Die Brüder Reichensperger und ihre Dauner Wurzeln

von Alois Mayer, Daun


Wer sich mit der Geschichte des Rheinlandes befasst, wird häufig dem Namen Reichensperger begegnen, in Sonderheit denen von August und Peter Reichensperger. Beide waren berühmte und erfolgreiche deutsche Politiker.


August Reichensperger

August Reichensperger, geboren am 22.03.1808 in Koblenz, studierte nach dem Abitur 1827 Jura in Berlin, Bonn und Heidelberg, promovierte zum Dr. phil. und trat im Staatsdienst seine erste Stelle von 1844 bis 1848 am Landgericht Trier an. Anschließend war er von 1849 bis 1879 Appellationsgerichtsrat in Köln, wo zeitweise auch sein Bruder Peter wirkte. Im Jahr 1848 war er Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und 1850 des Erfurter Unionsparlaments. Von 1850 bis 1863 war er preußischer Abgeordneter und einer der führenden Personen der katholischen Fraktion. Als Mitglied des Deutschen Reichstags für den Wahlkreis Krefeld (1871 - 1884) trat er der neu gegründeten Fraktion der Zentrumspartei bei und war neben seinem Bruder Peter und anderen bekannten Persönlichkeiten einer der führenden Persönlichkeiten des politischen Katholizismus und ein engagierter Vorkämpfer der katholischen Laienbewegung in Deutschland. Neben der Politik beschäftigte er sich mit Kunst, Architektur und Literatur, verfasste zahlreiche Veröffentlichungen und setzte sich stark für den Weiterbau des Kölner Doms ein. In seinem Todesjahr wurde August Reichensperger, der bereits Ehrenbürger in Oppenheim und in Koblenz war, auch Ehrenbürger der Stadt Köln, die ebenfalls einen Reichenspergerplatz nach ihm benannte. Er heiratete 1842 Clementine Simon (1822-1902) und starb am 16.07.1895 mit 87 Jahren in Köln. Er ruht in einem Ehrengrab auf dem Friedhof Melaten.


Peter Reichensperger

Sein jüngerer Bruder Peter erblickte am 28.05.1810 in Koblenz das Licht der Welt. 1848 war er als Mitglied der preußischen Nationalversammlung maßgeblich an der preußischen Verfassungsdiskussion beteiligt. Zusammen mit seinem Bruder August gründete er 1852 die katholische Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus und war 1869/70 Mitbegründer der Zentrumspartei. Bis zu seinem Tod blieb er Abgeordneter im Reichs- und Landtag. Er heiratete 1837 Anna Maria Weckbecker (1815-1864) und starb am 31.12.1892 im Alter von 82 Jahren in Berlin. Dort wurde er auf dem St.-Hedwigs-Friedhof beigesetzt. Das Grabmal ist heute nicht mehr erhalten.


Die Mutter stammt aus Daun

Für die Lokalhistorie des Landkreises Daun jedoch bedeutsamer, ist die Genealogie der beiden Reichensperger Brüder. Denn ihre Mutter mit Namen Margarethe Johanna Theresia war ein Dauner Mädchen, am 24. November 1778 auf der Burg in Daun geboren. Sie war die Tochter des letzten kurfürstlichen Amtmannes von Daun, Augustin Knoodt (* 09.04.1746 Zell/Mosel - 07.04.1817 in Boppard; 71 Jahre), und der Katharina Louise Coenen aus Zell (= Ludovika; * um 1754 in Koblenz; = 06.10.1838 in Boppard; 84 Jahre).

Margarethe hatte noch vier weitere Geschwister:

1. Anna Maria Walburga Thekla (* 23.09.1774 in Koblenz) heiratete am 29.07.1806 in Boppard Peter Ernst von Barring, Bürgermeister von Rhens.

2. Heinrich Josef Anton (* 31.08.1776 in Koblenz) heiratete am 30.03.1805 Katharina Josephine Goutzen aus Senheim an der Mosel; war Bürgermeister (Maire) von Boppard 1804 - 1814. Nach seinem Tode stellte sich heraus, dass er nicht nur erhebliche Privatschulden, sondern auch einen Teil der Gemeindekasse veruntreut hatte.

3. Elisabeth Katharina Apollonia (*15.02.1777 in Daun)

4. Peter Franz Alois (* 31.08.1780 Daun; = 04.1781 Daun).


Margarethe Johanna Theresia wuchs in Daun in einem Elternhaus auf, das Frankreich und seine Sprache liebte, Sympathien für die Revolutionsideale von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit hegte, und französische Bildung bevorzugte. So besuchte ihr Bruder Heinrich eine Schule in Lüttich und Schwester Anna ein Mädcheninstitut in Nancy. Diese frankophile Einstellung wandelte sich jedoch, als 1794 französische Revolutionstruppen in die Eifel und in Daun einfielen, enorme Abgaben forderten und auch vor Plünderungen nicht zurückschreckten. Sofort brachte die Familie Knoodt ihr Vermögen rechtzeitig über den Rhein in Sicherheit. Auch als französische Offiziere höchsten Ranges der 20-jährigen Anna Eheanträge machten, erklärten deren Eltern rigoros, dass sie keinem (französischen) Kriegsmann eine Tochter geben würden. Ebenfalls verboten die Eltern ihrer siebzehnjährigen Tochter Elisabeth, die sich in einen französischen Offizier verliebt hatte, deren Beziehung. Elisabeth blieb zeitlebens unverheiratet. Zu den Bewohnern Dauns hatten Margarethe und ihre Familie nur geringen Kontakt. „Das Leben in Daun war sehr still. Ein Besuch des Trierer Kurfürsten und Landesherrn Clemens Wenzeslaus war ein außerordentliches Ereignis. In der Umgegend von Daun gab es wenige Familien, mit denen ein Verkehr möglich war. Nur die Pfarrer und Schöffen der bedeutenden Orte waren zuweilen Gäste. Ausflüge wurden besonders häufig nach den verschiedenen Klöstern und Abteien gemacht. Namentlich nach Springiersbach und St. Maximin in Trier", schrieb Enkelin Elisabeth in ihren Memoiren. Infolge der Französischen Revolution war das Kurfürstentum Trier und damit auch das kurfürstliche Amt Daun aufgelöst worden. Vater Augustin Knoodt war als kurfürstlicher Beamter nun arbeitslos. So zog 1795 Margarethe — sie war gerade siebzehn Jahre jung - mit ihrer Familie von Daun nach Boppard, wo ihr Vater eine Stelle als Maire (Bürgermeister) antrat. (Dort starb Augustin Knoodt auch am 07.04.1817 im Alter von 71 Jahren. Seine Frau überlebte ihn noch 21 Jahre und verstarb am 06.10.1838 in Boppard.)

Mit 27 Jahren lernte Margarethe Knoodt in Boppard den zehn Jahre älteren Franz Joseph Reichensperger kennen und lieben. Dieser war am 18. April 1768 in Simmern als Sohn des Anton Reichensperger und Franziska Schmitt geboren worden. Von Beruf her war er ursprünglich Richter in Simmern (wo er u.a. Schinderhannes verhörte und ins Gefängnis nach Simmern bringen ließ). Dann wurde er zum Friedensrichter in Kirn berufen, um kurze Zeit später im französischen Staatsdienst zum Generalsekretär an der Präfektur in Koblenz befördert zu werden. Am 30. März 1805 heiratete Franz Joseph Reichensperger das Dauner Fräulein Margarethe Johanna Theresia Knoodt. Sie bewohnten in Koblenz an der Ecke des Kastorplatzes und der Rheinzollstraße ein Haus, das dem Kastorstift gehörte und das 1891 abgerissen wurde. Dort pflegte die junge Familie engen Kontakt mit namhaften Politikern, Literaten und Künstlern, unter anderem Josef Corres. Trotz der Revolutionswirren zeigten beide große Sympathien sowohl für Frankreich als auch besonders für Napoleon. „Am meisten verhasst waren die Preußen wegen ihrer Arroganz." Den Franzosen dagegen wurde ein vorzügliches Zeugnis ausgestellt, denn sie waren galant, bescheiden, dankbar und auf den Schutz der Familien bedacht", resümiert L. Pastor.

Dem Paar waren nicht viele Ehejahre vergönnt, denn Franz Josef Reichensperger starb bereits im März 1813 in Koblenz an den Folgen eines Schlaganfalles. Gerade mal 41 Jahre war er alt geworden. Seine Frau Margarethe Johanna Theresia starb 1877 in Remagen im hohen Alter von 99 Jahren.

Vier Kinder entstammen dieser Ehe, die beim Tode des Vaters noch nicht das Schulalter erreicht hatten: Louise und Elisabeth, sowie die beiden berühmten Gebrüder August und Peter Reichensperger.


Quelle:

L. Pastor: Lebensbild des August Reichensperger, Freiburg 1899, Bd.1.