von Rainer Rothstein, Brühl
Bei den Recherchen für das Ortsfamilienbuch Lissendorf fand ich in den Unterlagen der Sammlung Karl Zimmer 1 aus Lissendorf auch Informationen zu einer „Lehnerather Mühle". Wenn man von Lissendorf über die Landstraße 25 in Richtung Steffeln fährt, erreicht man zunächst im Mühlenbachtal die Kreuzung mit dem Abzweig links Richtung Auel. Kurz danach erblickt man auf der rechten Straßenseite ein einzelnes Wohnhaus, den Einheimischen als „Lehnerather Bahnhof bekannt. Die Bezeichnung „Mühlenbach" gibt einen ersten Hinweis auf eine Mühle, wenngleich man bei dem kleinen Bächlein eine solche auch nicht unbedingt vermutet.

Rot markiert:
Der „Lehnerather Bahnhof" L 25 rechts: von Lissendorf, L25 links: nach Lehnerath/Steffeln Abzweig nach unten: Richtung Auel.
Bevor wir uns der Lehnerather Mühle widmen, sei zunächst die Bezeichnung „Lehnerather Bahnhof erläutert: Lehnerath hatte nie Kontakt mit einer Bahnlinie, die Eifelbahn verläuft von Jünkerath kommend zwischen den Orten Birgel und Lissendorf in Richtung Oberbettingen, und verbindet seit 1870 Köln und Trier.
Namensgeber des Gebäudes ist Heinrich Meyer aus Lissendorf, verheiratet mit Anna Becker. Heinrich arbeitete als Ladeschaffner bei der Deutschen Reichsbahn. Daher wurde sein Wohnhaus spaßeshalber „Lehnerather Bahnhof" genannt. 2
Das als „Lehnerather Bahnhof" benannte Gebäude ist für die Lokalisierung der Mühle von Bedeutung: Karl Zimmer schreibt in seinen Aufzeichnungen zur Lehnerather Mühle: „Die Müllerfamilie (Name unbekannt) wohnte in einem kleinen Häuschen, das ca. 15-20 Meter hinter dem Hause Meyer gelegen war. Reste der Spindel (hölzerne Achse des Mühlenrades) habe ich heute, den 06.09.1961, in Gegenwart von Herrn Meyer am Bachufer festgestellt". Am Standort des früheren Müllerhauses pflanzte Meyer einen Apfelbaum.
Bemerkenswert ist, dass der Mühlenbach offensichtlich genug Wasser führte, um den Betrieb einer Mühle zu ermöglichen. Wenige Meter unterhalb des Mühlenstandortes fließt der Lehnerather Bach in den Mühlenbach und erhöht die Wassermenge. Auf die Nutzung dieses Wasserzuflusses für den Betrieb der Mühle konnte verzichtet werden. Weiter führt Zimmer aus: „Die Müllerfamilie begrub ihre Toten auf der anderen Bachseite, vor dem Hügel, an dem die Römergräber beim Bau des Waldweges in der Herrenwiese gefunden wurden. Der Lehnerather Volksmund behauptet jedoch, die Mühle habe im Mühlenwieschen, ca. 200300 Meter bachaufwärts, vor dem jetzigen Gemeindewaldrand gestanden. Dort soll an der Mühle vorbei ein Weg über Gönnersdorf nach Jünkerath geführt haben". Zimmer verneint (m. E. zu Recht) diese Möglichkeit.
Ausschnitt aus einer Flurkarte des Mühlenbachs.
Dieser „Weg" ist identisch mit der alten Römerstraße, die über die Lissendorfer Gemarkung „Eisselt" und „Köhfeld" am Lissendorfer Burgberg vorbei durch die Gönnersdorfer Gemarkung zum Römerkastell in Jünkerath führte.
Weiter führt Zimmer aus: „Die Gönners-dorfer sollen diesen Weg genutzt haben, um zur Mühle zu gelangen. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Mühle älter war als die Kyllmühle in Birgel (heute Eifel-Mühlen-Cen-ter). Die Gönnersdorfer hätten bestimmt den weit kürzeren Weg nach Birgel benutzt, wenn zu dieser Zeit dort eine Mühle gewesen wäre."
Im Eifel-Jahrbuch 1956 (Herausgegeben vom Eifelverein) ist auf Seite 119 zu lesen, dass es in Gönnersdorf die Flurbezeichnung „Lehnerather Weg" gibt. Dies würde zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit für einen vormals öfter genutzten Verkehrsweg zwischen Gönnersdorf und Lehnerath erklären.
Ausschnitt aus der Kirchenrechnung 1637/1638 der Pfarrkirche Lissendorf.
In der Literatur hat der Verfasser keine Hinweise auf einen Mühlenbann 3 zugunsten der Lehnerather Mühle gefunden. In Lissendorf, Birgel, Steffeln, Oberbettingen und Auel gab es Mühlen, die sicherlich schon aufgrund der Nähe von den dortigen Bauern genutzt wurden. Somit wäre für die Lehnerather Mühle nur Lehnerath (mit dem großen Lehnerather Hof der Familie Hoffmann) und Basberg als Getreidelieferanten geblieben. Dieser kleine Einzugsbereich und die daraus mangelnde Rentabilität können ein Grund für den Untergang der Mühle sein.
In der Kirchenrechnung der Pfarrkirche Lissendorf im Jahr 1637 ist aufgeführt, dass „Kinnen Franz" aus Lissendorf (Haus Kinnen = heute Familie Lenz, zu damaligen Zeit vermutlich wirklicher Familienname Kinnen und Namensgeber des Hauses) 1 V Fass Korn als Pacht vom Feld an der „Lehnerather Mühlen" zahlt. Kinnen ist also Pächter des dort gelegenen Kirchenlands, und zahlt die Pacht in Naturalien.
Aus der Formulierung ist zu schließen, dass die Mühle zu dieser Zeit noch in Betrieb, und die Flurbezeichnung dem Zeitgenossen geläufig war. Auf der Tranchotkarte 4 von 1803 findet man keinerlei Hinweise für ein Gebäude an dieser Stelle. Die Mühle war bereits untergegangen.
Den Untergang der Mühle ist sicherlich auch den historischen Ereignissen geschuldet: Im Jahr 1608 begannen die Hexenprozesse im Gerolsteiner Land, mit allein 30 Todesurteilen für Lissendorfer Bürger, sowie 6 Todesurteilen für Gönnersdorfer Bürger bei den Blankenheimer Prozessen. Mit dem Dreißigjährigen Krieg führten ab 1618 Seuchen (Pest, Fleckfieber, Ruhr) und die Zerstörungen durchziehender Truppen in der Eifel zu hohen Opferzahlen in der Bevölkerung. „In Lissendorf gingen wegen des großen Sterbens 1635 die Leute mehrere Male zur Hl. Kommunion..." 5. Nach dem Kriegsende im Jahr 1648 erholten sich die Bevölkerungszahlen und die größere und durch den Wasserzufluss der Kyll ganzjährig deutlich leistungsfähigere Kyllmühle in Birgel verdrängte die kleine Lehnerather Mühle.
Die Existenz der Lehnerather Mühle ist sicher nachgewiesen, neben den vorgenannten Fakten sprechen auch die Flurbezeichnungen „Mühlenwieschen" und „Mühlenberg" für sich.
Im weiteren Verlauf des Mühlenbaches gab es auf der Lissendorfer Gemarkung noch eine weitere Mühle, über diese ist gesondert zu berichten.