbnis — all diese einschneidenden Ereignisse im Leben der Bewohner wurden und werden vom Läuten der Glocken begleitet. Das Läuten der Kirchenglocken hat somit eine erhebliche Relevanz in der „Soundscape" des Dorfs und vor allem eine große emotionale Bedeutung für die dort lebenden und aufgewachsenen Menschen.
Ein akustischer Leuchtturm in der Klanglandschaft des Dorfes: Die Glocken der Aueler Kirche von 1473 und 1950.
Zu guter Letzt wäre meines Erachtens auch noch das „Aueler Platt" zu der lokalen Klanglandschaft zu rechnen. In meiner Kinderzeit war Platt die zu allererst gelernte Muttersprache. Erst in der Grundschule -einen Kindergarten gab es noch nicht - lernten wir richtiges Hochdeutsch zu sprechen. Da unser Heimatdorf dicht an der Sprachgrenze zwischen dem Moselfränkischen des Trierer Raums und dem Ripuarischen des Kölner Raums liegt, unterscheiden sich die Dialekte von Dorf zu Dorf, wenn auch nur in Nuancen. Für den Einheimischen sind jedoch die Unterschiede in Wortschatz, Grammatik und Sprachmelodie deutlich auszumachen. So gesehen ist das im Dorf gesprochene Platt ein ganz wesentliches Merkmal der eigenen Identität. Allein aus diesem Grund erscheint es ausgesprochen wünschenswert, dass die nachkommenden Generationen den lokalen Dialekt lernen und pflegen. So dürfen wir letztlich die kollektive Erfahrung der lokalen Klanglandschaft als immaterielles Kulturgut begreifen. Auf jeden Fall dürfte die Bewusstmachung der eigenen Hörerlebnisse für viele Bewohner der Vulkaneifel eine aufschlussreiche Reise in längst vergangene Zeiten sein. ■