Erich Maria Remarque

Von den Nazis gequälter Schriftsteller mit Eifeler Wurzeln

von Alois Mayer, Daun


Erich Maria Remarque — wohl jeder kennt den Namen jenes prominenten Erzählers, dessen verfilmter Roman „Im Westen nichts Neues" als Antikriegsroman zur Weltliteratur zählt. Es ist die emotional aufwühlende und einprägsame Geschichte des jungen Soldaten Paul Bäumer und seiner Leiden, die die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus dessen Sicht schildert.

Was jedoch wohl unbekannt ist, sind die familiären Wurzeln jenes großen deutschen Dichters. Sie reichen in den Vul-kaneifelkreis hinein, in die Struth — hin nach Nerdlen. Mit Spürsinn, Suchen und Forschen haben Ursula Buchholz aus Bergheim und Alois Mayer aus Daun den Stammbaum von Erich Maria Remarque zusammengestellt.


Remarques familiärer Stammbaum

Die Ur-Ur-Ur-Großeltern von Erich Maria Remarque waren der Schäfer Johann Jakob ROCHLUS (* 02.02.1751 Auderath; = 08.03.1803 Nerdlen), der am 19.09.1775 in Hilgerath die Anna Maria NELL (* 30.06.1747 Nerdlen; = 01.10.1803 Nerdlen) geheiratet hatte.

Von deren sieben Kindern heiratete Anna Maria (* 27.03.1792 Nerdlen; = 18.06.1854 Kaisersesch) im Juli 1824 in Kaisersesch den Josef BAUER (* 19.11.1801 Kaisersesch; + 25.08.1838 Brauweiler). Sie bekamen fünf Kinder. Kind Nr. 2 (Maria Gertrud * 11.02.1827) ehelichte am 26.02.1851 in Mayen Johann STALLKNECHT (* 15.01.1830 Obermendig). Drei Kinder wurden geboren.

Das erste Kind hieß Gottfried (* 18.03.1851 in Kaisersesch; = 28.06.1890 in Wanne-Eickel). Er war Bergmann in Essen und heiratete dort am 13.08.1871 Maria Elisabeth PÖPPINGHAUS (* 08.11.1849 Gelsenkirchen-Buer; = 08.11.1884 Röhlinghausen). Zwei Kinder wurden dem Ehepaar geboren, von denen sich die Näherin Anna Maria (* 21.11.1871 in Essen-Katernberg; = 09.09.1917 in Osnabrück) im Mai 1895 in Wanne-Eickel den Buchbinder- u. Maschinenmeister Peter Franz REMARK (* 14.06.1867 in Kaiserswerth; + 09.06.1954 Bad Rothenfelde b. Osnabrück) zum Ehemann nahm.

Dieser Familie wurden vier Kinder geboren, von denen das zweite Kind eben jener Erich Maria Paul REMARQUE war (* 22.06.1898 Osnabrück). Sein Familienname stammt aus dem Französischen und geht auf Vorfahren namens Remacle zurück. Im Gegensatz zum Vaternamen Remark schrieb Erich sich als Schriftsteller später Remarque, genauso wie seine väterlichen Vorfahren, die im 18. Jh. aus Frankreich nach Deutschland emigriert waren. Der zweite Vorname ,Maria' bewahrte das Andenken seiner recht früh verstorbenen Mutter Anna Maria, die er sehr geliebt hatte.


Erich Maria Remarque mit seinem Hund im Jahr 192g.


Remarque - Soldat im Westen

Remarque wollte eigentlich Pianist werden. Aber er musste diesen Wunsch aufgeben, nachdem er 1917 als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Westfront (Flandern (Houthulster Forst) durch Granatsplitter am linken Bein, am rechten Arm und am Hals schwer verwundet worden war. Über ein Jahr, bis Oktober 1918, verbrachte er in einem Armee-Lazarett in Duisburg. „Den wahren Schrecken des Krieges lernt man erst im Lazarett kennen", formuliert er später in seinem Roman „Im Westen nichts Neues". Während dieser Zeit starben seine an Darmkrebs erkrankte Mutter und sein bester Freund. Nach seiner Genesung kehrte er im Oktober 1918 zu seinem Bataillon an die Front zurück, erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse und wurde am 5. Januar 1919 aus der Armee entlassen.

Remarque erlernte nach dem Krieg den Lehrerberuf und legte im Juni 1919 erfolgreich die Lehramtsprüfung ab. Seine Tätigkeit als Volksschullehrer gab er aber bereits nach kurzer Beschäftigung am 20. November 1920 auf und nahm in der ersten Zeit der Weimarer Republik verschiedene Gelegenheitsjobs an, unter anderem schrieb er als Theater- und Konzertkritiker bei der ,Osnabrücker Tageszeitung' und für verschiedene Tages- und Werkszeitungen (Reifenhersteller Continental AG). Etwa 100 kürzere Prosatexte und Gedichte veröffentlichte er in diversen Tages- und Wochenzeitungen.


Remarque - weltberühmt

Er selbst heiratete am 14.10.1925 die Schauspielerin und Tänzerin Ilse Jutta Zambona, geschiedene Winkelhoff (* 25.08.1901; + 25.06.1975). Diese Ehe wurde 1930 geschieden. Am 31. Januar 1929 erschien sein Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues". Der S. Fischer Verlag lehnt das Buch ab, der Ullstein Verlag veröffentlicht es. Der Roman wird letztlich zu einem Stück Weltliteratur und macht Remarque blitzartig zu einem weltberühmten Schriftsteller. In ihm verarbeitete er eigene Kriegserfahrungen und Berichte verwundeter Soldaten, die er im Lazarett kennengelernt hatte, anhand der Figur des 19-jährigen Soldaten Paul Bäumer. Damit brach er das Tabu vom erhabenen Heldentod der Soldaten und bezeichnet sie und deren unfreiwilliges grausames Sterben als eine „verlorene Generation, die vom Krieg zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam".

Dieses Werk wurde schon im ersten Jahr in 26 Sprachen übersetzt. Im Sommer 1930 waren bereits eine Million Exemplare in Deutschland verkauft. Bereits ein Jahr später wurde es in Hollywood verfilmt. Die deutsche Filmpremiere, am 4. Dezember 1930 in Berlin, löste heftige Kontroversen und große Verärgerung der Nationalsozialisten unter der Führung des damaligen Gauleiters Josef Goebbels aus. Er führte zu heftigen politischen Kontroversen und wurde nach 1933 in Deutschland verboten.


Remarque während eines Interviews in seiner Villa im schweizerischen Ponto Ronco im Oktober 1961.


Von den Nazis geächtet

Remarque wurde für sein Werk ,Im Westen nichts Neues' sowohl für den Literatur-Nobelpreis (1931) als auch für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Dagegen legte der Verband „Deutscher Offizier Bund" (DOB) lautstarken Protest ein mit der Begründung, dieser Roman diffamiere die deutsche Armee und deren Soldaten.

Remarque hatte sich bei den Nationalsozialisten viele Feinde gemacht und musste mit strafrechtlichen Verfolgungen rechnen. Deswegen erwarb er die Casa Monte Tabor am Lago Maggiore, verließ 1931 Deutschland und verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz. Den Nazis war der Kriegsgegner Erich Maria Remarque ein Dorn im Auge. Am 10. Mai 1933 wurden in Berlin unter anderem auch seine Bücher öffentlich verbrannt.

Daneben verbreiteten die Nationalsozialisten auch die teilweise heute noch zu findende Propaganda-Legende, Remarque heiße eigentlich Kramer (Remark rückwärts gelesen), hätte nie am Ersten Weltkrieg teilgenommen, sei ein notorischer Lügner und in Wirklichkeit ein französischer Jude gewesen.


Von innerer Unruhe getrieben

1938 heiratete Erich Maria Paul seine erste Frau (Ilse Jutta Zambona) zum zweiten Male, um sie vor der Abschiebung aus der Schweiz nach Deutschland zu bewahren. Beiden wurde daraufhin die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1939 wanderte das Ehepaar in die USA aus, wo es 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. In Amerika genoss er als Schriftsteller hohe Anerkennung. Dort pflegte er ebenfalls zu vielen weiteren Emigranten und Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur und Film (Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Carl Zuckmayer u.a.) beste Kontakte.

1948 kehrte Remarque in die Schweiz zurück, führte jedoch ein unruhiges und rastloses Leben. Ständig pendelte er zwischen Europa und den USA hin und her. Auf die Wiedererlangung der ihm aberkannten deutschen Staatsangehörigkeit verzichtete er. Das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (Juli 1967) nahm er jedoch an, ließ es sich aber durch den deutschen Botschafter in der Schweiz in seiner Villa in Porto Ronco überreichen.


Remarque - seine Liebschaften und sein Tod

Seine Ehe mit Frau Zambona verlief unglücklich und wurde am 20. Mai 1957 erneut geschieden. Danach hatte er noch mehrere Liebschaften (Margot von Opel; Marlene Dietrich; Natalie Paley; Greta Garbo u.a.).

1958 schloss Erich Maria Paul Remarque seine dritte Ehe mit der Schauspielerin Paulette Goddard (* 03.06.1910; + 23.04.1990), die ebenfalls in zweiter Ehe mit Charlie Chaplin verheiratet gewesen war und mit der er bis zu seinem Tod in seiner Wahlheimat, dem Tessin, lebte. Remarque hatte aus keiner Beziehung eigene Kinder.

Remarque blieb zeitlebens literarisch tätig. Zwölf Romane ließ er veröffentlichen. Einige wurden auch verfilmt. Jedoch errang keiner mehr die Berühmtheit von „Im Westen nichts Neues".

Er erlitt in den folgenden Jahren mehrere Herzinfarkte, eine rechtsseitige Lähmung und starb am 25.09.1970 an einem Aortenaneurysma in Locarno, Schweiz. Er wurde auf dem Friedhof von Porto Ronco beigesetzt. Im gleichen Grab fand auch seine Frau Paulette Goddard nach ihrem Tod im April 1990 ihre letzte Ruhestätte.


Remarques Schwester und die Rache der Nazis

Erich Maria Paul hatte noch drei Geschwister: 1. Theodor Arthur, der 1901 mit fünf Jahren in Osnabrück verstarb; 2. Erna, die als Witwe Rudolph 1978 in Bad Rothenfelde starb; 3. Schneidermeisterin Elfriede Remark (* 25.03.1903 in Osnabrück), die 1941 den Musiker Heinz Scholz (* 1907) heiratete; sie wurde denunziert und wegen Wehrkraftzersetzung' vom Präsidenten des ,Volksgerichtshofs' Roland Freisler zum Tod verurteilt und am 16.12.1943 in Berlin-Plötzensee enthauptet. Roland Freisler fällte das Todesurteil, als er die Verwandtschaft mit Erich Maria Remarque entdeckt hatte, mit den Worten: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen." Erich erfuhr erst 1946 vom Tod seiner Schwester und widmete ihr daraufhin seinen Roman „Der Funke Leben" (1952).


Erstausgabe von Remarques "Im Westen nichts Neues" von 1929.


Remarque - heute

Der von den Nazis verbotene Film nach der Romanvorlage „Im Westen nichts Neues" erschien erst 1952 wieder in den deutschen Kinos. Im September 2022 wurde das Kriegsdrama durch den Wolfsburger Regisseur Edward Berger erneut verfilmt und im März 2023 mit vier Oscars ausgezeichnet: als bester internationaler Film wie auch in den Kategorien ,beste Kamera', ,beste Filmmusik' und ,bestes Produktdesign'.

In Deutschland wurden nach seinem Tode viele öffentliche Gebäude und Schulen, markante Plätze oder Straßen nach dem Dichter benannt. In Osnabrück wurde 1996 ein ,Erich Maria Remarque-Friedens-zentrum' eröffnet, und die 1986 gegründete ,Erich Maria Remarque-Gesellschaft' in Osnabrück pflegt sein geistiges Erbe und organisiert Lesungen, Vorträge und Diskussionen.

Auch fünf Jahrzehnte nach seinem Tod ist Remarques „Im Westen nichts Neues" ungemein populär, und das weltweit. Friede, Menschlichkeit und Versöhnung scheinen leere Worthülsen zu sein, angesichts der weltweit unzähligen Kriege, die nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute geführt wurden. Remarque hat den Krieg als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in all seinen Facetten beschrieben und gebrandmarkt. So lange es Krieg, Flucht und Vertreibung auf der Welt gibt, bleibt das Werk Erich Maria Remarques so aktuell wie vor vielen Jahrzehnten. Darin liegt sein großer Verdienst.