von Helmut Pauly, Kradenbach auf Basis von Aufzeichnungen von Johann Krämer, Dreis/Chicago
Im Rahmen der Recherchen zum Aufbau einer überregionalen Datenbank von Amerika-Auswanderern ist mir ein Bericht des Auswanderers Johann Krämer aus Chicago zugeleitet worden. Dieser Bericht wirft ein deutliches Licht auf die damaligen Umstände in der Eifel, die zu der massenhaften Auswanderung führten. Mit Zustimmung der Nachkommen habe ich den Lebensbericht überarbeitet und übersetzt. Übrigens: Die von dem Familienforscher Karl-Josef Tonner und mir erstellte Datenbank der Auswanderer aus der Vulkaneifel finden Sie unter www. kradenbach.de
Heute schreiben wir den 6. Dezember 1897. Mein Name ist Johann Krämer; mein Vaterland ist Deutschland. Einiges von dem, was mir aus der alten Heimat noch in Erinnerung ist und was ich bei meiner Auswanderung erlebt habe, möchte ich meinen Nachkommen hinterlassen. Ich wurde am 26. April 1832 in Dreis/Vulka-neifel geboren und hatte vier Brüder und vier Schwestern. Der älteste Bruder Johann und die älteste Schwester Elisabetha starben früh. Vater stammte aus Hinterweiler. Er studierte das Priesteramt, hatte bereits Tausende für sein Studium ausgegeben und war schon weit fortgeschritten. Dann wollte er nicht mehr weiter machen, sondern heiraten. Meine Mutter war die einzige Tochter und das einzige Kind. Ihre Eltern waren recht wohlhabend. Als die Eltern heirateten, übernahmen sie einen Bauernhof, der jedoch schwer zu bewirtschaften war. Schließlich hatte mein Vater für das Priesteramt studiert und keine Ahnung von der Landwirtschaft. Das Ackerland lag ziemlich weit entfernt und er musste Tagelöhner beschäftigen, die ihm bei der Bewirtschaftung halfen. Meine Mutter war eine gute und fleißige Frau und wusste, wie man den Haushalt führt. Mit den vielen Kindern war sie aber überlastet. Die finanzielle Misere wurde immer schlimmer. Ein Stück Land nach dem anderen wurde verkauft, um Steuern und Haushaltskosten zu begleichen. Als wir Kinder groß genug waren, um zu helfen, starb mein Vater mit 52 Jahren an Wassersucht. Jetzt blieb unsere Mutter mit 8 Kindern zurück. Die vier Ältesten, Jakob, Michel, Elisabetha und Margarethe, waren volljährig. Ich, die Brüder Nikolaus und Nikolaus Stephan und Schwester Katharina, waren minderjährig. Nun, wir hätten ein so gutes Leben führen können, wenn nur unser Vater am Leben geblieben wäre. Im Frühjahr 1852 wurde ich 20 Jahre alt und ich musste zur Musterung für den Militärdienst. Es war Mai, schönes, warmes Wetter. Der Brauch war, dass der Gemusterte von seinen Kameraden mit Bier beschenkt wurde und sich Blumen in seinen Hut steckte. Bei dieser Gelegenheit gab es also Freibier und ich griff7 fleißig zu. Abends war ich sehr betrunken und meine Kameraden mussten mich nach Hause bringen.
Junge Männer bei der Musterung.
An eine andere Begebenheit aus der Jugend denke ich heute noch mit gemischten Gefühlen zurück: Mein Bruder Michel war Leinenweber und hat im Winter wunderschöne Leinenstoffe gewebt. Wir hatten einen kleinen Bleichplatz für unsere Bettwäsche. Die Betttücher wurden auf das Gras gelegt und der Stoff wurde Tag und Nacht gebleicht. Mein Nachbarjunge und ich sollten die Bettwäsche bewachen und hatten neben dem Bleichplatz ein Zelt aufgeschlagen. So schliefen wir gemütlich, anstatt zu wachen. Eines Abends kamen ein paar Mädchen und warnten uns: „Passt auf, ihr werdet noch mitsamt den Tüchern geklaut". Aber wir hatten keine Angst, zumal wir einen Hund bei uns hatten. Also gingen wir in unserem Zelt zu Bett und schliefen wie die Murmeltiere. Ich machte mir keine Sorgen, der Hund war ja da. Aber der war ein schlechter Wachhund, er schlief auch. Ich wachte am nächsten Morgen gegen 5 Uhr auf und schaute mich um. Der Platz war leer, keine Bettwäsche mehr da. Alles war gestohlen worden, für immer verschwunden. Ich weckte meinen Freund und sagte ihm, das Tuch sei weg. Er aber lachte nur und meinte, die Mädchen hätten uns einen Streich gespielt und die Tücher versteckt. Wir suchten überall, aber das Tuch war endgültig verschwunden. Zu Hause gab es großen Ärger.
In der Woche nach meiner Musterung im Mai 1852 blieb meine Mutter im Bett; sie war sehr krank. Wir riefen sofort den Arzt und er sagte uns, daß sie einen Herzinfarkt erlitten habe. Sie starb am 9. Tag. Möge sie in Frieden ruhen. Die letzten 2 Jahre mit ihr waren so schön gewesen und jetzt war alles dahin.
Da wir Kinder teilweise noch minderjährig waren, bestellte das Gericht einen Vormund. Mein ältester Bruder Jakob war nicht geeignet, diese Aufgabe zu übernehmen. Das Erbe wurde aufgeteilt; alles mit einem offiziellen Siegel versehen und eine Versteigerung angeordnet.
In der Nacht vor der Versteigerung brachen Einbrecher in den Keller unseres Hauses ein und stahlen alle Kartoffeln. Auch in das Backhaus drangen sie ein, nahmen alle Brote, Kuchen, Butter, Milch und was sonst noch drin war mit. Wir verdächtigten einige Personen, konnten aber nichts beweisen. Am nächsten Morgen fand die Versteigerung statt; sie lief schlecht. Wir bekamen für alles nur die Hälfte. Meine älteren Brüder und Schwestern konnten mitbieten, da sie volljährig waren.
Da ich minderjährig war, durfte ich eigentlich nicht mitbieten. Ich wollte unbedingt ein Souvenir haben, das mich an mein Zuhause erinnerte. Als das Scheuneninventar zur Versteigerung kam, bot ich auf ein halbes Dutzend Dreschflegel. Ich bekam den Zuschlag und war darüber so glücklich. Scheune, Stall, alles Obst, Heu, Stroh, Kartoffeln, alle Tiere - Pferde, Kühe, Schafe - Hausmöbel, alles, was in ein Bauernhaus gehört, kamen unter den Hammer. Es war schrecklich.
Trotz der niedrigen Preise und ohne Haus und Stall, brachte die Versteigerung 1000 Thaler (3000 Mark). Unser Vormund, ein Geschäftsmann aus Daun, sollte für uns Minderjährige dieses Kapital verwalten und mit Zinsen vermehren. Aber mit ihm hatte man wirklich den Bock zum Gärtner gemacht. Das Geld steckte er in seinen Betrieb und er gab erst nach fünf Jahren Rechenschaft ab. Wir Minderjährigen wurden unter Einrechnung von Zinsen um einen Anteil von ungefähr 1000 Talern betrogen. Ich war derjenige, den er am meisten betrog. Er versprach mir, sich für mich um eine Befreiung vom Militärdienst stark zu machen. Er prahlte, er würde die Sanitäter, Ärzte und Generäle sehr gut kennen und würde sein Möglichstes tun, damit ich nicht eingezogen werde. Also gab ich ihm mein Geld bis zum letzten Penny. Nach einer erneuten Musterung wurde ich für die Feldartillerie eingezogen. Mein Vormund tat nichts für mich, lachte nur und sagte mir, dass er mir immer Geld schicken würde. Er hat mir in den drei Jahren beim Militär läppische 40 Taler geschickt. Nach Ende des Militärdienstes kam ich nach Dreis zurück. Seit der Versteigerung waren fünf Jahre vergangen. Ich ging zu meinem Vormund und wollte mein Geld mit Zinsen. Nun behauptete der unehrliche Kerl, dass er mir während meiner Militärzeit einen großen Teil meines Geldes geschickt hätte. Aber das stimmte nicht. Wir Minderjährigen waren betrogen worden. Glücklicherweise besaßen wir noch schönes Land im Wert von etwa 8000 Thalern.
Wie schlecht die Verdienstmöglichkeiten damals waren, möchte ich kurz schildern:
Bevor ich zur Armee ging, bekam ich 16 Taler pro Jahr, 2 Paar Schuhe, einen neuen Hut und einige andere Kleinigkeiten. Können Sie sich vorstellen, wie man damit zurechtkommen soll? Hier in Amerika verdienen viele in einer Woche mehr als diese lächerliche Summe. Das Essen damals war nicht gut. Wir dachten nicht einmal daran, unter der Woche Fleisch zu essen und waren froh, sonntags einen Braten auf dem Tisch zu haben. Wäre ich damals schon nach Amerika gegangen und hier in die Armee eingetreten, wäre ich jetzt ein reicher Mann.
Im Jahr 1854 ging ich zum Militär. Ich war bei der Feldartillerie und bediente eine Kanone, die normalerweise von 8 Pferden gezogen wurde. Wer noch nicht in der Armee war, kann sich nicht vorstellen, wie fürchterlich es dort war. Die armen Soldaten, die keine Pakete von zu Hause bekamen, sind fast verhungert. Wir alle mussten schwere Arbeit leisten. Ich habe auch nichts von zu Hause bekommen; meine Eltern waren tot und meine Brüder und Schwestern konnten nichts entbehren. Mein Land hatte ich verpachtet und in drei Jahren erhielt ich über 500 Thaler. Das linderte die Not etwas. Als ich 1857 meine Militärjacke auszog, hatte ich nichts zum Anziehen. Jetzt musste ich ein weiteres Stück Land verkaufen und von dem Geld Stoff kaufen, damit ich mich in der menschlichen Gesellschaft wiedersehen lassen konnte. Ich dachte: „Was kannst du jetzt tun?" Für harte Arbeit gab es wenig Lohn. Das war im Sommer, im Winter gab es kaum Arbeit. Im Winter zahlen sie für das Korndreschen 1 Groschen pro Tag, also 6 Groschen pro Woche, und Verpflegung. Ich hatte Glück und ging als Knecht zu der Familie Bohlen nach Daun. Sie hatten einen großen Bauernhof, eine große Gerberei und eine ziemlich große Getreidemühle. Ihr Schwiegersohn war Arzt. Ich hatte zwei schöne Pferde, eine schöne Kutsche und so fuhr ich die beiden Herren - Herrn Bohlen und den Doktor - und bekam manchmal ein gutes Trinkgeld. Das war im Frühjahr 1858. Aber dann mobilisierten die Preußen die Reserve des 8. Armeekorps und ich musste meinen schönen Job aufgeben und für elf Monate wieder meine Militärjacke anziehen. Man wird es kaum glauben, aber es war die schönste Zeit meines Lebens. Wir sind nie in die Schlacht gezogen und hatten unser Quartier bei zivilen Leuten weit hinter der Front. Hunger und Exerzieren kannten wir nicht und Freizeit gab es in Fülle. 1859 wurden wir entlassen und eine Woche vor Weihnachten kam ich nach Hause. Ich ließ es mir erst einmal gut gehen und etliche meiner Taler gingen den Weg aller Gelder!
Wie sollte es weitergehen? Im Grunde gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder musste ich mich wieder verdingen oder heiraten. Ich wollte nicht mehr für einen Hungerlohn für andere schuften. Heiraten wollte ich nur, wenn ich nicht in den Haushalt der Schwiegereltern einziehen musste. Ein guter Freund von mir war der Jakob Spohr. Wir beide arbeiteten als Tagelöhner. Aber was auch immer wir während der Woche verdienten - nun ja, es reichte gerade um sonntags auszugehen. Wir waren Nachbarn und immer zusammen. Seine Schwester Gertrud war damals 20 Jahre alt. Ein braves, fleißiges Mädchen und ich hätte sie am liebsten geheiratet. Aber der Gedanke, bei ihren Eltern wohnen zu müssen, behagte mir nicht.
Eines Abends am Sonntag trafen wir uns in der Kneipe. Er sagte, er wolle bald heiraten und schlug mir vor, er und ich sollten unsere Hochzeiten zusammen feiern. Ich fragte ihn, ob er einen Schatz habe, und er sagte ja. Er wollte wissen, ob meine Liebste auch mit einer Doppelhochzeit einverstanden wäre? Aber ich musste gestehen, noch keine Freundin zu haben. „Was, noch nicht? Willst du nicht meine Schwester Gertrud heiraten?" Ich gab zu, dass ich sie gerne mochte und auch gerne heiraten würde. Aber als Eidam in den Haushalt der Schwiegereltern wollte ich nicht.
„Aber ich muss auch bei meinen Schwiegereltern wohnen. Damit müssen wir leben. Lasst uns die Hand darauf geben, eine Doppelhochzeit zu feiern!" Wir taten es, tranken noch eine Flasche Wein und gingen zu seiner Liebsten. Hier vereinbarte er seinen Hochzeitstermin. Dann besuchten wir seine Schwester Gertrud. Philipp und ich waren immer gute Freunde und würden auch gute Schwäger sein. Und tatsächlich, es hat sich so ergeben. Gertrud sagte „Ja" und die Eltern von Gertud gaben uns ihren Segen. Wir verlobten uns sofort; der Hochzeit stand nichts mehr entgegen. Am 12. Januar 1863 heirateten wir; die Doppelhochzeit dauerte mehrere Tage. Es hat allen viel Spaß gemacht.
Für einen eigenen Hausstand reichten unsere Geldmittel bei Weitem nicht aus. Mit meiner Ehefrau hatte ich eine Partnerin gefunden, die genau so wenig Geld hatte wie ich. Wir waren also wirklich arme Leute. Von 1863-1865 lebten wir bei meinen Schwiegereltern. Mein Schwiegervater war ein guter alter Mann, aber meine Schwiegermutter - nun ja, sie war nicht ohne. Das waren nicht unsere schönsten Jahre; meine Frau und ich mussten sehr hart arbeiten. Ende des Jahres war vom Verdienst kaum noch was übrig.
Hamburg um 1900: Tausende Menschen hoffen auf ein besseres Leben in Amerika.
Ich hatte die Nase voll vom Militärdienst. Mein Schutzengel ließ mich darüber nachdenken und davon träumen, nach Amerika auszuwandern. Sonst müsste ich möglicherweise in der Armee gegen fremde Länder kämpfen. Wenn ich im Krieg gestorben wäre, wäre meine Frau eine junge Witwe, die zwei Kinder großziehen musste. Im Winter 1865 arbeitete ich als Scheunendrescher. Man verdiente 2 Silbergroschen pro Tag und erhielt Verpflegung. Nach dem Abendessen haben wir meist Karten gespielt und ich habe oft die 2 Groschen verloren: Am Ende der Woche war nichts mehr übrig. Ich hatte einen Freund, den Philipp Schmitt, dem es genauso schlecht ging wie uns. Er war verlobt, hatte aber kein Geld. Wir redeten immer über Amerika. Eines Tages, Anfang des Jahres 1866, ließen einige junge Ehepaare und ledige Männer, die nach Amerika auswandern wollten, eine Versteigerung ansetzen. Sie versteigerten ihre Möbel und Habseligkeiten um Reisegeld zu erlösen. Ich schlug meinem Freund Philipp vor, uns der Versteigerung anzuschließen. Meine Frau war einverstanden.
Für uns lief die Versteigerung recht gut; für Philipp nicht so gut. Sein Geld sollte gerade einmal bis nach New York reichen. Nach der Auktion blieb nur noch wenig Zeit für die Reisevorbereitungen. Wir mussten unser Ticket für die Schiffspassage nach New York kaufen; Abreiseort war Bonn. Der Preis war 64 Dollar pro Person, für Susanne den halben Preis, die Jüngste war frei. Bevor wir Deutschland verließen, haben wir natürlich ein bisschen gefeiert. Aber der Abschied von Freunden, Schwestern, Brüdern und Verwandten war sicher schwer, es wurde so manche Träne vergossen und auch manche Flasche geleert.
Für meine Frau und mich war es eine anstrengende Reise. Wir redeten sie uns schön und nannten sie unsere verspätete Hochzeitsreise. Mit einer Hochzeitsreise hatte sie aber nichts gemein. Für meinen Freund Phillip Schmitt und Michel Schüller, die kurz vor ihrer Abreise geheiratet hatten, waren es tatsächlich die Flitterwochen. Die anderen waren alle Single, ausgeruht und fühlten sich gut.
Wir fuhren alle mit zwei Pferdefuhrwerken nach Bonn. Von Bonn aus ging es mit einem Rheindampfer nach Köln; die Fahrt auf dem Rhein war wunderschön. Von Köln nach Hamburg reisten wir mit der Bahn. Mit einem kleinen Boot überquerten wir die Elbe nach Hamburg. Dort mussten wir zwei Tage auf das große Schiff „Deutschland" warten, das uns nach Amerika bringen sollte. Es ankerte einige Meilen vom Dock entfernt. Ein kleiner Dampfer brachte uns zum großen Schiff. Es war wahrlich eine große, alte Klapperkiste. Wir mussten eine Leiter vom kleinen Dampfer zum großen Schiff erklimmen und als wir an Deck ankamen, mussten wir eine halbe Treppe in das Zwischendeck hinunterklettern und waren 1,50 m unter der Wasserlinie. Wie Schafe wurden wir herumgeschubst. Es waren ca. 1500 Personen an Bord und nirgendwo war genug Platz. Die Kojen waren an den Seiten übereinander aufgereiht und es gab nur einen kleinen Weg zwischen ihnen. Das reinste Durcheinander, jeder schlief dort, wo er Platz fand. Männer, Frauen, Kinder, manchmal drei oder mehr auf einem Bett.
Unseren beiden Kindern ging es schlecht. Die kleine Marianne war vor unserer Abreise so krank gewesen, dass meine Schwiegereltern darauf bestanden, sie zuhause zu behalten und sie später, wenn sie gesund und etwas älter war, nach Amerika zu schicken. Aber meine Frau und ich konnten dem nicht zustimmen. Wir hätten keinen klaren Kopf gehabt und hätten immer an dieses arme, kranke Kind gedacht. Ihr ging es immer noch nicht gut. Gott sei Dank hatten wir einen Arzt an Bord.
Die meisten Passagiere konnten das Essen nicht vertragen. Am zweiten Tag wurden sie seekrank und mussten sich übergeben. Es war fast unmöglich, den Gestank zu ertragen und in so einem Schweinestall zu leben. Wir bekamen genug zu essen, aber nicht jeder konnte das stark gepökelte Schweinefleisch vertragen. Das Brot war einigermaßen genießbar, wenn man genug Kaffee dazu trank. Kochendes Wasser war vorhanden; Kaffee konnte man genug trinken. Am Morgen gab es Haferflocken und Tee. Gekochte Kartoffeln gab es in großen Mengen, aber mit der Schale. Essig war zu haben und so machten wir uns Kartoffelsalat. Wenn man Geld hatte, konnte man auch Bier kaufen.
Wir hatten eine ruhige See und brauchten 14 Tage von Hamburg nach New York. Ich glaube, wir sind am 18. März 1866 angekommen. Man hatte uns in Deutschland davor gewarnt, in den Hotels oder Pensionen in New York abzusteigen, weil hier betrogen würde. Vielmehr sollten wir nach Castle Garden gehen. Also gingen wir dort hin, was ich sehr bereute. Hier waren die Herbergen teurer als sonstwo in New York. Die Restaurants in Castle Garden waren so teuer, dass wir nicht genug essen konnten. Es gab keine Betten. Draußen war es immer noch sehr kalt und wir mussten auf dem nackten Fußboden schlafen, der nicht einmal mit Stroh bedeckt war. Natürlich konnten wir kaum schlafen. Außerdem hatten Obdachlose den Ort zu ihrem Zuhause gemacht und blieben alle um den warmen Ofen sitzen. War man auf dem Schiff" von Ungeziefer verschont geblieben, so war es hier unmöglich, ihm zu entkommen. Es gelang mir, in die Nähe des Feuers zu kommen, um mich ein wenig zu erwärmen. Hier wurde eine ganze Menge von Läusen auf mich aufmerksam. Auf der fünftägigen Fahrt nach Chicago vervielfältigten sie sich noch enorm. Glücklicherweise blieben Frau und Kinder von dem Ungeziefer verschont. Aber ich habe sicherlich eine ganze Menge dieser Quälgeister mit nach Chicago genommen.
Das Zugticket von New York nach Chicago hatte 24 Dollar gekostet. Die Fahrt dauerte 5 Tage.
Wir hatten keine Gelegenheit, uns auf der Zugfahrt umzuziehen, da wir den Zug nie für längere Zeit verlassen durften. Ich hätte viel lieber noch einmal den Ozean überquert, als mit diesem verdammten Klapperzug zu reisen. Wir bekamen keinen Schnellzug und mussten die halbe Zeit darauf warten, andere Züge an uns vorbei zu lassen. Auf einigen Stationen wurden wir tatsächlich in Viehwaggons gebracht, nachdem man die Tiere ausgeladen hatte. Das Schlimmste war der Hunger. Wenn der Zug an einigen Bahnhöfen hielt, sagten sie uns immer „5 minute stop". Man hatte Angst, den Zug zu verlassen und nicht pünktlich zurück zu sein. So konnten wir nicht einmal eine Kleinigkeit zu essen kaufen. Einmal gelang es mir, in ein Kaffeehaus zu laufen, um ein paar Tassen Kaffee für die Frauen zu holen. Ich hatte einen kleinen Krug dabei, für den sie mir 1 Dollar berechneten. Dann gaben sie mir mein Wechselgeld in Falschgeld zurück.
Wie froh waren wir, endlich in Chicago angekommen zu sein. Es war der 24. März 1866 und wir fuhren in der Baltimore and Ohio Railroad Station ein. Am Bahnhof waren jede Menge Fuhrwerke. Die Fuhrleute fragten uns, wohin wir wollten. Einer sagte, dass es bis zu unserem Ziel 12 Meilen waren, aber in Wirklichkeit waren es nur 2 Meilen. Sie durften 50 Cent pro Meile nehmen - der eine forderte 12 Dollar, der andere 10 Dollar und der dritte 8 Dollar. Der vierte, ein Deutscher, wollte 6 Dollar und ich nahm ihn.
Wir luden alles auf seinen Wagen. Der Fuhrmann hatte ein sehr schwaches Pferd das ständig stockte. Auf einmal gab er auf und sagte, wir würden ja sehen, dass wir den Weg nicht schafften. Er lud uns auf ein Glas Bier in einen Saloon ein und bat um die vereinbarten 6 Dollar. Ich erinnerte ihm von unserer Vereinbarung, musste aber selbst zugeben, dass der Mann nicht in der Lage war, uns weiterzufahren. Mein gesamtes Kleingeld war aufgebraucht. In meiner Weste waren noch 20 Dollar eingenäht. Ich hätte die Weste ausziehen und das Geld herausschneiden müssen. Die Gaststätte war voller Leute die schon zu uns herüberblickten. Das konnte gefährlich werden. Dann fiel mir ein, dass ich noch einen Goldtaler besaß, den ich wechseln konnte. Beim Wechselkurs wurde ich wieder übers Ohr gehauen. Dem Fuhrmann sagte ich, dass ich erst zahlen würde, wenn ich ein Ersatzfuhrwerk hätte. Dieser Fuhrmann rannte vor die Tür und kam innerhalb von 10 Minuten mit einem anderen Fuhrmann, der Ire war, zurück. Wir luden alles vom ersten Wagen auf den irischen Wagen und zahlten die 6 Dollar, um endlich weiter zu kommen. Es dauerte 4 Stunden, bis wir unser Ziel erreichten; sein Pferd und sein Wagen waren auch nicht viel besser als das vorige Gespann.
Als wir bei dem Schwager ankamen, waren wir erleichtert und froh, uns ausruhen und endlich richtig essen zu können. In der Gegend sah es ziemlich schlimm aus. Die Straßen waren nicht gepflastert, Wohnungen waren knapp und die Mieten hoch. Schwager und Schwägerin lebten sehr sparsam. Sie hatten 3 Kinder und eine kleine Hütte, die in der Mitte durch eine unverputzte Holzwand getrennt war. Nun sind wir mit 6 Personen bei diesem kleinen Haus angekommen. Es gab keine Schlafzimmer, keine Küche und kaum genug Platz für deren eigene Familie. Bettwäsche hatten wir genügend. Also stellten wir unsere Kisten ins Nebenzimmer und benutzten sie als Betten, und wir 6 schliefen nebeneinander wie die Heringe. Lange konnten wir so nicht leben. Es gab einfach nicht genug Platz. Schließlich gelang es Philipp, eine Wohnung zu mieten. Da ich in der Nachbarschaft keine Wohnung bekommen konnte, blieb ich über den Sommer beim Schwager wohnen. Die Kosten für den Haushalt teilten wir uns.
Mein Schwager war Heizer bzw. Kalkbrenner und verdiente gutes Geld. Ich habe ihn nur aus Neugier auf seiner Arbeitsstelle besucht. Der Chef war da und stellte mich ein. Am 10. April 1866 nahm mich mein Schwager mit und ich begann mit der Arbeit im Steinbruch. Ich habe 1,75 Dollar pro Tag verdient, im Vergleich zu Deutschland gutes Geld. Es war harte Arbeit. 10 Stunden lang Steine mit einem 20-Pfund-Hammer und einer Brechstange zerschlagen, bis sie formgerecht zum Ofen gebracht werden konnten. Es gab keine Mittagspause und „Quatschen" war verboten. Das Schlimmste war jedoch die Tatsache, dass alle Arbeiter Iren waren und wir sie nicht verstehen konnten. Sie waren umgänglich; die Arbeit war ihnen egal, sie wollten nur ihr Geld. Ihr Motto war: „Geh es ruhig an, nimm dir Zeit", was wir schnell verstanden haben. Am 1. Mai begannen die Iren zu streiken und forderten 2 Dollar pro Tag. Der Streik war bald vorbei und sie bekamen ihre 2 Dollar.
Einmal in der Woche war die große Sprengung. Die großen Gesteinsbrocken mussten anschließend mit Handbohrmaschinen bearbeitet und dann nochmal gesprengt werden. Nachdem dann eine bestimmte Anzahl Löcher in die Brocken gebohrt waren, wurden diese mit Sprengpulver gefüllt. Dann mussten so viele Männer bleiben, wie es Löcher gab -einer für jedes Loch. Die anderen gingen in Deckung. Jeder Arbeiter hatte ein brennendes Stück Holz in der Hand und als der Chef „Feuer" schrie, musste jeder die Schnur anzünden und dann um sein Leben rennen. Es ging wirklich um Leben und Tod.
Eines Tages geschah etwas Schreckliches. Ich erinnere mich nicht mehr genau in welchem Jahr es war, aber es war der 18. Juni und schrecklich heiß. Am Nachmittag nahm unser Vorarbeiter drei Männer mit, um eines der blinden Bohrlöcher zu öffnen und es anschließend frisch mit Sprengpulver zu beladen. Etwas Pulver befand sich immer noch im Loch. Es gab Risse im Gestein, die durch andere Explosionen und Bohrungen verursacht worden waren. Zwei Männer waren Iren und zwei Deutsche. Bevor sie mit dem Bohren begannen, gossen sie einige Eimer Wasser in das Loch um das Pulver zu benetzen und unschädlich zu machen. Aber das Wasser sickerte durch wie ein Bach und ließ das Pulver trocken. Ich arbeitete neben ihnen, als ich hörte, wie einer der Deutschen zum Vorarbeiter sagte: „Mach noch etwas Wasser hinein", aber er wollte nicht zuhören. Nachdem ich die Warnung gehört hatte, bekam ich Angst, warf meinen Hammer weg und lief ein Stück weit in Deckung. Die Männer benutzten einen langen, schweren Stahlbohrer um das Loch zu öffnen. Beim ersten oder zweiten Versuch geriet das restliche, trocken gebliebene Pulver in Brand, es gab eine fürchterliche Explosion. Steine flogen durch die Luft. Gott sei Dank war ich in Sicherheit. Ich schaute in Richtung Explosion und sah, wie einer der Deutschen wie eine Schwalbe durch die Luft flog, etwa 50 Fuß hoch, völlig verbrannt, beide Hände abgetrennt. Der zweite Deutsche hatte die Geistesgegenwart und die Kraft, das mitgenommene Pulver in einen nahen Steinhaufen zu werfen. Er lebte noch, starb aber kurze Zeit später. Der Vorarbeiter lag am Boden, beide Arme waren weg und am Kopf war er schwer verletzt; er lebte noch eine halbe Stunde. Der andere Ire war so verstümmelt, dass man seine Gliedmaßen zusammensuchen und in ein Tuch packen musste. Das Unternehmen zahlte keinen Cent und tat auch nichts für die armen Witwen und Kinder. Man behauptete, die Arbeiter hätten sich nicht an die Anweisungen gehalten.
Irgendwann ordnete mich mein Chef meinem Schwager als Bediener der Brennöfen zu. Im Betrieb hatten sie die gleichen Brennöfen wie in Deutschland. Sie wurden mit Holz befeuert und waren nach zwei Tagen und Nächten ausgebrannt. Für 250 - 300 Fässer Kalk verbrauchten wir 18 - 20 Fässer Holz. Gemäß unserem Vertrag erhielten wir 12 $ pro Ofen. Wir schafften 4 Öfen in einer Woche. Das waren also 48 $ pro Woche - für jeden 24 Dollar. Ein besseres Einkommen als im Steinbruch für 2 $ am Tag. Es war sehr harte Arbeit, besonders im Sommer, aber wir waren unsere eigenen Chefs, konnten essen und trinken wann wir wollten, niemand konnte etwas sagen, weil wir unsere Arbeit beherrschten. Ich habe dort noch drei oder vier Jahre lang gearbeitet; auch mein ältester Sohn Philipp arbeitete dort. Er war 14 Jahre alt. Zuerst fuhr er mit einem Pferd und einem Wagen und später musste er Steine im Steinbruch brechen. Zuerst bekam er 75, Cent, später 1 Dollar pro Tag. Die älteste Tochter Susanna begann gleich nach der Schule als Dienstmädchen und verdiente zwischen 3 und 4 Dollar pro Woche.
Ich hatte ein Baugrundstück gekauft, recht günstig für 285 $, und ließ darauf ein Haus bauen. Die Mieten waren ziemlich hoch; es gab 4 Zimmer, geeignet für 2 Familien und so bekamen wir 10 Dollar pro Monat als Mieteinnahmen. Wir lebten noch ein Jahr dort und dann fand ich einen Mann, der mein Haus kaufen wollte, und das zu einem guten Preis. Ich habe 1500 Dollar verlangt und wir haben uns auf 1450 Dollar geeinigt. Dann ließen wir ein neues Haus bauen - eine Wohnung für uns. Haus und Grundstück kosteten 1100 Dollar. Wir waren froh, vom Kalksteinbruch wegzukommen. Das Haus war in der Nähe der Schlachthöfe. Es gab dort genug Arbeit und mehr Geld. Mittlerweile hatten wir vier weitere Kinder -Karolina, Margarethe, Peter und das nächste, das nach der Geburt verstarb. Nach dem großen Chicago-Brand besserten sich die Bedingungen. Es gab mehr Arbeit und die Löhne stiegen. Ich hatte ein kleines Stück Land gepachtet, etwa einen halben Hektar groß. Es war gutes Land und direkt neben unserem ersten Haus gelegen. Dort habe ich etwas Landwirtschaft betrieben, vor allem Gemüse angebaut. Zu dieser Zeit gab es noch keine Gemüsehändler. Jeden Morgen vor der Arbeit und jeden Abend nach dem Abendessen bearbeitete ich das Land. Wenn meine Frau es schaffte, arbeitete sie dort den ganzen Tag. Das Land war eingezäunt und wir konnten es nicht pflügen, sondern mussten es mit dem Spaten umgraben. Dieses kleine Stück Land hat uns ziemlich viel Geld eingebracht. Anstatt in den Laden zu gehen, um Gemüse zu kaufen oder es auf dem Markt zu holen, kamen die Leute ab Mitte Juni zu uns. An vielen Tagen bis zum Herbst haben wir allein mit diesem Pfenniggeschäft ein paar Dollar verdient. Jeden Morgen, bevor sie zur Schule gingen, brachten die Kinder Radieschen, Salat und Zwiebeln in die Saloons und Pensionen und einer nach dem anderen kam mit einem halben Dollar nach Hause. So konnten auch die Kinder dabei helfen, etwas Geld zu verdienen. Meine Frau hatte dieses Geld gespart und nachdem die Pacht bezahlt war, hatten wir noch 200 Dollar übrig. Eine nette kleine Summe.
In den Jahren 1868 und 1869 wanderten sehr viele Menschen, die ich kannte, in Chicago ein. Ich dachte, die ganze Grafschaft Daun würde nach hier kommen. Auch etliche Verwandte aus meiner Familie und von Seiten der Familie meiner Frau kamen über die Zeit nach Amerika. Unsere Kinder wuchsen auf. Susan war bereits verheiratet, Philipp war ein guter Arbeiter. Marianne, Karolina und Margaretha hatten gute Jobs und verdienten gutes Geld. Innerhalb kurzer Zeit heirateten Marianne und Karolina die Brüder Surges, die auch aus Dreis stammten. Margaretha wollte nicht heiraten und ging als Nonne in ein Kloster. Wir konnten es ihr nicht ausreden und ließen ihr endlich ihren Willen. Vielleicht ist es so besser, als unglücklich verheiratet zu sein. Jetzt ist sie die Braut des Himmels.
Johann Krämer verstarb am 06. März 1910. Er ist auf dem Friedhof „Evergreen Park" in Chicago beerdigt.